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19.05.2000 - 

Worauf Jungunternehmer achten sollten

Venture Capital: Das schnelle Geld und seine Tücken

Wagniskapital liegt zumindest für Internet-Startups auf der Straße. Auch in Deutschland können Jungunternehmer auf millionenschwere Anschubhilfen hoffen. Doch nicht immer sind die Venture-Capital-Geber seriös.Von Hilde-Josephine Post*

Peter Rudin baut bereits das dritte Unternehmen auf. Seine Multimedia-Firma verkaufte er 1997 an die Swisscom. Damit war die Geburtsstunde für "Blue Window" eingeläutet. Dahinter verbirgt sich mit 400000 Abonnenten der größte Internet-Provider der Schweiz. Bei seinem dritten Unternehmen, der Upaq, die er 1999 mit einigen Partnern gründete, "wollte ich mal das Startup-Erlebnis à la Silicon Valley genießen", scherzt Rudin. Es ist die erste Firma, die der Schweizer mit Venture Capital finanziert. Die Suche nach Risikokapitalgebern entpuppte sich denn auch als wahres Abenteuer, als "Kulturschock", wie Rudin es nennt.

Bis vor wenigen Jahren schien es in Europa fast unmöglich, Beteiligungsgesellschaften zu finden, die Internet- und E-Commerce-Geschäfte finanzieren wollten. Es galt als zu riskant. Innerhalb von zwei Jahren wendete sich jedoch das Blatt. Nun schießen Kapitalgeber wie Pilze aus dem Boden, deren Geschäftsgebaren mitunter beängstigende Formen annimmt: "Anscheinend kann man fast jede E-Idee innerhalb kurzer Zeit zu viel Geld machen. Schon einfachste Konzeptpapiere werden wie ein Picasso gehandelt", wundert sich Oliver Borrmann, Vorstandsvorsitzender der Bmp AG, auf dem Kongress des Münchner Kreises über E-Companies.

Auch Hans-Günter Lindner, Geschäftsführer der Human IT GmbH, St. Augustin, fiel auf der Suche nach Venture Capital auf, "dass viele Ideen finanziert werden, bei denen in den nächsten Jahren gar keine Gewinne herauskommen können". Hauptsache, es habe etwas mit E-Commerce zu tun. "Die Erfinder waren erschüttert, wie stark ihre Idee in den Hintergrund trat", beobachtete Hans Geiger von der Ibv GmbH, Weilheim, auf seiner Abenteuerreise in die Risikokapitalszene. Die professionelle Präsentation falle mehr ins Gewicht als die Technologie, stellte der Geschäftsführer fest. Diese Erfahrung hat Geiger gemacht, dessen Firma selbstlernende Systeme (SIS) entwickelt. Sie lernen vom Menschen, während dieser den Computer bedient oder das Internet aufruft.

Damit lassen sich Computeroberflächen so gestalten, dass sie sich individuell auf den Menschen einstellen. Diese Systeme erleichtern Datenbank- oder Internet-Recherchen. Der Suchende kann auch Begriffe falsch oder unvollständig eingeben oder einfach nur beschreiben, wonach er sucht. Das hat Geiger der Natur abgeschaut. Denn der Physiker promovierte im neurobiologischen Bereich und untersuchte Gehirnstrukturen von niederen Lebewesen, die er in ähnlicher Form auf Softwarestrukturen übertrug.

Um das Marktpotenzial der Technologie zu erkennen, müssen Kapitalgeber Sachverstand mitbringen. Gerade in Deutschland sei dies nicht oft zu finden, so die Erfahrung des Ibv-Chefs. "Wahrscheinlich müssen erst wieder japanische Investoren kommen, die den Wert der Erfindung begreifen und dann den Markt erobern", bedauert Geiger. Ähnliche Erfahrungen sammelte auch Rudin. Da sein Geschäftsmodell, ein elektronischer Kurierdienst, etwas völlig Neues war, war es nicht einfach, den Kapitalgebern die Bedeutung zu vermitteln. "Die Roadshow war ein echter Verkaufsjob", erzählt der Upaq-Boss. Letztlich haben ihm sein Bekanntheitsgrad als erfolgreicher Schweizer Geschäftsmann sowie die Professionalität seiner Manager geholfen.

Kritische Fragen der KapitalgeberMit dem Ziel, rund 30 Millionen Schweizer Franken als Startkapital aufzutreiben, schrieb Rudin etwa 15 namhafte Venture-Capital-Firmen an. Anderen Jungunternehmern rät er, gut vorbereitet in die Diskussionsrunden zu gehen, da seriöse VC-Geber das eigene Geschäftsmodell durchaus kritisch hinterfragen. "Dadurch wurden wir früh auf einen Schwachpunkt unseres Konzepts aufmerksam und konnten es verbessern", erinnert sich der Unternehmer. Zunächst war Rudin von seinem amerikanischen Investor begeistert. Kurz vor Abschluss des Aktionärsbindungsvertrags kam es jedoch zum jähen Ende. "Sie hatten kaum Erfahrungen mit der Schweizer Geschäftsmentalität, so dass eine Art Kulturcrash entstand", berichtet Rudin. Der Vertrag, der den Upaq-Gründern vorgelegt wurde, hätte ihnen so gut wie keine Rechte mehr gelassen und unzumutbare Garantien verlangt. "Das Management-Team sollte eine Haftungsklausel unterschreiben, die sich in Millionenbeträgen bewegte", empört sich Rudin noch heute. "Sobald wir zusätzliches Geld benötigt hätten, was ja oft der Fall ist, hätte der VC-Geber alle Rechte gehabt, die Firma ganz zu übernehmen."

Rückblickend würde der Upaq-Chef heute taktisch anders vorgehen und "bis zum Schluss mit mindestens zwei VC-Gebern verhandeln und nicht alle Karten aufdecken". Entscheidet man sich zu früh für einen Investor, kann dieser die Situation ausnutzen. Die Kapitalgeber würden dann versuchen, eine Verzögerungstaktik anzuwenden, damit den Pionieren das Geld ausgeht. Dann könnten sie die Startups für schlechtere Konditionen gewinnen.

Mit solch unseriösem Geschäftsgebaren wurde auch Lindner konfrontiert. Ein renommierter VC-Geber wollte mit den Human-IT-Chefs "auf Zeit spielen und uns weich kochen. Kurz vor Vertragsabschluss eröffneten sie, dass ihnen unsere Lizenzbedingungen nicht passten". Schließlich wollten sich die Investoren nur für einen Zeitraum von drei Monaten engagieren, um dann wieder neu zu verhandeln. Auf dieses Glatteis haben sich die Jungunternehmer nicht begeben. Dennoch sollten sie die Kosten der Due-Diligence-Prüfung tragen, die der VC-Geber mit 40000 Mark ansetzte. Das war aber laut Aussage von Lindner nie abgestimmt worden. "Später fanden wir heraus, dass der Notartermin, der dreimal von den Investoren verschoben wurde, nie vereinbart gewesen war", so Lindner. Seine Mannschaft war jedoch so clever, fünf VC-Verfahren parallel laufen zu lassen.

Investoren wissen zu wenig über Märkte"Man weiß nie, ob die VC-Geber letztlich nicht unter einer Decke stecken", warnt Rudin. Der Schweizer Unternehmer hat schließlich doch eine gute Finanzierung gefunden. Neben Business Angels gewann er einen Schweizer Hauptinvestor, einen amerikanischen Kapitalgeber, ein Softwarehaus und die Schweizer Post als strategischen Investor. Bei der Wahl der VC-Geber solle man laut Rudin nicht nur auf das Geld, sondern auch auf ihre internationalen Kontakte achten. Zudem müssten Jungunternehmer auch an den Image-Faktor denken: "Das Logo der Schweizer Post bringt für unseren elektronischen Kurierdienst im Ausland viel mehr Glaubwürdigkeit", begründet Rudin. Zur Zeit bestehen Überlegungen, im nächsten Jahr mit der Upaq an die Börse zu gehen.

Gründer Geiger indes hält den Gedanken, durch die Börse schnell an Geld zu kommen, für gefährlich. Es gehe gar nicht mehr um den Gewinn eines Startups, sondern nur um einen möglichst hohen Wertzuwachs der Anteile. Auf die Dauer könne das nicht funktionieren. Mit dieser Ansicht steht er nicht allein. "Es kann nicht sein, dass eine junge E-Commerce-Firma den mehrfachen Unternehmenswert eines Chemiekonzerns an der Börse erreicht, der seit Jahrzehnten hervorragend wirtschaftet", moniert Lindner. Auch Rudin glaubt an eine beginnende Bewertungskorrektur: "Künftig wird man nicht mehr jedem Hype Geld nachwerfen, sondern wieder mehr Qualitätsansprüche geltend machen."

"Noch gibt es Geld, noch funktioniert der Exit-Markt Börse, noch täuschen hohe Finanzierungen über die fragliche Lebensfähigkeit vieler Unternehmen hinweg", warnt auch Kapitalgeber Borrmann. Seiner Ansicht nach wissen viele Investoren zu wenig über die Märkte und deren schnellen Wandel. Dabei stellt er die klassische Dauer einer VC-Finanzierung von fünf bis zehn Jahren in Frage, die nicht zur dynamischen Marktentwicklung passe. Der Anspruch an Prüfzeiträume werde deutlich. Nach Ansicht Borrmanns entwickeln sich Wissens-Management, Corporate Finance und Business Development zu den Schlüsselbereichen von VC-Firmen: "Die aktuelle Blase wird platzen, wenn die ersten Unternehmen an der Börse scheitern und einige VC-Geber hohe Millionenbeträge in zweifelhaften E-Business-Ideen verloren haben."

*Hilde-Josephine Post ist freie Journalistin in München.