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29.05.1998 - 

Standort Deutschland/Im Niemandsland unter Technikfeinden und Risikoscheuen?

Venture Capital - Triebfeder für eine neue Kultur der Selbständigkeit

Technologieakzeptanz und Arbeitsmoral sind Pluspunkte für Investitionen in den deutschen Standort. Wer´s nicht glaubt, braucht nur amerikanische Firmen zu fragen, die in den neuen Bundesländern als größte ausländische Investorengruppe auftrumpfen. Herausragende Beispiele der 174 US-Unternehmen, die zwischen Erfurt und Rostock 13 Milliarden Mark locker machen und rund 60000 Menschen beschäftigen, sind zweifellos die Chipgiganten AMD und Motorola, die in Dresden im Schulterschluß mit Siemens ein "Saxon Valley" aus der Taufe heben wollen.

Honorig, integer und kreativ: Das ist der deutsche Mitarbeiter im Bild des amerikanischen Investors. Problematisch hingegen ist für die Finanziers ein "rigides" Arbeitsrecht sowie die zögerliche Entscheidungspraxis der Behörden. Auch diesseits des verschwundenen eisernen Vorhangs beklagt man hohe Unternehmenssteuern und Lohnnebenkosten. Zwar überstrahlt das Land der Dichter und Denker mit der Bündelung von Know-how und Technologie unverändert ganz Europa. Von der Technologieakzeptanz her scheinen Investoren aus Übersee aber in Ostdeutschland an der besseren Adresse.

Gründungsboom und Aufbruchsstimmung herrscht dennoch auch in der westdeutschen Szene. Das hat viele Ursachen. Einer Emnid-Studie über die Statuswünsche von 17- bis 29jährigen aus dem Jahr 1997 zufolge wollen sich 56 Prozent selbständig machen, 23 Prozent Angestellte und 21 Prozent Beamte werden. Allerdings lassen solche Zahlen ambivalente Rückschlüsse zu: Handelt es sich hierbei um den Ausdruck eines neuen Lebensgefühls oder ist vielleicht doch eher die zunehmende Unsicherheit in Anbetracht einer schwierigen Arbeitsmarktlage das auslösende Moment?

Die aktuell zweifellos stärkste Triebfeder für Gründungsinitiative und neue Selbständigkeit ist der Neue Markt in Frankfurt am Main, der sich als deutsches Pendant der High-Tech-lastigen Nasdaq-Börse in New York in Szene setzt. Typisches Beispiel der von vielen Beobachtern als "überhitzt" empfundenen Situation ist der Auftritt der Mobilcom AG, Schleswig, die ihren Anlegern binnen weniger Tage Kurszuwächse in vierstelliger Höhe bescherte. Der Jahresüberschuß des Telekommunikations-Players von 7,6 Millionen Mark übersteigt den Gesamtgewinn aus dem Vorjahr um 50 Prozent.

Doch es gibt auch andere Veränderungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. So legen Landesbanken wie die Helaba oder Initiativen einzelner Bundesländer zahlreiche Innovationsfonds auf, die jungen Existenzgründern mit erfolgversprechenden Produkten und Ideen unter die Arme greifen sollen. Aber auch bereits prosperierende Unternehmen, die vor der Erschließung neuer Märkte stehen, sowie junge Wissenschaftler mit marktfähigen Visionen sollen aus dem Fondsvermögen schöpfen können. Engagement für eine "neue Kultur der Selbständigkeit" ergreifen Landesregierungen, allen voran die bayerische mit einem Gesetzentwurf zur steuerlichen Förderung von Wagniskapital, Initiativen wie das Forum Kiedrich des Unternehmers Klaus Ploenzke, die Aktion "Innovationen für neue Arbeitsplätze" oder die frischgegründete IT-Adventure Beteiligungs AG in München. Einig sind sich alle, daß etwas getan werden muß, um nicht auf lange Sicht weit abgeschlagen im globalen Standortwettbewerb zu dümpeln.

Riskant scheinen Wirtschaftsvertretern die Pläne der SPD, nach Übernahme der Regierungsverantwortung im Herbst gleich die Vermögenssteuer aus der Schublade zu ziehen. Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) plädiert eher dafür, daß die Deutschen als wohlhabendes Volk ermuntert werden müßten, Teile aus ihrem Privatvermögen als Risikokapital zur Verfügung zu stellen.

Noch scheitern viele Versuche, eine Produktentwicklung oder den Aufbau eines Unternehmens zu finanzieren, an den Vorbehalten der Banken. "Diese Hürden sind zu hoch", beklagt auch Heinrich Jagoda, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit. Gerade die kleinen und mittleren Unternehmen würden aber neue Arbeitsplätze schaffen, Großbetriebe dagegen tendenziell welche abbauen. Jagodas Kritik dürfte vielerorts Zustimmung finden, etwa bei der Softwareschmiede S.u.S.E. GmbH in Fürth, 1992 von vier Studenten als "Garagenunternehmen" gegründet. Damals schmetterte die Hausbank eines Beteiligten den Wunsch ab, das Startkapital um 20 000 Mark aufzustocken. Heute setzt der Linux-Spezialist mit 45 Mitarbeitern in Deutschland und Kalifornien acht Millionen Mark um.

Bekannter ist Erich Lejeune, Selfmademan aus München. 1976 erhielten er und sein Partner, die in einer Dreizimmerwohnung werkelten, gerade einmal 5000 Mark Kredit. Heute beschäftigt die Consumer Electronic AG 27 Mitarbeiter und setzte 1997 gut 35 Millionen Mark um. Für seinen Börsengang hat sich Lejeune die Gold-Zack AG an Land gezogen, die 20 Prozent des Kapitals für die weltweite Expansion beisteuert.

Ebenfalls involviert ist dieser Finanzdienstleister beim Börsengang der Berliner PSI AG, die ihre Kapitaldecke von 12,3 Millionen auf 30,8 Millionen Mark strecken will.

Bis auf die 16 Prozent Beteiligung von Gold-Zack befinden sich alle Aktien in Mitarbeiterhand. "Das soll auch so bleiben", legt Vorstand Dietrich Jaeschke die Marschroute fest, denn der Wert der Firma stecke zuerst "in den Köpfen der Leute". Ein Teil der erhofften Emissionserlöse soll der Tochter Psipenta GmbH zugute kommen, die im Markt der Standardsoftware eine gute Figur abgibt. In fünf Jahren, so das ehrgeizige Ziel, will PSI weltweit rund 1300 Mitarbeiter beschäftigen.

Ideen für innovative Produkte und Firmen gibt es Jürgen Peddinghaus zufolge mehr als genug. Der Senior Vice-President der Consulting-Firma Booz, Allen & Hamilton, die zusammen mit dem Mitteldeutschen und Bayerischen Rundfunk die Aktion "Innovationen für neue Arbeitsplätze" gestartet hat, vermißt die entscheidenden Weichenstellungen fürs freie Unternehmertum vor allem an den Hochschulen.

Diese Kritik kann Ulrich Blum, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Dresden, nur bestätigen: "Wir bewegen uns wie ein Öltanker und brauchen für einen Kurswechsel eine ganze Generation." Studienfächer seien zu sehr voneinander abgeschottet, die Studenten hätten Probleme bei der interdisziplinären Kooperation.

Peddinghaus beklagt die unverändert hohen Hürden bei der Finanzierung. "Ein deutscher Banker schaut bei Verhandlungen, ob die Formulare richtig ausgefüllt sind; ein amerikanischer hingegen, ob der Jungunternehmer Feuer in den Augen hat." Blum glaubt, daß die Banken das Argument mangelhafter Sicherheit nur vorschieben. Tatsächlich schafften sie es nicht, den Bewerbern ins Gesicht zu sagen, daß ihr Konzept ungenügend sei: "Kritisch wird es, wenn nach zwei, drei Jahren ein starker Wachstumsprozeß einsetzt, den die Hausbank nicht mittragen will." Zudem verzichte ein Großteil der Unternehmer lieber auf Wachstum, als einen kapitalkräftigen Partner mit Mitspracherecht aufzunehmen.

Bisher scheiterten alle Versuche, das amerikanische Modell der engen Verzahnung zwischen explodierenden Branchen und Kapitalgebern zu übertragen. Bereits in den achtziger Jahren, erinnert sich Werner Schauerte, Chef der Deutschen Gesellschaft für Innovationsbeteiligungen (DGIB) in Frankfurt, gab es eine Venture-Capital-Euphorie in Deutschland, die jedoch nur von kurzer Dauer war. Um 1990 herum dann die große Ernüchterung: "Übriggeblieben sind nur eine Handvoll Anbieter, die sich inzwischen einen großen Vorsprung erarbeiten konnten." Schauerte, der sich selbst mit 15 Jahren Venture-Capital-Praxis als "Urgestein der Branche" bezeichnet, ist gerade damit beschäftigt, die DGIB neu zu strukturieren. Im Juli will der Finanzdienstleister, an dem unter anderem die Deutsche Bank und der Gerling-Konzern beteiligt sind, sein neues Konzept präsentieren.

Zwei im Venture-Capital-Geschäft sind Axel Bichara und Waldemar Jantz. Jantz, 1985 als Venture-Capital-Partner des Grafikkartenspezialisten Spea bekannt geworden und heute Chef der Techno Venture Management GmbH & Co KG (TVM) in München, befaßt sich aktuell mit rund 25 erfolgversprechenden Unternehmen, die interessante Business-Pläne vorgelegt haben. TVM berichtet über 14 neue Investments aus IT und Biotechnologie seit Januar 1997, wovon sich der überwiegende Teil bereits mit einem Bein im Markt positioniert hat. Im Unterschied zu solchen "Developments", wie Jantz seine Klientel bezeichnet, handelt es sich bei "Start-ups" um Firmen, die noch keine Umsätze vorweisen können, und bei "Seeds" schließlich um Ideenlieferanten, deren Unternehmensgründung noch bevorsteht.

Die bekanntesten Unternehmen auf der TVM-Liste sind die Biotechnologiefirma Qiagen B.V., Venlo, und SCM Microsystems Inc. aus dem kalifornischen Los Gatos, die sich frisch am Neuen Markt etabliert haben. Interessant ist auch das Engagement bei Onestone Information Technology Inc., Paderborn und Boston, einem Workflow-Spezialisten im Lotus-Notes-Umfeld. Obwohl die von dem bewährten "Start-up-Manager" Peter Vos gegründete und geführte Company noch auf den großen Durchbruch wartet, kann sie sich bereits mit dem Beacon Award, dem Oscar der Notes-Welt, öffentlichkeitswirksam schmücken. "Einer von 100 Bewerbern", so Bichara von Atlas Venture in München, kann finanzielle Unterstützung erwarten. Atlas Venture pumpt zwischen drei und zehn Millionen Mark in ein Projekt. Voraussetzung ist, daß die Investition in drei bis fünf Jahren den zehnfachen jetzigen Wert des Unternehmens erwarten läßt.

"Wir unterstützen keine lokal orientierten Bastler, sondern Unternehmen, die von Beginn an die Expansion auf internationalen Märkten ins Auge fassen", erläutert Atlas-Mann Bichara das Konzept. Deutschland bietet nach seinen Worten ausgezeichnete Voraussetzungen für Investments. Zudem gebe es gute Ideen und viele Unternehmer mit Instinkt. "Trotzdem entstehen zuwenig Firmen."

Bald nicht mehr Herr im eigenen Hause?

Wer sich auf die US-geprägten Venture-Capital-Geber einläßt, darf sich nicht wundern, vielleicht bald nicht mehr Herr im eigenen Hause zu sein. Exzellente Softwarespezialisten und Ingenieure, die nicht die geforderte Management-Kompetenz mitbringen - und das dürften die meisten sein -, werden in ihren Entscheidungsbefugnissen stark eingeschränkt. Das ist auch nötig: "Anstatt sich dem Ziel weltweiter Marktführerschaft zu widmen", skizziert Bichara die deutsche Technikverliebtheit, "konzentriert man sich lieber auf die nächste Produktgeneration." So versäumen viele, ein Vermögen zu verdienen.

Haben auch die Venture-Capital-Investoren ein glückliches Händchen, steigen sie mit Säcken voller Geld aus oder verkaufen gleich die ganze Company, deren Management-Riege inzwischen aus stolzen Millionären besteht. Viele Projekte gehen aber auch daneben, allerdings erfährt man darüber nichts. Ein völlig neuer Venture-Capital-Ansatz macht derzeit in der IT-Hochburg München von sich reden. "Hilfe zur Selbsthilfe", so HP-Manager Kurt Siebold, heiße die Bringschuld der Etablierten gegenüber den Newcomern. Anstatt ins Jammern über den Standort, Banken oder die SPD einzustimmen und sich damit aus der Verantwortung zu stehlen, wollen IT-Größen wie HP, NCR, Lotus oder Nokia sowie viele andere erfolgreiche Unternehmen und Beratungshäuser zukunftsorientierte Ideen fördern und damit den IT-Markt am Standort Deutschland attraktiver gestalten. Jede Investition soll von einem Paten begleitet werden.

Gemeinsam haben die Firmen dabei die Adventure Beteiligungs AG gegründet. Vorstand Matthias Ehrlich: "Wir errichten ein Netzwerk aus Erfahrung und Kompetenz, das gerade den kleinen innovativen Unternehmen eine Startchance vermitteln soll." Die Finanzspritze kann bereits bei 100000 Mark ansetzen, aber auch weit höhere Liquiditätszuschüsse sind etwa bei Börsengängen möglich. Atlas Venture und TVM haben bereits ihre Unterstützung signalisiert.

Noch sind Ehrlich sowie seine Kollegen aus der Branche, die sich alle neben ihrem hauptamtlichen Job bei IT-Adventure engagieren, auf den Einstieg großer Investoren angewiesen. Auch die Flut von Business-Plänen, die jetzt wohl über das Office im feinen Schwabing hereinbrechen wird, dürfte zumindest organisatorische Probleme mit sich bringen..

Terminologie

In den USA wird Venture Capital in den Frühphasen der Unternehmensgründung eingesetzt. Alle späteren Investments fallen unter den Begriff Private Equity. In der deutschen Variante ist Venture Capital Sammelbegriff für alle Phasen des Investments. Seed- und Start-up-Investments wechseln sich ab mit First oder Early Stage Investments. Unternehmen haben ihre Produktentwicklung abgeschlossen, können jedoch noch keine Umsatzerlöse vorweisen. Sind die Produkte auf den Markt gebracht, folgen weitere Kapitalspritzen (Second oder Later Stage Investments). Der Gang an die Börse schließlich wird von Bridging Investments begleitet.

Zahlen

Laut European Venture Capital Association (EVCA) sind 1996 in Deutschland etwa 1,37 Milliarden Mark (1995: 1,25 Milliarden) in aufstrebende Unternehmen geflossen. Zwischen 1986 und 1996, so der Bundesverband deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK), gingen 9,5 Milliarden Mark an insgesamt 5500 kleine und mittlere Unternehmen. 27 Prozent der 1996 investierten Mittel flossen an IT- und Biotech-Unternehmen, Neuengagements stiegen um das Vierfache. Gut gemanagte Venture-Capital-Fonds erwirtschaften Renditen von bis zu 35 Prozent.

Angeklickt

Technikfeindlichkeit und Risikoscheu dürfte allmählich ein überholter Vorwurf an deutsche Jung-Manager sein - jedenfalls was das Managen des Schritts in die Selbständigkeit angeht. Venture Capital ist hierzulande kein Fremdwort mehr, und auch die Neue Börse Frankfurt bietet endlich eine interessante Plattform für die neuen Entrepreneurs. Inovationsfonds der Bundesländer und von Banken locken weitere Unternehmen und junge Wissenschaftler.

Winfried Gertz ist freier Journalist in München.