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06.02.1976

Verändert der Computer das Bildungswesen?

Mit Prof. Dr. Klaus Haefner, Bremen, und Prof. Dr. Brunnstein, Hamburg, sprach Otto Schulte

- Für die DV im Bildungswesen wurde eine Zäsur gesetzt - die Förderungsprogramme der letzten Jahre sind ausgelaufen - es kann Bilanz gezogen werden. Ist Optimismus gerechtfertigt?

Haefner: Wir haben eine Zäsur, aus der eine Weiterentwicklung nötig und möglich ist. Ich sehe die Integration der DV in das Bildungswesen als unumgangliche Konsequenz gesellschaftlicher Kräfte. Insbesondere das Interesse des Lernenden, ein individuelles und interaktives Lehrsystem zur Verfügung zu haben, wird den Computer im Bildungswesen weiter voranbringen. Die Probleme der Nutzung von in Datenbanken gespeicherter Information wie Fakten, Methoden, Kenntnisse, wird es letztendlich nötig machen, CUU-Systeme für den Lernenden zur Verfügung zu stellen. Das Bildungswesen wird mittelfristig die Ansätze zur Rationalisierung und Automatisierung nutzen müssen, die auch in der Wirtschaft seit langem genutzt werden.

- Herr Professor Brunnstein, haben Sie sozusagen "vom Amts wegen" Bedenken zu diesen Ausführungen?

Brunnstein: Als Forscher auf dem Gebiet des computerunterstützten Unterrichts wünsche ich mir sicherlich einen weiteren Fortschritt. Auf der anderen Seite muß man vor überspitzten Hoffnungen warnen. Keiner der heute in der Bundesrepublik im computerunterstützten Unterricht arbeitenden Forscher glaubt noch an einen Lehrerersatz durch den Computer.

Haefner: Ich sehe das Gesamtsystem Bildungswesen als eine Einheit, in der Lehrende und Lernende ihren Platz haben müssen. In diesem Gesamtsystem ist es natürlich nötig und möglich, daß in Zukunft Umschichtungen stattfinden. Ich glaube auch nicht an den Ersatz von Lehrern in einfacher Art und Weise. Ich prognostiziere allerdings, daß wir mittelfristig eine andere Lehr- und Lernumgebung im Bildungswesen haben werden, in der der Rechner - insbesondere das Informationssystem - eine signifikante Rolle spielt. Dieses wird sicher die Stellung und die Funktion des Lehrers verändern.

- Im Bereich der Wirtschaft redet man heute von der arbeitsplatzorientierten Automatisierung mit Computer. Dahinter steckt der Trend zur Dezentralisierung mit Kleinsystemen. Übertragen auf die DV im Bildungswesen: Werden kleine dedizierte Anlagen die Computersysteme für DV im Bildungswesen der Zukunft sein?

Haefner: Zunächst müssen wir abgrenzen, was wir unter Zukunft verstehen. Wenn man eine Prognose für die nächsten zehn Jahre wagt, so glaube ich, daß zwei Bereiche wichtig sind: Der eine Bereich ist die Abbildung einfacher Algorithmen auf den Rechner, wie sie der Schüler heute zum Beispiel für eine einfache Simulation braucht. Hier reicht der Klein- und Kleinstrechner. Ich glaube in diesem Bereich an eine Dezentralisation. Der andere Bereich ist der Komplex der Benutzung von Informationssystemen. Dort allerdings, hoffe ich, daß es mittelfristig gelingt, dem Bürger und insbesondere auch dem Lernenden größere Datenbasen von Lehrprogrammen verfügbar zu machen. Diese werden vermutlich in diesem Planungshorizont noch den Zugriff zu zentralen Systemen notwendig machen, insbesondere wenn ich an die Kosten für die laufende Wartung und Korrektur der Datenbestände denke. Dezentrale Klein- und Kleinstrechner müßten hierbei den Zugriff auf Datenbanken anderer Systeme möglich machen.

- Unterstellt, der computerunterstützte Unterricht gewinnt langfristig - gegenwärtigen Schwierigkeiten zum Trotz - doch die Bedeutung, die Bildungsforscher einst euphorisch prophezeiten. Wie wird sich das auf die Auszubildenden auswirken?

Brunnstein: Hier geht es um die Mensch/Maschine-Symbiose, und da sehe ich durchaus Probleme. In unserer gegenwärtigen Situation scheinen doch große Vorbehalte gegen eine zu enge Kooperation zwischen Mensch/Maschine zu bestehen. Eine Welt, in der etwa die Arbeit, das Lernen, viele Aktivitäten der Freizeit in einem hochtechnisierten System ablaufen, ist heute noch schwer vorstellbar. Die Aspekte werden aber beispielsweise in den USA und in Japan ernsthaft diskutiert. Sicherlich wird eine Integration der EDV in den Lernprozeß bei jungen Schülern die soziale Kommunikation zwischen Menschen, die heute noch den Unterricht kennzeichnet, stark verändern. Ja, man muß sogar befürchten, daß die ganze gesellschaftliche Kommunikation sehr stark verändert wird, so wie etwa die Fernseh-Technologie das Leben in vielen Familien verändert hat. Es ist nun die Frage, inwieweit eine derartige Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse, erzwungen durch eine technologische Entwicklung, selbst um den Preis eines mündigen Bürgers wünschenswert ist.

"Ein Begräbnis erster Klasse" nannte die CW (Nr. 49 vom 5. Dezember 1975) den Abgesang auf die "DV im Bildungswesen" anläßlich einer FEoLL-Tagung in Heidelberg, die Ende November Wissenschaftler und Ministerialbeamte vereinte. Nach fünf Jahren Förderung durch das Bundesforschungsministerium und nach einem Aufwand von ca. 60 Millionen Mark für rund 30 Projekte hieß das Tagungs-Fazit: Nichts geht mehr - der "Schulcomputer" hat sich festgefahren. Doch noch in der Sackgasse formulierten die beteiligten Bildungsforscher und DV-Experten: "Die Computer im Bildungswesen kommen, weil sie kommen müssen." Warum sie kommen müssen, welche positiven, aber auch möglicherweise negativen gesellschaftlichen Folgen das hat, versucht das Interview der Woche zu klären. Beide Gesprächspartner waren auch Teilnehmer der Heidelberger Konferenz:

Prof. Dr. Klaus Haefner (39, links) ist Hochschullehrer an der Universität Bremen. Im Sachverständigenausschuß "DV im Bildungswesen" beim Bundesminister für Forschung und Technologie führt er den Vorsitz. Der Ausschuß forderte 1974 und in einer 1975 überarbeiteten Fassung, bis zum Ende des Jahrzehnts als Mindestbeitrag zur DV im Bildungswesen ca. 400 Millionen Mark zu investieren, um die rund 6000 Sekundarstufen II in der BRD mit eigenen Computern auszurüsten.

Prof. Dr. Klaus Brunnstein (38, rechts) lehrt am Institut für Informatik der Universität Hamburg. Der Physiker und Mathematiker leitet Forschungsprojekte im Bereich Computerunterstützter Unterricht. Er ist gleichzeitig Vorsitzender des Arbeitsausschusses "lnformatik und Gesellschaft" der Gesellschaft für Informatik. Gerade aus dieser Position heraus ist Brunnstein Anwalt einer eher reservierten Haltung gegenüber allzuviel Computer-Euphorie - auch im Bildungswesen .