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Mammutprojekt steht kurz vor dem Abschluß


04.10.1996 - 

Vereinte Nationen: Schluß mit disparaten Systemen

"Theoretisch müßte unser Projekt längst gescheitert sein", bekennt Gian Piero Roz, im Rang eines Direktors für das "Integrated Management Information System" (Imis) verantwortlich. "Eigentlich waren alle Voraussetzungen für eine Katastrophe gegeben." Seit acht Jahren arbeiten Roz, ein rundes Dutzend UN- Mitarbeiter sowie ein wechselndes Team aus jeweils 20 bis 50 Unternehmensberatern daran, die komplexe Struktur der Vereinten Nationen in einem einheitlichen Anwendungssystem abzubilden (siehe auch CW Nr. 8 vom 25 Februar 1994, Seite 1: "Die UNO verabschiedet sich von ihrer alten Mainframe-Strategie").

75 Millionen Dollar wird die Organisation Ende des kommenden Jahres in neue Hardware, in Software-Entwicklung und -pflege sowie in Training investiert haben. Auf der "Project Leadership Conference" der New Yorker ABT Corp. stellte der IT-Direktor das Vorhaben nun einer Fachöffentlichkeit vor.

Zum Erstaunen des Publikums räumte Roz ein, daß der Erfolg des Unterfangens immer noch zweifelhaft sei. Im Zwiegespräch relativiert er seine Befürchtungen allerdings: Das Kontrollsystem, die Human-Resources-Komponente und das Finanz-Management befänden sich im Einsatz, ersteres schon seit drei Jahren. Payroll-, Reise- und Beschaffungsmodule stünden kurz vor der Vollendung. Aber ein Projekt sei keineswegs beendet, wenn das Entwicklungsteam seine Arbeit erledigt habe. Implementierung, Anwenderschulung und Software-Maintenance müßten genauso in die Projektplanung einbezogen werden wie die eigentliche Systemerstellung.

Was das UN-Projekt von anderen IT-Vorhaben unterscheidet, ist nicht nur sein Umfang, sondern vor allem die unübersichtliche Ausgangssituation. Die Tätigkeiten der Organisation umfassen den öffentlichen wie den privaten Bereich, die Finanzverwaltung, die soziale Sicherheit und den Assekuranzsektor. Neben Englisch und Französisch zählen auch Arabisch, Chinesisch, Russisch und Spanisch zu den offiziellen UN-Sprachen. Die Budgets kennen zwar nur US-Dollars, aber die Rechnungen werden in 110 unterschiedlichen Währungen beglichen. Zudem ordnen sich die 30000 Mitarbeiter in 250 Besoldungsschemata ein. "Vom Standpunkt der Administration her sind die Vereinten Nationen ein Alptraum", klagt Roz.

Seiner Ansicht nach war weder zum Zeitpunkt der Entscheidung noch ist heute, fast sieben Jahre später, ein Produkt zu kaufen, das die Anforderungen der Vereinten Nationen erfüllen kann, ohne die Release-Fähigkeit zu verlieren.

"Nach all diesen Änderungen wäre es ja doch ein individuelles Paket - mit dem Nachteil, daß wir den Sourcecode nicht hätten." Aus diesem Grund mußte die UN einen Weg gehen, der heute antiquiert erscheint: eigene Softwaresysteme für Brot-und-Butter- Anwendungen wie Finanzbuchhaltung, Personalplanung und Beschaffung entwickeln.

Roz und seine Mitarbeiter fingen in fast jeder Beziehung bei Null an: Sofern die administrativen UN-Zentren - Hauptsitz in New York, dezentrale Management-Knoten in Addis Abeba, Amman, Bangkok, Genf, Nairobi, Santiago und Wien - überhaupt DV-gestützt arbeiteten, konnten die Systeme nicht miteinander kommunizieren. Die Folgen: ungenügende Verfügbarkeit, verspäteter Vollzug von Transaktionen und keinerlei Möglichkeit für ein modernes System- und Anwendungs- Management. Viele Mitarbeiter waren mit der manuellen Datenweitergabe beschäftigt. Informationen, die für die Planung nötig gewesen wären, standen nicht zur Verfügung.

1990 wurde das Imis-Projekt ins Leben gerufen: Der 30 Jahre alte Mainframe mußte Unix-Servern Platz machen auf der Basis des "Sybase SQL Server" entstand eine Client-Server-Architektur für Datenhaltung und -zugriff. Nur bei der Anbindung der Benutzer- Arbeitsplätze verfolgt Roz ein eher konventionelles Konzept: via X-Emulation von Hummingbird. Das spart nicht nur Kosten, sondern erhöht auch die Administrierbarkeit und damit die Sicherheitsvorteile, wie der Projektverantwortliche erläutert.

Für die Analyse und das Design hatte Roz anfänglich die "Information Engineering Facility" (IEF) von James Martin genutzt. Wie der Projektleiter schildert, war der Anbieter Texas Instruments damals aber nicht bereit, seinem Kunden in die Client- Server-Welt zu folgen. Auf Anraten des Consulting-Unternehmens Price Waterhouse führten die Vereinten Nationen schließlich das Werkzeug "JAM" von der Jyacc Inc. ein. Glücklicherweise konnten sie das mit IEF erstellte Design weitgehend in ihre Client-Server- Umgebung übertragen.

Ein Expertensystem handhabt die Varianten

Mit ungewöhnlicher Technologie bekam das Entwicklerteam all die unterschiedlichen Varianten der UN-Applikationen in den Griff: Es implementierte ein objektorientiertes Expertensystem, das im April vergangenen Jahres die Arbeit aufnahm. Roz ist heute noch ein bißchen stolz darauf, daß er sich damals für das wenig verbreitete Werkzeug "Kappa" von Intellicorp entschied.

Das Expertensystem sorgt beispielsweise dafür, daß jeder Mitarbeiter alle ihm zustehenden Gehaltszulagen erhält. Aufgrund seiner objektorientierten Struktur läßt es sich mit relativ wenig Aufwand an etwaige Ausnahmen oder Änderungen anpassen, lobt Roz. "Wenn wir das alles hart codiert hätten, würde es uns viel mehr Geld kosten."

Gute Dienste leistet die Applikation auch bei der Finanzbuchhaltung. Die Vereinten Nationen führen sechs verschiedene Budgets, die von Rechts wegen unterschiedliche Transaktionsprozesse erfordern. Das Expertensystem ist in der Lage, jede Buchung dem richtigen Finanzbereich zuzuweisen und gleichzeitig den zugehörigen Vorgang anzustoßen.

Allein in New York arbeiten derzeit etwa 1000 Anwender mit den schon verfügbaren Imis-Anwendungen. Jeden Tag greifen durchschnittlich 250 Nutzer gleichzeitig auf das System zu.

Die UN-Niederlassungen sowie die den Vereinten Nationen angeschlossenen Organisationen können die Applikationen kostenlos nutzen. Sie arbeiten lokal, tauschen aber in regelmäßigen Abständen die aktuellen Daten mit der New Yorker Zentrale aus. Bislang läuft Imis an fünf Standorten produktiv, an fünf weiteren im Testbetrieb. Wenn alles nach Plan verläuft, ist das Vorhaben Ende 1997 beendet. Doch in den Augen des IT-Direktors hat die Arbeit eigentlich erst begonnen.

Der Mensch dahinter

Gian Piero Roz, Drahtseiltänzer

Das "Imis-Projekt, das Gian Piero Roz seit sechs Jahren leitet, gleicht einem Balance-Akt ohne Netz und doppelten Boden. Doch die Erfahrung aus seiner 20jährigen Arbeit im Umfeld internationaler Großprojekte haben Roz gelehrt, auch in kritischen Lagen Ruhe zu bewahren. Bevor der gebürtige Italiener das Mammut-Vorhaben übernahm, arbeitete er bereits an anderen UN-Projekten in Paris, Wien und Addis Abeba. Obwohl er die Position eines IT-Direktors der Vereinten Nationen bekleidet, ist er kein Informationstechniker im eigentlichen Sinne. Vielmehr erwarb er an der Universität von Turin einen Abschluß in den Fächern Politikwissenschaft und Wirtschaftslehre.