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22.04.1977 - 

Bundesdeutscher EDV-Nutzen aus DDR-Sicht:

Verfeinerte Methode zur Ausbeutung der Werktätigen

MÜNCHEN (ee) - In der Bundesrepublik werden Computer angeboten, die keiner braucht. Die, die eingesetzt sind, sind nicht ausgelastet. Die zu geringe Auslastung ist mit zu teurer Programmierarbeit erkauft: Und überhaupt - "eine nicht unerhebliche Anzahl der in der BRD eingesetzten Rechner sind als sogenannte Wohlstandsrechner zu deklarieren. Sie sollen dazu beitragen, das Image des Unternehmens und seiner Leitung zu verbessern".

Kein schönes Bild, das die DDR-Autoren Prof. Dr. Wolfgang Schoppan und Dr. Hans Leykauf von der Hochschule für Ökonomie "Bruno Leuschner" (Ost-, Berlin) von der bundesrepublikanischen EDV-Landschaft malen. Sie stützen ihre Schlüsse auf ein breites Angebot westlicher Fachliteratur und aktueller Berichterstattung. Wir haben diesen Beitrag stark gekürzt aus dem in der DDR erscheinenden EDV-Fachblatt "Rundblick" entnommen.

Die Ursachen für die schnelle Entwicklung der EDV-Anwendung in der BRD wie auch in anderen hochentwickelten kapitalistischen Ländern sind vor allem in folgendem zu suchen:

Erstens wurde und wird die Anwendung der EDV als beträchtliche Quelle zur Verbesserung des Kapitalverwertungsprozesses betrachtet und entsprechend genutzt. Die Vorteile der EDV-Anwendung stellen beträchtliche Stimuli dar und lassen sich im wesentlichen reduzieren auf

- die Einführung verbesserter Leitungsmethoden, insbesondere unter den Bedingungen der gewaltigen Konzentration des Kapitals in den Monopolvereinigungen:

- die mögliche Zentralisation bestimmter Leitungsfunktionen bei gleichzeitig dezentraler operativ-wirtschaftlicher Tätigkeit und besserer Koordination und Kontrolle:

- das rechtzeitige Erkennen von Marktveränderungen und die kurzfristige Ermittlung günstiger Reaktionen hierauf:

- die Anwendung verfeinerter Methoden in der Ausbeutung der Werktätigen.

Wohlstandsrechner zur Image-Pflege

Zweitens wirkt das Gesetz der Konkurrenz auf dem Gebiet der Anwendung der EDV im Kapitalismus besonders intensiv. Größe der EDV und der Umfang der Anwendung in den kapitalistischen Unternehmen sind wesentlich der Konkurrenz und der daraus erwachsenden Stellung des jeweiligen Unternehmens auf dem nationalen und internationalen Markt geschuldet. Eine nicht unerhebliche Anzahl der in der BRD eingesetzten EDVA sind als sog. Wohlstandsrechner zu deklarieren. Sie sollen dazu beitragen, das "Image" des Unternehmens und seiner Leitung zu verbessern.

Drittens ist die Entwicklung der EDV-Anwendung in der BRD auf politische Aspekte zurückzuführen. Dazu gehört, bedingt durch die enge Verflechtung zwischen Staat und Monopolen, die intensive staatliche Förderung der Forschung, Entwicklung und Anwendung der EDV. Das Hauptanliegen dieser Förderungsprogramme bestand und besteht darin, fahrenden Konzernen und Forschungsinstituten auf dem Gebiet der EDV direkt oder indirekt umfangreiche staatliche Mittel zur Verfügung zu stellen.

Datenbanken für die politische Überwachung

Viertens ist nicht zuletzt die stürmische Entwicklung der EDV-Anwendung darauf zurückzuführen, daß EDVA in der kapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung Möglichkeiten der politischen Überwachung und der Manipulierung des Verhaltens der Bürger bieten. In dem Zusammenhang sind besonders der Aufbau und die Nutzung von Datenbanken zu erwähnen. Datenbanken sind für bestimmte Zwecke die bedenklichste Verwendungsform des Computers in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung.

Die schnelle Entwicklung der EDV-Anwendung in der BRD hat natürlicherweise einen hohen Bedarf an EDV-Spezialisten zur Folge gehabt, und in nicht wenigen Fällen wurde der Personalmangel als eine Ursache für den noch nicht befriedigenden Stand in der EDV-Anwendung genannt.

Mit der Entwicklung der EDV wurde eine neue "Elite" herausgebildet, deren Spitzenkräfte nicht nur gehaltlich den Spitzenmanagern gleichgestellt sind. Vielfach wird festgestellt, daß sie in den Unternehmen auch neben den Managern stehen, in den Unternehmen "Fremdkörper" darstellen und eigene Ziele verfolgen.

Nicht unberechtigt gibt es deshalb in der BRD Stimmen, die darauf hinweisen, daß eine Elite von Fachleuten der EDV zu erwarten ist, die so ausgebildet und mit Hilfe der Computer so gut ausgestattet wird, daß sie künftig auf Grund ihres Wissens und ihrer Möglichkeiten die perfektionierten Apparate von Verwaltung und Industrie beherrschen könnten. Die möglicherweise später ebenfalls verbesserte Ausbildung der großen Masse der Bürger wird aber als nicht ausreichend angesehen, um diese technokratische Elite effektiv kontrollieren zu können.

Auch über mögliches gesellschaftliches Verhalten der Computer-Spezialisten z. B. in den bundesdeutschen Banken bei Streiksituationen wurde in Veröffentlichungen in der BRD berichtet. So wurde u. a. festgestellt, daß diesen Computer-Spezialisten nach Aussage von Experten kaum ein Streik zuzutrauen ist.

Die Anwendung der EDV wird deshalb auch unter diesem Aspekt, erhärtet noch durch die Tatsache, daß Computer selbst nicht streiken können, als stabilisierender Faktor der kapitalistischen Wirtschaft betrachtet.

Die Kosten für die Anwendung der; EDV sind für kapitalistische Unternehmen nicht primär von Interesse im Hinblick auf die Höhe der Produktionskosten, sondern im Hinblick auf den Umfang des erreichbaren Profits.

Der tatsächlich mit der Anwendung der EDV erreichte Nutzeffekt wird von kapitalistischen Unternehmen nicht öffentlich nachprüfbar ausgewiesen. Als ein Kriterium hierfür kann jedoch die Auslastung des verfügbaren Maschinenzeitfonds dienen.

- Für mehr als 2/3 der EDVA kann zum Untersuchungszeitpunkt lediglich eine Auslastung zwischen 100 und 300 Stunden/Monat ausgewiesen werden.

Daß sich diese Entwicklung in den folgenden Jahren nicht wesentlich verändert hat, zeigen spätere Veröffentlichungen.

Die Ursachen für die unzureichend erscheinende Auslastung sind mannigfach. Zum Beispiel:

Technische Störfaktoren (teilweise keine begründete Verkaufspolitik der Hersteller durch zu viele rasch aufeinanderfolgende Neuerungen, wofür kein echtes Kundenbedürfnis vorliegt).

Es gilt als Binsenwahrheit, daß eine wirtschaftliche Lösung von Datenverarbeitungsaufgaben ohne Bereitstellung geeigneter Software nicht möglich ist. 1980 wird der Aufwand für A-Software-Produktion nach entsprechenden Hoch-Rechnungen 26 Mrd. DM p. a. betragen.

Individuelle Lösungen bevorzugt

Neben der Entwicklung und Nutzung von Anwendersoftware muß unter wirtschaftlichen Aspekten die Entwicklung der Kosten der Programmierung gesehen werden. Es wird eingeschätzt, daß sich die Anzahl der Programmierer bis 1980 auf 120 000 erhöht, und zum anderen werden nach einer Prognose der Bundesregierung die Personalkosten von 1973 bis 1976 um 46% pro Mitarbeiter ansteigen. Das bedeutet, daß sich die Kosten der Programmierung 1976 auf 4 Mrd. DM und 1980 auf 7 Mrd. DM steigern könnten. Letztlich muß doch diese hohe Kosteninanspruchnahme auch darauf zurückgeführt werden, daß

- individuelle Lösungen bevorzugt werden,

- eine Übersicht über vorhandene Programme in Form zentral geführter Programmbibliotheken nicht existiert,

- das so häufig geforderte "Softwareengineering" bisher nicht effektiv geworden ist,

- die Programmkompatibilität relativ schwach war und erst mit den neueren Anlagen, z. B. IBM 370, zunimmt,

- die Organisationskonzeptionen der Fachabteilung häufigen Veränderungen unterzogen werden und damit zusätzlicher Programmieraufwand entsteht;

- eine "normierte Programmierung" kaum umfassend praxiswirksam ist.

Diese Mängel in der Rationalisierung der Programmierung machen deutlich, daß die objektiven systemimmanenten Schwächen der Organisation der Datenverarbeitung in der BRD sich zwangsläufig auch auf die Wirtschaftlichkeit ihrer Anwendung auswirken müssen.