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03.10.1986 - 

Linzer ÖGI-Tagung nimmt Technik-Innovatoren in die moralische Pflicht:

Verhaltenskodex für Informatiker unabdingbar

LINZ - Eine durchaus ambivalente Rolle in unserem gesamten Leben spielt der "Produktionsfaktor" Information. Dies war die Kernaussage von Referenten aus der deutschsprachigen Informatik-Szene auf der Tagung "Die Zukunft der Informationssysteme" der österreichischen Gesellschaft für Informatik (ÖGI) in Linz.

Waren soziale und humanitäre Faktoren in der Technikdiskussion bisher lediglich als Appendix zu werten, zeigte das Expertentreffen über die "Lehren der 80er Jahre - Veranstalter waren die österreichische sowie die bundesrepublikanische Gesellschaft für Informatik und die Schweizer Informatiker-Gesellschaft gemeinsam mit der Johannes-Kepler-Universität in Linz - ein gewandeltes Bild.

Dies sei nur rechtens, wie Norbert Roszenich, Präsident der österreichischen Computergesellschaft (OCG), feststellte. Denn die Entwicklung der Informationstechnik räume allen Beteiligten die Chance der Gestaltbarkeit ein. Liege doch gerade in der Softwaretechnologie, wie in keiner anderen Technik bisher, die Option, Spezifikationen aus sozialer und humanitärer Sicht schon bei der Entwicklung neuer Systeme einzubringen.

Dazu wäre die Emanzipation der Anwender zu fördern und jegliche staatliche Hilfe zu gewähren.

Besonderes Gewicht auf dem Faktor Bildung

Ein besonderes Gewicht maß Roszenich, auch Leiter der Sektion Forschung im Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung in Wien, dafür dem Faktor Bildung und besonders der berufsbegleitenden informationstechnischen Qualifikation als wirksamstes Vehikel eines neuen Verständnisses der "vierten Kulturtechnik" bei. Erst sie ermögliche, nicht einen "qualifizierten Fliesenleger zu bekommen, sondern den qualifizierten Architekten".

Ein intellektuelles Problem für Staat wie Öffentlichkeit scheint es aus der Sicht von Leo A. Nefiodow endlich die Bedeutung der Gleichung "High-Tech + Anwendung = Beschäftigtenzahlen" zu erkennen. Da die Informationstechnik nahezu in jeden Beschäftigungsbereich vorgedrungen sei - 40 Prozent der Investitionen im tertiären Sektor hierzulande erfolgten bereits in die Informationstechnik - , wäre es nach Ansicht des langjährigen Beraters im Bundesministerium für Forschung und Technologie in Bonn an der Zeit mit dem falschen Nimbus vom Computer als "Jobkiller" aufzuräumen. Ohne eine gesellschaftlich getragene europaweite Konzeption der Informationstechnik allerdings sei keine Lösung der Massenarbeitslosigkeit abzusehen.

Als Motor der Informationsverarbeitung wurde jener hochqualifizierte Softwareproduzent definiert, der wiederum zunehmend die Identität der beruflichen wie privaten Umwelt prägt. Er lebt allerdings nicht ungefährdet: Der Sozialwissenschaftler Günter Feuerstein von der TU Berlin machte ein reduziertes informelles Beziehungsgefüge bei Beschäftigten in der Informationstechnik und einen permanent drohenden Kreativitätsengpaß des Super-Softwerkers für dessen Neigung zur Selbstdestruktion verantwortlich.

Beispielhaft dafür sei das im Silicon Valley zuerst bekannt gewordene Phänomen des "burn out" - des jungen, in einigen Projekten zunächst höchst engagierten und erfolgreichen, dann aber ausgelaugten, therapiebedürftigen DV-Experten.

Hierzulande mache man sich in den Chefetagen ebenfalls Sorgen um das soziale und familiäre Wohl hochkarätiger SW-Fachkräfte.

Auch in der Destruktion über Produkte äußere sich nach Meinung des Berliner Wissenschaftlers die Formalisierungssucht des - nahezu zwanghaften - Programmierers. Jene Frage etwa, ob die Arbeit dem Benutzer oder der Maschine leichter gemacht werden solle, werde von ihm dann zugunsten der letzteren entschieden. Der Anwender bleibe auf der Strecke.

Die Informatik selbst wiederum beschreibt Hermann Rampacher, Geschäftsführer der Gesellschaft für Informatik in Bonn, als "Wirkungsmultiplikator mit revolutionärer Dimension". Zugleich sei sie, zitierte Rampacher eine Formulierung von Karl Ganzhorn, auch zur Werkzeugwissenschaft des Geistes geworden. Das Instrumentarium des Informatikers lege diesem deshalb dort eine besondere moralische Verpflichtung auf, wo absehbare Folgen seiner - theoretischen und zunehmend experimentellen - Arbeit einen tiefgreifenden sozialen oder kulturellen Wandel bewirkten.

Es existiere kein Anwendungsbereich zur Lösung wissenschaftlicher oder praktischer intellektueller Aufgaben, dessen Probleme prinzipiell mit einem informationsverarbeitenden System nicht wenigstens teilweise übertragen werden könnten.

Tatsächlich Verantwortung trage der einzelne erst, sofern er frei zwischen Handlungsalternativen entscheiden und deren Folgen abschätzen könne sowie sich jenen Sanktionen unterziehe, die möglicherweise mit Entscheidungen verbunden seien.

Als eine vordringliche Aufgabe des Informatikers formulierte Rampacher, die emotionsgeladene Diskussion über die neue Technik entschärfen zu helfen. Für den einzelnen wissenschaftlich tätigen Informatiker selbst stellte der GI-Geschäftsführer einen Verhaltenskodex vor. Diese Diskussionsgrundlage enthält etwa die Forderung nach höchstmöglichen Anforderungen an den Wahrheitsgehalt der fachlichen Aussage - gerade auch außerhalb des eigenen Kompetenzbereiches. Weiterhin erhalten die Kompetenzerweiterungen des Einzelnen, auch die der heranwachsenden Generation, ebenso wie der Interessenausgleich zwischen Völkern, eine hohe Priorität. Vor allem aber seien "jene Lasten zu beachten, die der Informatiker durch seine fachliche Arbeit Lebenden und Ungeborenen auferlegt und die das gesamte System - Staat, Menschheit - nachhaltig destabilisierten, irreversibel schwer schädigten oder gar in seiner Existenz gefährden".

Auf der Suche nach beispielhaften moralischen Normen, nach denen sich die Arbeit der Informatiker ausrichten solle, bezeichnete Herbert Burkert von der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) in Sankt Augustin es in seinem Diskurs über die moralische Verantwortung des Informatikers als wesentlich, die Freiheit im Denken zu bewahren. Dies impliziere das Wissen über mögliche Folgen.

Denn die Technikproduzenten erinnerten den GMD-Experten an goethesche Zauberlehrlinge, von denen einer dem anderen unvollständige Formeln übermittele und denen der Besen noch die eine oder andere gewichtige Erkenntnis vermitteln könne.

Daher gelte es bereits in Alltagssituationen, sich über das eigene Tun zumindest Fragen zu stellen. Auch seien Auseinandersetzungen lebensnotwendig: "Moralität ist keine Glasglocke, unter der seliger Friede heranwächst, auch nicht in der Informationsgesellschaft." Ein Satz wie der von Atomphysiker Robert Oppenheimer: "Das haben wir nicht gewollt", so der GMD-Referent, sei unzulässig.