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07.04.1977 - 

Stadt Mülheim a. d. Ruhr:

Verkehrsplanung per Programm

MÜLHEIM (uk) - Große Aufmerksamkeit zeigten die Teilnehmer der Tagung des Arbeitskreises kommunaler Verkehrsplaner im Deutschen Städtetag (1975 in Mülheim an der Ruhr) dem seinerzeit noch im Aufbau befindlichen EDV-Verkehrsplanungssystem der Stadt Mülheim. Die Aufbauphase des Programms ist jetzt abgeschlossen -es liegt bereits eine Reihe praktischer Ergebnisse vor. Ein Beitrag der Mülheimer Verkehrsplaner Bosen und Weith soll zum Beispiel über die Einsatzmöglichkeiten von EDV-Programmsystem für die Verkehrsplanung informieren. Das Programm wurde ursprünglich von Professor Gunnarsson (TH Göteborg), Inhaber des Lehrstuhls für Verkehrsplanung und Städtebau, entworfen und zusammen mit der Stadt Mülheim speziell für den Teil der Datenspeicherung und -verwaltung weiterentwickelt.

Im Rahmen von Verkehrsuntersuchungen, wie sie zum Beispiel für einen Generalverkehrsplan durchgeführt werden, wird eine Vielzahl von Daten, die sich direkt oder indirekt auf das Verkehrsgeschehen beziehen erhoben oder berechnet. Das Ergebnis dieser Untersuchungen ist ein Gutachten, in dem diese Daten, um sie dem Leser begreifbar zu machen, nur in Form von Grafiken und Zusammenfassungen erscheinen.

Das Gutachten bildet meist nur die Grundlage für bestimmte Entscheidungen und ist oft am Ende des langwierigen Entscheidungsprozesses schon teilweise überholt.

Kiloschwere Zahlenfriedhöfe

Die Grundaten verschwinden in der Regel als kiloschwere Computerausdrucke in den Schränken der Fachleute. Dort werden sie früher oder später zum Zahlenfriedhof, da sie manuell nicht fortführbar sind und weitere Auswertungen ohne Einschaltung des Gutachters nur mit sehr großem Aufwand möglich sind.

Es ist jedoch unrationell, dieses mit großem Kosten- und Arbeitsaufwand geschaffene Datenmaterial nur einmal zu verwenden. Es könnte, wenn es durch Fortschreibung auf dem aktuellen Stand gehalten wird, auf lange Zeit die Grundlage für Prognosen und Analysen in der laufenden Verkehrsplanung sein. Auf diesem Wege könnten wertvolle Hilfen für Entscheidungen über mittelfristige (zum Beispiel Varianten zu Verkehrslösungen, Zwischenzustände) und aktuelle Planungen (Umleitungen, Verkehrssperrungen) geschaffen werden.

Die EDV bietet im Prinzip die Möglichkeit, solche großen Datenmengen zu speichern, fortzuführen und für Berechnungen bereitzuhalten.

Neuprogrammierung zu teuer

Die Aufgabe läßt sich mit vertretbarem Aufwand nicht mit einzelnen EDV-Programmen lösen. Dazu ist ein Programmsystem erforderlich, in das alle notwendigen Funktionen voll integriert sind, wie neben den Berechnungsprogrammen ein Datenspeicher mit den entsprechenden Datenverwaltungsprogrammen.

Es ist nicht möglich, ein solches Programmsystem mit den finanziellen und personellen Möglichkeiten einer kommunalen Verwaltung neu zu schaffen. Es gilt also ein Programmsystem zu finden, das nicht nur den zu stellenden Forderungen weitgehend entspricht, sondern auch auf dem zur Verfügung stehenden Rechner ablauffähig ist. Dies ist nicht nur eine Frage des Fabrikats, sondern auch der Kernspeicherkapazität und des Betriebssystems sowie letztlich auch eine rechtliche und finanzielle Frage.

Die Programme sollten weiterhin anwenderfreundlich sein, das heißt der Verkehrsfachmann muß mit einem Minimum an Datenverarbeitungskenntnissen in der Lage sein, die Programme zu steuern.

Begrenztes Marktangebot

Sieht man sich unter Beachtung der aufgestellten Bedingungen auf dem Markt um, so schrumpfen die Auswahlmöglichkeiten rasch zusammen. Die Stadt Mülheim hat sich letztlich für ein Programmsystem entschieden, von dem zunächst nur die Programme erworben wurden, die bei Berechnungen für den Individualverkehr erforderlich sind. Im einzelnen handelt es sich um Programme zur Berechnung des Verkehrsaufkommens, der Verkehrsverteilung, der Verkehrsteilung (Modalsplit), der Verkehrsumlegung für den Kfz-Verkehr sowie für die Durchführung von Analysen, die grafische Darstellung von Ergebnissen und die Speicherung, Verwaltung und Aufbereitung von Daten.

Folgende Gesichtspunkte haben bei der Auswahl des Programmsystems eine wesentliche Rolle gespielt:

a) Die Programme wurden ablauffähig auf der Datenverarbeitungsanlage in Mülheim installiert.

b) Die Palette der angebotenen Einzelprogramme ist sehr umfassend.

c) Es konnten besondere Wünsche bei der Umstellung und Installation der Programme berücksichtigt werden.

d) Der Anwender wird nicht nur in der Einführungsphase, sondern ständig in den Bereichen Verkehrsplanung und Datenverarbeitung betreut, wobei auch neue wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt werden.

e) Es besteht ein Arbeitskreis der Anwender dieses Programmsystems, der einen Erfahrungsaustausch ermöglicht.

f) Erweiterungen sind möglich, da das Gesamtsystem modular aufgebaut ist (zum Beispiel ÖPNV-Umlegungen, Erreichbarkeitsanalysen mit grafischer Ausgabe, Umweltschutz, Unfälle etc ).

Datenspeicherung in Matrizenform

Bei der Stadtverwaltung Mülheim wurde eine Grundkonzeption für die Datenspeicherung auf Magnetplatten, die eine Aufteilung in einen Arbeitsspeicher, der zur kurzfristigen Speicherung innerhalb des Berechnungslaufes dient und einen Dauerspeicher für die langfristige, gesicherte Speicherung der Daten vorsieht, erarbeitet. Alle Daten werden in Form von Matrizen gespeichert. Jede Matrix erhält bei der ersten Speicherung eine fünfstellige Zahl als Identifikation, die sie bis zur endgültigen Lösung behält und unter der sie jederzeit aufgerufen werden kann. Während im Arbeitsspeicher die Speicherplätze innerhalb des Programmlaufs zugeteilt werden wobei das Überschreiben von Daten möglich ist, werden im Dauerspeicher automatisch nur freie Speicherplätze vergeben. Das Löschen von Daten kann im Dauerspeicher nur gezielt und unter Angabe eines Schlüsselwortes erfolgen. Vom Inhalt des Dauerspeichers kann man jederzeit ein Inhaltsverzeichnis erhalten. Durch systematische Vergabe der Identifikationszahl erreicht man, daß das Inhaltsverzeichnis sachgerecht geordnet ist.

Von der Diagnosematrix zum Prognoseverkehrsnetz

Die von einem Ingenieurbüro zum Generalverkehrsplan erarbeiteten Diagnose- und Prognoseverkehrsmatrizen wurden von diesem nicht nur als Computeraudruck, sondern auch in Form von Lochkarten geliefert. 57 Matrizen mit etwa 1,9 Mio. Einzeldaten wurden mit Hilfe eines Code-Umsetzprogrammes übernommen und auf Magnetplatten gespeichert. Da von vornherein die Absicht bestand, im Gegensatz zur Zielprognose des GVP, die über den üblichen Weg (Verkehrsaufkommen, Verkehrsverteilung, Modalsplit, Verkehrsumlegung) entstanden war, Grundlagen für aktuelle Verkehrsuntersuchungen und mittelfristige Prognose zu schaffen, wurde unmittelbar von den Diagnosedaten ausgegangen. Das Straßennetz, das zum Zeitpunkt der Erhebung bestand, wurde verschlüsselt, der Verkehr der Diagnosematrix auf dieses Netz umgelegt (Null-Umlegung) und sowohl die Netzdaten als auch die Parameter des Umlegungsprogramms anhand von Verkehrszählungen geeicht. Aus den nach Fahrtzwecken unterteilten Diagnoseverkehrsmatrizen wurde dann mit Hilfe einer Zuwachsfaktor-Methode (Fratar) und fortgeschriebenen Strukturdaten die aktuelle Verkehrsmatrix entwickelt. Durch entsprechende Ergänzungen entstand aus dem geeichten Nullnetz das aktuelle Verkehrsnetz, dessen Eichung mit neuen Verkehrszahlungen überprüft wurde. Unter Verwendung von Prognosestrukturdaten für das Stadtgebiet und die Region entstand anschließend mit Hilfe der Zuwachsfaktormethode eine Verkehrsmatrix für mittelfristige Prognosen. Das entsprechende Prognoseverkehrsnetz ergab sich durch Einfügen der Projekte der mittelfristigen Finanzplanung in das aktuelle Verkehrsnetz.

Entsteidungsprozeß beschleunigt

Das in Mülheim a. d. Ruhr eingeführte EDV-Programmsystem für Vekehrsplanungen gibt zusammen mit dem umfangreichen gespeicherten Verkehrsdatenmaterial, das durch Fortschreibung aktuell gehalten wird die Möglichkeit, sehr kurzfristig (innerhalb weniger Tage) Aussagen 2 aktuellen Verkehrsfragen und zu bestimmten Planungen zu liefern. Hierdurch wird der Entscheidungsprozeß in der Verwaltung durch fundierte Meinungsbildung beschleunigt und transparenter gemacht.

Ein weiterer Ausbau des System (wie für die Bereiche ÖPNV, Umweltschutz, Unfalluntersuchungen etc;) sowie auch eine unmittelbare Zusammenarbeit mit anderen EDV-Systemen (Datenbanken) wird angestrebt.

-Oberbaurat Benno Bosen und Ing. (grad) Heinz Weith leiten die Verkehrsplanungsabteilung der Stadt Mülheim a. d. Ruhr

DV bei der Stadt Mülheim

Installiert ist eine Siemens 4004 Modell 135 mit 512 KB Hauptspeicher, 5 Plattenlaufwerken Ó 100 Mio. Byte 6 Bandstationen, 2 Druckern und einem Lochkartenleser. Das Verkehrsplanungsprogramm benötigt 200 KB Hauptspeicher, 1 Plattenlaufwerk und läuft bei einer "Umlegung mit 6 Iterationen fürs Mülheimer Netz" zirka eine Stunde. Graphische Auswertungen werden auf dem Tischplotter "Kongsberg" (norwegisches Fabrikat) der Stadtverwaltung Köln erstellt.