Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

03.12.1982

Verkürzung der Arbeitszeit unumgänglich

Gustav Fehrenbach, Deutscher Gewekschaftsbund

Es führt kein Weg vorbei: Um die quantitativen Auswirkungen der Einführung neuer Technologien insgesamt aufzufangen und die bestehende Arbeitslosigkeit zu beseitigen, ist die Verkürzung der Arbeitszeit unumgänglich.

Die Schaffung der benötigten Arbeitsplätze schwerpunktmäßig oder gar ausschließlich durch Wirtschaftswachstum zu erhoffen, ist ein frommer Wunsch, eine Spekulation, vor der man sich hüten sollte. Es ist eine Tatsache, daß die in Prozentpunkten ausgedrückte Kurve des realen Wirtschaftswachstums im Trend seit über 30 Jahren nach unten geht. Mathematisch gesprochen: Sie nähert sich gegen Null.

Wohlgemerkt: Die Wachstumsraten sinken, nicht die absoluten Zuwächse. Für die 80er Jahre kann man Wachstumsraten von eher unter als über zwei Prozent erwarten. Wenn ich dies nüchtern feststelle, so bedeutet das aber ausdrücklich nicht, daß ich mich gegen Wachstum oder gegen Wachstumspolitik aussprechen würde. Nur darf man die im Wachstum liegenden Möglichkeiten zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit nicht überschätzen.

Umverteilung

Ebenso wenig Illusionen hänge ich nach, was eine Politik der Produktivitätsbeschränkung beziehungsweise eine Politik der Verlangsamung der Einführung neuer Technologien betrifft. Der Schlüssel zum Problem der Arbeitslosigkeit liegt in der Umverteilung der Arbeit.

Wenn ich sage: Die neuen Technologien, auch die Informationstechnologien im öffentlichen Dienst, werden kommen, so ist das kein bedingungsloses Plädoyer. Die neuen Technologien brechen nicht wie ein blinder Sachzwang über uns herein. Wir haben Wahlmöglichkeiten und Steuerungsmöglichkeiten. Daran nicht zu glauben hieße, sich aus der Politik zu verabschieden. Das aber will ich nicht.

Andererseits aber kann es Entwicklungen geben, die nicht wünschbar sind, denen man sich entgegenstemmen muß. Ich unterstreiche also den Satz, den der frühere DGB-Vorsitzende Heinz Oskar Vetter gebraucht hat: Nicht alles, was technisch machbar ist, muß auch gemacht werden.

Ich komme damit zur Frage der qualitativen Auswirkungen von Informationstechniken auf die Arbeitsplätze.

Häufig wird gesagt: Während technologische Revolutionen der Vergangenheit häufig von einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen begleitet waren, eröffnet die Anwendung der Mikroelektronik die Chance, diese Technologie so einzusetzen, daß die Arbeitsbedingungen verbessert, menschlicher gestaltet werden.

In der Tat, dies ist ein Gedanke, der spontan einleuchtet. Mit der Übertragung ehemals menschlicher Arbeit auf die Maschine wird der Mensch entlastet von ermüdender Routine und von Leistungsdruck.

Doch das ist leider bisher graue Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Der Übergang von der alten zur neuen Technik, beziehungsweise von der klassischen Verwaltungstätigkeit zur Verwendung von Informationstechnologien führt zu einer Neufestigung der dem Menschen abgeforderten Leistung. Angestrebt wird eine intensivere Nutzung der menschlichen Arbeitskraft. Das Stichwort von der arbeitsorganisatorischen Durchleuchtung der Büro- und Verwaltungsarbeit nach bisherigen Grau- und Pufferzonen von nicht voll ausgenutzter Arbeitszeit hat nicht zuletzt seine Grundlagen in den Erfassungs- und Kontrollmöglichkeiten, die diese Technologie eröffnet.

Damit ist ein wesentliches Merkmal und ein Vorzug von Büro- und Verwaltungstätigkeit in Frage gestellt: Die Möglichkeit, wann man was wie macht, das heißt, seinen eigenen Arbeitsablauf zu bestimmen.

Es ist deshalb auch kein Zufall, daß sowohl Facharbeiter in der Produktion, die das schon hinter sich haben, als auch Angestellte, die Durchleuchtung ihres Arbeitstages mit Hilfe analytischer und quantitativer Methoden als schwerwiegende Bedrohung ihres bisherigen Status empfinden.

Es ist den Betroffenen bewußt, daß die neue Technologie den Arbeitgeber befähigt, das Arbeitstempo, das Pausenverhalten und damit die Produktivität des Einzelnen zu messen und zu überwachen.

Es ist ihnen bewußt, daß die Technik sie vielleicht noch nicht überflüssig, aber austauschbar macht.

Einige mögliche Auswirkungen beziehungsweise Gefahren der Anwendung neuer Technologien möchte ich stichwortartig zusammenfassen.

1. Es besteht die Gefahr, die Fähigkeiten, Kenntnisse und Erfahrungen der Beschäftigten diesen entzogen und auf die Maschine gebracht werden. Die Folge ist Entqualifizierung der Arbeitskraft, die Folge ist, Menschen werden nur noch, angelernt, die Maschinen zu bedienen.

2. Stichwort "Intensivierung der Arbeit": Wenn zunehmend Routinearbeit auf den Computer verlagert wird und der Sachbearbeiter nur noch "schwierige Fälle" bearbeitet, so ist das mit erhöhter Anspannung verbunden. Bisher war ja die Durchführung einfacher Tätigkeiten eine Art von "Erholung" für ihn.

3. Stichwort "Inhaltsverlust": Beispiele dafür sind die automatische Korrespondenz, wo das Formulieren von Briefen fast oder ganz aus der Hand des Bearbeiters genommen wird, oder die computergestützte Sachbearbeitung, bei der der Sachbearbeiter vom Computer geführt wird.

4. Stichwort "Kontrolle": Waren früher Sachbearbeiter in erster Linie am Ergebnis ihrer Arbeit kontrollierbar, so wird mehr und mehr das tägliche Arbeitsverhalten ständig überprüfbar. Personal- und Gruppenkennziffern können am Bildschirm sichtbar gemacht werden. Listen- oder Tagesprotokolle und auch Fehlerlisten können ausgedruckt werden, der Vorgesetzte kann jederzeit eingreifen und Informationen abrufen.

Dies alles muß nicht so sein. Unser Ansatzpunkt ist die Tatsache, daß die Informationstechnik sehr flexibel ist. Sie kann auch so eingesetzt werden, daß die Spielräume für die Gestaltung der Arbeit bleiben oder sogar vergrößert werden; sie kann auch dazu beitragen, daß einseitig belastende und monotone Tätigkeiten vermieden werden.

Unser Ziel ist die Verringerung der Arbeitsteilung und die Realisierung von qualifizierter Mischarbeit.

Auszug aus einem Referat, das auf dem Schloßtag 1982 der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung am 18. Nowember 1982 gehalten wurde.

*Gustav Fehrenbach ist stellvertretender Vorsitzender des DGB-Bundesvorstandes.