Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

19.05.1978

Verlags-Software hat viel Selbstgestricktes an sich: "Standard" als Vokabel für beschränkte Leistung

MÜNCHEN (ee) - Mit dem Softwareangebot für Verlage setzte sich im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel Dr. Karl Ruf auseinander. Er schätzt, daß gegenwärtig etwa ein Dutzend Branchespakete angeboten werden. Ruf, der sieh auf die Betriebsberatung im Verlagswesen spezialisiert hat, lästert: "Es ist manchmal zu optimistisch, davon auszugehen, daß das als Standard offerierte Programm auch in mindestens einem Verlag angewendet wird."

Und so sei zu fragen, ob denn das, was da als Standard firmiert, auch für jeden Verlag anwendbar sei? Zumal Standard von den Anbietern in verschiedenem Sinne aufgefaßt werde. Neben "Standard" als allgemeine Anwendung wird unter "Standard" auch eine Begrenzung des Programmumfanges verstanden. Dabei kann es durchaus sein, daß verlagswesentliche Funktionen und Programme nicht im sogenannten "Standard" inbegriffen sind. Die nichteinheitliche Verwendung des Begriffes "Standard" empfiehlt entsprechende Aufmerksamkeit, wo es um Vergleiche von Preis/Leistungsverhältnissen geht.

In Vorgesprächen über EDV-Anlagen und die zugehörigen Programme wird oft, vielleicht aus entschuldbar geringer Branchenkenntnis, zu wenig auf die organisatorischen Unterschiede, die von Verlag zu Verlag bestehen und die deshalb notwendigen Änderungen an den Programmen hingewiesen. Der Verlag, der sich für das Angebot einer "EDV-Anlage inklusive Programm" interessiert, steht aber unausweichlich vor der Frage, inwieweit seine bisherige Organisation dem Programm entspricht oder/und inwieweit das Programm auf die organisatorischen Verhältnisse des Verlags abgeändert werden müßte.

Ein Anflug von "Spar"-Programm

Die notwendigen Änderungen an der Organisation des Verlages oder an den Programmen für die betreffende EDV-Anlage können sehr umfangreich ausfallen. Dies erklärt sich leicht aus der Situation, die bei der Entwicklung des Erst-Programms bestand. Hier möchte der Programmierer einerseits den besonderen Wünschen des Auftraggebers entgegenkommen, und andererseits ist er bemüht, durch möglichst niedrige Programmierkosten überhaupt das Geschäft zu machen. Ein Anflug von "Spar"-Programm wird deshalb mit solchen Fällen immer verbunden sein. Je enger aber das Programm auf individuelle Verhältnisse zugeschnitten ist, desto mehr muß man bei der Übernahme in einen anderen Verlag mit der Notwendigkeit von Programm-Änderungen rechnen.

Über den Umfang solcher Anpassungs-Änderungen hat der "Zweit"- Verlag meistens nur die dürftigeren Anhaltspunkte. Denn die Vorlage eines Standard-Programms verleitet leicht dazu, die Systemanalyse und das Pflichtenheft, die die Basis für die Programmierung bilden, nicht mehr so gründlich zu erstellen wie für das "Erst"-Programm. Bleibt es dann nur beim Abhaken der zu bearbeitenden Positionen und Funktionen mehr oder weniger aus dem Gedächtnis, so schleichen sich leicht Unvollständigkeiten ein.

Objektive Zusammenarbeit erforderlich

Was bei Anpassungsänderungen, sei es auf seiten der Organisation des Verlages oder auf seiten des Programms, als Einzelheit und was als grundlegend anzusehen ist, kann weder der Programmierer noch der Verlag allein entscheiden, vielmehr ist die objektive Zusammenarbeit erforderlich, soll sich ein für den Verlag tragbarer Kompromiß finden. Es ist zum Beispiel unmöglich, wenn in einem sogenannten "Standard"-Programm die BAG-Liste fehlt und dann vom Verlag verlangt wird, er solle eben auf den BAG-Verkehr verzichten. Ebenso an der Praxis vorbei geht die Empfehlung, die Honorarkonditionen in den Autorenverträgen auf die Möglichkeiten hin abzuändern die ein ursprünglich vielleicht für einen Formularverlag entwickeltes Programm bietet.

Bei Standard-Programmen für das Zeitschriftengeschäft ist danach zu fragen, ob der optimierte Ausdruck der Aufkleber, Versandzettel und Auflieferungslisten schon so enthalten ist, wie es die Postvorschriften verlangen. Ohne diese Optimierung ist ein Zeitschriften-Programmpaket als überholt und unvollständig anzusehen.

Es mag als Kleinigkeit erscheinen dürfte aber eben deshalb erst recht bei Standard-Programmen gar nicht mehr vorkommen, daß die Anordnung der Positionen auf den Fakturen nicht dem vom Börsenverein herausgegebenen Standard entsprechen. Die Abweichungen davon erschweren nicht nur die Bearbeitung beim Kunden, sondern sind oft auch für den Verlag nicht von Vorteil. Die Abweichungen lassen sich in aller Regel vermeiden, wenn der Verlag dem Programmierer rechtzeitig ein Einteilungsmuster der Standardfaktur gibt.

Nachdem die Programme auch gegenwärtig noch weitgehend systemgebunden sind und sich die Systeme relativ rasch weiterentwickeln, kann ein sog. "Standard"-Programm bereits technisch überaltert sein, wenn es zu einem wiederholten Verkauf angeboten wird. Es sei hier nur auf den Begriff "Dialog-Verkehr" verwiesen.

Mit einer Bereinigung der Konditionen und der organisatorischen Einzelheiten in gewissem Umfang wird man in Verbindung mit der Umstellung auf EDV und in Verbindung mit der dafür geplanten Programmierung immer rechnen müssen. Im Prinzip sollte sich aber ein EDV-Programm an die organisatorischen und wirtschaftlichen Grundlagen des Verlages halten. Umgekehrt, würde sich der Verlag den Möglichkeiten eines zu eng und branchenfremd angelegten Programms anpassen, könnte er in Gefahr laufen, seinen Markt zu verlieren, sowohl auf der Kunden- wie auf er Autorenseite.

Ei großer Teil der bisher vorliegenden Standard-Programmpakete für kleinere Vollfunktionen-EDV-Anlagen hat, soweit es um die Verlage geht, noch viel Selbstgestricktes an sich. Darüber werden nicht zuletzt auch die Mitarbeiter in Verlag und Sortimentsbuchhandel erstaunt sein, die seit über 15 Jahren mit EDV erstellte Fakturen. Kontoauszüge und eventuell auch Absatzstatistiken zu Gesicht bekommen. An den Rückgriff auf die Pflichtenhefte, anderweitigen Unterlagen und langjährigen Erfahrungen, über die die Kerngruppe der mit EDV arbeitenden Verlage verfügt, scheinen die Programmierer der Standard-Pakete noch zu wenig gedacht zu haben. Wenn sie sich diesen vorhandenen Erfahrungsschatz für ihre Standardprogramme zunutze machen, kann der Markt für kleine Vollfunktionen-EDV-Anlagen allein durch diese Kleinigkeit von Service rasch noch größer werden.