Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

29.05.1992

"Verluste machen, das geht auch bei uns nicht"

Am Rande einer von der Software AG, Darmstadt, veranstalteten "Executive Conference" sprach CW-Redakteurin Karin Quack mit dem Vorstandsmitglied Peter Pagé.

CW: In jüngster Zeit wirbt die Software AG intensiv für das objektorientierte Paradigma. Hier in der Konferenz gaben Sie dem Auditorium den Rat: Don't look for another silver bullet! Inwieweit gilt diese Warnung auch für die Objektorientierung?

Pagé: Ich habe dieses Statement genau deswegen gemacht, um zu vermeiden, daß sich nun alle in die Objektorientierung flüchten und meinen, das wäre die endgültige Lösung. Objektorientierung ist wichtig und wird uns sicher einen Schritt weiter bringen Aber sie ist sicher nicht die Lösung aller Probleme

CW: Was raten Sie einem Unternehmen, das auf diesem Weg einen Schritt weiter kommen will, aber Rücksicht auf eine installierte Basis nehmen muß?

Pagé: Man muß einfach anfangen, objektorientiert zu denken Wichtig ist zunächst ein anderes Verständnis von der Strukturierung einer Lösung und nicht so sehr das Werkzeug. Wenn Sie heute beispielsweise C + + von Borland kaufen, dann wird es Ihnen nicht gelingen, mit vernünftigem Aufwand eine kommerzielle Anwendung zu schreiben.

CW: Also was ist konkret zu tun?

Pagé: Man muß zunächst seine Leute schulen.

CW: Und worauf?

Pagé: Darauf, ein Objekt synoptisch, also gleichzeitig in seiner Datenbeschreibung und in seiner Funktionalität, zu sehen, und darauf, die Schnittstellen heute schon so zu gestalten, daß sie in Zukunft mit neuen Systemen koppelbar sind, die dann eventuell auch mit objektorientierten Werkzeugen implementiert werden Leider gibt es noch keine definierten Methoden, die das wirklich unterstützen. Insofern ist die Schulung etwas schwierig.

CW: Software-Engineering heißt für große Teile der Branche mittlerweile AD/Cycle. Die CASE-Anbieter haben sich gegenseitig mit Commitments zum IBM-Repository überboten. Sie waren da eher zurückhaltend ...

Pagé: Wir waren halt weise! Im Ernst: Wenn es das Repository gibt, werden wir es auch unterstützen. Aber die Voraussetzung ist, daß das erst einmal existiert Wir haben schon früh gesehen, daß daraus wohl nichts wird.

CW: Es gibt aber doch ein Produkt, das Repository Manager MVS heißt und bereits bei einer Handvoll Kunden läuft!

Pagé: Ja, aber eine Reihe von denen hat es schon wieder zurückgegeben, wie ich der Presse entnehmen konnte. Tut mir leid, aber das ist doch kein Produkt, jedenfalls kein wesentliches, auf das wir uns einzustellen hätten!

CW: Während der Umsatzanteil, den Sie mit Predict CASE generieren, im vergangenen Jahr um anderthalb Prozentpunkte gefallen ist (von 16,5 Prozent 1990 auf 14 Prozent 1991, d. Red.), nahm der Adabas-Anteil an Ihren Einnahmen wieder zu (von 30,6 Prozent 1990 auf 34 Prozent im Jahr 1991, d. Red.). Woran liegt das?

Pagé: Mehrere unserer Kunden. haben uns gesagt, sie hätten zwar eine strategische Entscheidung (für DB2, d. Red.) getroffen; aber um in einem vernünftigen Zeitraum etwas zu erreichen, wollen sie erst einmal mit Adabas arbeiten. Diese Leute argumentieren eben nicht relational, sondern rational. Sie sagen, DB2 ist zu teuer, zu langsam und zu umständlich. Daraus resultierten einige große Installationen, die wiederum dazu geführt haben, daß der Umsatz gestiegen ist. Nun erwarten wir allerdings nicht, daß plötzlich ein ungeheures Wachstum für Adabas eintritt, sondern daß Adabas noch für geraume Zeit einen stabilen Beitrag zu unserem Umsatz leisten wird - auch wenn der Mainframe-Umsatz insgesamt sinkt.

CW: Die haben kürzlich das Datenbank-Management-System DDB4 von SNI erworben. Es kursieren Gerüchte, wonach Sie um dieses Produkt mit der SAP AG konkurriert haben. Inwieweit entspricht das der Realität?

Pagé: Die SAP hat sich das Produkt zu einer früheren Zeit auch einmal angeschaut, es aber aufgegeben, weil es ihr zu finanziellen Konditionen angeboten wurde, die letztlich nicht gerechtfertigt waren. Das war bei uns anders; da hat es sich halt gerechnet.

CW: Wozu braucht die Software AG eigentlich DDB4?

Pagé: Wir haben die Zeit der relationalen Datenbanken nun einmal nicht als "relationaler" Anbieter im eigentlichen Sinn erlebt. Diesem Argument können wir nun begegnen, indem wir sagen: Na schön, wir haben auch ein solches Produkt, wenn Bedarf dafür besteht, können wir auch mit den Kriterien der reinen Relationalität dienen - obschon die nur sehr schwer zu fassen sind.

CW: Ich erinnere mich, daß Sie vor etwa zwei Jahren noch gesagt haben die relationale Theorie sei ein Holzweg.

Pagé: Das stimmt. Faktum ist je doch, daß diese Diskussion im Markt so geführt wird, wie ich es angedeutet habe. Und wir haben das (die Akquisition von DDB4, d. Red.) gemacht, um bei dieser Diskussion mitreden zu können, solange sie noch in dieser Weise geführt wird. Aber es ist richtig: In spätestens drei Jahren wird relational irrelevant sein. Eigentlich ist es das schon heute. Herr Codd hat zwar noch irgendwelche 300 und wer weiß wie viele Regeln aufgestellt, aber wen interessiert das noch?

CW: Einige dieser Regeln weisen offenbar in Richtung Objektorientierung ...

Pagé: ... Das gilt aber nicht! Das darf der nicht. Man kann doch nicht ein Dogma in die Welt stellen und nachher sagen: So ernst habe ich das nicht gemeint.

CW: Das tun andere auch. Ed Yourdon beispielsweise hat die Kehrtwendung von der strukturierten Analyse zur objektorientierten Analyse gemacht.

Pagé: Der darf das. Der hat sich nämlich nicht hingestellt und behauptet, er habe den Stein der Weisen gefunden, wie Codd es getan hat.

CW: Auch die Software AG ist nicht immer konsequent. Beispielsweise haben Sie vor drei Jahren OS/2 zur Basis ihrer Workstation-Produkte erklärt. Heute steht MS-Windows für Sie an erster Stelle. Was hat diesen Sinneswandel bewirkt?

Pagé: Damals hat Microsoft OS/2 noch mitgetragen. Aber jetzt ist festzustellen, daß der Schritt, den man sich mit OS/2 vorgenommen hatte, ganz einfach zu groß war und die Kunden zurückgelassen hat. Man hat OS/2 als etwas so Bombastisches, Strategisches und Gigantisches positioniert, daß die Kunden gesagt haben: Ach, wissen Sie, lassen S mir doch meine Ruhe, ich habe da eigentlich gar kein Problem. Mit Windows ist man anders vorgegangen. Da hat man gesagt: Schau'n Sie doch mal, das macht schöne Fensterchen, aber sonst bleibt alles beim alten. Windows verlangt vom Kunden kein Umdenken; OS/2 hätte das verlangt, und deshalb haben die Leute nicht mitgemacht.

CW: In letzter Zeit ist die Software AG häufig dafür kritisiert worden, daß Sie unter dem Strich kaum noch Geld verdient. Wie lange können Sie diese Situation noch verkraften?

Pagé: Wir sind überhaupt nicht gefordert, in dieser Weise Gewinne auszuweisen. Schließlich sind wir keinem Kapitalgeber verpflichtet.

CW: Und wovon bezahlen Sie das Wachstum Ihres Unternehmens?

Pagé: Die Kosten für Gehälter, Forschung und Entwicklung haben wir vorher schon abgezogen. Wenn wir Gewinne ausweisen müßten, dann würden wir das allerdings umgekehrt machen, also zuerst den Gewinn ausweisen und davon dann investieren .

CW: Aber im Kapitalismus existiert ein Unternehmen schließlich, um Profite zu machen!

Pagé: Ja eben!

CW: Wie meinen Sie das? Halten Sie nichts vom Kapitalismus?

Pagé: Doch schon, aber nicht in seiner extremen Form. Natürlich muß auch die Software AC anständige Gewinne machen, um gut leben, investieren und weiterentwickeln zu können. Unser Ziel ist aber nicht die Gewinnmaximierung, also das Gewinnmachen nur um der Gewinne willen.

CW: In die Schlagzeilen geriet die Software AG, als vor etwa zwei Jahren einige leitende Mitarbeiter das Unternehmen verließen. Was waren die Gründe dafür?

Pagé: Sie sagen, diese Mitarbeiter sind gegangen. Aber in Wirklichkeit verhielt sich das etwas anders: Auf gut deutsch gesagt, man hat sich getrennt. Es gab da einige Dinge, die so nicht weiterlaufen konnten. Beispielsweise hat der (zuvor bei der IBM beschäftigte, d. Red.) Vertriebsleiter Deutschland versucht, bei uns IBM-Methoden einzuführen.

CW: Was sind das für Methoden?

Pagé: Das ist ein Ansatz, bei dem man für das nächste Jahr auf der Basis eines hochgejubelten Umsatzes einfach so dahin plant, die Kosten entsprechend hochzieht und dann den Umsatz nicht erreicht.

CW: Das sind sicher nicht nur die Methoden der IBM.

Pagé: Mag sein, aber unsere Methoden sind das nicht. Darüber hinaus können Leute, die von der IBM kommen, nur auf der Basis einer breiten Infrastruktur - Stabsstellen und solche tollen Sachen - existieren, die sehr kostenintensiv ist.

CW: Und warum haben Sie sich von dem Mann getrennt, der für das Auslandsgeschäft verantwortlich war?

Pagé: Der hat sehr erfolgreich operiert, als es darum ging, in Europa Unternehmen zu gründen. Aber als es darum ging, diese Unternehmen auch zu führen, ist es so weit gekommen daß einige unserer europäischen Gesellschaften nicht mehr profitabel gewirtschaftet haben.

CW: Wie Sie vorhin erläutert haben, brauchen Sie doch gar keinen Profit!

Pagé: Was ich sagte, ist: Wir müssen keinen Profit ausweisen, um uns als erfolgreich darstellen zu können. Aber wir müssen doch profitabel sein, also unsere Kosten im Griff haben. Die europäischen Unternehmen haben zum Teil ganz konkret Verluste gemacht. Und das geht auch bei uns nicht.