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22.10.1993 - 

Wuerzburger Unternehmen trennt sich radikal von proprietaeren Altlasten

Vernetzte RS/6000-Workstations ersetzen die zentrale Host-DV

Bei der Mero KG erfolgte der Umstieg auf eine unternehmensgerechte Datenverarbeitung nicht durch einen langsamen Abschied von der zentralen Mainframe-DV. Kostenbetrachtungen sprachen dagegen. Radikal loesten die Wuerzburger deshalb die proprietaeren Inseln einschliesslich der beiden BS2000-Hosts ab und ersetzten die bestehende DV-Landschaft durch eine Client-Server-Architektur, die im kommerziellen Bereich auf vernetzten RS/6000-Workstations basiert.

Die Wuerzburger Mero-Firmengruppe feiert in diesem Jahr ihr 50jaehriges Jubilaeum. Um sich auf kuenftige Marktanforderungen und den haerter werdenden Wettbewerb vorzubereiten, entschloss sich die Geschaeftsleitung zur Einfuehrung einer ganzheitlichen, ablaufoptimierten Organisation und zur Rekonstruktion der Informationssysteme. Man erhoffte sich von dezentralisierten, flachen Hierarchien, einer schlanken Organisation und der Prozessorientierung mehr Kundennaehe, kurze Entscheidungswege sowie die Moeglichkeit der Aktion statt blosser Reaktion am Markt.

Mit einem radikalen Schnitt trennte sich das Unternehmen von der bisherigen IS-Landschaft, die aus einem Mainframe und mehreren inkompatiblen Systemen bestand, und realisierte ein Client-Server- Konzept. "Wir haben uns zu einer dezentralen Organisation entschlossen, deshalb musste auch die DV dezentralisiert werden", begruendet Werner Scherer, Leiter Informationslogistik der Mero- Firmengruppe, die Entscheidung zum Projektstart im Fruehjahr 1992.

Im Mittelpunkt der Mero-Produktpalette steht der weltweit bekannte, millionenfach eingesetzte Mero-Knoten, eine Erfindung des Unternehmensgruenders Max Mengeringhausen. Nach dem Konzept, mit industriell vorgefertigten Serienbauelementen wirtschaftliche Loesungen fuer den Baubereich anzubieten, und mit einer enormen Innovationskraft erschloss das Wuerzburger Unternehmen immer neue Marktsegmente. Heute gliedert sich der Konzern in zwei Unternehmen, naemlich in die Mero-Raumstruktur und die Mero-Werke. Das weltweit taetige Unternehmen mit zahlreichen Tochtergesellschaften und Niederlassungen in vielen europaeischen Staaten sowie in Australien, Japan, Malaysia, Saudi-Arabien und den USA beschaeftigt derzeit insgesamt rund 800 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz von zirka 250 Millionen Mark.

Mero - heute im Uebergang zum Grossunternehmen - ist ein typischer, gewachsener mittelstaendischer Betrieb. Gewachsen ist auch die DV- Landschaft, die sich dadurch auszeichnete, dass jeder Unternehmensbereich seine eigene Loesung aufbaute. Die kaufmaennischen Applikationen liefen auf zwei BS2000-Systemen von SNI, mehreren MX300-Rechnern sowie einem MX500-Modell mit insgesamt rund 80 Bildschirmen. Fuer den technischen Bereich waren ein VAX-6310-Computer sowie mehrere Vaxstations des Typs 3100 und 2100 unter MVS mit zirka 40 VT-Terminals im Einsatz. Dazu kamen noch zehn bis 15 Sun-Workstations fuer die CAD-Anwendung, einige PCs, eine Nixdorf 8870- und eine Nixdorf 8840-Anlage mit Comet- Software sowie ein Taylorix-System. Die Werbeabteilung nutzte zudem einen Mac-Rechner.

Die Mehrzahl der Systeme hatte untereinander keine Verbindung. Es gab zwar Software-Schnittstellen innerhalb der Fibu, der Kostenrechnung und der Anlagenbuchhaltung sowie teilweise zur Materialwirtschaft, aber die wichtige Verbindung zwischen Vertrieb, Materialwirtschaft, Abwicklung und Einkauf existierte nicht. Diese mangelhafte Integration brachte nicht nur einen enormen Aufwand durch Doppeleingaben mit sich, sondern es konnten auch keine elektronische Fertigungsplanung oder Materialbedarfsmeldung realisiert werden.

Nach eingehender Analyse kamen Scherer und der von Mero beauftragte Unternehmensberater Peter Merkel zu dem Schluss, dass die Ausgaben fuer Integration und Betrieb der bestehenden Systeme deutlich hoeher lagen als die fuer einen radikalen Schnitt, also den Aufbau einer voellig neuen DV-Architektur. "Hinzu kam", so IS- Leiter Scherer, "dass eine zentrale Mainframe-Umgebung nicht den Anforderungen unserer dezentralen Organisationsstruktur entsprochen haette."

Zusammen mit Unternehmensberater Merkel wurden die auf dem Markt befindlichen Unix-Systeme daraufhin untersucht, inwieweit sie sich fuer die Bewaeltigung der komplexen Anforderungen eigneten. Dabei konzentrierte sich die IS-Leitung zunaechst auf die Geraete von Herstellern, deren Rechner bei Mero bereits im Einsatz waren. Waehrend eines von der IBM angebotenen Seminars "AIX Marketing- Class" erkannte Berater Merkel jedoch, dass neben den bereits verwendeten Sun-Workstations auch die auf dem IBM-Unix-Derivat AIX basierenden RS/6000-Workstations den bei Mero formulierten Anforderungen entsprachen. So fiel bei Mero schliesslich die Entscheidung, nur noch die Unix-Rechner der IBM fuer das kommerzielle Rightsizing zu verwenden. Die vorhandenen Sun- Workstations werden weiterhin fuer die CAD-Anwendungen eingesetzt. Viel Zeit nahmen sich Scherer und Merkel fuer die Auswahl der Software. So wurden allein fuer die Auftragsabwicklung 112 Produktionsplanungs- und Steuerungssysteme auf Mero-Tauglichkeit untersucht.

Das Rennen machte schliesslich "Race-PPS", das den DV-Spezialisten flexibel genug erschien, um neben der Einzel- beziehungsweise Variantenfertigung auch die Kleinserienbereiche abzudecken. Bei der Administrationssoftware entschied sich Mero fuer das Paket von Orga-Ratio, Loehne und Gehaelter werden kuenftig mit "Fixlohn" von CSS bearbeitet, und fuer die Personalzeiterfassung waehlte das Unternehmen "U-Zeit" von Kolb und Zellner. Eine sinnvolle Koordination der Lieferanten war den Wuerzburgern jedoch wichtig. Deshalb entschloss sich das Unternehmen, auch die Programme anderer Hersteller direkt ueber die IBM zu beziehen. Hierzu zaehlen in erster Linie die DB-Software "Informix" und die BK-Software "Uniplex".

Das heutige IS-Konzept setzt voraus, dass der Mitarbeiter alle Informationen, die er fuer seine Arbeit benoetigt, von seinem Arbeitsplatzcomputer abrufen kann. Um die Dezentralisierung sinnvoll zu realisieren, wurde das Gesamtsystem in funktions- und datenautarke Subnetze aufgeteilt, deren Verbindung im wesentlichen als Waehlverbindung im ISDN-Netz erfolgt. Das Prinzip der Dezentralisierung erstreckt sich dabei ueber die gesamte Netzstruktur, das heisst, die Subnetze unterteilen sich wiederum in Subnetze, die helfen, den Netzverkehr zu regulieren.

Ein Beispiel: Es gibt im Produktbereichsnetz "D", also Doppelboden, drei Subnetze, und zwar das Vertriebs- und das Abwicklungsnetz sowie das Netz von Logistik und Montage. Auf dem Vertriebs-Server liegen in einer Datenbank alle Daten, die der Vertrieb benoetigt, etwa Debitoren, Angebote, Preiskalkulation, Verkaufsartikel, kurz: der Vertriebsstamm.

In der Datenbank der Auftragsabwicklung befinden sich alle technischen Artikel, Stuecklisten, sowohl auftragsspezifische wie auch Stammstuecklisten. Im Logistikbereich sind wiederum alle Fertigungsdaten und fuer die Materialwirtschaft relevanten Informationen hinterlegt.

Durch diese starke Dezentralisierung wird entsprechend der Mero- Philosophie Kompetenz und Verantwortung auf jeden einzelnen Arbeitsplatz uebertragen. Zu den komplexesten Aufgaben waehrend der Realisierungsphase zaehlte die Administration des Netzes und der Systeme. Gemeinsam mit der IBM wurde ein Konzept fuer den gesamten Bereich des Netz-Monitorings und Netz-Managements eingefuehrt.

Zur Steuerung des weltweiten heterogenen Unix-Netzes kommt "Systemview/6000" von der IBM zum Einsatz. Ausserdem wird das Distributed Computing Environment (DCE) der Open Software Foundation (OSF) in einem heterogenen Unix-Netz erstmals in Deutschland in grossem Umfang eingesetzt. Bis Ende 1992 waren neben den Sun- und DEC-Workstations zirka 30 IBM-RS/6000-Workstations verschiedener Groesse installiert, wobei das Mero-Netz im Endausbau weltweit ueber insgesamt rund 300 Workstations verfuegen wird.

Fuer die Mero-Geschaeftsleitung war von vornherein klar, dass erst hohe Kosten auf das Unternehmen zukommen, bevor Einsparungen sichtbar werden. Doch im Hinblick auf die Flexibilitaet und die realisierten Rationalisierungseffekte brachte die dezentrale Organisation schon bald Verbesserungen. Scherer: "Die Vorteile und der Nutzen unserer neuen Organisation und IS-Loesung dokumentieren sich am eindrucksvollsten in der gesamten Auftragsabwicklung." Langfristig verspricht sich Mero insbesondere durch den Wegfall der Zentralrechner-Loesung eine erhebliche Reduzierung der DV- Kosten. Die Mainframes sind nicht mehr in Betrieb und sollen Anfang 1994 ganz aus dem Haus.

All diese positiven Erfahrungen moechte Mero weitergeben: So ist geplant, den Bereich Informationslogistik auszugliedern, damit die in diesem Konzept gewonnenen Erfahrungen auch anderen mittelstaendischen Unternehmen angeboten werden koennen. IS-Experte Scherer: "Ich denke, dass wir gerade im organisatorischen Bereich zahlreiche Verbesserungspotentiale ausschoepfen koennen."