Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

22.03.1985

Verpaßt die Wirtschaftsinformatik-Forschung den Anschluß?

Prof. Dr. Joachim Griese Direktor der Universität Bern am Institut für Wirtschaftsinformatik, Bern

Aufbruchstimmung macht sich breit. Spitzenvertreter der Industrie sind gerade dabei, festzustellen, daß es den von Skeptikern diagnostizierten Rückstand in der Informationstechnologie nicht gibt; im Gegenteil - das High-Tech-Land Bundesrepublik Deutschland sei in voller Fahrt. Tatsächlich lassen sich an der steigenden Zahl von Existenzgründungen, an Technologieparks, die aus dem Boden gestampft werden, und anderen Merkmalen Anzeichen für eine Wende ablesen. Wie aber steht es dabei mit der Hochschulforschung? Kann sie auch bei uns die aus den USA bekannte Katalysator- und Multiplikationsfunktion in der informationstechnologischen Entwicklung ausüben? Sicherlich läßt sich diese Frage nur ungenau und allgemein beantworten; ich möchte sie deshalb auf den Bereich der Wirtschaftsinformatik einengen.

Die Wirtschaftsinformatik befaßt sich mit der Gestaltung computergestützter Informationssysteme in privaten und öffentlichen Unternehmen. Sie ist als Wissensdisziplin an über 20 Hochschulen in der Bundesrepublik Deutschland eingerichtet und damit die wohl am stärksten vertretene Richtung angewandter Informatik. Also kann die Wirtschaftsinformatik dem informationstechnologischen Aufbruch Impulse verleihen? Ist sie in der Lage, eine Katalysator- und Multiplikationsfunktion bei der Erforschung und Entwicklung computergestützter Informationssysteme zu spielen? Gerade hier sind erste Zweifel angebracht. Damit nun nicht der Eindruck entsteht, daß ich die Qualität meiner Fachkollegen in Frage stelle, ist eine etwas ausführlichere Begründung notwendig.

Da sind zunächst einmal die Rahmenbedingungen, die eine deutsche Hochschule heute bietet: Teilweise ausrufende Aufgaben in der Lehre, die Verirrungen akademischer Selbstverwaltung sowie die manche Hochschulen erstikkende Bürokratie. Hierzu ein Beispiel: Der während meiner Tätigkeit an der Universität Dortmund 1978 beantragte Wirtschaftsinformatikrechner ist Ende 1984 bewilligt worden und wird jetzt installiert - der Lehrstuhl ist jedoch seit 1983 nicht mehr besetzt.

Zur Hochschulbürokratie gehört auch die Regelung von Forschungs- und Entwicklungskooperationen mit der Prexis in Form von "Nebentätigkeitsverordnungen". Wer trotz Überlastungen in der Lehre und frustrationsreicher akademischer Selbstverwaltung immer noch Eigeninitiativen in dieser Richtung entwikkelt, dem raubt spätestens die Nebentätigkeitsverordnung den letzten Nerv. Nun ist das Hochschulrahmengesetz gerade in diesen Punkten Ende 1984 verändert worden, was Hoffnung aufkommen läßt.

Wenn man aber sieht, mit welchen Winkelzügen einzelne Bundesländer gesetzliche Anpassungen zeitlich hinauszögern (beispielsweise Nordrhein-Westfalen die Differenzierung der Professorenämter laut Beschluß des Bundesverfassungsgerichts vom Oktober 1982), so ist eher Skepsis angebracht.

Unter den obenerwähnten Rahmenbedingungen leiden die Hochschullehrer aller Disziplinen, Unterschiede sind nur von Bundesland zu Bundesland gegeben. Es kommt aber noch eine Besonderheit für die Wirtschaftsinformatik hinzu: Sie ist an deutschen Hochschulen überwiegend als eigene organisatorische Einheit (zum Beispiel als Fakultät

oder Fachbereich) eingerichtet und hat damit die an sachlichen Notwendigkeiten orientierten Bedürfnisse (Personal, Räume, Sachausstattungen) formulieren können. Die Wirtschaftsinformatik ist dagegen als "Einzelveranstaltung" in wirtschaftswissenschaftliche

Einheiten eingegliedert. Ihre Bedürfnisse werden nicht zwingend an sachlichen Notwendigkeiten, sondern an dem Prinzip der Gleichverteilung ausgerichtet. Und da in den wirtschaftswissenschaftlichen Einheiten viele Papier- und Bleistift-Disziplinen angesiedelt sind, bleibt meist nicht viel übrig. Hierzu ein weiteres Beispiel: Die mir an der Universität Dortmund pro Jahr zugewiesenen Sachmittel reichten gerade, das Druckerpapier von Januar bis März zu bezahlen.

Als Ergebnis ist festzustellen, daß heute jeder fünfte Wirtschaftsinformatiklehrstuhl an deutschen Hochschulen unbesetzt (unbesetzbar?) ist. Es ist kaum Hochschullehrernachwuchs vorhanden, und viele Mitarbeiter wandern in attraktivere Industriepositionen ab. Nur wenige Fachkollegen sind in der Lage, Forschung und Entwicklung in einem für die Wirtschaftsinformatik adäquaten Stil (das heißt, in Kooperation mit der Praxis) zu betreiben. Dabei fallen mir nur zwei oder drei Universitäten ein, an denen größere leistungsfähige Einheiten dafür gebildet wurden (so das Bifoa-Institut an der Universität zu Köln). Das 1984 begonnene DFG-Forschungsprogramm ist ein hoffnungsvoller Ansatz, denn eine Verstärkung erscheint mir dringend notwendig.

Dabei ist die Herausforderung zur Forschungskooperation zwischen Hochschule und Praxis auf dem Gebiet der Wirtschaftsinformatik größer als jemals zuvor. Es seien nur Stichworte wie Integration von Daten, Text und Kommunikation (demnächst Bild und Sprache) in Informationssystemen, weiterhin Expertensysteme für betriebswirtschaftliche Anwendungen, Workstationskonzepte für Manager, Konzepte des Information-Resource-Management oder Büroautomation und -kommunikation genannt. Die Wirtschaftsinformatik muß diese "Innovationssprünge" in der Forschung bewältigen, sonst läuft sie Gefahr, hinter der Praxis zurückzufallen und ihr im internationalen Vergleich nachzuhinken. Nach meiner Einschätzung ist die Bereitschaft der Praxis zur Kooperation groß. Denn die an den Hochschulen (im Gegensatz zu Großforschungseinrichtungen) vorhandene Einheit von Forschung und Lehre hat den Vorteil, daß Studenten, die an Kooperationsprojekten mitarbeiten, sich noch besser für die Praxis qualifizieren. Und qualifizierte Mitarbeiter sind in der Praxis rar.

Joachim Griese