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04.02.2000 - 

IT in Versicherungen/Kölner Pensions-Sicherungs-Verein ging seinen eigenen Weg

Versicherer unterstützt seine Abläufe mit maßgeschneiderter IT

Die Diskussion Standard- versus Individualsoftware schien bereits zugunsten der Ersteren entschieden. Doch hat der Ruf nach Branchenlösungen die Kritik an den Systemen von der Stange wiederbelebt: Trotz aller Anstrengungen der großen Softwareschmieden, die Monolithen in flexiblere Bausteine aufzubrechen, warten Anwender nach wie vor auf betriebswirtschaftliche Standardangebote, mit denen sie ihre Geschäftsabläufe präzise abbilden können. Martin Loosen* beschreibt den individuellen Weg des Pensions-Sicherungs-Vereins (PSVaG), Köln.

Der Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit wollte nicht länger warten und ging einen ganz eigenen Weg: Man ersetzte das Host-System durch eine selbst entwickelte Client-Server-Lösung. Aufgabe war es, die durch den PSVaG getragene Lösung zur Insolvenzsicherung der betrieblichen Altersversorgung, eins zu eins durch maßgeschneiderte Informationstechnologie zu unterstützen. Möglich wurde dies durch objektorientierte Konzepte wie Frameworks und Componentware, die die besonderen Vorzüge von Individualsoftware mit dem hohen Mehrwert eines standardisierten Entwicklungsprozesses verbinden.

Anfang der 90er Jahre sah der PSVaG die Zeit für eine grundlegende Erneuerung seiner IT gekommen: Durch den sprunghaften Anstieg des Insolvenzaufkommens stieß der traditionell organisierte Batch-Betrieb schnell an seine Grenzen.

Der hohe Arbeitsaufwand und die geringe Flexibilität der damaligen Mainframe-Lösung machte es den Mitarbeitern immer schwerer, ihre Aufgaben zügig und termingerecht zu erledigen.

Als 1994 klar wurde, dass das alte System auch nicht Y2K-fähig war, fiel die Entscheidung für ein völlig neues IT-Rückgrat. Neue, dialogorientierte Technologien sollten es den Mitarbeitern erlauben, kreativer zu arbeiten und produktiver zu werden. Gesucht wurde deshalb eine offene Lösung, in der sich aktuelle wie zukünftige Geschäftsabläufe abbilden lassen.

Betriebswirtschaftliche Standardanwendungen kamen nicht in Betracht, weil sie in der Regel gerade in der Versicherungswirtschaft zu umfangreichem Customizing führen.

Dabei bringen die Anpassungen nicht nur hohe Kosten und lange Projektzeiten, sondern auch viel Komplexität mit sich: Letztlich entstehen Anwendungen, die sich in ihrer Individualität nur noch dadurch von Eigenentwicklungen unterscheiden, dass sie zahlreiche Funktionen im Gepäck haben, die der Anwender in der Regel gar nicht braucht.

Der PSVaG setzte stattdessen auf ein maßgeschneidertes Konzept. Einführungszeiten und Entwicklungskosten von Individualsoftware sind zwar nicht minder hoch. Doch es entstehen schlanke IT-Systeme, die den Anforderungen der Anwender entsprechen und nicht anders herum. Somit lassen sich Abläufe unabhängig von der Software gestalten, um anschließend von ihr prozessorientiert unterstützt zu werden.

Hier ist es entscheidend, Lösungen zu entwickeln, die der Standardsoftware in puncto Zuverlässigkeit, Wartbarkeit und Zukunftssicherheit ebenbürtig sind. Das war nicht immer so. Allzu häufig glichen selbst gestrickte Programme Kunstwerken, deren Gesetze sich Außenstehenden kaum mehr erschlossen. Deshalb legte der PSVaG von Anfang an großen Wert auf standardisierte und sorgfältig dokumentierte Entwicklungsprozesse. Im Projektalltag ist dazu jedoch ein Kurswechsel in der vorherrschenden Entwicklerkultur notwendig: Genauso wie Architekten oder Bauingenieure zahlreiche Normen beachten, müssen auch Softwareentwickler im Standard arbeiten, wie ihn die Objektorientierung zum Beispiel anhand von Frameworks und Componentware bietet.

Der Prototyp förderte die Akzeptanz

Da das anspruchsvolle Projekt von der damals vierköpfigen DV-Abteilung nicht allein bewältigt werden konnte, machte sich der PSVaG Mitte 1994 auf die Suche nach einem externen Partner. In die Wahl kamen regionale IT-Unternehmensberatungen mit Implementierungs-Know-how, die zur eigenen Größe passten. Den Zuschlag erhielt die Collogia Unternehmensberatung, Köln, die aus der Präsentation der Vorstudien als Sieger hervorging.

Das Projekt begann mit einem Prototyp. Dessen Aufgabe darin bestand, den Fachabteilungen das zukünftige System vorzustellen. Der Prototyp trug entscheidend dazu bei, die Akzeptanz für den Systemwechsel zu fördern.

Das eigentliche Projekt lief zweigleisig, da die Systeme zum Handling der Insolvenzen und zur Verwaltung der Mitglieder unabhängig voneinander entwickelt wurden. Grund: Beide Anwendungen haben kaum inhaltliche Berührungspunkte und nur wenige gemeinsame Daten. Denn während die Mitgliederverwaltung die rund 40 000 beitragspflichtigen Unternehmen per Umlageverfahren an den Schadensfällen beteiligt, hat es der Insolvenzbereich mit den Firmen zu tun, die insolvent sind und deshalb die Zusagen ihrer betrieblichen Altersversorgung nicht mehr erfüllen können. Hier besteht die Aufgabe darin, den momentanen Betriebsrentnern eine Fortsetzung der Rentenzahlungen zu gewährleisten und die Anwärter mit ihren Ansprüchen zu erfassen.

Das Team bestand im Schnitt aus sieben externen und vier internen Mitarbeitern. Hinzu kamen vier bis sechs Mitarbeiter der Fachabteilungen, die jede Programmänderung konstruktiv testeten. Somit verlief die gesamte Entwicklung in iterativen Zyklen unter enger Beteiligung der Endanwender. Die Zyklen stellten sicher, dass die fertig gestellten Anwendungen zum Unternehmen passten, auch wenn das ursprüngliche Design bereits länger zurücklag.

Nach einem halben Jahr erkannte die Projektleitung, dass der veranschlagte Kostenrahmen nicht einzuhalten war. So stellte sich unter anderem heraus, dass die Topologie des damaligen Bürogebäudes eine Vernetzung nicht wirtschaftlich vertretbar zuließ, sodass eine Verlagerung des Standorts beschlossen wurde. Für ein Unternehmen wie den Pensions-Sicherungs-Verein, der satzungsgemäß keine Gewinne erwirtschaften darf, war dies keine leichte Entscheidung. Deshalb wurde sorgfältig geprüft, ob die Kostensteigerungen unvermeidlich waren und ob es eventuell Alternativen zum Projekt gab. Erneut kam der PSVaG zu dem Ergebnis, dass die Vorteile einer Individualsoftware die hohen Kosten rechtfertigten, und entschied, das Projekt fortzusetzen.

Mitte 1997 ging die erste Stufe des Mitgliedersystems live. Abgedeckt wurden dabei zunächst nur die Grundfunktionen, was etwa 50 Prozent der gesamten Anwendung entsprach. Einige Teile wurden bewusst ausgespart, damit die Erfahrungen des Echtbetriebs in die weitere Entwicklung eingehen konnten. Dies galt insbesondere für das Rechnungswesen. Hier hatten die Mitarbeiter die Gelegenheit, aus ihrer täglichen Arbeit zusätzliche Ideen in das Projekt einzubringen. Aufgrund der objektorientierten Methodik konnten die zusätzlichen Funktionen als Komponenten an das bereits lauffähige Grundsystem andocken. Währenddessen lief die gesamte Anwendung von Anfang an stabil: Insgesamt gab es seit der Einführung der ersten Stufe weniger als einen halben Tag Ausfall.

Parallel zur Mitgliederverwaltung wurde das Dialogsystem für die Bearbeitung der Insolvenzen beziehungsweise der Versorgungsfälle vorangetrieben und im November 1998 im Big-Bang-Verfahren eingeführt. Diese zweite Einführung umfasste bereits 85 Prozent der Funktionen, da die meisten Features hier, anders als beim Mitgliedersystem, schon innerhalb der ersten Wochen gebraucht wurden. Auch diesmal wurde das Tagesgeschäft durch den Systemwechsel nicht beeinträchtigt: Die Unterbrechung der Produktion war so kurz, dass sie den üblichen Jahresschwankungen entsprach.

Zahl der Insolvenzen stark gestiegen

Das neue System hat die Erwartungen des PSVaG erfüllt. Die übergeordneten Produktivitätsziele wurden erreicht. So mussten keine zusätzlichen Mitarbeiter eingestellt werden, obwohl die Zahl der Insolvenzen auf ein Rekordniveau stieg: Nach 158 Sicherungsfällen mit einem Schadensvolumen von 333 Millionen Mark im Jahr 1990 waren 1998 bereits 347 Insolvenzen mit einem Volumen von 758 Millionen Mark zu verzeichnen. Das Arbeitsergebnis konnte vor allem durch die neue Insolvenzanwendung deutlich gesteigert werden. Hier wurden besonders hohe Anforderungen an flexible Abläufe - jede Insolvenz unterscheidet sich von anderen - umgesetzt. Vor allem durch das dialogorientierte Vorgehen erschließen die Mitarbeiter nun Potenziale, die zu Zeiten der Batch-gestützten DV brachlagen. So erfolgt die Sachbearbeitung zeitnaher, da die Daten elektronisch von den Insolvenzverwaltern übermittelt werden und, unterstützt durch ein integriertes Workflow-System, elektronisch den Genehmigungsweg durchlaufen.

Einige Mitarbeiter bekamen inzwischen neue Aufgaben: So erhielt die DV-Abteilung immerhin drei Neuzugänge aus den Fachabteilungen. Sie bilden jetzt die Schnittstelle zwischen Fachbereichen und Entwicklungsteam. In den kommenden Jahren werden sie nach und nach auch eigenständig entwickeln. Zukünftige Aufgaben sind dabei der Aufbau eines Dokumenten-Management-Systems und die weitere flexible Unterstützung der Sachbearbeitung vor allem in der Insolvenzbearbeitung.

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Der Pensions-Sicherungs-Verein auf Gegenseitigkeit (PSVaG), Köln, ersetzte sein Batch-orientiertes Host-System (Plattform: C 40 von Siemens) durch eine selbstentwickelte Client-Server-Lösung. Dabei wurden Anwendungen für die Verwaltung der Mitglieder (20 Anwender) sowie für die Insolvenzsicherung (60 Anwender) geschaffen. Die Basis bilden eine Intel-Plattform mit Windows-NT für Clients und Server, die Office-Produkte von Microsoft, ein geswitchtes Fast Ethernet sowie eine Oracle-Datenbank mit einem Datenvolumen von 10 GB. Entwickelt wurde mit "Smalltalk" und "Coll Frame" von Collogia, einem Framework für Dialoganwendungen.

Der PSVaG

Der Pensions-Sicherungs-Verein auf Gegenseitigkeit (PSVaG), Köln, sichert seit 1975 die betriebliche Altersversorgung gegen Insolvenz. Versichert sind alle Unternehmen, die Betriebsrentner haben und/oder unverfallbare Anwartschaften bieten. Unter den 40 000 Mitgliedern ist vom Handwerksbetrieb bis zum Großkonzern das gesamte Spektrum der deutschen Wirtschaft vertreten.

Im Konkursfall übernimmt der PSVaG sowohl die aktuellen Bezüge der Betriebsrentner als auch die unverfallbaren Anwartschaften der aktiven Mitarbeiter eines Unternehmens. Als Schadensversicherer fungiert der PSVaG quasi als Clearing-Stelle, indem er sämtliche Schäden auf seine Mitglieder entsprechend ihrer Größe verteilt.

Mit 140 Mitarbeitern deckt das Unternehmen Versorgungsverpflichtungen von über 360 Milliarden Mark ab und betreut derzeit rund 280000 Rentenempfänger.

*Martin Loosen ist Leiter der Abteilung Betriebswirtschaft beim Pensions-Sicherungs-Verein in Köln.