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10.09.1999 - 

Flexible Arbeitszeitregelungen in der IT-Branche

Vertrauensvorschuß spornt zu Höchstleistungen an

Von Dagmar Sobull* Teilzeitarbeit für Fach- und Führungskräfte gilt noch immer als Karrierekiller. Doch gerade jüngere, gut ausgebildete Nachwuchskräfte wollen keine starren Arbeitszeiten mehr, damit neben der Karriere auch noch Raum für das Privatleben bleibt. IT-Firmen versuchen nun, den Mitarbeitern mit flexiblen Arbeitszeitmodellen entgegenzukommen.

"Wer Teilzeit arbeitet, will eigentlich gar keine Karriere machen", zitiert Professor Michel Domsch vom Institut für Personalwesen und Internationales Management der Universität der Bundeswehr in Hamburg ein gängiges Vorurteil. Vor allem bei ehrgeizigen Fach- und Führungskräften gelte eine überlange Tages- und Wochenarbeitszeit immer noch als Statussymbol, beobachtet der Projektleiter im Rahmen des Langzeitprojektes "Mobilzeit für Fach- und Führungskräfte", an dem sich bundesweit rund 100 Unternehmen beteiligen. Tatsächlich gebe es jedoch keinen vernünftigen Grund, warum sich flexible Arbeitszeiten und Karriere ausschließen sollten.

Im Gegenteil: "Lange Anwesenheitszeiten, die häufig noch als Ausweis der Unentbehrlichkeit angesehen werden, sagen zunehmend weniger über die tatsächliche Leistungsfähigkeit aus", stellt Domsch fest. Neue Formen der Arbeitsorganisation wie Telearbeit, Wegfall von Hierarchieebenen, Teamarbeit, Delegation von Verantwortung sowie die Trennung von Fach- und Führungsaufgaben erforderten bisher ungewohnte Formen der Arbeitszeitgestaltung. Zudem seien Teilzeitmitarbeiter weitaus motivierter und arbeiteten effektiver als ihre Kollegen, die zwar rund um die Uhr anwesend, aber nicht ausschließlich produktiv seien.

Kein Wunder also, daß sich flexible Arbeitszeitregelungen auf Vertrauensbasis gerade in der Computer- und Software-Industrie immer mehr durchsetzen. Schließlich sind die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter in der DV-Branche besonders hoch und die technischen Voraussetzungen für die Vernetzung der Arbeitsplätze vielfach schon vorhanden. Bei Microsoft in Unterschleißheim etwa gibt es schon lange keine festgelegten Arbeitszeiten oder gar Anwesenheitskontrollen mehr.

"Unsere Mitarbeiter können je nach Arbeitsanfall kommen und gehen, wann sie wollen", erklärt Petra Trautwein. "Die Leistungsmessung erfolgt ausschließlich über Zielvereinbarungen, und sie funktioniert."

IBM Deutschland schaffte die Stempeluhren Anfang dieses Jahres endgültig ab. Seitdem steht allen IBM-Mitarbeitern ein Zeitkorridor von 6 Uhr früh bis 20 Uhr abends zur Verfügung, um die im Arbeitsvertrag vereinbarte Stundenzahl abzuleisten. Dabei dürfen jedoch keine Überstunden anfallen. Wer mehr arbeiten möchte, kann das Modell "38 plus drei" wählen und für einen längeren Zeitraum pauschal drei Überstunden pro Woche vereinbaren.

Der Ausgleich erfolgt finanziell und in Form von zusätzlichen Urlaubstagen. Dasselbe Prinzip gilt auch für eine Reduzierung der regelmäßigen Arbeitszeit auf bis zu 19 Stunden. Eine Kontrolle der Anwesenheit findet nicht statt. Die Leistungswertung erfolgt ausschließlich über Zielvereinbarungen, die einmal pro Jahr zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten ausgehandelt und überprüft werden.

"Wir vertrauen komplett auf die individuelle Leistungsfähigkeit unserer Mitarbeiter", erläutert Personalchef Klaus Kuhnle das Prinzip der Vertrauensarbeitszeit. Starre Arbeitszeitregelungen seien völlig fehl am Platze in global agierenden Dienstleistungsunternehmen, wo vor allem Kundennähe erforderlich sei. "Das ist keine Frage der Anwesenheit im Unternehmen, sondern der Erreichbarkeit", sagt Kuhnle. Deshalb seien fast alle IBM-Mitarbeiter mit Thinkpads ausgestattet. Über Lotus Notes könnten sie sich weltweit von jedem beliebigen Ort aus ins hauseigene Intranet einwählen und auf die jeweils benötigten Daten zugreifen.

Außerdem beschäftige IBM zur Zeit rund 5000 Telearbeiter. Die Vernetzung von Arbeitsplätzen rund um den Globus habe beim Computerbauer bereits dazu geführt, daß in der Firmenzentrale längst nicht mehr für jeden Mitarbeiter ein eigener Büroraum mit Schreibtisch zur Verfügung stehe. "Die Mitarbeiter schätzen diese flexiblen Formen der Arbeit sehr", ist Kuhnle mit Blick auf die Ergebnisse einer weltweiten Befragung im eigenen Unternehmen überzeugt: "Zum einen spielt die Work-Life-Balance mit zunehmendem Leistungsdruck eine immer größere Rolle. Zum anderen wissen die Mitarbeiter selbst am besten, zu welcher Tageszeit ihre individuelle Leistungsfähigkeit am größten ist. Dieses Potential wollen wir nutzen."

Nicht nur die Mitarbeiter profitieren von flexiblen Arbeitszeitregelungen, bestätigen die Arbeitszeitforscher. Betriebswirtschaftliche Gründe wie eine bessere Anpassung an schwankende Auftragslagen, verlängerte Öffnungszeiten und sozialverträgliche Formen von Personalabbau sprechen ebenfalls dafür.

Um bis zu 20 Prozent ließe sich die Produktivität durch Job-sharing erhöhen, haben Berater von McKinsey ausgerechnet, die seit Jahren mit gutem Beispiel vorangehen. So mancher Consultant der international renommierten Unternehmensberatung steigt nach Abschluß eines Auftrags für einige Monate aus und macht sich fit für den nächsten Einsatz.

Längere Auszeiten in Form eines Sabbaticals ließen sich allerdings nur im Projektgeschäft realisieren, meint Klaus Billig, Human Resource Director Central Europe bei Lotus Development in München. Teilzeitarbeit sei zwar möglich, aber bei den Mitarbeitern nicht besonders gefragt: "Das Geschäft ist so spannend und unsere Mitarbeiter sind so engagiert, daß manche auf ihren regulären Urlaubsanspruch verzichten. Es macht einfach unheimlich Spaß am Ball zu bleiben und schon in jungen Jahren viel Verantwortung zu übernehmen."

Zeiterfassungssysteme gibt es bei dem rund 500 Mitarbeiter zählenden Software-Unternehmen nicht. "Der Job ist zu erledigen, wann und wie, das machen Mitarbeiter und Manager unter sich aus", erläutert Billig das Prinzip der Vertrauensarbeitszeit. Zudem seien fast alle Mitarbeiter mit Laptops ausgestattet und könnten ihre Arbeit bei Bedarf mobil erledigen.

Führungskräfte als Hemmschuh

Bei der Siemens AG stehen den knapp 150000 Mitarbeitern, darunter 30000 Führungskräften, seit dem Kulturwandel unter Heinrich von Pierer prinzipiell alle Möglichkeiten individueller Arbeitszeitvereinbarungen offen - von der klassischen Teilzeitarbeit über Altersteilzeit bis hin zum Sabbatical. Ziel der Teilzeitinitiative sei es, hochqualifizierte Mitarbeiter zu motivieren und im Unternehmen zu halten sowie Nachwuchskräfte zu gewinnen und Arbeitsplätze zu sichern, erklärt Personalvorstand Peter Pribilla.

Vor allem jüngere Führungskräfte legten zunehmend mehr Wert auf maßgeschneiderte Arbeitszeiten, die sich mit den privaten und familiären Bedürfnissen vereinbaren ließen, erläutert Pribilla den Wertewandel in unserer Gesellschaft: "Man ist bereit, hart zu arbeiten, möchte jedoch dann in bestimmten Phasen des Lebens auch einmal beruflich kürzertreten, sei es um eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen, sich seinen Studien zu widmen oder um einmal ein Jahr um die Welt zu segeln. Letzteres ist beispielsweise im Rahmen eines Sabbaticals möglich."

Bisher liegt die Teilzeitquote bei Siemens mit knapp sieben Prozent allerdings noch nicht sehr hoch. Lediglich 70 von insgesamt 10000 Teilzeitmitarbeitern haben sich für ein Sabbatical entschieden. Als Hemmschuh gelten zahlreiche Führungskräfte, die den mit Teilzeitarbeit verbundenen erhöhten Koordinierungsaufwand bei der Verteilung der Aufgaben scheuen. Dabei sei Teilzeitarbeit nicht zwangsläufig gleichzusetzen mit halber Wochenarbeitszeit. Lage und Anzahl der Stunden könnten individuell variabel vereinbart werden, betont Pribilla. Außerdem gebe es die Möglichkeit des Job-sharing, die viel zu wenig genutzt wird: "Das Potential ist längst noch nicht ausgeschöpft."

Klassische Teilzeitformen in einem starren Zeitkorsett seien für hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte wenig geeignet, bestätigen die Arbeitszeitexperten aus dem Mobilzeitprojekt. Die meisten der hochqualifizierten Teilzeitarbeiter entschieden sich statt dessen für eine 70- oder 80-Prozent-Regelung, erläutert Domsch: "Wenn größere Aufträge oder Messen anstehen, arbeiten sie nach wie vor rund um die Uhr, bekommen aber nur 70 oder 80 Prozent des Gehaltes. An ruhigeren Tagen bleiben die Mobilzeit-Manager dafür ganz zu Hause - ohne ein schlechtes Gewissen zu haben oder als Drückeberger zu gelten."

Bei der Nokia Telecommunications GmbH in Düsseldorf können die Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten seit Anfang dieses Jahres ebenfalls weitestgehend selbst bestimmen. Innerhalb eines Zeitkorridors von morgens 6 bis abends 22 Uhr sei jede Arbeitszeit möglich, sofern der Vorgesetzte einverstanden ist, erläutert Mark Mosmüller aus der Personalabteilung die neue Arbeitszeitregelung. Plus- oder Minusstunden werden über ein Langzeitkonto ausgeglichen. Ziel der verstärkten Flexibilisierung sei es, die Mitarbeiter zu motivieren und das Unternehmen für qualifizierte Kräfte attraktiv zu machen.

Der erste Mitarbeiter befinde sich gerade in der Ansparphase für ein geplantes Sabbatical, berichtet Mosmüller. Längere Auszeiten von mehreren Monaten müßten allerdings mit einer vierfachen Vorlaufzeit angekündigt und mit den Vorgesetzten abgesprochen werden. Denkbar wäre es auch, bereits heute Zeitguthaben für den vorgezogenen Ruhestand aufzubauen. Aber das tue in der jungen Mannschaft mit einem Durchschnittsalter von 31 Jahren bisher noch niemand, so Mosmüller: "Häufiger nehmen Mitarbeiter die Möglichkeit in Anspruch, an manchen Tagen schon mittags zu gehen oder ganz zu Hause zu bleiben, um familiäre Dinge zu regeln, und dafür an anderen Tagen länger zu bleiben, wenn in der Firma viel zu tun ist."

Das Sabbatical biete sich insbesondere für Führungskräfte an, die an ihrem Arbeitsplatz stark belastet sind und von Teilzeitmöglichkeiten mit täglicher oder wöchentlicher Verkürzung der Arbeitszeit wenig Gebrauch machen könnten, stellen Arbeitszeitexperten übereinstimmend fest. Betty Zucker, Leiterin der Abteilung Unternehmensentwicklung des Gottlieb Duttweiler Instituts für wirtschaftliche und soziale Studien in Rüschlikon bei Zürich, ist sogar davon überzeugt, daß das Sabbatjahr eines Tages zum Manager-Alltag gehören wird: "Wer über Jahre hinweg unter Hochdruck Wissen produziert ist ausgepowert. Mehrmonatige Unterbrechungen aus der Alltagsarbeit sind gerade für hoch belastete Manager wichtig, um das Potential an Kreativität und Wissen neu aufzuladen."

Mobilzeit-Modelle

Neben der herkömmlichen Teilzeitarbeit mit einer zwar verringerten, aber festen Stundenzahl pro Tag beinhaltet das Mobilzeit-Konzept eine Vielzahl von Möglichkeiten zur flexiblen Gestaltung der Arbeitszeit:

- Vollzeitnahe Teilzeit: Die Basis bilden meist sogenannte 80-Prozent-Regelungen, die sich wahlweise als Vier-Tage-Woche oder Sechs-Stunden-Tag gestalten lassen.

- Flexible Teilzeit: Je nach Arbeitsanfall und Absprache mit Kollegen und Vorgesetzten arbeiten die Mitarbeiter mehr oder weniger Wochenstunden als vertraglich vereinbart. Längerfristig werden Soll- und Habenstunden auf der Grundlage eines Arbeitszeitkontos miteinander verrechnet und meist innerhalb eines Jahres ausgeglichen. Denkbar ist auch ein Ausgleich auf Vertrauensbasis.

- Job-sharing: So nennt sich die Lösung für Arbeitsplätze, die ganztägig besetzt sein müssen. Dabei teilen sich zwei Teilzeitkräfte einen Arbeitsplatz und stimmen ihren Einsatzplan entsprechend miteinander ab. Eine Vormittags-Nachmittags-Regelung wäre ebenso denkbar wie ein wöchentlicher oder tageweiser Wechsel.

- Sabbatical: Dahinter verbirgt sich ein Langzeiturlaub von durchschnittlich drei bis sechs Monaten. Zwei gängige Modelle sind bisher im Umlauf: Entweder werden Plusstunden über mehrere Jahre auf einem Langzeitkonto angesammelt und nach entsprechend langer Ansparphase als Freizeitblock gewährt. Oder die Freistellung für das Sabatical wird über einen anteiligen Gehaltsverzicht finanziert: Der Aussteiger mit Vollzeitvertrag bekommt für einen festgelegten Zeitraum ein verringertes Jahresgehalt ausgezahlt. Dafür laufen die Bezüge inklusive Sozialversicherung auch während der wohlverdienten Auszeit weiter.

*Dagmar Sobull ist freie Journalistin in Hemmingen bei Hannover.