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11.08.1995

Verwirrung um kuenftige Strategie IBM will OS/2 offenbar wieder als Server-System positionieren

NEW YORK (IDG) - Fuer Verwirrung ueber Big Blues kuenftige OS/2- Politik sorgte IBM-Boss Louis Gerstner in der vergangenen Woche in New York. Waehrend eines Treffens mit Industrie-Analysten hat er der "New York Times" zufolge erklaert, die IBM konzentriere ihre OS/2-Bemuehungen kuenftig auf "grosse unternehmensweite, wirklich wichtige Business-Applikationen".

Zwar schwaechte der oberste IBMer in einem Brief an die Zeitung diese Aussage im nachhinein ab, blieb aber bei der Feststellung, dass der "breite Verbrauchermarkt sowie der Bereich der Einzelplatzcomputer" als sekundaer zu betrachten sei.

Gerstner stellte klar: "Ich bezog mich bei diesen Aeusserungen auf die Tatsache, dass OS/2 im Unternehmens- und kommerziellen Bereich marktfuehrend ist und unser primaeres OS/2-Ziel die Sicherung dieser Fuehrungsposition ist.

Der breite Verbrauchermarkt sowie der Bereich der Einzelplatzcomputer unter OS/2 unterliegen einem permanenten Wachstum; diese sind jedoch speziell bei unserer Konzentration auf die Entwicklung stabiler, geschaeftsbereichsorientierter Client- Server-Anwendungen fuer unseren Unternehmenskundenstamm als sekundaer zu betrachten."

Wenn Gerstner damit auch das Festhalten der IBM an OS/2 erneut deutlich macht, ist seiner Klarstellung doch ebenfalls zu entnehmen, dass er auf weitere Anstrengungen, das Betriebssystem als Alternative zu Windows 95 im Consumer-Markt zu positionieren, keinen gesteigerten Wert mehr legt.

"Gerstner muss die OS/2-Kampagne fuer die Version 2.0 vergessen haben, die IBM unter das Motto 'Ein besseres Windows als Windows' gestellt hatte", erinnert Jeff Tarter, Chefredakteur der amerikanischen Branchenpostille "Soft Letter".

Eine Rueckbesinnung auf OS/2 als Server-Betriebssystem sehen andere Analysten in Gerstners Aussage angedeutet. "IBM ist von Microsoft uebertrumpft worden", stellt Frank Dzubeck, President der Commmunications Network Architects Inc., fest. OS/2 habe seine Nische noch nicht gefunden, die wahrscheinlich im Distributed Computing liege. Tarter sieht hingegen eine Reihe von grossen Anwenderunternehmen durch den mehrmaligen Strategiewechsel verunsichert: "Viele verloren das Vertrauen, als IBM OS/2 mit Warp als Low-end-Produkt repositioniert hat."

Eine Umfrage der CW-Schwesterpublikation "Infoworld" unter 100 amerikanischen OS/2-Anwenderunternehmen ergab, dass 41 Prozent der IS-Manager neben OS/2 innerhalb der naechsten zwoelf Monate auch Windows NT einsetzen wollen. 50 Prozent geben zusaetzlich Windows 95 eine Chance. Allerdings moechten nur neun Prozent der Befragten die OS/2-Plattform gaenzlich verlassen. Weitere sieben Prozent planen, ihr Engagement fuer das IBM-Betriebssystem zurueckzuschrauben. Ihr Investment in die blaue Plattform aufstocken werden der "Infoworld"-Untersuchung zufolge 26 Prozent, 55 Prozent erhoehen ihre Ausgaben nicht.

Diese Zahlen lassen darauf schliessen, dass IBMs Versuch, vor der Auslieferung von Windows 95 signifikant mehr Anwender fuer OS/2 zu begeistern, fehlgeschlagen ist. Erhebungen des Marktforschungsunternehmens Dataquest unterstuetzen das Ergebnis der nicht repraesentativen "Infoworld"-Untersuchung. Demnach hat Big Blue trotz intensiver Marketing-Massnahmen den Marktanteil von OS/2 Warp nur um drei Prozent ausbauen koennen.

40 Prozent Anteil in True-blue-Shops

Robert Djurdjevic, Chef des Beratungshauses Annex Research, schaetzt den Marktanteil des Betriebssystems auf unter zehn Prozent. Dagegen beziffert er den OS/2-Anteil in traditionellen True-blue-Shops, die nach wie vor IBMs groesste Kunden stellen, auf 40 Prozent.

Anderen Industriebeobachtern zufolge verliert IBM allerdings im Bankensektor, bislang die treueste Klientel, an Boden. Sie schaetzen, dass 30 von 50 amerikanischen Grossbanken zwar OS/2 in ihren Haeusern einsetzen, aber Windows NT unter diesen Finanzinstituten zunehmend Anhaenger gewinnt. "Wir sind ein grosser OS/2-Kunde, aber als ich das erste Mal die Warp-Werbung mit den Nonnen gesehen habe, fragte ich mich, welche Strategie IBM verfolgt", erklaert beispielsweise der IS-Manager einer amerikanischen Bank. David Card, Analyst der International Data Corp. (IDC), prognostiziert, dass der Ausflug in den Consumer-Markt die IBM letztendlich den Server-Markt kosten werde, in dem sie sich bereits mit OS/2 etabliert hatte. "Heute regiert NT", meinte er.

Hinter Novell hat die IBM zwar im Server-Markt mit 18 Prozent den groessten Marktanteil, aber ohne die Faehigkeit, 32-Bit-Windows- Applikationen unter OS/2 zu fahren, koennte diese Basis sehr schnell erodieren. "Selbst wenn OS/2 stabiler und robuster ist, ohne Unterstuetzung von Windows-95-Software und -Hardware stellt das System keine echte Alternative dar", erklaert Brian Peabody, Chef der individuellen Datenverarbeitung von Prime Consultancy in Atlanta. "Wir sind und bleiben ein Windows-Shop", fuegt Robert Sledge hinzu, Netzwerkadministrator von Dey Labs, einem Forschungsunternehmen in Napa, Kalifornien. "Wenn Windows 95 unsere Kriterien nicht erfuellt, arbeiten wir solange mit Windows 3.x, bis NT erstklassig ist."

Keine Plaene, OS/2 einzustellen

Der sich andeutende Wechsel der OS/2-Strategie ist auch auf die Lotus-Uebernahme und die Rolle zurueckzufuehren, die "Notes" nun zugedacht ist. Die Groupware soll offenbar die Grundlage einer Integrationsstrategie sein, mit der IBM Microsoft Paroli bieten will. Dafuer spricht eine weitere Aeusserung Gerstners, die er waehrend besagten Gespraechs mit Analysten gemacht haben soll:

"Die uebermaessige Konzentration auf Betriebssysteme duerfte schon bald vorbei sein (O-Ton: "is fighting the last war"). Es kommt darauf an, wie alles miteinander verbunden wird - und da wird Lotus Notes zur kritischen Komponente." Allerdings vergass Gerstner zu erwaehnen, dass bisher nur rund zwei Millionen Anwender die Groupware benutzen. Damit hat Big Blue weitaus weniger Moeglichkeiten als Microsoft, Kunden zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Nachdem dieses Zitat in der "New York Times" erschienen war, beeilten sich die Big-Blue-Marketiers, die Aussage ihres Bosses in einer Pressemeldung ins richtige Licht zu ruecken. "Der Ausdruck 'the last war' bezieht sich auf das alte Datenverarbeitungsmodell mit Einzelplatzcomputern" - eine Konzeption, von der sich die IBM zugunsten einer neuen verabschiedet habe, die die Vorteile aus beiden, dem Host- zentrierten und dem Einzelplatz-PC-Modell, ueber netzorientierte Technologien verbinde. Gerstner, heisst es weiter, "sagte nicht, dass IBM sich aus dem Desktop-Geschaeft zurueckziehen will". Man verfolge keine Plaene, die Entwicklung von OS/2- Anwendungsprogrammen, die wesentlicher Bestandteil der Gesamtloesungen fuer Unternehmen seien, einzustellen.