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23.11.2001 - 

Anwender müssen für ausreichende Bandbreite im LAN sorgen

Videokonferenzen via IP auf dem Vormarsch

Konjunkturbedingte Sparmaßnahmen und Zweifel an der Sicherheit von Flügen kurbeln die Nachfrage nach Videokonferenzsystemen an. Dabei zeigt sich, dass trotz technischer Fortschritte altbekannte Probleme nicht völlig ausgeräumt sind. Eine grundsätzliche Wende betrifft allerdings die Wahl der Übertragungstechnik: Immer mehr Firmen setzen auf IP statt auf ISDN. CW-Bericht, Sabine Ranft

Der Markt für Videokonferenzsysteme hat schon mehrere Krisen durchlitten. Als Geburtsstunde gilt das Jahr 1964, in dem AT&T sein "Videophone" vorstellte. "Das Produkt war nie besonders erfolgreich und ist es auch heute nicht. Aber die probieren es immer noch", bescheinigt Lou Latham, Analyst bei Gartner, dem Konzern zumindest Beharrlichkeit. Insbesondere in Deutschland war das Thema nie ein Renner - der persönliche Kontakt stand hier hoch im Kurs.

Schlagartig hat sich das seit den Terroranschlägen in Washington und New York geändert. Manager scheuen geschäftliche Flugreisen und suchen nach Alternativen. Nun wittern die teils gebeutelten Hersteller von Videokonferenzsystemen (siehe Kasten "Marktverhältnisse") Morgenluft. Nach Angaben von Franz Karl, dem Vertriebsleiter Zentral Emea (Europa, Mittlerer Osten und Afrika) von Polycom in Unterföhring, sind die Kundenanfragen um 30 bis 40 Prozent gestiegen. Andere bestätigen den Trend. Ob sich die Entwicklung auch in harten (Umsatz-)Zahlen niederschlägt, wird sich allerdings erst in zwei bis drei Monaten herauskristallisieren.

Strittig bleibt auch, ob das gestiegene Interesse ein Strohfeuer bleibt oder langfristige Auswirkungen hat. Einige Hersteller argumentieren, wer die Lösungen erst einmal getestet habe, werde sich im Laufe der Zeit daran gewöhnen und sie schließlich nicht mehr missen wollen. Manche Anbieter verweisen zudem darauf, dass bei ihnen die Nachfrage schon vor den Attentaten angezogen habe - als Reaktion auf einen gesteigerten Kostendruck in den Unternehmen.

Doch es gibt auch pessimistischere Stimmen. Robert Hess, zuständig für Marketing und Qualitätssicherung bei Vidsoft in Dresden, hält den Anstieg eher für ein kurzfristiges Phänomen. Zwar gebe es eine gewachsene Nachfrage, doch die Talfahrt der Börsen wirke sich ebenso auf die wirtschaftliche Situation der Hersteller aus und könne den Nachfrageeffekt leicht wieder aufheben. Zudem hätten die Kunden nicht mehr Geld zur Verfügung. "Es wird eine kurze Umsatzsteigerung geben, die dann aber wieder abkühlt", vermutet auch Gartner-Mann Latham. Langfristig rechnet er nur mit einem geringfügig höheren Level an Verkäufen.

Wer heute nicht mehr fliegen möchte oder sich aus anderen Gründen für die Videokonferenztechnik interessiert, hat die Qual der Wahl: Es existieren vielfältige Lösungen, angefangen von Desktop-Systemen mit einer Videokamera auf dem PC bis hin zu Hoch-leistungskonferenz-Servern für bis zu 600 Teilnehmer. Deren Administration ist ungefähr so aufwändig wie die Organisation einer großen Konferenz. In solchen Fällen muss es einen Verantwortlichen geben, der für den Betrieb derartiger Systeme geschult ist. Im Gegensatz dazu lassen sich kleine Lösungen, bei denen es ausschließlich darum geht, den schnellen Ton- und Bildkontakt zu einem Gesprächspartner herzustellen, per Knopfdruck bedienen. Sie erfordern lediglich die Eingabe einer Rufnummer, mit der die Verbindung aufgebaut wird.

Unterschiede zwischen den SystemenZwischen den beiden Extremen siedeln Experten noch eine Art Mittelklasselösungen an. Es handelt sich hierbei um Gruppensysteme, die sechs bis acht Teilnehmer verbinden. Sie sind mit weniger Features ausgestattet als das Angebot der Luxusklasse, dafür gestaltet sich ihre Administration einfacher. Nach Angaben von Gabriele Nowatzyk, Manager Business Development bei Avaya, benutzen diese Systeme eine Art Fernseher als Bildschirm. Eine tragbare Box beinhaltet Hard- und Software für Netzanbindung und Administration. Unter der Bezeichnung Desktop Video Appliances gibt es ähnliche Boxen auch für Desktops. Das ist die Minimallösung, die Gartner Firmen empfiehlt, da diese Appliances wenigstens über dedizierte Kompressions- und Codierhardware verfügen. Im Gegensatz dazu eignen sich Desktops mit einer Webcam nicht für den Business-User - sie belasten den Arbeitsplatzprozessor zu stark.

Die Lösungen unterscheiden sich nicht nur in der Anzahl der maximal anzubindenden Teilnehmer, sondern auch hinsichtlich Bedienerfreundlichkeit, Qualität und Kosten. Um es vorwegzunehmen: Die Kosten steigen mit den Anforderungen in beachtliche Dimensionen. Schon ab etwa 1000 Mark sind Business-taugliche Einzelplatzlösungen zu haben. Für ein echtes Raumsystem muss man dagegen in der Regel mindestens 50000 Mark berappen. Einschließlich Endgeräten, wenn besonders viele Teilnehmer einzubinden sind oder spezielle Finessen auf dem Wunschzettel stehen, können sich die Ausgaben leicht auf mehrere 100000 Mark summieren.

Andererseits lassen sich die Investitionen unter Umständen schnell wieder hereinholen. "Auch das beste Raumsystem ist billiger als Fliegen", resümiert Latham. Der Analyst hat untersucht, ob Videokonferenzen tatsächlich dazu beitragen können, Reisekosten zu senken. Bei einer solchen Betrachtung müssen auch die Zeiten berücksichtigt werden, in denen die Mitarbeiter nicht verfügbar sind. Latham kommt zu dem Ergebnis, dass schon etwa zehn eingesparte Transatlantikflugreisen von einem Tag Dauer den Kosten für ein solides Videokonferenzsystem entsprechen. Noch billiger wäre lediglich Telefonieren. So mag in manchen Fällen auch eine Audiokonferenz eine Alternative sein. Videokonferenzen schließen quasi die Lücke zwischen Telefon und Geschäftsreise.

Technische FortschritteDas neue Kostenbewusstsein beschert auch dem reinen Data-Conferencing zunehmende Beliebtheit. Datenkonferenzen sind im weitesten Sinne vergleichbar mit Instant Messaging, wobei über den Austausch von Dokumenten hinaus deren gemeinsame Bearbeitung möglich ist - eine Funktionalität, die auch viele Videokonferenzsysteme unterstützen. Im Unterschied dazu verzichten reine Datenkonferenzen jedoch ganz auf Videoübertragung und damit die Möglichkeit, sich gegenseitig zu sehen. Latham lobt die Zuverlässigkeit und einfache Implementierung der Datenlösungen sowie ihre Effizienz beim Informationsaustausch.

Videokonferenzsysteme haben sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Bild- und Tonqualität sowie Kompressionsalgorithmen sind verbessert und die Bedienung einfacher geworden. Dennoch leiden vor allem die preiswerteren Produkte immer noch unter Qualitätsmängeln bei der Bild- und Tonübermittlung, und die Anschaffung hardwarebasierender ISDN-Systeme ist zunächst einmal teuer. Bei höheren Ansprüchen kommt man jedoch um Letztere nicht herum, denn die Bildqualität hängt vor allem von der zur Verfügung stehenden Bandbreite und vom Ausgabegerät ab.

Ansatzweise einen Ausweg aus dem Dilemma offeriert die Übertragung via IP. "IP ist der große Quantensprung in der Videokonferenztechnik", erklärt Avaya-Managerin Nowatzyk. Anders als bei der Anbindung über ISDN fallen keine Gebühren an, weil Unternehmen für das eigene IP-Netz nichts bezahlen müssen. Dank verschiedener Kompressionsverfahren reicht heute zudem eine geringere Bandbreite für die Übertragung aus.

Probleme bei Umstellung auf IPDie Umstellung auf IP bringt allerdings auch Probleme mit sich. In Ethernet-Netzen lässt sich laut Latham nicht garantieren, dass ein Paketstrom genau so ankommt, wie er gesendet wurde. Zwar existieren verschiedene Quality-of-Service-(QoS-)Mechanismen, die jedoch alle nicht sonderlich weit verbreitet sind. Aus diesem Grund rechnet Gartner erst in zwei Jahren mit einer ausreichenden Qualität von Videokonferenzen im IP-Netz. So lange bleiben Netzkonferenzen anfällig für Störungen, die sich nur teilweise durch mehr Bandbreite in den Griff bekommen lassen. Paketverluste, Kollisionen und Verzögerungen in Routern können zum Abreißen der Paketfolge, zum Verlust von Pixeln und Frames oder der Synchronität zwischen Bild und Ton führen. Daher empfiehlt Latham, für wichtige Konferenzen nach wie vor mindestens drei ISDN-Paare (384 Kbit/s) zu verwenden.

Die Entscheidung "IP oder ISDN" ist da-rüber hinaus eine Frage der vorhandenen Infrastruktur. Wer kein eigenes Netz besitzt beziehungsweise mit vielen verschiedenen Partnern kooperiert, sollte trotz der anfallenden Telefongebühren ISDN wählen. Die meisten Produkte unterstützen ohnehin beide Alternativen. Steht ein eigenes Intranet mit ausreichender Bandbreite zur Verfügung, das mehrere Standorte verbindet, wäre aus Kostengründen IP sinnvoller. Insgesamt ist ISDN derzeit immer noch vorherrschend, der Anteil nimmt jedoch langsam ab.

Gemietete Lösungen für den EinstiegDie Interoperabilität der Lösungen verschiedener Hersteller untereinander gilt als gut. Die Grundeigenschaften zumindest kann man systemübergreifend nutzen. "Es ist immer ein Bild da. Proprietäre Besonderheiten fallen teilweise weg", bestätigt Nowatzyk. Allerdings gibt es für IP-Lösungen (H.323) einen anderen Standard als für ISDN (H.320), daher muss die Kommunikation zwischen einer ISDN- und einer IP-Lösung über ein Gateway vermittelt werden.

Für Anwender, die die Kosten einer Komplettlösung scheuen, bestehen Alternativen: Sowohl Endgeräte inklusive Kamera und Mikro als auch geeignete Vermittlungsstellen lassen sich ausleihen. Beispielsweise besitzt der deutsche Service-Anbieter MVC einen Pool an Videokonferenz-Studios, die man mieten kann. Das Unternehmen kooperiert mit mehreren Techniklieferanten und bewahrt sich so eine gewisse Neutralität. MVC stellt auf Wunsch auch gemietete Konferenzsysteme in Unternehmen auf, organisiert und verwaltet Konferenzen. Firmen nutzen die Studios oft als Schnupperangebot, bevor sie sich zum Kauf des so getesteten Systems entschließen. Mit zusätzlichen Services wie Abwicklung von Videokonferenzen von A bis Z warten sonst vor allem Telcos wie Worldcom und Netz-Service-Provider auf.

Benutzer müssen das System akzeptierenAllgemein gültige Ratschläge für die Auswahl eines Videokonferenzsystems sind rar. Schließlich hängt die Entscheidung davon ab, für welchen Zweck und welche Zielgruppe das System eingesetzt werden soll. Wer auf einen spontanen Eins-zu-eins-Austausch Wert legt und gemeinsam an Dokumenten arbeiten will, wird mit einer Desktop-Lösung gut bedient sein, wobei deren eingeschränkte Skalierbarkeit hinsichtlich der Teilnehmerzahl zu berücksichtigen ist. Herrscht ein großer Gesprächsbedarf, eignet sich eine eigenständige Hardwarelösung ohnehin besser.

Das existierende Netz ist daraufhin zu prüfen, ob es eine ausreichende Bandbreite bietet und die Interoperabilität der Lösung mit existierendem Equipment gewährleistet ist. Die Möglichkeit, diverse Netze (ISDN, IP, eventuell ATM) anzuschließen, sollte vorhanden sein. Doch nicht nur technische Kriterien (siehe Kasten "Ratgeber") stehen im Vordergrund, auch "weichere" Faktoren sollten berücksichtigt werden: Die Benutzer müssen das System akzeptieren, es muss in die Kultur des Unternehmens passen.

MarktverhältnisseViele der ursprünglich am Markt vertretenen Player haben sich gegenseitig aufgekauft und firmieren unter anderem Namen. Jüngstes Beispiel ist Picturetel, das von Polycom übernommen wurde. Beide gemeinsam beherrschen laut Gartner-Analyst Lou Latham ungefähr drei Viertel des weltweit auf 800 Millionen Dollar geschätzten Marktes. An zweiter Stelle folgt der norwegische Hersteller Tandberg mit einem Anteil von 100 Millionen Dollar. Die übrigen Anbieter (wie VCON, Sony, Avaya oder Cisco) teilen sich den verbleibenden Marktanteil. CU See Me und White Pine Software haben unter der Marke First Virtual Communications ein neues Zuhause gefunden.

Ratgeber - was nicht fehlen sollte- ISDN bis 384 Kbit/s (drei ISDN-Paare);

- Unterstützung von IP und ISDN;

- Übertragung von 30 Bildern pro Sekunde;

- mindestens 7 Kilohertz Audio (G.722);

- einfache Menüführung;

- Möglichkeit zu remoten Software-Updates;

- gutes Preis-Leistungs-Verhältnis;

- Integrierbarkeit in Management-System;

- einfache Installation;

- Serviceverfügbarkeit (auch international).(Quelle: VCON)

AnwenderbeispielePricewaterhouse-Coopers setzt seit 1995 Videokonferenzlösungen von Picturetel ein. Das Beratungsunternehmen nutzt sie hauptsächlich zur innerbetrieblichen Kommunikation, mitunter für Gespräche mit Kunden und in Ausnahmefällen auch für ein Bewerbungsgespräch oder eine Schulungsmaßnahme. Nach Angaben von Heinrich-Georg Luft vom PC-Support bei Pricewaterhouse-Coopers sollen die Videozusammenkünfte in erster Linie Zeit und Geld sparen, etwa bei der Organisation internationaler Konferenzen. "Derzeit verwenden wir hauptsächlich Highend-Geräte und ISDN mit maximal 384 Kbit/s. Das garantiert eine ordentliche Qualität", erläutert Luft. "Dagegen sieht eine Verbindung mit zwei ISDN-Leitungen ein bisschen aus wie Breakdance." Am Anfang sei das System nur von der Führungsebene verwendet worden, doch der Kreis der Nutzer habe sich immer mehr ausgeweitet. Die steigende Tendenz zu Videokonferenzen in seinem Unternehmen habe jedoch nichts mit den Anschlägen vom 11. Sptember zu tun. Das Unternehmen plant aus Kostengründen einen Wechsel auf IP-basierte Videolösungen. Bandbreitenprobleme hat Luft schon ins Kalkül gezogen: "Wir haben einen großen Ring zwischen Frankfurt am Main, Düsseldorf und Hamburg. Da sind keine Übertragungsprobleme zu erwarten. Mit niedrigerer Bandbreite angebundene Standorte müssen eventuell aufgestockt werden."

Die klassischen ISDN-Systeme durch eine IP-basierende Lösung ergänzen will dagegen die Hypo-Vereinsbank. Die Wahl fiel auf das System "Tandberg 1000", das Christian Reuter, Fachberater für Performance-Management und Troubleshooting in der Münchner Bank, als handlich und innovativ beschreibt. Tests hätten ergeben, dass die Sprachweiche der Lösung gut arbeitet. Daher entstehe keine Rückkopplung, man benötige keine Kopfhörer und könne auch spontane Einwürfe gut verstehen. Das Gerät erzeugt in jede Richtung einen Datenstrom von maximal 830 Kbit/s. "Für den Einsatz von Quality-of-Service-Verfahren im LAN besteht derzeit kein Bedarf, da die benötigte Bandbreite aufgrund eines funktionierenden Kapazitäts-Managements zur Verfügung steht", betont Reuter. Im WAN werde weiter ISDN genutzt, da IP hier, verglichen mit ISDN, etwa die doppelte Bandbreite erfordern würde.

Abb: Verbreitung von IP-Lösungen bei Gruppensystemen

Noch bevorzugen viele Benutzer die bewährte ISDN-Technologie. Doch teilweise hat IP schon in die Firmen Einzug gehalten. Quelle: Wainhouse Research 2001