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28.10.1994

Viel Erfahrung gibt es noch nicht

MUENCHEN (ua) - Schlecht scheint es nicht zu sein, aber ein Geschaeft ist damit auch noch nicht zu machen, so die Meinung deutscher Softwarespezialisten ueber Windows NT. Im Detail divergieren die Einschaetzungen jedoch, wenn es um potentielle Einsatzbereiche, Marktanteile und um das Verhaeltnis zu Unix oder Windows '95 geht. Die Marktdominanz des Softwaregiganten Microsoft nehmen die Hersteller weitgehend unkritisch in Kauf.

"Windows NT hat schlichtweg keine Bedeutung, so dass wir gezielt noch keine Schulungen in diesem Bereich anbieten. Taeten wir das, wuerden wir verhungern", bewertet Christian Nesslinger, Prokurist der Informatik und Training GmbH in Radolfzell, die derzeitige Marktpraesenz des Microsoft-Betriebssystems.

"Wir haben seit der Systems 1992 Entwicklungswerkzeuge fuer NT im Angebot, doch wir haben nur minimale Stueckzahlen verkauft", fasst Andreas Kuhlmann, zustaendig fuer Vertrieb und Schulung in Sachen objektorientierte Entwicklungswerkzeuge bei PSI Aschaffenburg die Situation enttaeuscht zusammen. "Wenn es um Investitionen von Entwicklungskapazitaet im Bereich Windows NT geht, ist zumindest alles, was in unserem Blickfeld liegt, bei weitem hinter unseren Erwartungen zurueckgeblieben. Noch nicht einmal der Portierungsaufwand hat sich gelohnt." Den mangelnden Erfolg sieht er zum Teil darin begruendet, dass sich NT-Entwickler ganz in einer Microsoft-Welt bewegen. Demzufolge setzen sie laut Kuhlmann auch nur MS-Werkzeuge ein. Seine Prognose: "Das wird auch noch lange so bleiben."

"Viele Erfahrungen gibt es auch bei uns noch nicht", gesteht Klaus-Michael Erben, Pressesprecher der Ploenzke AG, Wiesbaden, ein. "Bisher gibt es nur einige Pilotanwendungen. Obwohl die Nachfrage noch flau ist, erwarten wir einen hohen Anstieg im ersten Quartal des kommenden Jahres. Dann wird auch mit einer breiteren Durchdringung des Markts zu rechnen sein."

Ingo Fleckenstein, Marketing-Leiter der Space Info Systems GmbH, Hannover, ein Unternehmen der Baan-Gruppe, teilt diese Ansicht offenbar nicht:

"Windows NT wird nur in geringfuegigem Umfang zunehmen, und zwar schwerpunktmaessig im Front-end- und nicht im Server-Bereich. Das heisst, es gibt in Zukunft statt DOS-PCs nur noch Windows- oder Windows-NT-PCs. Selbst das ist nur eine mittelfristige Perspektive fuer die naechsten vier oder fuenf Jahre. Darueber hinaus stellt NT keine ernstzunehmende Plattform fuer den groesseren Mittelstand oder fuer Grossunternehmen dar. Aus diesem Grund kann bei uns Windows NT weder morgen noch uebermorgen Unix ersetzen, das wir nun seit 15 Jahren im Einsatz haben."

Fleckenstein raeumt ein, dass Windows NT "schon mal im Rahmen eines Pflichtenhefts" nachgefragt wird. "Es scheint jedoch kein K.-o.- Kriterium zu sein. Wir haben noch keinen Auftrag verloren, weil ein Kunde NT haben wollte und wir es ihm nicht bieten konnten. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es Unternehmen gibt, die heute ihre gesamte IT-Welt auf Windows-NT-Beine stellen - das ist einfach ein ziemliches Wagnis."

"Ich glaube nicht, dass Windows NT ploetzlich so stabil sein wird wie Unix-Systeme, die dafuer viele Jahre gebraucht haben", gibt auch Kuhlmann zu bedenken, "ich bin davon ueberzeugt, dass NT die gleiche Entwicklung durchmachen muss. Noch zeigt das MS- Betriebssystem viele Macken: So bleibt es manchmal einfach stehen. Das ist mir schon ein paarmal passiert."

Fuer Ulrich Dietz, Geschaeftsfuehrer der Gesellschaft fuer Technologietransfer aus St. Georgen, befindet sich die derzeitige NT-Version 3.1 noch gerade im "Experimentalstatus". Seiner Meinung nach wird die zukuenftige Ausfuehrung unter dem Codenamen Daytona, die noch fuer dieses Jahr angekuendigt ist, "marktentscheidend sein".

Juergen Spies, Entwicklungsleiter bei der Dortmunder Quantum GmbH, teilt diese Einschaetzung "Nach dem, was ich bisher davon gesehen habe, ist die neue Version End-User-tauglich. Dafuer, dass das 3.1- Release die erste NT-Version war, ist es sogar exzellent. Vor allem wenn ich an die ersten Jahre mit Unix denke, zeigen sich himmelweite Unterschiede. NT 3.1 sehe ich nicht als Plattform fuer den Endanwewnder. Wir entwickeln damit - und es funktioniert."

Waehrend Space-Mann Fleckenstein Windows NT als Frontend- Betriebssystem einordnet, meint Spies: "Wir sehen NT in jedem Fall als Server fuer kommerzielle Anwendungen. Dabei werden die Anwendungen anders gestaltet sein als unter Unix. NT ist kein Multiuser-System, an das dumme Terminals angeschlossen werden. Vielmehr geht der Trend zu verteilter Verarbeitung. Das Szenario beinhaltet PCs unter Windows '95 oder Windows NT auf dem Schreibtisch, auf denen ein Teil der Verarbeitung stattfindet. Der NT-Server uebernimmt das datenbankorientierte Prozedere sowie die Datenbank selbst."

GFT-Chef Dietz sieht sogar eine neue Rechnergeneration entstehen, die Personal Workstations. Bei deren Verbreitung spielt NT seiner Auffassung nach eine Schluesselrolle. Auf der Hardwareseite habe der Wettbewerb zwischen dem Pentium-Prozessor von Intel und der Chip-Familie Power-PC von Motorola diesen Prozess ausgeloest. Die weitere Entwicklung des Markts werde jedoch gehemmt, weil es zuwenig verfuegbare Anwendungssoftware fuer skalierbare Betriebssysteme gibt. Laut Dietz koennte NT, das die "Benutzerfreundlichkeit von Windows '95 mit der Leistungsfaehigkeit der neuen Prozessorklassen vereint", das Gros der populaeren Anwendungen auf sich ziehen.

Eine solche Dimension will Kuhlmann Windows NT nicht zubilligen: "Fuer mich ist NT zwar ein leistungsfaehiges Betriebs-

system, aber es ist nicht so ueberragend, dass ich ihm eine Sonderrolle zuteilen wollte." Allerdings sei es wesentlich "komfortabler" als etwa Unix-Systeme.

"Selbst in zehn Jahren hat sich die Unix-Programmier-Schnittstelle ueberhaupt nicht weiterentwickelt. Windows NT hat die Branche einen grossen Sprung nach vorne gebracht. Es hat viele Vorteile, so etwa das Multithreading - wichtig und angenehm, wenn Multiprozess- oder Multitasking-Anwendungen entstehen sollen." Ploenzke Pressesprecher Erben bestaetigt: "Schon jetzt ist NT eine leistungsfaehigere Plattform als Unix."

Trotzdem sieht Kuhlmann in dem Betriebssystem noch lange keine Back-end-Funktionen: "Da muss sich erst noch erweisen, dass es besser ist als Unix. Meine Prognose lautet: Windows NT wird frueher oder spaeter die Desktop-PCs ersetzen, weil die Anwendungen anspruchsvoller sowie ressourcenintensiver und die Prozessoren leistungsfaehiger werden."

In diesem Fall stellt sich die Frage, wie sinnvoll dann noch verschiedene Windows-Versionen sind. Auch darauf hat Kuhlmann eine Antwort: "Microsoft wird sicher die beiden Betriebs-

systeme ineinander uebergehen lassen."

Fleckensteins Einschaetzung geht in dieselbe Richtung: "Wir sehen in Windows NT ein erweitertes Windows." Die Ploenzke AG entdeckt in NT einen Nachfolger fuer das Desktop-Windows. Wie ihr Pressesprecher Erben erlaeutert, zeigen die Unternehmen auch keine Bereitschaft, im Server-Bereich fuer Technologieersatz zu sorgen: "Die Investitionsfreudigkeit bezieht sich allein auf die Front- ends."

"Auch in unserem Haus ist NT zur Zeit keine Alternative zu LAN- oder Novell-Servern", stimmt Nesslinger vom Radolfzeller Schulungsunternehmen ein. Ihn plagen darueber hinaus ganz andere Vorbehalte von seiten der Kunden. "In der Regel haben die Unternehmen einen IBM-Rechner herumstehen. Es gibt viele blauaeugige Kunden, die haben sogar blaue Haustueren, was verhindert, dass Produkte anderer Hersteller die Schwelle passieren koennen."

Quantum-Chefentwickler Spies hofft, dass die NT-Portierungen ihrer Standardsoftware einen ganz neuen Kundenkreis erschliessen: "Interessant ist NT fuer diejenigen, die heute PCs einsetzen und vielleicht noch ueber einen Novell-Server verfuegen. Andererseits besitzen diese Unternehmen nicht genuegend Unix-Know-how und wollen es auch nicht erwerben. Die Administrierbarkeit von NT ist aber sicherlich einfacher als die eines heterogenen Unix-Netzes."

Hier baut Spies eine Argumentation auf, die ein offenes, aber in seinen vielfaeltigen Auspraegungen verwirrendes Unix gegen ein proprietaeres NT und "alles aus einer Hand" stellt. Dabei zeigen sich die Softwarelieferanten und Systemintegratoren durch ein moegliches Microsoft-Monopol keineswegs verschreckt. "In den ganzen Unix-Konsortien und -Gremien ist im Endeffekt kaum was rausgekommen", behauptet etwa PSI-Fachmann Kuhlmann. "Ich halte es fuer sinnvoll, wenn Microsoft gleichsam einen Quasistandard setzt. Wenn andere Hersteller oder Vereinigungen bessere oder marktreifere Standards hervorbringen, dann ist das deren Problem. Obwohl es mir nicht unbedingt lieb ist, erweist sich Microsoft als die treibende Kraft im Markt."

Spies teilt diese Ansicht: "Positioniert man NT gegen Unix, sind die Systeme mindestens gleichwertig. Doch NT hat den Vorteil, dass wie bei jedem proprietaeren System Innovationen schneller Einzug halten koennen. Man muss nur einmal den Standardisierungsprozess Cobra mit der OLE-Weiterentwicklung vergleichen. Waehrend an Corba eine Menge Unternehmen beteiligt sind, die bei aller Liebe zur Vereinheitlichung doch ihre eigenen Interessen wahren, holt sich Microsoft im besten Fall noch ein paar Kundenmeinungen ein. Deswegen befuerchte ich, wird Unix auch in technischer Hinsicht in Rueckenlage geraten."

Nach Meinung von Ploenzke-Pressesprecher Erben ist der Wunsch nach einer vereinheitlichten DV-Welt nicht gleichzusetzen mit einer "Lernfaulheit beim Kunden". Er zeigt sich ueberzeugt, dass sowohl die Anwender als auch die Hersteller aus der IBM-gepraegten DV- Vergangenheit gelernt haben: "Der Markt bleibt aufmerksam fuer Veraenderungen und Verbesserungen."

Ein solches Selbstbewusstsein scheint PSI-Manager Kuhlmann bei den Anwendern keineswegs selbstverstaendlich, er geht vielmehr von einer demutsvollen Duldsamkeit aus, etwa wenn es um den haeufig an Microsoft gerichteten Vorwurf geht, das Unternehmen teste seine Produkte auf dem Ruecken der Anwender: "Das kann man nicht anders sagen. Da geht Microsoft schon brutal vor. Allerdings haben die Anwender diesen Status mitverschuldet. Die Schmerzgrenze fuer instabile Software ist immer weiter gesunken. Solange die Anwender die Microsoft-Produkte in halbfertigem Zustand kaufen, geben sie zu verstehen, dass sie damit einverstanden sind."

Trotzdem kann Quantums Entwicklungsleiter Spies keinen "Philosophiebruch" zwischen Unix und Windows NT entdecken. "Was tun Unternehmen denn heute? Sie werfen sich mit voller Begeisterung in die Arme eines Datenbankherstellers und tauschen die vormalige Abhaengigkeit von einer Hardware gegen die von einem Systemlieferanten ein. Wir haben sehr frueh Unix als offenes System entdeckt. Trotzdem ist eine Entscheidung fuer NT kein religioeses Bekenntnis."

Da gibt es laut Kuhlmann nur eins: sich von der Betriebssystem- Ebene unabhaengig machen, zumal NT sicherlich nicht das neueste Betriebssystem bleiben wird. "Der Multimedia-Markt, der in den naechsten Jahren boomen wird, bringt mit Sicherheit spezielle Betriebssysteme zur Marktreife. Deshalb ist fuer mich die Frage nach einem System fuer die Zukunft nicht ausreichend."

"In Zukunft gibt es statt DOS-PCs nur noch Windows oder Windows- NT-PCs, (...) weder morgen noch uebermorgen kann Windows NT Unix ersetzen." Ingo Fleckenstein, Marketing-Leiter bei der Space Info Systems GmbH, Hannover.

"Die Entscheidung fuer NT ist kein religioeses Bekenntnis." Juergen Spies, Entwicklungsleiter bei Quantum, Dortmund.

"Schon jetzt ist NT eine leistungsfaehigere Plattform als Unix." Klaus-Michael Erben, Pressesprecher der Ploenzke AG, Wiesbaden.

"Die Schmerzgrenze fuer instabile Software ist immer weiter gesunken. Solange die Anwender die Microsoft-Produkte in halbfertigem Zustand kaufen, geben sie zu verstehen, dass sie damit einverstanden sind." Andreas Kuhlmann, Vertrieb und Schulung in Sachen objektorientierte Werkzeuge bei PSI, Aschaffenburg.