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23.12.1994

Viel Grund zum Optimismus fuer deutsche ISDN-Anwender

Mit mehr als 1,6 Millionen verkauften B-Kanaelen im ISDN hat die DBP Telekom heute weltweit die mit Abstand hoechste Teilnehmerzahl. Dieser Marktvorsprung bildet die solide Basis fuer den Erfolg der einschlaegigen deutschen Hersteller von ISDN-Hard- und -Software sowie fuer wirtschaftliche Komplettloesungen. Einen kraeftigen Schub erhielt die Technologie durch die Einfuehrung des europaweit gueltigen Standards Euro-ISDN. Trotz aller Euphorie existieren aber weiterhin gravierende Hindernisse, die schnellstens abgebaut werden muessen, wenn sie einer zuegigen Verbreitung von ISDN nicht im Wege stehen sollen.

Von Gerhard Kafka*

Es war im Maerz 1982, als die DBP Telekom als weltweit erster Netzwerkbetreiber ihre Absicht bekanntgab, so schnell wie moeglich einen ISDN-Netzwerkdienst einzufuehren. Der zeitlich verzoegerte Pilotversuch, die verspaetete Aufnahme des Regeldiensts, fehlende internationale Standards und teure Endgeraete, verwirrende Marketing-Aktionen sowie mangelnde Anwendungen trugen hierzulande nicht gerade dazu bei, dass ISDN den erhofften Durchbruch bei den Benutzern erzielen konnte.

Erst nachdem die Europaeische Kommission in Sachen ISDN aktiv wurde, bei ETSI (European Telecommunications Standards Institute) europaeische Standards entstanden und sich 1989 mehr als 20 Netzwerkbetreiber in einem Memorandum of Understanding verpflichtet hatten, bis Ende 1993 ISDN mit einem einheitlichen Mindestangebot einzufuehren, wurde dieser universelle Dienst von den Anwendern akzeptiert. Europaweit werden nun einheitlich zwei Schnittstellen fuer den Netzwerkzugang (Basis- und Primaermultiplexanschluss) und zwei Traegerdienste (3,1 KHz Audiouebertragung und 64 Kbit/s transparente Informationsuebertragung) mit fuenf Grundleistungsmerkmalen (CLIP, CLIR, DDI, MSN und TP) angeboten, wobei viele Netzwerkbetreiber noch weitere Leistungsmerkmale bereitstellen.

Wachstumsschub durch alternative Carrier

Die Marktforscher von Frost & Sullivan sagten schon 1992 hinsichtlich der Auslieferung von ISDN-Kundeneinrichtungen einen Anstieg in Europa von 4,61 auf 10,22 Milliarden Dollar bis Ende 1997 voraus. Die wichtigsten Produkte sind kleine Nebenstellen- und grosse TK-Anlagen, gefolgt von PC-Workstations und Terminaladaptern. Die hoechste Zuwachsrate wird fuer Videokonferenz- Einrichtungen prognostiziert. Einen aehnlich starken Anstieg sieht Euro-LAN Research bei ISDN-Routern, deren Absatz von 6200 Einheiten in 1994 auf ueber 150 000 in 1997 ansteigen wird. Und wenn Anfang 1998 die Monopole fuer die Sprachvermittlung und die Leitungsinfrastruktur in Europa wegfallen, koennte durch alternative Carrier ein weiterer Wachstumsschub erfolgen. Die wichtigsten europaeischen Maerkte nach Deutschland sind Frankreich mit derzeit rund 750 000 und Grossbritannien mit etwa 600 000 B- Kanaelen.

In den USA, wo regionale Betriebsgesellschaften anfangs unterschiedliche und nicht kompatible Standards offeriert hatten, ist nun seit der Einfuehrung standardisierter ISDN-Versionen gleichfalls Bewegung in den Markt gekommen (national ISDN No. 1 und 2; No. 3 ist noch in der Vorbereitung und wird sich sehr stark an Euro-ISDN orientieren). Hier sagen die Experten von Frost & Sullivan, allein was die Datenuebertragungsdienste betrifft, einen Anstieg von fuenf Prozent Marktanteil in 1993 auf 19 Prozent in 1999 voraus. Im gleichen Jahr wird es ATM erst auf rund sieben Prozent bringen. Weiterhin hohe Zuwachsraten fuer ISDN werden hier durch Anwendungen wie die LAN-Kopplung und Desktop- Videokonferenzen erwartet.

In Japan bietet NTT seit 1988 kommerzielle ISDN-Dienste an: INS- Net 64 als Basisanschluss mit 64 Kbit/s und INS-Net 1500 als Primaermultiplex-Anschluss mit 64 und 384 Kbit/s sowie 1,5 Mbit/s, jeweils mit Leitungs- und Paketvermittlung in den B- und D- Kanaelen. Im Juni 1994 boten 106 japanische Hersteller mehr als 550 Produktvarianten auf dem heimischen Markt an. Terminaladapter nehmen hier mit 199 Produkten die Spitzenposition ein, gefolgt von PC-Karten (81), LAN-Komponenten mit ISDN-Anschluss (76) und Videokonferenzsystemen (71).

Schwachstellen identifiziert

Im August 1994 konnten 97 Prozent der Telefonkunden mit ISDN- Diensten versorgt werden, und die Zahl der verkauften B-Kanaele erreichte 650 000. INS-Net 64 wird zu 80 Prozent fuer die Datenkommunikation und INS-Net 1500 zu rund 60 Prozent fuer den Anschluss von TK-Anlagen genutzt.

Wo liegen nun die Probleme? In einer kuerzlich von der Generaldirektion XIII der Europaeischen Kommission vorgelegten Studie wurden insgesamt 14 Schwachstellen identifiziert, die die zuegige Verbreitung von Euro-ISDN behindern. Weil Euro-ISDN jedoch eine tragende Funktion fuer die Realisierung des Transeuropaeischen Netzwerks (TEN) erfuellt, sollen diese Punkte - nach den Prioritaeten A bis D geordnet - so schnell wie moeglich beseitigt werden. Vorschlaege dazu existieren auch bereits - einige davon werden sogar als besonders wichtig fuer die kuenftige Weiterentwicklung von Euro-ISDN angesehen.

Die Qualitaet und Verfuegbarkeit von Euro-ISDN differiert sowohl innerhalb der Mitgliedslaender als auch zwischen diesen. Die Netzwerkbetreiber beschaffen ihre Einrichtungen bei vielen verschiedenen Herstellern, und es gibt keine einheitliche Interpretation bei den Lieferanten. Abhilfe laesst sich hier nur durch ein gemeinsames Forum der Netzwerkbetreiber und ISDN- Hersteller schaffen, um so die Planung und Harmonisierung zu koordinieren.

Die Dienstequalitaet auf internationalen Verbindungen ist nicht zufriedenstellend. Das derzeit benutzte Protokoll im Zentral- Zeichenkanal TUP-J limitiert die Funktionen des Euro-ISDN. Dadurch lassen sich zum Beispiel Probleme bei der Zusammenschaltung der unterschiedlichen nationalen Netze nur sehr schwer identifizieren. ETSI wurde bereits aufgefordert, die erforderlichen Definitionen fuer die Dienstequalitaet zu entwickeln. Deshalb wird empfohlen, das ISUP-Protokoll so schnell wie moeglich einzufuehren.

Die Zulassungspruefungen garantieren keinesfalls die Interoperabilitaet von Endgeraeten und Anwendungen. Dieser Nachteil wird besonders bei TK-Anlagen, LAN-Koppelelementen und Videokonferenz-Einrichtungen deutlich. Proprietaere Schnittstellen und Protokolle sowie Kompressionsverfahren verhindern in den meisten Faellen das Zusammenspiel von Endgeraeten verschiedener Hersteller. Von der so haeufig zitierten offenen Kommunikation kann gerade in diesen Bereichen derzeit kaum die Rede sein. Die Ratlosigkeit beginnt bei der Vernetzung von TK-Anlagen - wo bleibt der Standard Q-SIG? - , setzt sich beim Versuch fort, Endgeraete von Fremdherstellern an eine TK-Anlage anzuschliessen, und erreicht ihren Hoehepunkt meist dann, wenn ISDN-Router oder Videokonferenz- Terminals verschiedener Hersteller miteinander kommunizieren sollen.

In einer ISDN-Welt, die durch viele unabhaengige und innovative Hersteller gepraegt ist, wird die Interoperabilitaet zu einer Grundbedingung. Darueber hinaus benoetigen kleine und mittlere Unternehmen, die keinen Netzwerkexperten beschaeftigen, eine von neutraler Stelle bestaetigte Interoperabilitaet. Hier koennte sich die angedachte Test-Initiative Euro-Label positiv auswirken. Denkbar waere ferner ein Interoperabilitaets-Informationsdienst durch europaeische Informationszentren, Industrie- und Handelskammern sowie durch qualifizierte Distributoren und Berater.

Als weitere Schwachstellen mit Prioritaet A gelten hier noch die fehlenden, europaweit harmonisierten Telematikdienste, die unterschiedlichen nationalen Zulassungsprozeduren, die zu hohen Tarife im Vergleich zum analogen Fernsprechnetz und die ueberhoehten Gebuehren fuer Nicht-Sprachdienste bei einigen Netzwerkbetreibern: Der Kommission wird empfohlen, letztere dazu zu animieren, dass die ISDN-Tarife ein maximales Verhaeltnis von zwei zu eins gegenueber dem analogen Fernsprechnetz betragen und alle Dienste gleichartig berechnet werden. In Japan liegen die entsprechenden ISDN-Tarife schon heute deutlich unter denen des analogen Netzes.

Auch der unbefriedigende Wissensstand der kleinen und mittleren Unternehmen, die mangelnde Verfuegbarkeit von Traeger- und Zusatzdiensten wie zum Beispiel Videotelefonie und X.25- Paketvermittlung im D-Kanal sowie das geringe Angebot an preiswerten Endgeraeten mit den dazugehoerigen Anwendungs- Schnittstellen und Diensten werden als Schwachstellen mit der Prioritaet A angesehen.

Deutsche Benutzer koennen der ISDN-Zukunft getrost entgegensehen. Der Einsatz von ISDN als oeffentliches Transportnetz insbesondere fuer Nicht-Sprachdienste und Multimedia-Anwendungen verspricht zahlreiche interessante wirtschaftliche Aspekte. ISDN, fuer die richtigen Applikationen gezielt eingesetzt, eroeffnet vielseitige Einsparungsmoeglichkeiten hinsichtlich der Telekommunikationskosten.

Besonders positive Auswirkungen auf die Uebertragungskosten hat der Einsatz von ISDN mit 64 oder n x 64 Kbit/s bei der Uebermittlung grosser Datenvolumen im Vergleich zum herkoemmlichen Verfahren mit Modems. (vgl. Abbildung).

Interessante Aspekte fuer Nicht-Sprachdienste

Eine weitere Anwendung im Bereich der Datenkommunikation hat sich mit dem automatischen Backup von Festverbindungen ueber gewaehlte ISDN-Ersatzverbindungen zu einem Renner entwickelt. Faellt eine Festverbindung aus, wird in wenigen Sekunden eine gleichwertige ISDN-Verbindung aufgebaut, die nur so lange besteht, bis der Fehler wieder behoben ist. ISDN-Backup-Schalter werden von zahlreichen Herstellern sowohl fuer Basis- als auch Primaermultiplexanschluesse angeboten.

Die DBP Telekom sieht in Multimedia-Anwendungen einen starken Wachstumssektor fuer ISDN.

Deshalb wird die Bereitstellung von neuen ISDN-Anschluessen in Verbindung mit Multimedia-faehigen Endgeraeten im Rahmen eines bis Ende September 1995 befristeten Foerderprogramms mit Zuschuessen in Hoehe von bis zu 1200 Mark gefoerdert. Dafuer bietet die Telekom in Zusammenarbeit mit Intel einen Multimedia-Aufruestsatz fuer PCs zum Preis von 4200 Mark an.

Partnerschaft zwischen Telekom und Microsoft

Fuer die kuerzlich zwischen Telekom und Microsoft geschlossene, weltweit gueltige Partnerschaft im Bereich Multimedia werden das flaechendeckende ISDN-Netz sowie zukuenftige Netzwerkinfrastrukturen als Transportplattform dienen. Die Zusammenarbeit sieht eine gemeinsame Entwicklung, Produktgestaltung, Marketing und Vertrieb von multimedialen Anwendungen auf der Basis der Windows- Architektur vor. Potentielle Anwendungen liegen in den Bereichen Teleworking, Video- und Document-Conferencing sowie verschiedenen Online-Informationsdiensten wie zum Beispiel Compuserve, Internet und Datex-J. Mit der Uebertragung von Daten im D-Kanal von ISDN lassen sich ausserdem die Fixkosten spuerbar senken. Mit dieser Moeglichkeit wird nicht nur ein preiswerter Zugang zum Datex-P-Netz der Telekom geschaffen, sondern auch zu den Netzen der privaten Mehrwertdienstanbieter. Solch eine Loesung haben Inas und Meganet, die derzeit unter dem Dach der Vebacom vereinigt werden, erst vor kurzem vorgestellt. Ueber das oeffentliche ISDN-Netz und einen speziellen Terminaladapter erhaelt der Anwender Zugang zu dem privaten Paketnetz.

Bei dieser Loesung wird der separate X.25-Anschluss komplett eingespart, wodurch sich die monatlichen Fixkosten reduzieren und der volumenabhaengige Tarifanteil unveraendert guenstig bleibt.

Mit mobilen ISDN-Schnittstellen laesst sich der vielseitige Netzdienst zwischenzeitlich auch ueberall dort nutzen, wo noch keine terrestrische Anschaltung moeglich ist: zum Beispiel in den osteuropaeischen Staaten. Zur Zeit bieten sich dafuer zwei Moeglichkeiten an: die mobile ISDN-Schnittstelle mit eingeschraenkter Bandbreite in Verbindung mit einem GSM- Funktelefon, wie von AVM zur diesjaehrigen CeBIT vorgestellt, oder ein vollfunktionaler Basisanschluss mit zwei B-Kanaelen und einem D- Kanal gemaess europaeischen, amerikanischen oder japanischen Standards, wie von Orion Atlantic Mitte dieses Jahres angekuendigt.

Wer als Anwender heute auf ISDN-Dienste setzt, wird diese auch in Zukunft in gewohnter Weise benutzen koennen. Nach heutiger Sicht lassen sich alle ISDN-Anwendungen nahtlos in kuenftige B-ISDN- Architekturen, basierend auf der ATM-Technologie, integrieren. Fuer diese bevorstehende Migration der existierenden Kommunikationsinfrastrukturen wurden bereits entsprechende ATM- Konzentratoren vorgestellt, die zur Benutzerseite herkoemmliche Schnittstellen wie Ethernet, Token Ring, FDDI und ISDN bereitstellen.

* Gerhard Kafka ist Fachjournalist und unabhaengiger Berater im Bereich Telekommunikation in Egling. Er ist ferner Herausgeber des Loseblattwerks "ISDN-Communications".