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15.04.1988 - 

Im Osten haben Rechner immer noch Seltenheitswert:

Viele Monatslöhne für einen Einfach-PC

Wenn es um schnelle Rechner zum Steuern von Raketen und Satelliten geht, ist die Welt selbst in den fernen Weiten der Ukraine noch ziemlich in Ordnung. Denn für diesen Zweck haben Gorbatschows Ingenieure unter anderem einen "SM-1210"-Großrechner zur Hand, der selbst verwöhnten Besuchern aus dem Westen gefällt.

Doch geht es unterhalb der Spitzen-Wissenschaft und abseits des Militärs um den tagtäglichen Einsatz moderner Elektronik, dann verdüstert sich die Szenerie. Rußlands Computeure müssen mit Widrigkeiten fertig werden, wie ihre westlichen Kollegen sie fast nur noch aus Geschichtsbüchern kennen: mit Standardsystem-Rechenleistungen weit unterhalb der 1-MIPS-Schwelle, mit Speicher-Volumina im KByte- statt im MByte-Bereich und mit DFÜ-Raten von allenfalls 200 bis 300 Bit je Sekunde. Sowie mit DFÜ-Fehlerquoten, die auf Langstrecken gleich millionenfach häufiger falsche Zeichen ankommen lassen, als dies im Westen Standard ist...

Forschung ohne Wettbewerb

Bedrückende Rückständigkeit ausgerechnet in einer Technik, der weltweit mehr und mehr die zentrale Schlüsselrolle aller ökonomischen Prosperität zugeschrieben wird - da, ist eine Situation, die dringend nach Änderungen, also nach Perestroika ruft. Weshalb die Staaten des Ostblocks schon vor drei Jahren einen Plan aufgestellt haben, der ihnen bis zum Jahr 2000 auch auf dem Felde der Informatik rasche Fortschritte bringen soll. Und zwar vor allem dadurch, daß er unproduktive Doppel-Entwicklungen in den einzelnen Ostblock-Staaten vermeiden und den konzentrierten Einsatz der verschiedenen Wissenschaftler und Techniker fördern soll: Alle sollen an einem Strang ziehen.

Zwar kann man hier nun gleich wieder streiten, ob das Ausschalten von Wettbewerb zwischen Forschern und Entwicklern wirklich das optimale Mittel sein dürfte, den Osten an das computertechnische Niveau des quirlig-aktiven Westens mit seinem kreativitätsfördernden Konkurrenzdruck heranzuführen - doch wie dem auch sei: Als Folge des 1985er Beschlusses über den "Komplex-Plan zur Entwicklung von Wissenschaft und Technik bis zum Jahr 2000" nimmt jetzt in Moskau eine Organisation namens "IEIM" Gestalt an - das Internationale Institut für Computeranlagen. Es soll die Arbeit der Informatiker der östlichen Welt koordinieren und auch bei der Entwicklung von Anwendungsprogrammen verschwenderische Doppelarbeit verhüten. Wobei man allerdings schon jetzt gespannt sein darf, wie dies gelingen soll, ohne daß gleichzeitig ein neuer bürokratischer Wasserkopf entsteht, der kreative Energien und wertvolle Zeit verschlingt.

Die DDR liegt in Führung

Doch während die Verantwortlichen in Moskau und den anderen Hauptstädten des Ostens noch immer überlegen, auf welchen Wegen man in der Informationstechnik am raschesten vorankommen könnte - während dieser Zeit also, wird der Rückstand der Planwirtschaftsländer drückender und drückender. Denn selbst ein - hier - so gängiges Instrument wie ein PC ist in der ganzen Sowjetunion immer noch so gut wie unbekannt, sieht man von raren Ausnahmen einmal ab. Und im uns näherstehenden Polen gibt es solche Geräte zwar auf dem Warschauer Schwarzmarkt, doch nur für 5000 Mark in harter Währung beziehungsweise 17000 Mark in einheimischen Zloty - also zu einem fast unerschwinglichem Preis.

Etwas besser sind Ostdeutschland, die Tschechoslowakei und Ungarn dran. Dort nämlich hat der normale private Haushalt wenigstens eine kleine Chance, sich einen Rechner leisten zu können. Prag importiert inzwischen Geräte gegen harte Devisen aus Japan und verkauft sie für rund 1000 Mark; das sind drei bis vier durchschnittliche Monatslöhne...

Eine Stufe oberhalb der PC-Ebene kennzeichnen Widrigkeiten wie etwa die folgende das Problematische der aktuellen Situation: Ein Programmierer eines Prager Softwareinstituts, das CAD/CAM-Systeme entwickelt, wartet dringend auf Geld von seiner Regierung. Denn er will endlich ganz offiziell auch jene modernen Maschinen beschaffen können die er und seine Kollegen selber zur Anwendungsreife bringen und außer Haus installieren.

Vielleicht am besten sieht die informationstechnische Landschaft heute in der DDR aus, der die anderen Ost-Länder übrigens gern neidvoll nachsagen, sie profitiere von ihren besonderen Beziehungen zur Bundesrepublik. Dort nämlich werden vom Dresdner Kombinat Robotron seit Jahrzehnten Rechner gefertigt, die vorwiegend in der Industrie eingesetzt werden. An denen, im Rahmen von EDV-Schulungen, aber auch die Bevölkerung mehr und mehr an die moderne Informatik herangeführt wird.

Beobachter schätzen heute, daß allein in der DDR rund 5500 Rechner im industriellen Einsatz stehen zu denen sich außerdem zahlreiche CAD/CAM-Systeme und Roboter gesellen. Und während die Dresdner nach offiziellen Angaben bereits 32-Bit-Rechner produzieren, fertigen Polen, Bulgaren und Tschechen vorerst nur AT- und XT-kompatible 16-Bit-Rechner mehr oder weniger eigener Konstruktion. Maschinen allerdings, deren allgemeiner technischer Standard noch viel zu wünschen übrig lassen soll.

Als fast schon berühmt unzuverlässig gelten in den Staaten Osteuropas heute sowohl die bulgarischen "Pravet"- als auch die tschechischen "Tesla-Orava"-Rechner. Sie versagen sehr oft - was ja bei Rechnern um einiges schlimmer ist, als bei einem Fernsehgerät. Und soweit sie in andere Länder Osteuropas exportiert worden sind, wird jeder dieser Versager für seinen Besitzer prompt zu einer regelrechten Katastrophe. Denn an Ort und Stelle fehlen Service-Stationen und Service-Experten.

Bulgarien hofft auf Export

Die Produzenten der bulgarischen Pravet-Rechner exportieren nicht nur in benachbarte Ost-Staaten, sondern hoffen, nach nunmehr drei Jahren des forcierten Aufbaus ihrer Rechnerfertigung, auch auf Geschäfte mit dem Westen. Während sie als Importeure ja schon längst mit westlichen Quellen im Geschäft sind - auch, wenn die Embargo-Bestimmungen der COCOM-Liste dies eigentlich verhindern sollen. Offiziellen bulgarischen Quellen zufolge stammen Chips für die Rechner vom Schwarzen Meer teils aus Hongkong und teils aus der BRD. Und als Bestandteil fertig zusammengelöteter Kleinrechner sollen sie künftig - so alle Verträge zustande kommen und eingehalten werden - weiter nach Griechenland gehen.

Die Angst der Mächtigen

So manchem Verantwortlichen in Sofia oder erst recht in Moskau mag an diesen Export-Plänen durchaus recht sein, daß im Osten gefertigte Kleinrechner rasch außer Landes gehen. Denn die Computer-Rückständigkeit jener Länder hat nur teilweise mit technischer und ökonomischer Rückständigkeit zu tun.

Hingegen sicher viel mit der Angst der "Nomenklatura", also der Mächtiger, in Partei und Staat, Rechner könnten in der Hand des Volkes ein mächtiges Informationsinstrument werden. Ein effizientes Werkzeug nämlich, dessen Gebrauch kaum kontrollierbar ist. Und dessen Auswirkungen explosiv sein können.

Schon heute werden in der UdSSR Kleinrechner benutzt, um mit ihnen jenseits der offiziellen Informationskanale "Samisdat"-Publikationen herzustellen - die in Kreisen von Dissidenten zirkulieren. Und während beispielsweise ein gewisser Lew M. Timofejew seine kritischen Artikel für das Samisdat-Blatt "Referendum" heute immerhin schon mit einem Toshiba-Rechner statt stilgerecht mit der klapprigen Schreibmaschine von einst verfertigt, träumt er heimlich längst von weiterem Fortschritt. Nämlich von, zumindest, einem schnellen Laserdrucker....

So ein Traum kann kaum mehr bleiben als ein Traum, solange im großen, weiten Rußland auch heute allenfalls Primitiv-EDV-Systeme in die Hände gewöhnlicher Bürger gelangen, während die Ausstattung des Militärs um Klassen besser ist. Denn wo immer heute beispielsweise Jugendliche die ersten Schritte in's Wunderland der EDV tun dürfen, da müssen sie sich mit klapprigen Keyboards, mit prellenden und klemmenden Tasten und mit Sichtgeräten zufriedengeben, die aus Urgroßvaters Zeiten zu stammen scheinen. Kaum besser als gewöhnliche Fernsehschirme, quälen sie den EDV-Nachwuchs mit schrecklichstem Geflimmer. Und zeigen jedem Beobachter, daß die Ost-West-Diskrepanz in Sachen "Rechner für Alle" weit größer ist, als nüchterne Statistiken dies vorgaukeln. Denn die setzen meist einfach Rechner gleich Rechner.

Von solchen Basis-Gegebenheiten aus ist es nun in der Tat schon fast tapfer, daß beispielsweise Bulgarien hofft, in etwa zwei Jahren Kleinrechner mit 20 MByte-Festplatte in hinreichender Zahl liefern zu können - und zwar auch den eigenen Bürgern. Und daß Rußland nicht nur sein Telekommunikationssystem ausbauen, sondern die Betriebe auch gleich mit Bürocomputern inklusive Tabellenkalkulationsprogramm, Textverarbeitung und Datenbanksystem ausstatten möchte. Ein Vorhaben übrigens, bei dem man sich eventuell der Mitwirkung amerikanischer Softwarehäuser versichern will. Damit soll vor allem die angestrebte Dezentralisierung der wirtschaftlichen Entscheidungsstrukturen im Osten erleichtert werden.

15 Mark pro Stunde

In Rußland werden heute, so schätzen Fachleute, jeden Monat rund 300 16-Bit-Minicomputer hergestellt. Sie sollen die rund 10000 Groß-Systeme der herkömmlichen 370er-Machart ergänzen, die bis jetzt in verschiedenen Betrieben stehen. - Doch natürlich ist es für ein Land mit der Einwohnerzahl der UdSSR schon ein weiter Weg, mit einer Produktion von 300 Rechnern pro Monat zu computervernarrten Staaten, wie etwa den USA oder auch Japan, aufschließen zu wollen.

Mehr Chancen scheint da schon die DDR zu haben, die letztes Jahr immerhin die Herstellung von Speichern mit 256 KBit Kapazität aufnahm und die nicht nur 8- und 16-Bit-Einheiten, sondern auch schon die erwähnten 32-Bit-Rechner produziert.

Ende 1987 waren in der DDR schon 43700 CAD/CAM-Stationen sowie 78800 Industrieroboter in Betrieb, wie man offiziellen Statistiken entnehmen kann. Da aber auch die schönsten Rechner als nackte Maschinen so gut wie nutzlos sind, fördert die DDR das nebenberufliche Erarbeiten neuer Programme. Zu gleichen Steuersätzen wie ein normaler Freiberufler, darf dort jeder Werktätige und Rentner nebenher Programme entwickeln - vorausgesetzt er überschreitet dabei nicht 600 Arbeitsstunden pro Jahr. Und gezahlt werden - zumindest offiziell - pro Stunde zehn beziehungsweise 15 Mark; der Spitzen-Satz ist allerdings allein jenen vorbehalten, die besonders anspruchsvolle Softwareleistungen zustande bringen.

Vielleicht gelingt es der DDR mit dieser Mobilmachung programmtechnischer Kreativität, jenes Debakel zu vermeiden, das, im Zuge der sozialistischen Arbeitsteilung, die Bulgaren erlebt haben, noch ehe das erwähnte Ostblock-IEIM in's Leben gerufen wurde.

Die nämlich haben Jahr um Jahr auf Datenbanksoftware gewartet, die ihnen die besonders renommierten Softwareexperten Ungarns liefern sollten - und auf deren Basis dann weitere Programme aufgebaut werden sollten. Doch statt die ersehnte Software pünktlich gegen bulgarische Lewa zu liefern, erarbeiteten die Ungarn lieber Tabellenkalkulationsprogramme, Spiele und gar eine Computerversion des Zauberwürfels. Denn die konnten sie dann, gegen harte D-Mark, Francs und Pfund, im Westen absetzen...