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07.09.1990

Viele Seminare machen keinen Spaß und kosten nur Geld

Die Erwartungen an Seminare sind stets hoch, weil man einerseits die Notwendigkeit sieht, sich gelegentlich weiterzubilden und neue Kenntnisse aufzunehmen, also durch das Seminar genau das vermittelt zu bekommen wünscht, was man für seine Arbeit und Problemlösungen benötigt. Andererseits aber muß man sich den oder die Tage hierfür im Terminkalender abringen .

Hat man sich zu einem Seminar dann angemeldet, ist die Erwartungshaltung auf einen persönlichen Erfolg dieser Veranstaltung entsprechend hoch. Die Tage müssen etwas bringen, wenn man schon soviel liegen läßt. Möge sich jeder selbst besinnen, ob sich seine Seminarbesuche in der jüngsten Zeit gelohnt haben.

Ich behaupte, daß sich die meisten Seminarbesuche nicht rentieren, weil die Erwartungen der Teilnehmer nicht zufriedenstellend erfüllt werden. Es kann sogar sein, daß man sich über die verlorene, knappe und wert volle Zeit ärgert und seine Entscheidung bereut.

Liegt es an den zu hochgeschraubten Erwartungen der Teilnehmer oder an den angebotenen und durchgeführten Seminaren? An beidem. Aber an dem Seminarangebot mehr als an den Teilnehmern!

Seminare sind keine kollektiven Beratungsleistungen für spezifische Probleme der durch die Teilnehmer repräsentierten Unternehmen. Der Seminarteilnehmer muß von seinen spezifischen, konkreten Arbeitsproblemen auf eine ganzheitliche, prozeß- und systemorientierte Ebene abstrahieren. Dies ist etwas, was er im beruflichen Alltag vielleicht auch - aber bestimmt viel zuwenig - macht, doch meist nicht im Aufbau seines Erwartungshorizonts auf ein Seminar berücksichtigt. So sind Seminare für viele Teilnehmer von vornherein enttäuschend.

Es gehört mit zu einem (guten) Seminar, daß der Referent von den unterschiedlichen Erwartungen weiß und den Teilnehmern bei der Konsolidierung ihrer speziellen Probleme auf einen höheren Aggregatzustand behilflich ist.

Doch zu schön ist diese Idealvorstellung, in der Praxis läuft es ganz anders. Als Seminarteilnehmer stellt man sich vielleicht folgende Fragen.

Wie kann es sein, daß ich mit dem Schlaf kämpfe, obwohl mich das Thema interessiert? Was interessieren mich die nervenden Fragen der anderen Teilnehmer? Ich verstehe sie gar nicht und sie passen nicht hierher. Wann kommt der Referent endlich zum Punkt? Wann kann ich im Büro anrufen? Hätte ich mir dieses Seminar sparen sollen?

Kundenzufriedenheit entscheidet sich in den ersten 30 Minuten eines Seminars. Nicht durch "Nebensächlichkeiten" wie Ambiente des Veranstaltungsortes oder Darstellungsmittel, sondern durch den Ablauf und die Darbietung des Seminars besonders durch den Einstieg.

Ziel eines jeden Seminars ist Kommunikation, das heißt Sprechdenken und Hörverstehen. Man verläßt für den Besuch eines Seminars ja gerade bewußt den Betrieb in der Hoffnung, Neues, Anderes, Ungewohntes zu erleben. Doch man findet meist ein oft in seiner Ausprägung gesteigertes Abbild des grauen, beruflichen Alltags vor.

Verzicht auf Seminarunterlagen und Overhead-Folien: Seminarpapiere sind in der Regel eine Fehlallokation von wertvollen Ressourcen (Ausarbeitung, Erstellung, Papier) und für ein gutes Seminar überflüssig. Jeder trägt sie nach Hause und keiner sieht mehr rein. Folien auf den Projektor zu legen, noch schlimmer: Bildschirminhalte zu projizieren schläfert ein und verlagert vom "Sprechdenken" und "Hörverstehen" zum "Sprechzeigen" und "Hörsehen". Je mehr Projektion eingesetzt wird, desto mehr wird vom Referenten seiner Person abgelenkt, desto geringer sind die Anforderungen und Erwartungen an die Rhetorik und die Fähigkeit, sich verbal gekonnt auszudrücken.

Die Sprache als Kommunikationsmedium: "Guten Tag, meine .... ... Ich danke

für ...!?" Auf Seminaren befindet man sich außerhalb betrieblicher Prozesse und Schablonen. Das sollte befreien für neue Erkenntnisse und Denkansätze. Hat man verlernt, verbal zu provozieren, zu appellieren, zu disharmonieren, zu divergieren? Auf vielen Seminaren wird man nicht gefordert und nicht gefördert; sie machen keinen Spaß und kosten nur Geld.

Hat schon mal ein Referent damit begonnen: "Was wollt Ihr hier eigentlich?" Es wird nicht nach den Erwartungen der Teilnehmer gefragt; es muß genommen werden, was vom Referenten geboten wird. Wie wohltuend ist doch eine rhetorisch gekonnte Rede. Es rüttelt auf, fördert die Kreativität, macht Spaß und optimiert den Aufnahmeprozeß.

Konventioneller Ablauf, um vom Trott nicht zu entwöhnen: Von 10.15 bis 10.30 Kaffeepause, auch um sich gegenseitig kennenzulernen; 12.30 bis 13.30 Mittagessen; 14.00: "Ich setze mit folgendem Thema fort, um die schwierige Zeit nach dem Mittagessen ....". Es ist nicht zu fassen, wofür man gedankenlos die Seminargebühren bezahlt; man ist doch sonst so kritisch.

Den Kaffee sollte man einnehmen, wenn einem danach ist, nicht um 10.15. Verhindert Kaffeetrinken Hörverstehen bei Ihnen? Man lernt sich in Seminaren nicht gegenseitig kennen, weil man nicht miteinander kommuniziert, nicht kommunizieren darf.

Dazu muß man vor die Tür, für eine Viertelstunde. Wen lernt man dort dabei kennen? Die einzige Dame unter den Teilnehmern, wenn überhaupt, wenn man rankommt. Meist steht man, die Tasse Kaffee in der Hand, raucht vielleicht und blickt auf die Uhr, wann es endlich weitergeht.

Eigentlich bekommt man für seine Arbeit Geld vom Unternehmen, anstatt es zusätzlich über Seminargebühren noch dafür bezahlen zu lassen. Haben Sie in einem Seminar schon mal ein Lunch-Paket erhalten? Von Lufthansa nehmen Sie es gern. Dabei sollte jedes Seminar auch eine Reise sein, eine Weltreise.

Ausfüllen des Beurteilungsbogens: Bitte kommen Sie bald wieder. Das Ausfüllen von Beurteilungsbögen dient der Rechtfertigung des Referenten gegenüber seinem Vorgesetzten (wenn sie positiv ausfallen) und dem Teilnehmer, anonym mit seinem Urteil über das Dargebotene zu bleiben. Ersteres ist ebenso lästig wie unnötig, weil die Beurteilungen oft nur durch Ermittlung der Durchschnittsbewertung vom Seminarveranstalter ausgewertet werden. Volle Zufriedenheit beziehungsweise Unzufriedenheiten des einzelnen zählt allenfalls pars pro toto.

Der Seminarveranstalter merkt doch am besten durch die weitere Nachfrage seiner Seminarangebote, wie gut die vorhergehenden waren, genauso wie bei der Güte von Marktprodukten überhaupt. Für den Teilnehmer ist das schriftliche Niederlegen seiner Meinung kommunikationshinderlich und bürokratisch.

Einige Referenten sehen das Seminarziel als erreicht an, wenn sie möglichst viele und positiv bewertete Beurteilungs bögen am Ende einsammeln können. Warum kann man nicht fragen und sagen, was einem gefallen hat und was nicht? Dadurch käme für den Veranstalter wesentlich mehr an Informationen zu seinem Marktprodukt Seminar rüber als durch einige, mit Kreuzchen versehene Papierbögen.