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06.03.2007

Viele Tüftler, wenige Macher

Geldgeber und Gründer geben sich gerne gegenseitig die Schuld an den Nachwuchssorgen im Hightech-Umfeld. Dennoch ist der Gründerstandort Deutschland besser als sein Ruf, so das Fazit eines CW-Roundtables.

Ex-Suse-Chef Richard Seibt, seit seinem Weggang von Novell als Business Angel im Open-Source-Bereich tätig, lässt auf den hiesigen IT-Nachwuchs nichts Schlechtes kommen. Grund für die wenigen Weltmarktführer "made in Germany" sei der stark ausgeprägte Mittelstand, erklärte er im Roundtable-Gespräch der computerwoche. Dieser sei immer in der Lage gewesen, Innovationen zu produzieren - laut Seibt einer der Gründe dafür, dass Deutschland die weltweit führende Exportnation ist. Um junge Gründer, die sich derzeit im Mittelstand verwirklichen, zu Größerem zu bewegen, fordert Seibt die Risikokapitalgeber zu mehr Investitionen auf. Hoffnungsträger gibt es seines Erachtens genug: "Im Open-Source-Bereich habe ich noch nie so viele Unternehmern mit großem Potenzial gesehen wie in den vergangenen zwölf bis 18 Monaten, in denen ich mich ausschließlich um Startups kümmere", erklärt Seibt.

Die Diskussions- teilnehmer

• Thomas Leitner, Area Manager und Geschäftsführer für CAs Region Central Emea (Deutschland, Österreich und die Schweiz).

• Dr. Hagen Hultzsch, Ex-Telekom- Vorstand

• Karsten Ludolph, Managing Partner der Business-Development-Beratung MagniGroup

• Ralf Lommel, Regional Director Central Europe, Serena Software

• Mathias Möckel, Gründer und Geschäftsführer der Evolver Media GmbH & Co

• Michael Rehm, Leiter Geschäftsbereich Manufacturing Industries bei der SAP Deutschland

• Prof. Dr. Tobias Kollmann, Dozent am Lehrstuhl für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen

• Dr. Alex von Frankenberg, stellvertretender Geschäftsführer des High-Tech-Gründerfonds

• Hans Schreck, General Partner bei TVM Capital

• Jens Thomas Lück, Lück & Partner GmbH

• Heiko von Dewitz, Investment Director bei Intel Capital für Zentraleuropa

• Mark Gazecki, Partner bei Atlas Venture

• Richard Seibt, Business Angel

• Robin Schönbeck, Gründer und CEO der Mentasys GmbH - inzwischen Pangora GmbH

• Dirk Hörig, Geschäftsführer und Gründer der Commercetools GmbH

• Tobias Schwind, Spin-off-Consultant der Fraunhofer-Venture-Gruppe

DEMO Germany

Am 16. Oktober 2007 kommt mit der DEMO Germany die sehr erfolgreiche Konferenz der US-amerikanischen CW-Schwesterpublikation "Network World" erstmals nach Deutschland und damit auch erstmals nach Europa. In der eintägigen Konferenz der computerwoche in München stellen - analog zur DEMO in den USA - IT-Firmen ihre innovativen Produkte und Lösungen vor. Entscheidendes Kriterium dabei ist, dass das jeweilige Produkt fertig entwickelt, neu und noch nirgendwo präsentiert worden ist. Sechs Minuten Vortrag auf der Bühne (ohne Powerpoint!) entscheiden dabei über die Vermarktbarkeit des Produkts, die Finanzierung der weiteren Wachstumsstrategie sowie die Erschließung indentifizierter Märkte und Zielgruppen. Besucher der Konferenz sind Risikokapitalgeber, Business Angels, Vertreter von Private-Equity-Fonds, Journalisten sowie potenzielle Kooperations- und Geschäftspartner der "Demonstrators" - also der Firmen, die live auf der Bühne präsentieren.

Weitere Informationen und Anmeldung zur Demo Germany unter:

www.idg-veranstaltungen.de/Demo.

Hausgemachtes Problem

So euphorisch wie Seibt sind nicht alle in der Runde: Tobias Schwindt, Spin-Off-Consultant der Fraunhofer-Venture-Gruppe, bemängelt unter anderem, das hierzulande kaum jemand bereit sei, ein Risiko einzugehen. Die Innovation sei da, aber man bringe sie nicht auf die Straße, beklagt er. Derzeit fehlten dazu noch die "Serial Entrepreneurs", Wiederholungstäter also, sowie die Qualifizierung von Ingenieuren als Unternehmer.

Die Gründe für diese Defizite kommen nicht von ungefähr, befinden die Roundtable-Teilnehmer. Anders als in den USA gebe es nur wenige Unternehmer-Teams, die aus dem Corporate-Bereich kommen und sagen, wir werden Gründer. Heiko von Dewitz, bei Intel Capital für die Region Zentraleuropa verantwortlich, weist zudem darauf hin, dass Hochschulabsolventen hierzulande ein ganz anderes "Risikoprofil" als in den USA aufwiesen. Wer in Deutschland nach dem Studium daran denke, sich selbständig zu machen, sei 30 Jahre alt und habe oft schon Familie, erklärt er. In den Staaten hätten dagegen viele bereits mit 22 Jahren den erster Ausbildungsschritt als Bachelor hinter sich.

Auch die in Deutschland vorherrschenden Denkmodelle werden von der Gesprächsrunde als gründungsfeindlich identifiziert. "Die bestehenden Mindsets unterdrücken den Spaß am Umgang mit Innovation", erklärt Michael Rehm, Leiter Geschäftsbereich Manufacturing Industries bei der SAP Deutschland. "Es muss wieder Spaß machen, auszuprobieren, wie neue Technik an einigen Stellen die Welt verändert." Ralf Lommel, Regional Manager für Zentraleuropa bei Serena, stimmt ihm zu. Wenn hier jemand mit seinem Projekt scheitere, werde er belächelt und nicht ermutigt. Eine zweite Chance erhalte er meist nicht.

Selbst erfolgreiche Gründer würden zu wenig geachtet, schiebt Professor Tobias Kollmann in die Diskussion ein. Der Dozent für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen kritisiert die Ausbildungswege in Deutschland, die hoffnungsvolle Talente zu spät mit dem Gründungsvirus in Kontakt brächten. In der frühen Kindheit sei das Interesse, Neues auszuprobieren, noch gut ausgeprägt, erklärt er. Erste Ansätze würden jedoch durch die Schule und die meisten Unis wieder zunichte gemacht. Während in den USA bereits viele Lehrstühle mit Personen besetzt würden, die Entrepreneure auf dem Weg zu ihrem ersten eigenen Unternehmen unterstützen würden, dominierten in Deutschland immer noch die Tüftler und Denker. Einen Königsweg zum Gründer gebe es nicht, es sei auch nicht jeder dafür geeignet. "Es ist falsch, eine Kultur zu entwickeln, in der jeder Gründer sein muss", meint auch Ex-Telekom-Vorstand Hagen Hultzsch. Commercetools-Gründer Dirk Hörig weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass auch die Mitarbeiter von jungen Unternehmen eine besondere Mentalität aufweisen müssen. "Die Tätigkeit bei einem Startup wird eher als Risiko denn als Chance gesehen", erklärt er. Dabei könne man sich ausrechnen, wo bessere Aufstiegschancen bestünden: Bei Jajah und nicht bei Accenture.

Bereits auf dem Weg der Besserung sieht Hans Schreck die hiesige Gründerszene. Der General Partner bei der Münchner Venture- Capital-Firma TVM sagte, vor zehn Jahren sei der Pessimismus noch nachvollziehbar gewesen. Inzwischen aber sei eine Generation von Gründungen unterwegs, die das erforderliche Größenwachstum aufweise: "Wir haben die Bedingungen geschaffen, um Weltmarktführer zu bauen", behauptet Schreck. Deutschland habe traditionell sowohl großartige Technologie, als auch die "Hidden Champions" aus dem Mittelstand, die das Potenzial zum Marktführer besitzen, aber Berührungsangst mit Fremdkapital haben. Neben Veränderungen auf der Venture-Capital-Seite - besonders in der Besetzung der Teams - gebe es nun erfahrene Entrepreneure, die aus dem Ausland nach Deutschland zurückkehren. "Die beiden Faktoren werden in einigen Jahren in ihrer Wirkung zu sehen sein."

"Die hiesige Gründerszene wird besser", stimmt Intel-Capital-Manager von Dewitz seinem Kollegen grundsätzlich zu. Es sei aber noch ein längerer Weg zu gehen. Fehlende Wissenschaftler oder Ingenieure seien nicht der Grund, auch die technische Innovationskraft sei stark. "Wenn man die USA als Vorbild ansetzt, existiert vielmehr eine Lücke zwischen technischer Innovation und deren Kommerzialisierung in weltweit marktfähige Produkte", erklärt von Dewitz. Auch auf der Investment-Seite gibt es seiner Ansicht nach Missstände. Es klaffe eine Lücke bei der Frühphasenfinanzierung: "Es gibt noch zu wenige Seed- und Business-Angel-Investoren, die Kapital, Know-how und Erfahrung bereitstellen."

Besserung in Sicht

Für Jens Thomas Lück, Geschäftsführer der Beratungsfirma Lück & Partner GmbH, ist die Zurückhaltung der Kapitalgeber in der Frühphase von Neugründungen unverständlich: "Es ist eine irrige Vorstellung, dass Early-Stage riskanter als andere Finanzierungsphasen ist. Wenn von Anfang an betreut wurde, ist das Gegenteil der Fall." In den USA machten die Besten der VC-Branche ausschließlich Frühphasenfinanzierung, behauptet Lück. Voraussetzung seien allerdings intelligente Investoren, "clever money", setze außerdem Kontrolle und Coaching voraus. Karsten Ludolph, Gesellschafter der auf Business Development spezialisierte Beratungsfirma Magnigroup, betont die Chancen, die frühe Investments bergen: "Wenn ich in der frühen Phase eines Unternehmens die gesamten Rahmenbedingungen und die Strategie richtig definiere, reduziere ich automatisch das Risiko und erhöhe die Erfolgswahrscheinlichkeit", erklärte der frühere EDS- und Capgemini-Manager.

Kapital scheut Risiko

Mark Gazecki, Partner bei Atlas Venture, weist allerdings darauf hin, dass die glorifizierten amerikanischen Venture Capitalists auch nicht mutiger seien als deutsche Risikokapitalgeber: Sie hätten beispielsweise erst in Netscape investiert, nachdem Gründer Marc Andreessen den erfahrenen Jim Clark als CEO gewinnen konnte. Amazon-Chef Jeff Bezos habe mehrere private Finanzierungsrunden von insgesamt rund einer Million Dollar gebraucht, ehe ihm Risikokapitalgeber finanziell unter die Arme gegriffen hätten." Zumindest im europäischen Vergleich stehe Deutschland nicht schlecht da, so Gazeckis Hinweis: Zehn Prozent aller VC-Investitionen gingen an deutsche Startups und jeder fünfte Exit, bei dem der Unternehmenswert die 100-Millionen-Dollar-Grenze überschreite, betreffe den deutschen Markt. Probleme gebe es in den Bereichen Telekommunikation, Elektronik und Halbleiter, wo die Anzahl der erfolgreichen Neugründungen gering ist. Auch im Softwaresektor halten sich die Erfolgsstorys in Grenzen. Zwar werden hierzulande jede Menge Patente angemeldet, doch sie münden nicht in Neugründungen.

Eine der Institutionen, die gegen die Finanzierungslücke im Early-Stage-Bereich ankämpfen, ist der High-Tech Gründerfonds. Seit 2005 hat die gemeinsam von der Bundesregierung, den Unternehmen BASF, Telekom und Siemens sowie der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) betriebene Initiative insgesamt 56 Unternehmen mit im Schnitt 500 000 Euro frühfinanziert, berichtet der stellvertretende Geschäftsführer, Alex von Frankenberg. Er empfiehlt dem Gründernachwuchs, sich aktiv zu bemühen: "Wer heute gut und einigermaßen solide aufgestellt ist, kann sehr einfach etwas anfangen, auch ohne sofort Geld von Venture Capitalists einwerben zu müssen."

Generell positiv bewertet die Runde das zunehmende Engagement von Business Angels und Consultants bei Startups. Im Gegensatz zu früher gebe es eine Reihe von Beratern, die den VC-Gedanken mit den Zielen des jeweiligen Unternehmers in Übereinstimmung brächten, beobachtet Serena-Manager Lommel. Atlas-Venture-Partner Gazecki sieht in dem Engagement von Startup-Consultants wie Ex-Suse-Chef Seibt einen Grund dafür, dass die Anzahl an guten Early-Stage-Teams so hoch wie seit langem nicht mehr sei. Vor sieben Jahren habe es noch kaum jemanden gegeben, der sagte: "Ich berate Startups", so Gazecki.

An der Diskussionsrunde nahmen auch drei junge Gründer teil, die ihre eigenen Erfahrungen mit beziehungsweise ohne Risikokapital gemacht hatten. Dass es auch Vorteile haben kann, mit eigenen Mitteln auszukommen, betonte Mathias Möckel, Gründer und Geschäftsführer von Evolver Media. Zwar habe es sieben Jahre lang gedauert, bis die Company in ihrer Nische "Internet-Lösungen für Verlage" als eine Art Marktführer wahrgenommen werde, so Möckel. Es sei aber wichtig gewesen, den Weg selbst zu gehen. Ein weiterer Vorteil, so Möckel: Wenn das Startup nun in einer zweiten Phase Mittel für die Internationalisierung anwerbe, könne es dank einer soliden Finanzlage mit Hausbanken ganz anders verhandeln.

Sein Unternehmen habe es geschafft, im Portfolio eines VCs zu landen, erzählt Commercetools-Gründer Hörig der Runde. Ohne den Hightech-Gründerfonds oder die Hasso-Plattner-Stiftung täten sich Startups aber immer noch schwer mit der Frühphasenfinanzierung, besonders, wenn insgesamt nur 500 000 Euro benötigt würden. Da VCs ihre Beteiligungen aufwändig prüfen und unterstützen müssten, rentiere sich eine solche eher bescheidene Summe für sie kaum. VCs investierten lieber gleich drei Millionen. Laut Gazecki traf dies früher einmal zu, doch die Zeiten hätten sich geändert: "Heute werden auch mal nur 500000 Euro in ein Startup gesteckt, nur um schon früh dabei zu sein."

Robin Schönbeck, Mitbegründer des inzwischen von Lycos übernommenen Anbieters von Online-Shopping-Lösungen, Mentasys, beklagt den fehlenden Skaleneffekt bei Investments in Deutschland. Gute Ideen würden im Ausland mit dem Hundertfachen an Kapital unterstützt, meint er, kein Wunder, wenn hiesige Gründer später rechts überholt würden. Daneben bemängelt Schönbeck, inzwischen Geschäftsführer der Pangora GmbH, dass hierzulande der Fokus zu wenig auf Marketing und Vertrieb gelegt werde: "Startups sind in Deutschland häufig mehr mit Powerpoints und Tabellen beschäftigt als mit dem operativen Tagesgeschäft." Es sei zwar richtig, die Geschäftsidee im Innenverhältnis gegenüber den Investoren zu vertreten. Darüber hinaus gehe es aber vor allem darum, die Idee dem Markt näher zu bringen. Hier seien oft Lücken zu verzeichnen.

Mainstream-Entscheidungen überwiegen

Der Einwand scheint berechtigt. "Es ist eine typisch deutsche Situation, dass in einer Diskussion der Kunde vergessen wird", mokiert sich Thomas Leitner, Geschäftsführer Central Emea bei Computer Associates (CA). "Beziehungen zum Kunden sind nicht mit Gold aufzuwiegen", stimmt ihm SAP-Manager Rehm zu. Dennoch gebe es in Deutschland keine Bewertung für Kundenbeziehungen - anders als in den USA, wo die ersten Deals ernorm wichtig seien. Auch für die Gründer sei es ein enormer Lerneffekt herauszufinden, wie man es schafft, Umsatz zu generieren, fügt Rehm hinzu.

Die Tatsache, dass insbesondere Firmenkunden den Lösungen junger Unternehmer skeptisch gegenüberstehen, mache es den Startups dabei nicht gerade einfach, schiebt Ludolph ein: "Im Markt herrscht derzeit das Klima der Mainstream-Entscheidungen. CIOs scheuen das Risiko des Einsatzes neuer Technologien. Statt dessen heißt die Devise, wenn IBM oder SAP draufsteht, kann man mit dem Produkt nichts falsch machen." (mb)