Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.


22.10.1993

Viele Unternehmen wollen Koexistenz von Host und R/3 Klarer Client-Server-Trend im Kreis der SAP-Anwender Von Wilfried Heinrich*

Der Zentralrechner ist den SAP-Anwendern immer noch das liebste Kind. Aber mehr als die Haelfte aller R/2-Kunden aeusserte in einer Umfrage der Karlsruher Orga GmbH Migrationsgedanken in Richtung R/3. Mit der Idee einer vollkommenen Abloesung des Hosts koennen sich jedoch die wenigsten anfreunden. Vielmehr wird es auf eine Koexistenz der beiden Systeme hinauslaufen, wobei auch Outsourcing eine grosse Rolle spielt.

Praktisch alle aktuellen Marktuntersuchungen ueber IT-Strategien geben das gleiche Bild wieder: Am Client-Server-Computing will sich kaum noch ein Anwender vorbeidruecken - ohne damit aber schon gleichzeitig das Aus fuer den Mainframe einzulaeuten. Das bestaetigen etwa die juengsten Vertriebs-News von IBM. Die installierte Grossrechnerleistung von Big Blue stieg in der ersten Haelfte 1993 um 20 Prozent gegenueber dem Vorjahreszeitraum.

Vor allem die Computerproduzenten fuerchteten um diesen letzten profitablen Rechnermarkt und bemuehten sich deshalb wortstark, PC- basierende Netzstrukturen durch allerlei negative Merkmale zu charakterisieren. Zuvorderst mit den Argumenten mangelnder Leistungsfaehigkeit und Sicherheit.

Doch dies konnte die Anwender keineswegs hindern, sich mit rasch wachsender Neugier auf das neue Terrain zu wagen. Auch aus Gruenden der Wirtschaftlichkeit, schliesslich horchten die inzwischen allerorts budgetgeplagten DV-Manager auf, als die ersten Client- Server-Projekte vollmundig mit dem Etikett der deutlichen Kostenreduzierung versehen wurden. Von Ersparniseffekten in der Groessenordnung bis zu 40 Prozent war die Rede. Zwar liessen sich nicht alle hochgestochenen Erwartungen erfuellen, weil letztlich die individuellen Systemverhaeltnisse und spezifischen Anforderungen den Ausschlag ueber die tatsaechlichen Kostenvorteile geben. Client-Server-Strategien als wirtschaftliches Rezept haben in den Augen der Anwender aber weiterhin Hochkonjunktur.

Noch ein anderer Faktor hat die PCs und Workstations in den Unternehmen endgueltig salonfaehig gemacht: Die Reorganisationsmassnahmen sehr vieler Unternehmen. Nicht erst durch den nun grassierenden Lean-Virus motiviert, steuern sie auf eine Abflachung ihrer hierarchischen Struktur hin und bilden Divisions mit eigener Profit-and-loss-Verantwortung. Die individuellen Anforderungen solcher selbstaendig im Markt agierender Geschaeftsbereiche lassen sich jedoch kaum noch auf zentralen Mainframe-Anwendungen ausreichend abbilden: Das organisatorische Fitnessprogramm der Dezentralisierung verlangt in sehr vielen Faellen ein technisches Aequivalent in Form vernetzter Rechner: das Client-Server-Computing.

Die SAP AG beschritt recht frueh den Weg in diese Richtung und kann sich in ihrer Entscheidung bestaetigt fuehlen, mit R/3 einen Generationswechsel zu vollziehen und von der Host-Orientierung in das Client-Server-Lager ueberzuwechseln. Nach einer Studie der Orga GmbH, Karlsruhe, stoesst diese Strategie auf grosse Akzeptanz im Markt. Befragt wurden ausschliesslich SAP-Anwender, und zwar mit dem Ziel, eine Einschaetzung ihrer Migra- tionsabsichten zu erhalten. Die Erhebungsbasis mit 226 ausgewerteten Befragungsprotokollen, unterschieden nach zwei Kategorien der Unternehmensgroesse, laesst sehr gesicherte Aussagen zu.

Dazu gehoert etwa, dass jeder dritte Betrieb bereits ueber vernetzte PC-Systeme verfuegt, wenngleich mit unterschiedlicher Ausrichtung. Unternehmensweite Client-Server-Architekturen mit Einbezug des Grossrechners als Server befinden sich lediglich bei sechs Prozent der SAP-Anwender, abteilungsbezogene PC-Netze in Kooperation mit einem Mainframe sind in doppelt so grosser Zahl vertreten. Ebenso viele verfuegen ueber CS-Abteilungsloesungen, die nicht in Verbindung mit einem Host stehen.

Demnach ueberwiegt in den Rechenzentren der SAP-Anwender noch eindeutig die zentralistische Host-Kultur. Allerdings wird es in Sachen Dezentralisierung offenbar bald boomen.

Mainframe-Technologie und CS-Loesungen koexistieren

Mehr als jeder zweite Befragte plant in den kommenden zwei Jahren den Auf- beziehungsweise Ausbau von Client-Server-Infrastrukturen, allen voran die grossen Unternehmen - ohne allerdings zugleich das Ende der zentralen Loesungen einzulaeuten. Nur fuer jeden zehnten Anwender ist die Hinwendung zu vernetzten Rechnern gleichbedeutend mit einer Abloesung der Grossrechnertechnologie.

Dieses Menue, das sich die Unternehmen hinsichtlich ihrer Plattformen zubereiten, verbindet Innovation mit Tradition und schmeckt sehr nach Koexistenz. Dies gilt besonders auch fuer die SAP-Anwendungen und das Zusammenspiel des bisherigen Grossrechner- mit dem neuen Client-Server-System. Die Anwender denken offenbar vorlaeufig keineswegs daran, ihre Liebe zu R/2 schon aufzugeben. Dabei hatte das Walldorfer Softwarehaus urspruenglich vorgehabt, bis Mitte dieses Jahrzehnts die aktive Unterstuetzung und Fortentwicklung von R/2 einzustellen. Aber vor allem wegen des frueher als geplant abflauenden R/2-Geschaeftes offeriert es wohl der Anwendergilde und den SAP-Kandidaten einen Fortbestand dieses Systems.

So wollen die Walldorfer mit der Version 5.0D grafikfaehige Arbeitsplaetze zur Verfuegung stellen, noch ein Release 6.0 entwickeln und die Wartung einschliesslich der Realisierung gesetzlicher Aenderungen bis Anfang des naechsten Jahrtausends gewaehrleisten. Dieser Strategiewechsel zeigt sich auch darin, dass die SAP AG inzwischen von integrierten Gesamtloesungen unter Einbezug der Anwendungssoftware R/2 und R/3 spricht, zu deren Umsetzung sie beispielsweise eine Kooperation mit IBM eingegangen sei.

Dem irritierten Anwender soll damit offenbar das Gefuehl genommen werden, schon in relativ kurzer Zeit migrieren zu muessen. In welcher Weise sich die neue Koexistenzpolitik der SAP bereits in den Befragungsergebnissen der Orga-Studie niedergeschlagen hat, laesst sich nicht ermitteln. Jedenfalls sieht gerade einmal jeder fuenfte DV-Chef in R/3 eine vollstaendige Alternative zum Vorgaengersystem. Fast zwei Drittel der Befragten votieren statt dessen fuer ein kooperatives Nebeneinander zentraler und dezentraler Anwendungen. Sicherheitsempfindliche Funktionen wie etwa das Rechnungswesen duerften wohl zunaechst noch auf dem Grossrechner verarbeitet werden.

Dieses Meinungsbild laesst sich keineswegs als skeptische Haltung gegenueber der neuen SAP-Plattform interpretieren. 75 Prozent bewerten sie sogar als Zukunftstechnologie. Dennoch zeichnen sie kein vollendet rosiges Bild: In den Augen der Unternehmen verfuegt dieses CS-System noch ueber keine ueberzeugende Reife - wie sollte es nach so kurzer Bewaehrungsprobe in der Praxis auch anders sein. Jeder dritte Anwender sieht oder vermutet Kinderkrankheiten, worin moeglicherweise auch ein Grund liegt, warum der Abschied von R/2 vielen so schwerfaellt.

Die Skepsis gegenueber dem technischen Status quo von R/3 hindert die SAP-erfahrenen DV-Verantwortlichen aber kaum daran, bereits jetzt ein verliebtes Auge darauf zu werfen. In den naechsten zwei Jahren ist sogar ein Migrationsfieber zu erwarten, denn nach den Ergebnissen der Orga-Befragung beabsichtigt jedes zweite Unternehmen, bis 1995 ein R/3-Projekt zu starten. Deutlich ausgepraegt ist dabei das Engagement bei den groesseren Betrieben, die schon zu 60 Prozent in ihre R/3-Zukunft blicken. Darauf beschraenken sich aber auch schon die signifikanten Meinungsunterschiede zwischen den beiden Unternehmenskatego- rien.

Fuer die breite SAP-Akzeptanz im Markt spricht offenbar, dass kaum Migrationswiderstaende bestehen. Lediglich jeder fuenfte Anwender beabsichtigt, vorlaeufig noch ausschliesslich an dem Mainframe- orientierten R/2 festzuhalten. Ob sich darin eine technisch begruendete Auflehnung gegen die Dezentralisierung ausdrueckt, ist fraglich. Eher sind es wohl die manifesten Bewusstseinsschwellen in Sachen zentraler DV und der Mangel an Detailkenntnissen ueber R/3, die den Kreis der Unentschlossenen (25 Prozent) abwarten lassen.

Tatsaechlich betreten mit R/3 selbst die Unternehmen Neuland, die bereits Erfahrungen im Client-Server-Computing gesammelt haben. Wo die Grossrechnertechnik ausschliesslich dominierte, baut der SAP- Generationswechsel scheinbar eine Huerde auf, die mit dem eigenen Know-how allein kaum zu nehmen ist. So zumindest ist die Absicht der R/3-Kandidaten zu verstehen, die bei Migrationsprojekten ein Outsourcing ins Auge fassen. Das gilt nicht nur fuer die beratende Planungsunterstuetzung, sondern vier von zehn Anwendern denken ebenso an eine Auslagerung der Produktion.

Dieses Votum bietet unterschiedliche Interpretationsmoeglichkeiten: Entweder zielen die Anwender in groesserer Zahl darauf ab, reine Technikkulturen zu schaffen und die verbleibenden R/2-Funktionen auf externe Dienstleister zu uebertragen beziehungsweise dort zu belassen - schon jetzt betreibt jeder Zehnte SAP im Outsourcing. Oder es sollen neue Varianten des Outsourcings entwickelt werden, bei denen Server-Funktionen in die Haende eines Dienstleisters gegeben werden. Moeglich ist diese Form der verteilten Datenverarbeitung beispielsweise ueber die Satellitenkommunikation.