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07.05.1999 - 

IT in Banken/Vom Homebanker zum Broker

Virtuelle Bankgeschäfte von Angesicht zu Angesicht

07.05.1999
Plötzlich scheinen sie aufgewacht zu sein, die Banker der Nation. In diesem Frühjahr häufen sich Meldungen wie "Bank eröffnet virtuelles Kaufhaus", "Realtime-Kurse kostenlos" etc. Homebanking ist bereits Standard - jetzt wird gehandelt, mit Aktien, Derivaten und Optionsscheinen. Doch was ist dran am Kundenfang? Gerda von Radetzky* begab sich ins Netz.

Laut Eurostat gab es 1997 in der Bundesrepublik 3442 Kreditinstitute, das sind acht Prozent weniger als 1994. In Irland stieg die Zahl im gleichen Zeitraum um 36 Prozent von 39 auf 53. Im Internet-Zeitalter jedoch wird der physische Sitz der Bank unerheblich. Der Bundesverband Deutscher Banken schätzt die Zahl der Online-Konten auf 6,6 Millionen. Für Online-Wertpapierkonten prognostiziert das Marktforschungsunternehmen Forrester Research einen rasanten Anstieg: Die heute rund 400000 in Deutschland sollen sich bis 2002 um das Zehnfache erhöhen.

Die Crédit Suisse vermutet, daß in fünf Jahren ein Viertel aller Wertpapiergeschäfte über das Internet laufen wird. Mit Hochs und Tiefs, wie kürzlich an der Wallstreet: Da lancierte Aktienbesitzer Gary D. Hoke eine Falschmeldung über das Unternehmen Pair Gain im Online-Börsennachrichtendienst Bloomberg. Die Aktien schossen in die Höhe, um am gleichen Tag wieder im Keller zu landen - nachdem Bloomberg die Sache richtiggestellt hatte. Hoke hatte allerdings digitale Spuren hinterlassen - und wurde gefaßt.

Die digitale Spur ist auch das Mittel, das clevere Banker fürs Marketing nutzen. Heraus kommt die personalisierte Web-Site, die individualisierte Ansprache, auf neudeutsch Mass Customization oder One-to-one-Marketing. Software wie "Me-Relashionship", Produkte von Broadvision oder Newstar erzeugen ein Profil des Kunden, indem sie jeden Klick, jede Eingabe, die er auf irgendeiner der Web-Sites macht, festhalten. Dieses Profil wird mit jedem Besuch genauer strukturiert und verfeinert. Die US-amerikanische Summit-Bank folgt dem Kunden durch ihre 1500 Seiten. Waren es Immobilienfinanzierung oder Autoleasing, Aktien oder Derivate, die ihn interessierten, so findet er beim nächsten Einstieg auf der Homepage Angebote und Links zu diesen Bereichen. Als eine der ersten in Europa realisierte dies die Siemens AG mit Broadvision bei der Bank Austria.

Doch auch Banker machen Fehler, wie die Karstadt AG, die mit Millionen einen neuen Namen im Netz etablieren wollte - "My World" -, statt die seit Jahrzehnten positiv besetzte Marke "Karstadt" zu nutzen. Die Deutsche Bank will nun ihre direkte Tochter "Bank 24" mit ihren Filialen verschmelzen und in "Deutsche Bank 24" umbenennen. Vom virtuellen eigenen zu einem Gemischtwarenladen, in dem auch Produkte fremder Institute vertrieben werden sollen.

"My World" ist zur Marke avanciert. Das wiederum nutzten andere und nannten eine Online-Straße für Einzelhändler "My Shop": Im April übernahm die Rechenzentrale der Bayerischen Genossenschaften (RBG), IT-Dienstleister von 588 Genossenschaftsbanken, das von der bayerischen Staatsregierung initiierte Projekt. Christoph Scheuermann, Internet-Koordinator bei der RBG, betont, daß das mit der IBM entwickelte Payment-Gateway den Volks- und Raiffeisenbanken "den strategischen Vorteil verschafft, einen Fuß in die Zahlungsströme zu setzen". Bisher laufen die meisten Online-Verkäufe noch per Nachnahme, und die Postbank verdient kräftig daran. Die Volks- und Raiffeisenbanken könnten ihr dieses Geschäft streitig machen. Doch die Technik von IBM ist nicht auf eine einzige Bankengruppe beschränkt. Theoretisch kann jede Bank mit ins Boot steigen.

Streicht man das "My", bleibt "Shop". Diesen Begriff versucht die Deutsche Bank jetzt als Marke in "shop.deutsche-bank.de" zu etablieren. Der Primus schaltet sich wie die RBG in die elektronische Kette zwischen Händler und Kunden. Den Kreis potenter Kunden wiederum hofft er durch die Online-Plazierung von Neuemissionen zu vergrößern. Der erste Wert (in Höhe von 100 Millionen Euro) war Fortune City, ein US-Unternehmen, das virtuelle Städte baut. Exakt mit diesem Wert begann die Frankfurter NetIpo ihr Brooker-Geschäft, das ausschließlich im Internet stattfindet. Das Unternehmen führt keine Kundenkonten, sondern verdient an der Vermittlung.

Über eine Mall will auch die Landesbank Berlin Kunden ködern: Die Tochter Berliner Sparkasse verschenkte eine Visa-Kreditkarte an potentielle Kunden, IBM legte 50 Mark drauf. Der User ging online einkaufen, über Links in acht Läden, von "My World" bis zu schwedischen Delikatessen. Über den virtuellen Laden Kunden gewinnen will auch American Express: Wer bei "www.buecher.de" mit der Karte bezahlt, bekommt diverse Bonuspunkte.

Die Landesbank Sachsen hingegen gründete die Tochter Virbus. Über deren Site (www.akon.de) werden Neuemissionen der Sachsen LB feilgeboten, demnächst auch andere Aktien, ohne bei der Bank ein Konto führen zu müssen.

Die Dresdner Bank will Firmenkunden mit eigener "Cyber-Shop"-Software binden. Die gleiche Absicht steht hinter dem Produkt "shopdb" der Deutschen Bank.

Die Aachener Agentur Team in medias bereitet gerade eine englische Version des Deutsche-Bank-Shops für den europäischen Markt vor. Ob das die neueste Variante der Direktbanken schaffen wird, sei dahingestellt. Seit Mitte April wirbt NetBank, eine Tochter der Sparda-Banken, als "Europas einzige Internetbank". Vorsichtig formuliert die Siemens AG, die den Online-Auftritt realisierte und für den laufenden Betrieb verantwortlich ist, daß "die Möglichkeiten des One-to-one-Marketing künftig voll ausgenutzt" werden sollen.

Vor dem Sprung ins Netz müssen die Mitarbeiter allerdings lernen, die Fäden zu ziehen. Eine zündende Idee hatte da die Deutsche Bank: sie richtete in ihrem Intranet einen Kleinanzeigenmarkt ein. Dazu Manfred Weinel, Geschäftsführer der Bank 1822direkt, die seit 1996 online und eine Tochter der Frankfurter Sparkasse ist: "Online-Banking heißt nicht Technik. Man muß das vorleben." Bei der 1822direkt soll der Rückruf "innerhalb einer Viertelstunde" kommen. Und es funktioniert, selbst am Sonntagnachmittag. Auch die Citybank setzt auf Callback-Buttons. Sonntags klappt jedoch nichts. Die US-Mutter hat da ganz andere Pläne. Sie will Personalisierungssoftware so einsetzen, daß sie im Jahr 2010 eine Milliarde Kunden hat. Auch durch Leistungen, die sie sich zukauft. Wie E-Trade, einen Internet-Broker, der inzwischen rund 40 Neuemissionen über das Netz an die Aktionäre brachte.

Service ist die eine Seite - Kosten sind ein weiteres Kriterium. Bei Aspect online vergleichen pro Monat rund 3000 User Giro-, 1500 Brokerage- und 1200 Ratenkreditkosten. Erst 40 Banken machen mit, darunter die Töchter von BMW und Volkswagen.

60 Prozent des Aspect-Umsatzes gehen über die eigene Site (www.aspect-online).de, 40 Prozent über Kooperationen mit Online-Zeitschriften und -Brokern. Geplant sind Festgeldzinsen, Leasing, Fondskosten und Baugeld. Zum neu aufgelegten Ratenkreditvergleich meint Aspect-Online-Chef Stephan Gabriel: "Wir schätzen auf zirka zehn bis 15 Prozent Umstellungsquote bei den Interessenten, wie in der Autoversicherung."

Auf günstige Preise setzt 1822direkt. Bis August ''98 lief das elektronische Geschäft zu 90 Prozent über das Telefon. Dann gingen die Online-Kontokosten runter. Inzwischen handeln nur noch 35 Prozent mittels Telefon.

Auf Service für Wertpapiere setzt die Tochter der Commerzbank, die mit dem Namen "Comdirect" auf den Wiedererkennungseffekt setzt. Laut Reiner Schüring, für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, denkt in der Zentrale niemand daran, das Tochterunternehmen zu schließen. "Im Gegenteil. Wir sind ein Jahr eher in den schwarzen Zahlen als geplant."

Mit mehr als 193000 Kunden Star unter den Direktbanken, wartet sie mit einem in Deutschland einmaligen Service auf: Für Kunden gibt''s Aktienkurse in Echtzeit kostenlos. Für die Bank zwar ein teures Bonbon, doch damit ist sie der Konkurrenz im Augenblick voraus. Beim Discount-Broker Consors, Tochter der Schmidtbank, kann man die Daten ebenfalls abrufen: per Telefon für 1,21 Mark pro Minute. Weinel von der 1822direkt ist davon überzeugt, daß nicht nur sein Haus ab Herbst kostenlos Realtime-Kurse anbieten, sondern daß es dann "State-of-the-Art der Direktbanken" sein wird.

Online-Handel zu Realtime-Kursen

Der Comdirect-Kunde sieht die Kurse, und er kann Aktien am gleichen Tag kaufen und verkaufen. Diesen "Intraday-Handel" bietet auch Consors. Im Gegensatz zu Comdirect setzen die Nürnberger nicht auf Service, sondern auf günstige Brokerage-Kosten, auch mit US-Aktien. Zum eigenen Börsengang im April schenkte Consors jedem neuen Online-Kunden eine Aktie. Ob sie auch bei der Neuemission bevorzugt behandelt wurden, war nicht zu erfahren.

Doch auch die Nachbarn schlafen nicht. Als erste Schweizer Bank betreibt die Crédit Suisse (CS) seit 9. April den Online-Handel mit Schweizer Werten und Realtime-Kursen. Prompt stieg der Kurs der CS-Gruppe. Laut Projektleiter Alfred Castelberger soll das Geschäft auf US- und deutsche Werte ausgeweitet werden. In diese Lücke sprang auch Fimatex, eine Tochter der französischen Société Générale. Hier sind Online-Kauf und -Verkauf an 30 Terminbörsen weltweit möglich.

Unter "Service" taucht bei der NetBank (www.netbank.de) als erstes ein Rabattsystem auf. Statt Marken gibt''s Punkte für vom Kunden geworbene Neukunden. Wie titelte doch Siemens zur Frankfurter Euro Finance Week im letzten Herbst? "Kundenservice lebt vom Dialog." Service, so er noch nicht in allen Finessen elektronisch funktionieren kann, weil der User noch nichts preisgegeben hat, beginnt mit der Antwort auf Fragen des Aspiranten. Bei der NetBank fehlt der Rückruf-Button, statt dessen gibt es eine teure 01805-Nummer. Also probieren wir es Internet-gemäß mit der E-Mail. Von Montag morgen bis Sonntag abend Schweigen, trotz Nachhakens.

Online-Konten

Institut Online-Konten

Privatbanken 2,6 MillionenSparkassen 2,5 MillionenVolks- und Raiffeisenbanken 1 MillionPostbank 0,56 Millionen

Quelle: Bundesverband Deutscher Banken (www.bdb.de)

Im Vergleich zu 1997 haben sich die Online-Konten 1998 von 3,5 Millionen auf 6,66 Millionen fast verdoppelt. Damit werden knapp zehn Prozent der rund 70 Millionen Konten über das Internet geführt.

Nicht online, sondern onair

In Deutschland kann der Consors-Kunde von jedem Festtelefon aus über eine kostenlose 08 00-Nummer seine Orders aufgeben; über das Handy wird dies teuer. In Finnland laufen laut Heikki Äyväri, Vice-President bei Sonera, dem Nachfolger der staatlichen Telefongesellschaft, bereits ein Drittel aller elektronischen Transaktionen nicht online, sondern onair. Obgleich jede Transaktion extra kostet. "Kein Problem", sagt Manfred Weinel von 1822direkt. Zur Zeit läuft ein Pilotprojekt mit Kartenhersteller Schlumberger und Kunden des E2-Netzes der VIAG Interkom. In eineinhalb Jahren sollen E2-Mobile den Geldchip aufladen und mit Aktien in Realtime handeln können. Der Haken an der Sache: Für Transaktionen muß eine TAN (Transaktionsnummer) eingegeben werden. Zum Handy gehört der Ziffernzettel, der mal wieder im Büro vergessen wurde. Dieses Problem haben Finnen, Tschechen oder Schweden nicht.

Der Münchner Kartenfabrikant Giesecke + Devrient beliefert den tschechischen Mobilfunker Radiomobil. Kunden der Expandia-Bank überweisen seit vergangenem August auch per Handy. In Kürze können in Schweden Postgirokunden mit Telia-Anschluß ihre Rechnungen mobil begleichen. Vorteil dieser Modelle: Der Kunde gibt nur eine PIN ein, um mit dem Banken-Server verbunden zu werden. Abzuwarten bleibt, wer in Deutschland zuerst Realtime-Kurse mit "Intraday-Handel" anbieten wird. Es muß ja keine Bank sein. "Banking is essential, banks are not", meint Bill Gates. In den USA sind bereits rund 100 Broker im Netz.

Die Veba Telecom ließ eine Studie zum mobilen Kommerz anfertigen, die beim 3. Business Forum der Siemens AG im Juni vorgestellt wird. Projektleiterin Bettina Horster: "Mobilfunk bietet neue Geschäftsfelder. Vor allem im Bankensektor, da es hierfür bereits Technologieplattformen gibt."

Angeklickt

Nur wenige, großteils stark spezialisierte Banken können es sich noch leisten können, keine Internet-Aktivitäten zu entfalten. Das Online-Banking breitet sich aus. Besonders das Segment des Wertpapiergeschäfts ist stark expansiv. Online-Plazierung von Neuemissionen zieht neue Kunden an.

*Gerda von Radetzky ist freie Journalistin in München.