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25.02.2000 - 

Portale/Von der Kommune zur Community

Virtuelle Stadttore repräsentieren schon viele deutsche Gemeinden

Jeder Flecken in Deutschland, ob 300-Seelen-Dorf oder Drei-Millionen-Metropole, könnte sich virtuell bereits als Tor zu einem Gemeinwesen präsentieren. Doch verhindern noch allzu viele Mauern und Vorschriften, dass kreative Köpfe die Strukturen vereinfachen und zusammenführen. Verwaltung, Bürger und Gewerbe ziehen noch selten an einem Strang. Gerda von Radetzky* begab sich auf die Suche nach Sinn und Nutzen der städtischen Portale.

Nichts lässt sich im World Wide Web leichter suchen als die Seite eines kleinen deutschen Kuhdorfs, sofern es sich auf der weltweiten Meile überhaupt präsentiert. Denn reale Orte haben gegenüber der Wirtschaft einen exklusiven Vorteil: Sie sind bereits eine etablierte "Marke" und damit im Netz einfach zu finden. Sie sind prädestiniert dazu, den Begriff "Portal" in seinem ureigensten Sinn mit Inhalt zu füllen. Die Zugriffszahlen deuten darauf hin. Karlsruhe.de wird jeden Monat rund 2,5 Millionen Mal angeklickt.

Doch viele Orte nutzen nicht die Chance, die sie ihrem Kämmerer geben könnten, wenn sie Routinevorgänge vom Bürger über das Netz und damit zeit- und kostensparend für die Stadt abwickeln ließen. Da kommen dann die Bedenkenträger beispielsweise mit der Ansicht, das Internet sei zu unsicher. Eine große Diskrepanz zwischen amtlicher und öffentlicher Meinung stellte allerdings Online-Redakteurin Eva Emskötter von Münster.de fest: "Wir bieten die Urkundenbestellung des Standesamts per sichere Methode über ein ausdruckbares PDF-Formular an und die unsichere, da noch unverschlüsselt, mit Einzugsermächtigung. Letztere wird deutlich häufiger genutzt als die Offline-Variante."

Hier bewahrheitet sich das Gesetz des Internet: Der Kunde entscheidet, nicht der Anbieter. Und wer ist der Kunde? Jeder Gewerbetreibende, jeder Einwohner, jeder Tourist. Darmstadt mit 136000 Einwohnern und 7000 Wirtschaftsbetrieben integrierte im September 1999 in den Auftritt ein Bürgerinformationssystem. Griffen im Februar 1999 noch 125000 User zu, so hatte sich die Zahl im Dezember auf 500000 vervierfacht. Offenbar goutieren Bewohner, Gewerbetreibende und Touristen das mit der IDNS- Administration.Com GmbH und dem Zentrum für Grafische Datenverarbeitung e.V. entwickelte System, das die Dienstleistungen der Verwaltung mit kommerziellen Angeboten verknüpft. Rolf Lang, im Magistrat für die I-und-K-Technik verantwortlich, betont den Nutzen für jede Gruppe: "In der Verwaltung wird die Arbeit erleichtert, innerhalb der Verwaltung das Informationssystem verbessert. Vor allem wird der Wirtschaftsstandort gestärkt. Die Wirtschaft kann durch die Verknüpfung mit den Dienstleistungen der Stadt potenzielle Kunden zielgruppengenau ohne Streuverluste ansprechen. Der Bürger greift gezielt auf die Informationen zu, ohne Zuständigkeiten kennen zu müssen, und gewinnt Zeit, weil er sich Behördengänge erspart."

Wie hat Darmstadt das gelöst? Nicht allein mit dem Formularabruf, sondern mit der Idee eines Straußes von Dienstleistern und Händlern, die sich um das Ereignis Heirat rankt: Modegeschäft, Schmuckladen, Pfarrer und Fotograf, Versicherer, Florist und Babyausstatter. Genau diese Links bietet Darmstadt, sofern die Händler ihre Dienste einbringen. Auch sonst ist diese Marketing-Methode doch absolut gängig: Neben jeder Kfz-Zulassungsstelle haben sich Schilderpräger und Versicherer niedergelassen. Die Online-Stadt wird so zum erweiterten Abbild der Realität, mit 24-Stunden-Service. Aus der Nutzung lassen sich Nutzerprofile generieren, die Stadt und Wirtschaft helfen, One-to-one-Marketing zu betreiben: das richtige Angebot zur richtigen Zeit gezielt der richtigen Person zu offerieren, real oder virtuell.

Laut Statistischem Bundesamt gibt es in Deutschland 440 kreisfreie Städte und Landkreise sowie 14197 Gemeinden in 32 Regierungsbezirken. Meinestadt.de, seit Januar im Netz, bietet nicht nur Links zu 14600 Orten. Jede Stadt-Site ist wiederum ein Portal mit strukturiertem Angebot vom aktuellen Wetter bis zu Links in die Umgebung - eine Site, die Tourist, Bürger, Bauherr oder Investor gleichermaßen anspricht. Dass virtuelles Handeln lokales Reales nach sich ziehen kann, erkannte unter den Auktionatoren als erster Offerto.de. Meinestadt.de führt selbstverständlich von der jeweiligen Stadt-Site auf die örtlichen Versteigerungen.

Mitunter betrachten Verwaltungsmitarbeiter das Internet jedoch als geschlossene Veranstaltung: Ein Herr Strömer aus Wittmund ließ auf eine E-Mail-Anfrage zum Online-Auftritt verlauten, dass der Landkreis sich nur dann "an Umfragen beteiligt, wenn diese mit dem niedersächsischen Landkreistag abgesprochen sind". Franz Stuchlik, ehemaliger Informatikprofessor an der Universität Magdeburg und Geschäftsführer der ADI Informatik-Akademie, der auf eine zehnjährige Erfahrung mit dem "Bürgerberatungssystem Magdeburg" zurückgreifen kann, gibt Weiteres zu bedenken: "Die Sorge um den Erhalt des Arbeitsplatzes steht vielfach als dunkler Schatten im Hintergrund von Verhaltensweisen." Schließlich müsse kein Herrchen seinen Hund vorführen, um ihn anzumelden, das könnte online gehen, inklusive der Begleichung der Hundesteuer.

Allerdings setzt das ein Intranet voraus, an das möglichst sämtliche Ämter angeschlossen sind, wie in Rathenow. Selbst die Verlinkung bestehender Sites scheint schwierig. Anfang Februar meldete die Dimedis, dass die Bezirksregierung Münster (www. bezreg-muenster.nrw.de) online sei. Das Unternehmen hatte ein Redaktionssystem geliefert, mit dem jede Abteilung ihre Seiten selbst aktuell halten kann. Doch der Bezirk versäumte, einen Link auf das bereits seit 1996 existierende www.muenster.de zu setzen. Das holten die Städter sofort nach. In Münster.de kann sich jeder Bewohner eine E-Mail-Adresse besorgen und braucht bei der Einwahl über das Stadtnetz nur die Telefongebühren zu berappen. Menschen ohne Computer bedienen sich öffentlicher Terminals.

Sperrmülltermine via Internet beantragt

Arbeitsteilung gestattet die Bewältigung der vielfältigen Aufgaben: Die Citykom Münster GmbH stellt die Technik und kümmert sich um den Kommerz. Den nichtkommerziellen Bereich betreut das Presseamt der Stadt, der Verein Bürgernetz Büne kümmert sich um die rund 350 Vereine mit allein 600000 Seiten. Inklusive der Stellen in der Stadt kostet der Auftritt pro Jahr knapp eine Dreiviertel Million Mark. Von der Fristverlängerung des geliehenen Buchs und der Beantragung des Kfz-Wunschkennzeichens über Urkundenbestellung und Hotelreservierung bis hin zur Anmeldung eines Weiterbildungskurses kann der Bürger vieles online erledigen.

Doch es ist nicht das Geld, das den Ausschlag für den Erfolg eines Portals gibt, Ideen sind gefragt. Hinter Kitzingen.de verbirgt sich eines der ältesten Landkreis-Portale mit 31 Gemeinden, etlichen Behörden und der Wirtschaft. Vom Zeltplatz bis zum Luxushotel - hier sind alle Arten von Übernachtungen online buchbar. Und zehn Prozent aller Sperrmülltermine werden bereits via Internet beantragt. Redaktionsleiterin Sabine Schmincke meint auf die Frage nach den Kosten des Auftritts: "Nur meine Arbeitszeit." Die Stadt Görlitz, die bereits sämtliche Behörden vernetzt hat und über eine Wirtschaftsdatenbank allen Unternehmen die Möglichkeit zur Präsentation bietet, verhandelt zur Zeit mit der Deutschen Telekom, um das virtuelle Netz zu optimieren.

Radikal ging die Hauptstadt vor und verkaufte Berlin.de an die Primus-Online Berlin-Brandenburg GmbH & Co.KG, wobei Berlin.de der offizielle Landes-Server blieb.

Antreiber sind auch die Sparkassen. Pfullendorf untersucht seit 1996 die Wirkung regionaler E-Marktplätze auf Bürger, Wirtschaft und Verwaltung. Jüngstes Fazit des Bürgermeisters Heiko Schmid: "Kompetenz und Know-how sind in unserem lebenswerten Landstrich in hohem Maße präsent. Nur die Bündelung ermöglicht es, neue Märkte zu erschließen.

Es gibt viel zu tun, packen wir''s an." Einer, der von Anbeginn die Ärmel hochgekrempelt hat, ist Sparkassenvorstand Hermann Stengele. Kräftig unterstützt er das neue Technologie- und Innovationszentrum, das ein Portal für die Wirtschaftsförderung von Sigmaringen, Pfullendorf und dreier umliegender Gemeinden bieten soll.

Das Forschungsministerium hatte 1998 den Wettbewerb "Media@Komm" ausgeschrieben und Kommunen aufgefordert, Vorschläge einzureichen, mit denen "zwischen Verwaltung, Bürgern und Wirtschaft rechtsverbindliche Transaktionen vollelektronisch abgewickelt werden können". Für die Konzepte der drei Gewinner liegen 50 Millionen Mark beim Wirtschaftsministerium bereit, das zwischenzeitlich die Leitung übernahm. Jeder Gewinner soll laut Projektträger DLR (www.dlr.de/IT/MM/media@komm) in Köln noch einmal das Doppelte der Fördersumme aufbringen. Rheinabwärts, in Neuss, bewerkstelligen nur zwei Lehrer den Auftritt ihrer Stadt.

Die Sieger Bremen, Esslingen und Nürnberg haben Gemeinsamkeiten in ihren Vorschlägen aufzuweisen: die Geldkarte als Medium für Signatur und Bezahlung und die Brokat AG als Lieferant des Systems für die Transaktionen. Ökonomisch betrachtet nicht schlecht, ist doch für alle drei Städte nur ein Basisentwurf notwendig. In Bremen können bereits Verwaltungsgebühren mit der Geldkarte beglichen werden, ein umständliches Prozedere, wenn es nur um ein paar Mark geht.

Da fragt es sich, ob das Pferd nicht am falschen Ende aufgezäumt wurde: Statt Verwaltungsvorschriften zu vereinfachen, werden immense Summen ausgegeben, um die unterschiedlichen lokalen Verordnungen auch online möglichst kompliziert abzuwickeln: Geht beim Wirtschaftsministerium eine E-Mail ein, wird sie nicht direkt an den zuständigen Sachbearbeiter weitergeleitet, sondern ausgedruckt, mit Eingangsstempel versehen und per Fax versandt. "Oft hat man den Eindruck, dass einige Entscheidungsträger die Chancen der Wissensgesellschaft noch nicht erkannt haben. Vielleicht auch nicht erkennen können, da ihnen die Nutzung der neuen Technologien fremd ist", stellt Hans-Jürgen Lemle, verantwortlich für Rathenow.de, fest. Er hofft, dass die Bürger im August nächsten Jahres sämtliche Behördenangelegenheiten online abwickeln können und es durch eine Zusammenarbeit mit der Industrie "auf plus minus null im Betrieb" kommt.

Plattform für regionale Multimedia-Branche

Lisa Treiber-Zimmer, Leiterin der Internet-Abteilung des Presseamts von Nürnberg, führt einige Probleme auf die Verwaltungsreform zurück: "Der Ansatz, Kompetenzen aus früher zentral organisierten Bereichen in dezentrale Einheiten zu verlagern, erschwert die Vereinbarung technischer, inhaltlicher und grafischer Standards. Dienststellen kooperieren nur, wenn sie einen Nutzen für ihre eigene Situation erkennen." Offenbar ziehen nicht alle an einem Strang.

In Paderborn hatte das Fraunhofer-Anwendungszentrum für logistikorientierte Betriebswirtschaft (ALB) eine Kooperationsplattform für die regionale Multimedia-Branche vorgeschlagen. Die Idee fiel bei "Media@Komm" durch, doch das ABL gab nicht auf. Sehr bald stellte sich heraus, dass der regionale Ansatz nicht der Nachfrage entsprach. Das ALB entwickelte daraufhin virtuelle Kompetenzzentren zu unterschiedlichen Themen, die vor kurzem unter dem Portal www.e-business-systeme.de gebündelt wurden. Aufträge aus der Industrie erhält es inzwischen ohne jede Akquisition allein über das virtuelle Tor. Aber auch Meinestadt.de bekommt Konkurrenz. Die GFT Technologies AG aus St. Georgen entwickelt ein europaweites Städte- und E-Business-Portal. Im Sommer soll E-City.de ans Netz. Überholt oder nicht? Die Stadt als Portal hat wohl nur dann Sinn, wenn sie das Leben von Bürgern, Verwaltung und Gewerbe erleichtert. Nur wenn der User einen Nutzen sieht, wird er durchs Online-Tor schreiten - eventuell auch um sich real in der Kommune niederzulassen.

Angeklickt

Die Vorstellung, dass Bürger künftig ihre Steuererklärung via Web abgeben oder auch ihre neue Autonummer aussuchen, ist gar nicht mehr so weit her-geholt. Schon 1998 wurde vom Forschungsministerium ein Wettbewerb ausgeschrieben, der aufforderte, Vorschläge einzureichen, mit denen "zwischen Verwaltung, Bürgern und Wirtschaft rechtsverbindliche Transaktionen vollelektronisch abgewickelt werden können". Die Sieger waren Bremen, Esslingen und Nürnberg, deren Portale offenbar den Weg weisen.

*Gerda von Radetzky ist freie Journalistin in München.