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06.08.1999 - 

Forschung und Technologietransfer

Vision: Ein virtuelles High-Tech-Kaufhaus

Um aus einer zündenden Idee ein konkurrenzfähiges Produkt zu machen, brauchen Forscher, Erfinder und Software-Entwickler Unterstützung von Beratern, Förderern und Vermittlern. Doch welche Methoden des Technologietransfers sind eigentlich erfolgversprechend? Johannes Kelch* hat sich bei Fachleuten erkundigt.

Mit einer Niederlage begann einer der erfolgreichsten Technologietransfers der jüngeren IT-Geschichte. Forscher des Fraunhofer-Instituts für integrierte Schaltungen (IIS) in Erlangen und von Telefunken (heute: Thomson) hatten in ein Audio-Codierverfahren viel Arbeit investiert, doch der Vorschlag setzte sich nicht bis zum europäischen Standard für digitale Rundfunkübertragung durch.

Für die Teams war diese Enttäuschung kein Grund, klein beizugeben. Sie feilten weiter an den diffizilen Methoden zur Datenkompression und betrieben mit der "Fraunhofer-Patentstelle für die Deutsche Forschung" konsequent die Vermarktung des Verfahrens.

Unter dem Kürzel MPEG Layer 3 macht das Format zur Datenkomprimierung inzwischen Furore. Es beschleunigt die Übertragung von Musik via Internet. Mit dem jetzt fertiggestellten MPEG-2 Advanced Audio Coding AAC wird das Datenvolumen sogar auf weniger als zehn Prozent der ursprünglichen Menge gedrückt. Und schon tüftelt das Konsortium, dem sich inzwischen AT&T, Dolby und Sony angeschlossen haben, an kryptografischen Verfahren zum Schutz von Urheber- und Verwertungsrechten. Damit läßt sich der illegalen Verbreitung von Musik übers Internet der Riegel vorschieben.

Der stellvertretende Leiter der Fraunhofer-Patentstelle, Helmut Schubert, rechnet damit, daß all diese patentgestützten Verfahren in der Musik- und Unterhaltungsindustrie ein gewaltiges Echo hervorrufen werden. Tatsächlich steigen die Lizenzeinnahmen exponentiell - 1999 voraussichtlich auf mehr als drei Millionen Mark.

Erfolgsgeschichten wie diese sind selten - vor allem in Europa. Liest man Publikationen der EU-Kommission, dann drängt sich der Eindruck auf, daß der Untergang des Abendlandes kurz bevorsteht. Einzige Ursache: die Unfähigkeit auf dem alten Kontinent, Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte zu verwandeln. In der Postille "Innovation & Technology Transfer" wird die in Ungnade gefallene Forschungskommissarin Edith Cresson nicht müde, Europas Reichtum an Wissen und Technologie zu preisen, um gleich darauf ein Klagelied auf die mangelnde Verwertung dieser Schätze anzustimmen.

Statistisch fragwürdige Vergleiche zu Forschungsausgaben, Patentanmeldungen und zu den Aufwendungen für die Produktentwicklung untermauern in der EU-Darstellung ein "europäisches Paradox". Demnach klaffte zwischen den Anstrengungen in der Forschung und dem ökonomischen Ergebnis eine überaus große Lücke - ganz anders als in den USA, in Japan und sogar in den südostasiatischen Tigerstaaten.

Edith Cresson erklärt sich diese Lücke mit Unterschieden in Kultur, Tradition, Rechtssystemen, Ausbildung und Qualifikation in Europa. Die Schaffung von Konsortien für den Technologietransfer sei daher "eine komplexe und delikate Angelegenheit". Schließlich behindere auch die Absenz einer einheitlichen Patentstruktur die Verbreitung von Technologie (für wirksamen Schutz muß man ein Patent in allen europäischen Ländern anmelden).

Komplex und delikat

Wenig Aufmerksamkeit schenken die Veröffentlichungen aus Brüssel indes einem Innovationshindernis, das die EU-Forschungsförderung selbst verursacht. Zuwendungen aus Brüssel sind immer an die internationale Kooperation und den Austausch der Forschungsergebnisse geknüpft. Ein Unternehmen kann daher mit den EU-Mitteln für technische Produkte keine Alleinstellungsmerkmale entwickeln.

Fragt man Fachleute, dann wird aus dem holzschnittartigen Bild, das die EU-Kommission zum Nulltarif verbreitet, ein weitaus differenzierteres Gemälde. Demnach unterscheidet sich die Situation der Großkonzerne, der mittelständischen Firmen, der Start-up-Unternehmen sowie der Universitäten grundlegend. Konzerne haben inzwischen Abteilungen gegründet, die sich ausschließlich mit der Verwertung neuer Technologien beschäftigen. So kümmert sich bei Siemens beispielsweise eine Gruppe von Spezialisten intensiv um die praktische Umsetzung von Ideen zur Spracherkennung.

Die Giganten halten auch mit beim wilden Patentieren, das die IT-Branche international erfaßt hat. Der Grund dafür liegt "nicht in der Absicht, eins zu eins aus einem Patent ein Produkt zu machen", so Thomas Gering, Leiter der Abteilung für Technologieverwertung und Lizenzen bei der Fraunhofer-Patentstelle.

Gering erklärt die Patentiersucht vielmehr mit der Furcht, von Technologien abgeschnitten zu werden. Ein informationstechnisches Produkt - beispielsweise das eingangs erwähnte Audio-Komprimierverfahren - basiert auf einer Fülle von Patenten. Mit einem Sack voller Patente haben die Konzerne ein "Faustpfand" in der Hand, mit dem sie potente Konkurrenten zwingen können, über Cross-Lizenzen dringend benötigte Technologien preiszugeben.

Ganz anders die Lage der Mittelständler: Im ungünstigsten Fall kann ein Großunternehmen ein erfolgreiches Produkt eines kleineren Konkurrenten mit Dumping-Angeboten aus dem Markt katapultieren.

Noch schlechter sieht es bei den Start-up-Firmen aus. Johann Löhn, Vorsitzender der Steinbeis-Stiftung kennt "viele fantastische Start-ups, geführt von brillanten Wissenschaftlern, die scheitern, weil sie keinen Marktzugang finden". Wissenschaftler konzentrieren sich hierzulande - anders als in Japan - zu stark auf die innovatorische Arbeit und kümmern sich zuwenig um das Geschäft, bedauert Löhn.

Große Gefahr bestehe für Einzelpersonen, wenn sie ein aufsehenerregendes Forschungsergebnis zu bieten haben und sich bei der Vermarktung auf ein Kooperationsprojekt mit Firmen einlassen. "Sobald Firmen beteiligt sind, pressen sie Sourcen raus, so daß am Ende nichts übrigbleibt, was zu Tantiemen führt", beschreibt Thomas Gering die Gefahr.

Vollends unbefriedigend ist nach Darstellung von Helmut Schubert die Lage an den Hochschulen. "Den Universitäten fehlt das Patentbewußtsein", sagt Schubert. Zudem fehlt ihnen der Etat, um Vorleistungen für den Schutz von Forschungsergebnissen und Erfindungen zu erbringen. Abgesehen von Arbeiten der Professoren, die selbst Patente anmelden können, bleiben etliche Forschungs- und Entwicklungsergebnisse völlig ungeschützt.

Welche Wege im Technologietransfer soll man in Anbetracht dieser Schwierigkeiten wählen? Wie kommen Forscher und Erfinder auf der einen Seite sowie Kapitalgeber und Unternehmen auf der anderen zusammen?

Ist eine Publikation mit einer gelungenen Darstellung von Forschungsarbeiten und Verwertungschancen bereits Technologietransfer? Oder soll man Meetings veranstalten, um Leute aus Forschung und Wirtschaft zu vernetzen? Was die letzte Frage angeht, so verbirgt sich für Thomas Gering hinter dieser Alternative ein nutzloser "Glaubenskrieg".

Der Fachmann für Technologieverwertung betont, wichtig sei es, "Informationen zielgerichtet an potentielle Interessenten heranzutragen, anstatt sie breit zu streuen". Man müsse "Klinken putzen, um an diejenigen Leute in den Unternehmen heranzukommen, die intern Türen aufbrechen".

Die Karlsruher Informatik Kooperation (KIK) hat sich für einen anderen Weg entschieden und betreibt den Aufbau regionaler Netzwerke über Veranstaltungen und Veröffentlichungen. In der KIK haben sich zahlreiche informationstechnische Forschungseinrichtungen mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) zusammengeschlossen. Nach Auskunft von IHK-Geschäftsführer Jörg Orlemann besucht inzwischen ein "Stammpublikum" aus der Wirtschaft die kostenpflichtigen Veranstaltungen. Seit etwa fünf Jahren schreibt die KIK eine "schwarze Null". Orlemann sieht einen Vorteil darin, daß er bei einem Anruf eines IHK-Mitglieds sofort persönliche Kontakte zu den Forschungsinstituten vermitteln könne.

Auf die Frage, ob denn regionalen Netzwerken im globalen Dorf überhaupt noch eine Bedeutung zukomme, wie beispielsweise im 19. Jahrhundert bei der industriellen Entwicklung, antwortet Jörg Orlemann mit "ja". Für kleine Firmen sei ein regionales Netzwerk ein "Anker", die fachlich versierten Forschungsinstitute könnten einen "weiteren Horizont" vermitteln.

Weniger auf den Horizont und stärker auf die Finanzen konzentriert sich die Deutsche Börse AG in einer neuartigen Technologietransfer-Initiative. Sie hat gemeinsam mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KFW) und dem Bundesforschungsministerum einen "Marktplatz für Innovationen" (www.exchange.de/innovationmarket) aus der Taufe gehoben. Ziel ist es, Patenthaltern und jungen technologieorientierten Unternehmen die Kontaktaufnahme zu Investoren zu erleichtern.

Wer Geldgeber sucht, beauftragt einen "Innovationspartner" (Technologietransfer-Einrichtung), ein "Summary" zu erstellen und in einem "Inserat" auf dem Marktplatz im Internet zu präsentieren. Banken, Unternehmen und Privatanleger können die Inserate kostenfrei lesen und mit den Inserenten Kontakt aufnehmen. Die Erarbeitung eines Summary wird vom Bundesforschungsministerium mit 50 Prozent der Kosten, maximal 5000 Mark, gefördert.

Zur Jahresmitte 1999 präsentierten sich im Innovationsmarkt rund 100 Vorhaben, darunter auch etliche informationstechnische. So suchte zu diesem Zeitpunkt beispielsweise die Unternehmensberatung Moser & Partner Geldgeber für die Verwertung eines "hochintegrierten Embedded-Industrie-PC". Von wem diese Idee stammt, geht aus der Darstellung nicht hervor. Das Summary wirbt: "Eine mit der entwickelten Architektur vergleichbare Lösung existiert nicht am Markt."

Welche Bedeutung kommt Datenbanken im Technologietransfer zu? Nur in bescheidenem Maße genutzt wurden bisher die Lizenzdatenbank RALF beim Deutschen Patentamt sowie kommerzielle Patentdatenbanken. Der Grund für die Abstinenz liegt darin, daß Patentrecherchen zum Technologietransfer kaum einen Beitrag leisten können. Denn Patentinformationen reichen in der Regel nicht aus, um den Nutzen und die Vorteile einer Technik transparent zu machen.

Genau das will die "Technologie-Allianz" mit ihrer "geheimen" Datenbank leisten. In der Allianz haben sich bundesweit renommierte Forschungsorganisationen, Fördereinrichtungen sowie Technologievermittler zusammengeschlossen. Geheim ist die Datenbank, weil sie ausschließlich die beteiligten Institutionen beim Kontakt mit Unternehmen und Geldgebern unterstützen soll.

In den USA wurde bereits eine Alternative zu dieser Form der Geheimniskrämerei ausgearbeitet. Hier entsteht unter dem Stichwort "Technology Mall" ein virtuelles Kaufhaus mit öffentlichem Zugang übers Internet. Die Fraunhofer-Patentstelle überlegt bereits, ob sie sich beteiligen soll, und ihr stellvertretender Leiter Helmut Schubert denkt schon an den Aufbau eines ähnlichen virtuellen Technologie-Kaufhauses in Europa..

Patentschutz für Software?

Durch rigide Rechtsprechung in den 80er Jahren hat sich in Europa und in Deutschland der Mythos verfestigt, Software sei vom Patentschutz ausgeschlossen. Dies ist jedoch so nicht richtig. Als Bestandteil eines Produkts oder als Verfahren zur Optimierung von Bauteilen ist Software sehr wohl patentierbar. Dies gilt sogar dann, wenn die Software das einzige Neue an einem Produkt ist.

Eine ganz andere Frage ist, ob es Sinn macht, Software unter Patentschutz zu stellen. Helmut Schubert von der Fraunhofer-Patentstelle rät den Software-Entwicklern, über das Werkzeug Patent "kritisch nachzudenken". Denn die Patentierung ist nur durch eine Preisgabe von Know-how zu erzielen. Verlangt wird vom Patentamt eine "vollständige Lehre zum technischen Handeln", im Klartext: eine Anleitung zum Kopieren und Klauen.

So muß ein Informatiker erhebliche Wettbewerbsnachteile befürchten, wenn er von seiner Software Teile der Algorithmen oder die Struktur der programmäßigen Umsetzung offenlegt. Statt dessen empfiehlt es sich in vielen Fällen, das Know-how im Sourcecode durch ausgeklügelte Methoden der Geheimhaltung zu schützen und auf die Patentierung zu pfeifen.

*Johannes Kelch ist freier Journalist in München.