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08.10.1999 - 

Messe-Rundgang: Sprach-Daten-Integration

Voice-over-IP: Systems '99 serviert Appetithäppchen

Von Robert Gammel* MÜNCHEN (CW) - Die Integration von Sprache und Daten ist in aller Munde, wobei sich die Hersteller mit ihren Ankündigungen weit aus dem Fenster lehnen. Wenn es allerdings darum geht, auf der Systems Flagge zu zeigen, herrscht bei einigen der großen Anbieter Sendepause. Trotz deren Abwesenheit bietet die Messe eine gute Möglichkeit, sich einen Überblick über den Stand der Entwicklung zu verschaffen.

Die Veranstalter haben die Ausstellungen Systems Networking und Systems Telecommunications zur Systems Telecommunications & Networking in den Hallen B5 und B6 (Hallenplan auf Seite 97) zusammengefaßt, um, wie es heißt, "Konvergenzen besser auszuschöpfen und Synergien zwischen den beiden Bereichen besser darzustellen". Dies scheint sich jedoch nicht bei allen Anbietern herumgesprochen zu haben. Zumindest in Sachen Sprach-Daten-Integration sind einige der großen Namen nicht vertreten. Hierfür gibt es verschiedene Erklärungen: Die Systems ist für manche Hersteller kein Thema, da mit der Exponet eine Konkurrenzveranstaltung gerade ihre Pforten geschlossen hat. Außerdem drängt sich der Verdacht auf, daß einige Anbieter die Messe meiden, weil ihre Produkte noch nicht halten, was sie versprechen.

In der Praxis zeigt sich nämlich, daß viele der komplexen Probleme bei der Sprachübertragung via Internet Protocol (IP) auch durch den Zukauf von Daten- respektive Sprach-Know-how seitens der großen Hersteller nicht auf die Schnelle gelöst werden konnten. Vielmehr gestaltet sich die Entwicklung brauchbarer VoIP-Lösungen (Voice-over-IP) langwieriger, als die Anbieter Glauben machen wollen.

Ein prominentes Beispiel ist der AT&T-Ableger Lucent. Das Unternehmen schluckte Ascend, um aggressiven Anbietern aus der Datenwelt, allen voran Cisco, Paroli bieten zu können. Als eines der wenigen Branchenschwergewichte auf der Münchner Messe scheut sich das Unternehmen nicht, die ersten Früchte dieser Fusion zu präsentieren: Lucent zeigt in Halle B6, Stand 343/444, sein komplettes VoIP-Programm. Dessen Leistungsfähigkeit will das Unternehmen mit einer Live-Demonstration von der Zugangs- über die Verbindungstechnik bis hin zum IP-Telefon unter Beweis stellen.

Kernstück der unter dem Label "Voice over Networx" zusammengefaßten Lucent-Architektur sind die Komponenten der Multivoice-Familie. Sie unterstützen neben VoIP auch die Sprachübertragung via Frame Relay (VoFR) und ATM (VoATM). Für die Wide-Area-Network-Access-Switches "Max" und "MaxTNT" bietet Lucent mit dem "Multivoice Gateway" eine Schnittstelle zwischen öffentlichem Telefon- und IP-Netz. Die Gesprächsvermittlung innerhalb des Datennetzes übernimmt der "Multivoice Ac- cess Manager".

Lucent, bekanntermaßen ein Verfechter der schrittweisen Migration (siehe CW 11/99, S. 56) hat ein Drei-Phasen-Szenario entwickelt, das die volle Interoperabilität zwischern IP-, Frame-Relay- und ATM-Multivoice-Plattformen zum Ziel hat und zusätzlich die Telefon-Signalisierungstechnik SS7 integriert.

Nortel Networks (Halle B6, Stand 403/506), deren gerade verabschiedeter President, Dave House, bei der Verschmelzung von Daten- und Telefoniewelt ebenfalls eine langsamere Gangart gefordert hatte, behandelt das Thema VoIP auf der Systems nur am Rande (siehe auch Telemation AG). Das in Deutschland durch die Nortel Dasa Network Systems, ein Joint-venture mit Daimler Chrysler Aerospace, repräsentierte Unternehmen, bringt zumindest eine Call-Center-Lösung mit. Diese erlaubt es E-Commerce-Kunden, während des Besuchs eines Web-Shops über einen Button eine zusätzliche Sprechverbindung mittels VoIP zum Online-Anbieter herzustellen. Das Verfahren erinnert stark an die Technik "Freecall Online", mit der die Deutsche Telekom (Halle B6, Stand 129/328) einen Sprachkanal zwischen Internet-Shop-Betreiber und surfendem Kunden offeriert.

Ein Big Player, der sich ebenfalls durch den Zukauf von mehreren mittlerweile unter dem Namen Unisphere Solution zusammengeschlossenen Firmen im Bereich Sprach-Daten-Konvergenz positioniert hat, ist die Siemens AG (Halle B5, Stand 121/318). Bei seinen "Hicom"-Anlagen verfolgt das Unternehmen den Grundsatz, dem Kunden die Option zwischen dem IP- und dem TK-Netz offenzuhalten. Um dies zu realisieren, greift Siemens auf eine Client-Server-Architektur zurück. So unterstützt beispielsweise der Voice-Server "Hinet VS 1600" bis zu 70 digitale oder analoge Verbin- dungen und maximal 50 Datenendgeräte. Diese ISDN-basierte Kommunikationslösung ermöglicht laut Hersteller die Zusammenführung von Sprach-Daten-Komponenten mit einer zentralen Verkabelung.

Im Mittelpunkt dieses Ansatzes steht der "Hinet AR 2500", der sich sowohl als IP-WAN-Access-Router als auch als Remote-Access-Router einsetzten läßt. Er ermöglicht die Kopplung von LANs, die Einwahl von Telearbeitern über ISDN, Analogmodem oder GSM sowie den Zugriff vom LAN aufs Internet. Ferner präsentiert Siemens mit der "Hinet RC 3000 2.0" eine überarbeitete Version seiner Software-Nebenstellenanlage. An die Applikation läßt sich beispielsweise das neue Internet-Telefon "Hinet LP 5100" anschließen.

Siemens war in den vergangenen Wochen auch wegen des gescheiterten Joint-ventures mit der auf der Systems nicht vertretenen 3Com Inc. in den Schlagzeilen. Böse Zungen behaupten, daß 3Com der Messe fernbleibt, weil das Unternehmen mit der Ausgliederung seiner Palm Division zu sehr beschäftigt ist.

Ein anderer Kooperationspartner von Siemens, der offensichtlich keine Probleme hat, Farbe zu bekennen, ist Newbridge Networks. Am Stand von Huber & Feneberg, ebenfalls in Halle B5 (Stand 351/454), zeigt der Hersteller von Netzprodukten und Systemen für Großanwender wie ISPs oder Telefongesellschaften seine Carrier-Switched-Routing-Architektur "Mainstreet Xpress" zur Bildung von IP-basierten Netzen für die Sprach-, Daten- und Videoübertragung. Die Komponenten unterstützen den H.323v2-Standard und sind am Stand für eine Live-Demo zu- sammengeschaltet. Dabei übernimmt der zentrale Server "Mainstreet Xpress 56040 VSCP" die Gesprächsvermittlung, authentifiziert die Anwender und übersetzt Telefonnummern in IP-Adressen.

Das Gateway "Mainstreet Xpress 36100 Access Concentrator" verbindet das IP- mit dem öffentlichen Telefonnetz und verfügt zusätzlich über ein Sortiment aus leistungsfähigen Zugangsknotenpunkten.

Auch der Besuch der Computerlinks AG (Halle B5, Stand 303/404) dürfte sich lohnen. Dort sind mit Motorola und Rascom gleich zwei Anbieter von VoIP-Lösungen untergekommen. Besucher haben die Möglichkeit, Motorolas Voice-over-Packet-Komponenten "Vanguard 320" und "6425" in Aktion zu erleben. Der "Vanguard 6450" für VoIP und VoFR ist ein Router-basiertes Gateway für den Einsatz in kleinen und größeren Firmenniederlassungen. Außerdem verfügt Motorola mit dem "Vanguard 8510" und dem "Vanguard 8550" über zwei Multi-Service-Switch-Konzentratoren, die sich laut Hersteller am zentralen Server-Standort für die Anbindung von bis zu 1000 Büros oder regionalen Zweigstellen via WAN eignen. Daten, Sprache und Bilder können dabei über ATM, Frame Relay und ISDN übertragen werden.

Rascom ist mit seinem "EXS Raserver" präsent (EXS = Expandable Switching System). Der überträgt laut Anbieter Daten und Sprache auf einer einzigen Plattform und macht Multiplexer, Switches, Router und separate Remote-Access-Server überflüssig. Sein Portmodul, eine Multi-Service-Remote-Access-Karte, unterstützt neben VoIP auch Faxfunktionen sowie alle gängigen Modemprotokolle. Damit sollen Carrier in die Lage versetzt werden, Verbindungen sowohl über das öffentliche Telefonnetz als auch über das Internet zu realisieren.

Vergeblich sucht der Messebesucher auf seinem Rundgang Cisco. Anders als auf der Exponet nutzt das Unternehmen die Gelegenheit nicht, seine erst kürzlich vorgestellte "Avvid"-Plattform zu propagieren. Diese Architec- ture for Voice, Video and Integrated Data umfaßt mehrere neue beziehungsweise modifizierte Entwicklungen, die die IP-Telefonie mit zusätzlichen Features wie einer intelligenten, softwaregesteuerten Rufweiterleitung ausstatten sollen. Informationen zu Ciscos Produktoffensive kann man am ehesten bei dem Systemintegrator Telemation AG (Halle B5, Stand 259/358) erhalten. Der zeigt zwar keine Hardware, stellt jedoch parallel die VoIP-Konzepte des Konkurrenten Nortel Networks vor.

Während IBM trotz Messepräsenz nichts zum VoIP-Thema auf die Beine stellt, nutzen kleinere Unternehmen ihre Chance. So könnte sich beispielsweise der Stand von Controlware (Halle B5, 237/340) als interessanter Anlaufpunkt erweisen. Dort wird eine Sprechverbindung über ein Notebook vorgeführt, das via Wireless-LAN und entsprechenden Zugangspunkt mit dem Controlware-Messenetz verknüpft ist. Wichtigstes Element in der Kette ist das VoIP-Gateway "Convoice", das laut Anbieter bei einer Bandbreite von 64 Kbit/s vier bis sechs parallele Gespräche bewältigt.

Ein weiterer VoIP-Anbieter, die Tedas GmbH, ist nicht in den Netzwerk- und Telekommunikationshallen zu finden, sondern auf dem Stand 516 der Com-EM-Tex GmbH in Halle A1. Mit "Phoneware SBX" verfügt Tedas über ein System von Modulen (Gatekeeper, Gateway, Client-Software), die zusammen als virtuelle Softwaretelefonanlage entweder eine vorhandene TK-Anlage ersetzen oder über einen internen S0-Anschluß mit der bestehenden Nebenstellenanlage verbunden werden können. Die Konfiguration der gesamten Lösung erfolgt über einen Standard-Web-Browser.

Noch ein Wort zu den meist wunderbar funktionierenden Live-Demonstrationen: Es darf nicht vergessen werden, daß sich die gezeigten Applikationen unter Netzlast oft deutlich anders verhalten. In der Praxis sind kollisionsgefährdete Netze, die mit notorischer Hochlast gefahren werden, für Echtzeitanwendungen wie VoIP nämlich völlig ungeeignet. Entweder sollte die Spitzenlast nicht mehr als 50 Prozent betragen, oder es muß für eine effiziente Priorisierung gesorgt werden. Die läßt sich am besten mit dem nicht gerade billigen Layer-4-Switching realisieren. Das Hauptargument der VoIP-Enthusiasten, mit der neuen Technik ließen sich massiv Kosten einsparen, wirkt nicht mehr besonders überzeugend, wenn ein Ausbau der bestehenden Netze Voraussetzung ist, damit die notwendigen Bandbreiten zur Verfügung stehen. Neben den erforderlichen Investitionen in den Netzausbau verringern auch die stark gefallenen Preise für die traditionelle Telefonie das Einsparunspotential. Dennoch wird sich die Integration von Sprache und Daten den Auguren zufolge mittel- bis langfristig durchsetzen.

Jetzt umsteigen?

Das aufgrund der Webmania allseits beliebte IP-Protocol wurde bis vor kurzem ausschließlich zur Datenübertragung genutzt und weist bei Echtzeitanwendungen wie Sprache einige Tücken auf. Besondere Schwierigkeiten bereitet die Sicherung einer ausreichenden Quality of Services (QoS). Die digitalisierte Sprache wird in Pakete zerstückelt, die über verschiedene Routen zum Zielort gelangen. Dadurch entstehen unterschiedliche Paketlaufzeiten und vereinzelte Paketverluste. Zudem sieht das IP-Protokoll keine Priorisierung von Daten vor. Bisher sind keine Standards eingeführt, die die reibungslose Kommunikation zwischen Applikationen verschiedener Hersteller ausreichend gewährleisten. Dies betrifft unter anderem die Sprachcodierung. Mit H.323 und dem Nachfolger "H.323v" steht zumindest eine Reihe mehr oder weniger akzeptierter Spezifikationen für die Multimedia-Kommunikation, also auch die IP-Telefonie, zur Verfügung, die allein jedoch keine garantierte Dienstgüte sicherstellt. Die Versprechungen der Hersteller sind daher mit Vorsicht zu genießen. Viele Systeme entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Stückwerk oder Übergangslösungen. Berater warnen vor einer voreiligen Migration, empfehlen aber, den Markt aufmerksam zu beobachten. Sinnvoll sei auch die IP-Telefonie in kleineren Pilotanlagen, beispielsweise in Filialen, zu testen, um für eine spätere Migration besser gerüstet zu sein.

IDC-Prognose

Die Prognosen der Marktforscher lassen die Herzen der Hersteller höher schlagen. So sagen die IDC-Analysten einen Anstieg der vermittelten Gesprächsminuten von 310 Millionen im Jahr 1998 auf mehr als 135 Milliarden im Jahr 2004 voraus. Demnach wachsen die Umsätze für diesen Zeitraum von 480 Millionen Dollar auf geschätzte 19 Milliarden Dollar an.

*Robert Gammel ist freier Journalist in München.