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12.12.2003 - 

Noch bereitet die klassische Telefonie weniger Schwierigkeiten

VoIP zwischen Mythos und Realität

Voice over IP (VoIP), die Vermittlung von Sprachverkehr über Datennetze, sorgt immer wieder für Diskussionen und spaltet die Fachwelt. Für die einen ist es die Vermittlungstechnik der Zukunft, für die anderen ein Mythos, der mit der heutigen Realität in der Telekommunikation nicht viel gemein hat.

"Kazaa-Gründer entwickeln Skype-Software zum kostenlosen Telefonieren via Internet", "IBM plant Migration zu VoIP", "Terrornetzwerk Al Qaida kommuniziert mit Paltalk via Internet", "QSC führt IPfonie ein" - das ist nur ein kleiner Teil der Schlagzeilen aus den letzten Monaten rund um das Thema Telefonieren via IP-Netze. Alle Meldungen suggerieren, dass nun, wie es Gartner formuliert, "die Zeit für VoIP reif ist". Zudem steht mittlerweile in fast 80 Prozent aller deutschen Netzprojekte die Frage nach der VoIP-Fähigkeit im Pflichtenheft. Trotzdem geht etwa Forrester Research davon aus, dass VoIP erst im Jahr 2020 die klassische Telefonie in den öffentlichen TK-Netzen Europas ablösen wird.

Diese scheinbaren Widersprüche lösen sich auf, wenn man die verschiedenen Spielarten des Telefonierens über IP-Netze näher betrachtet. Ein Verfahren ist dabei die Internet-Telefonie, bei der mit Hilfe von Client-Software auf einem PC oder PDA über das öffentliche Internet kommuniziert wird. Dagegen bezeichnet VoIP im engeren Sinne den Transport des Gesprochenen in Form von Datenpaketen über IP-Netze, die nicht zwangsläufig zu den öffentlichen Netzstrukturen des Internets gehören. Hierbei ist wiederum zwischen der unternehmensinternen Kommunikation und Telefonaten mit Dritten zu unterscheiden.

Zur Rubrik Internet-Telefonie zählen die populären Softwareprogramme wie Skype oder Paltalk, die auf den ersten Blick Fantastisches versprechen: das kostenlose Telefonieren via Internet mit Hilfe eines Software-Clients und eines Headphone. Damit mutiert im Prinzip jeder Internet-Anschluss, egal ob zu Hause oder im Internet-Café, zur Telefonzelle. Allerdings eignen sich die Produkte vorwiegend für Privatkunden.

Mit "QSC IPfonie" hat die Kölner QSC AG hierzulande Anfang Dezember einen VoIP-Service für ihre privaten DSL-Kunden realisiert. Untereinander telefonieren die IPfonie-Nutzer über das ATM-Backbone des Providers kostenlos. Endet ein Telefonat jedoch im klassischen Telefonnetz, zahlt der Anrufer je nach Tageszeit zwischen 1,5 und 2,5 Cent pro Minute.

Während QSC im Privatkundensegment damit bereits eine VoIP-Lösung vermarktet, setzt der Provider im Business-Umfeld noch auf Voice over DSL. Diese zweigleisige Strategie begründet QSC-Vorstand Bernd Puschendorf damit, dass VoIP im Geschäftsumfeld bisher keine so gute Funktionalität und Qualität wie ISDN aufweise. Ferner funktioniere bei Ferngesprächen das Roaming zwischen den Carriern noch nicht problemlos, und die notwendige Priorisierung der VoIP-Sprachpakete sei in den einzelnen Netzen unterschiedlich gelöst.

Diese Einschätzung deckt sich mit den Beobachtungen der European Computer Telecoms Gruppe (ECT). Nach Ansicht des Münchner TK-Herstellers ist VoIP nicht wesentlich günstiger als herkömmliche Vermittlungstechnik, zumal die fehlenden Leistungsmerkmale von sprachbasierenden Mehrwertdiensten bei den VoIP-Betreibern Umsatzausfälle verursachen könnten. Die Leistungsfähigkeit des klassischen Telefonnetzes betont auch Wilfried Seibel, Pressesprecher der T-Com. So werde die T-Com vorerst weiter getrennte Wege bei IP- und Telefonnetz gehen, den Markt aber genau beobachten.

Bei Level 3, einem international agierenden Carrier, der Backbones für andere Telefongesellschaften bereitstellt, rechnet man in Europa frühestens in zehn Jahren mit einem Durchbruch von VoIP in den Weitverkehrsnetzen, in den USA dagegen schon in spätestens fünf Jahren. "In den USA existieren homogenere Netzstrukturen als in der EU, wo jeder Carrier sein eigenes Landesnetz betreibt", erklärt Jan Matthiesen, Leiter Technischer Vertrieb bei Level 3, "und erschwerend kommt das regulatorische Flickwerk in der EU hinzu."

IP-Telefonie im Corporate Network

Branchenkenner sehen für die Zurückhaltung europäischer Carrier in Sachen VoIP im Weitverkehrsnetz jedoch noch einen anderen Grund: Für die europäischen Telcos, die sich im Zuge der UMTS-Lizenzversteigerungen hoch verschuldeten, ist die klassische Telefonie mit einem geschätzten Jahresumsatz von 140 Milliarden Euro für Westeuropa die wichtigste Cashcow. Warum sollten die TK-Gesellschaften ihre bereits abgeschriebenen Vermittlungsstellen, mit denen sie Geld verdienen, abschalten und in neue VoIP-Technik investieren?

Geht es dagegen um die Sprachübertragung via IP in Corporate Networks, so zeigen die europäischen Carrier, egal ob Telekom oder British Telecom, durchaus Flagge. So lobt die T-Com ihre MPLS-IP-Plattform (MPLS = Multi Protocol Label Switching), die mit Latenzzeiten von nur 25 Millisekunden die von Business-Kunden erwartete QoS biete. Und Cormac Whelan, Vice President bei BT, rechnet vor, dass Unternehmen mit rund 10000 Mitarbeitern durch die IP-Sprachübertagung im Corporate Network bis zu einer Million Euro an Gesprächsgebühren pro Jahr einsparen können.

Doch den Charme einer VoIP-Lösung macht weniger das Sparpotenzial aus, denn hierzulande ist es Unternehmen seit fast zehn Jahren erlaubt, im Rahmen der Private-Network-Regelung interne Telefonie über Datennetze zu übertragen. Allerdings beschränkt sich die damals verwendete Multiplexing-Technik auf die reine Übertragung, während der IP-Ansatz heute mehr Optionen bietet. So ermöglichte die Migration zu Voice over IP der Unternehmensberatung Cap Gemini Ernst & Young (CGEY) den Einstieg in ein zentrales Anruf-Management. Auf diese Weise konnte CGEY an den Standorten Berlin, Essen, München und Sulzbach die klassische TK-Anlage durch eine zentrale Sprachvermittlungsanlage auf Softwarebasis ersetzen. Auf die in der Stuttgarter IT-Zentrale installierte Anlage greifen die Filialen über das ATM-Netz der T-Com zu. Zudem verbindet das gemeinsame IP die bislang getrennten TK- und IT-Welten, indem es das Wählen aus einer Datenbank heraus erlaubt oder automatisch Notizen und Informationen zum Gesprächspartner abgerufen werden und am Bildschirm erscheinen. Wie weit diese Integration gehen kann, zeigt ein aktuelles IP-Telefon der Mitel Networks GmbH aus Düsseldorf. Der Mitarbeiter steckt seinen PDA in das Gerät und kann dann seine Outlook-Adressen als elektronisches Telefonbuch verwenden.

Netz-Upgrade verteuert Projekte

Diese flexible Kombination von TK- und IT-Umgebung, beispielsweise bei CRM-Systemen, war denn auch für die britische Abbey Bank die Motivation, gemeinsam mit BT ein IP-VPN mit integrierter Telefonie aufzusetzen. Die Vernetzung ihrer 750 Zweigstellen kostete die Banker allerdings 120 Millionen Euro, da es, wie auch andernorts, mit der Anschaffung einer VoIP-Anlage nicht getan war.

Nach Erkenntnissen des Kölner Systemintegrators Algol oder der deutschen Niederlassung von Extreme Networks in Dornach sind in Deutschland nur drei bis fünf Prozent der Unternehmsnetze aus dem Stand für Voice over IP geeignet. "Auf dem Papier rechnet sich eine VoIP-Anlage nach anderthalb Jahren", führt Guido Nickenig, Education Manager bei Algol aus, "doch wenn das Netz ausgebaut werden muss, kakulieren wir mit über vier Jahren bis zur Rentabilität." Auch daran dürfte es liegen, dass nach Herstellererfahrungen zwar 80 Prozent der deutschen Anwender Interesse an VoIP zeigen, jedoch nur zehn Prozent letztlich die Migration und die damit verbundene Aufrüstung wagen.

Windows als Störfaktor

Ein Netz-Upgrade ist meist deshalb erforderlich, weil die Datennetze nicht mit der aus der TK-Welt gewohnten Verfügbarkeit von 99,9999 Prozent aufwarten, sondern in der Theorie 98 Prozent bieten und in der Praxis meist nur 95 Prozent erreichen. Die Forderung nach einem absolut stabilen Netz scheitert "meist bereits am PC-Betriebssystem Windows, wenn eine der zahlreichen Virenepidemien den Datendurchsatz senkt und damit keine VoIP-Telefonate mehr möglich sind", so Marlo Tietze, Key Account Manager Voice bei 3Com. Deshalb sollte ein VoIP-Aspirant auf die Absicherung seines Netzes höchsten Wert legen. Ferner empfiehlt sich eine geswitchte Infrastruktur, da bereits ein einziger Hub die Telefonie stören kann. Genügt ferner bei einer klassischen TK-Anlage eine kleinere unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV) im Keller für zwei bis drei Stunden Notbetrieb, erfordert VoIP einen deutlich höheren Aufwand. Neben einer leistungsfähigeren USV müssen alle aktiven Netzkomponenten mit Power over Ethernet aufgestockt werden, um im Notfall ein Telefonat zu erlauben.

Alle diese Klippen umschiffte Gabriela Benz, Direktorin des im November 2003 eröffneten Wiener Luxushotels "Le Méridien", indem sie eine klassische TK-Anlage von Tenovis wählte. Und dies, obwohl sich das Hotel mit dem Motto "Art + Tech" die Symbiose von moderner Technik und Lifestyle auf seine Fahnen geschrieben hat. Für die traditionelle Lösung sprachen unter anderem finanzielle Aspekte, denn die TK-Anlage mit rund 900 Endgeräten kostete Benz rund 60000 Euro weniger als eine vergleichbare VoIP-Infrastruktur. Dabei musste das Le Méridien noch nicht einmal auf die bei VoIP viel gerühmte Koppelung von Applikationen und Telekommunikation verzichten. Gemeinsam mit Tenovis entwickelten die Wiener Schnittstellen zu ihrem CRM-System sowie der hotelspezifischen Software "Hotelexpert". Gästewünsche werden beispielsweise auf diese Weise per SMS auf die schnurlosen Dect-Telefone der Mitarbeiter übermittelt. Hat einer von diesen den Auftrag erledigt, quittiert er das mit einem vierstelligen Code, den er per SMS an das Hotelsystem zurücksendet.

Auch wenn unter Kostenaspekten heute noch vieles für die klassische Telefonie spricht, kann für Unternehmen der Einstieg in VoIP laut Katharina Grimme, Senior Analyst bei Ovum, dennoch interessant sein: "Denn eine VoIP-Anlage lässt sich wie die IT auch an einen Dienstleister outsourcen."

Jürgen Hill, jhill@computerwoche.de