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10.01.1997 - 

Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft im CW-Gespräch

Vom Elfenbeinturm in die Realität des Marktes

CW: Eigentlich kann es Ihnen doch nur recht sein, wenn der Bundesforschungsminister in Zukunft verstärkt die intensivere Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft einfordert.

Warnecke: Wir unterstützen ohne Wenn und Aber die Absicht von Minister Rüttgers, die Zusammenarbeit zu vertiefen. Unsere Organisation mit ihren Forschungsinstituten betrachtet gerade den Brückenschlag zur Wirtschaft als ihre wesentlichste Aufgabe. Insofern sehen wir uns in unserer Arbeit bestärkt.

CW: Bedeutet das angestrebte Bündnis von Wissenschaft und Industrie eine neue Qualität in der Entwicklung, und sehen Sie darin einen Vorteil für die anwendungsbezogene Forschung?

Warnecke: Was uns als Fraunhofer-Gesellschaft angeht, bemühen wir uns, gut zu sein. Die gegenwärtige Entwicklung arbeitet für uns: Die Unternehmen versuchen derzeit, sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren - was natürlich erst recht für den Bereich der Forschung gilt. Vor allem klein- und mittelständische Firmen werden nur noch in dem Maße Kapazitäten und Know-how vorhalten, wie sie es intern benötigen. Alles andere wird zugekauft werden. Ich denke, daß wir da in Zukunft eine noch weitaus attraktivere Rolle spielen können.

CW: Der Ruf der Politik nach mehr marktwirtschaftlicher Orientierung und damit mehr Professionalität in der Forschung ist berechtigt. Aber kommt diese Forderung nicht zu spät?

Warnecke: Ihr Einwand ist richtig. Das Problem existiert schon lange. Ich spreche in diesem Zusammenhang stets von einer Kommunikationskrise - Wissenschaft und Wirtschaft sprechen zuwenig miteinander. Hier ist eine Änderung im Denken und bei konkreten Verhaltensweisen gefragt. Dies wird aber nicht von heute auf morgen gelingen. Forschen und entwickeln bedeutet vor allem suchen, und selbiges kann man quantifizieren. Im industriellen Bereich werden nur zwei Prozent der F&E-Aufwendungen an die angewandte Vertragsforschung vergeben.

CW: Die Grundlagenforschung in universitären Labors, in sogenannten Blaue-Liste-Instituten und in Großforschungseinrichtungen hat nach gängiger Meinung ihre Berechtigung, weil sie zukunftsweisend ist. Für Verfechter der reinen Marktwirtschaft sind aber viele der dort laufenden Projekte weder leistungs- noch kundenorientiert ausgerichtet. Ist die Hochtechnologie-Forschung in Deutschland zu schlecht organisiert?

Warnecke: Wir benötigen zweifellos in dem von Ihnen genannten Bereichen die Grundlagenforschung.

Dann liegt es aber wieder an den besagten Denkweisen und Verhaltensmustern - ob etwa ein Wissenschaftler meint, es genügt eine bloße Veröffentlichung seiner Ergebnisse, oder ob er sich weitergehend engagiert. Zum Beispiel, indem er Kontakt mit der Wirtschaft aufnimmt und dadurch versucht, die Dinge voranzutreiben, was dann natürlich wieder einen Unternehmer mit entsprechendem Interesse voraussetzt. Es gibt also auf beiden Seiten Defizite. Wir jedenfalls fordern unsere Mitarbeiter auf, nach Möglichkeit immer auch unternehmerisch zu denken.

CW: Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß in Deutschland in der Regel an anwendungsorientierten Lösungen und Produkten vorbeientwickelt wird.

Warnecke: Dies liegt in dem sprichwörtlichen Henne-Ei-Problem begründet. Einerseits wird überwiegend in Bereichen geforscht und entwickelt, wo man glaubt, eine wie auch immer geartete wirtschaftliche Resonanz zu finden. Zumindest in der angewandten Forschung läuft ohne einen Partner respektive Kunden nichts. Andererseits kommt eben diese angewandte Forschung seit geraumer Zeit nicht mehr richtig auf Touren.

CW: Apropos Förderung: Es gibt eine Reihe von Beispielen in Deutschland, die zeigen, daß gerade kleine Unternehmen, die erfolgversprechende Produktideen hatten, etwa in puncto Software oder Chipentwicklung, kaum an Fördergelder kommen und zum Teil auch keinen industriellen Vermarkter ihrer Idee finden.

Warnecke: Daran hapert es tatsächlich, wobei man dies teilweise auch wieder entschuldigen kann. Wenn es vielen Unternehmen schlecht geht, fehlt es zwangsläufig an entsprechender Risikobereitschaft.

CW: Wird es, wie andere Zeitgenossen behaupten, den Unternehmen in Deutschland zu bequem gemacht und zuviel gefördert?

Warnecke: Es gibt sicherlich Projekte, die keine Förderung benötigen würden - sei es, weil die Unternehmen auch von sich aus in diesem Bereich tätig werden würden, sei es, weil man den betreffenden Markt nachweislich nicht richtig eingeschätzt hat. Wir denken in der Forschung und industriellen Entwicklung, aber auch bei den Fördermaßnahmen immer noch zu technologiegetrieben.

CW: Das heißt, daß Universitätsprofessoren und andere Wissenschaftler aus ihrem Elfenbeinturm hinabsteigen und den Kontakt zur Industrie suchen müssen?

Warnecke: Ich kann nur das, was ich eingangs gesagt habe, wiederholen. Es müssen Berührungsängste zwischen beiden Welten überwunden werden. Häufig findet man in Kreisen von Professoren noch eine Geisteshaltung, die von der Furcht getrieben ist, daß man seine Freiheit als Wissenschaftler verliert, wenn man sich mit Managern der Industrie austauscht und einen etwaigen Bedarf erkundet.

CW: Andererseits hätte die Politik schon längst für universitäre Forschungseinrichtungen die Voraussetzungen schaffen können, unter denen sie in der Lage wären, eigene Entwicklungen ohne Umweg selbst zu vermarkten.

Warnecke: Das stimmt und gilt zum Teil auch für uns. Aus diesem Grund richten wir jetzt in den Instituten der Fraunhofer-Gesellschaft die Möglichkeit der sogenannten privatwirtschaftlichen Ergänzung ein. Wenn unsere erste Aufgabe - nämlich in der Wirtschaft ein Unternehmen zu finden, das unsere Entwicklung übernimmt und weiterführt - nicht greift, bekommen die Institute die Option eingeräumt, selbst in den Markt zu gehen. Dies ist natürlich immer eine Gratwanderung, denn man darf nicht anfangen, der Wirtschaft Konkurrenz zu machen oder unfaire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen.

*Klaus Lindlar ist freier Journalist in München.