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31.08.1990 - 

Software-Engineering beim Germanischen Lloyd in Hamburg

Vom Schiffsregister zum Schiffs-Informations-System

Jürgen A. Koch ist Fachjournalist in München

Wartungs- und Entwicklungszeiten durch den Einsatz des Anwendungs-Entwicklungssystems drastisch zu verkürzen. Bis zur Einführung wurden rund 70 Prozent unserer Kapazitäten im Maintenance-Bereich für die Aktualisierung alter Programmbestände gebunden". Die Wahl fiel auf das ebenso von Cullinet angebotene Application Development System (ADS).

Nachdem ausreichende Erfahrungen im Umgang mit ADS gesammelt worden waren, hielt man nach weiteren Werkzeugen zur computerunterstützten Software-Entwicklung (CASE) Ausschau. Der Anfang wurde mit dem CASE-Tool "Architect" gemacht, das für die Analyse- und Designphase sowie zur Spezifikationserstellung konzipiert ist. Das Programm hilft den Software-Entwicklern beim logischen und physikalischen Datenbank-Design und unterstützt sie bei der Implementierung von Anwendungen.

Die Hauptaufgabe bestand beim Lloyd jedoch zunächst weniger in der Realisierung von Neuentwicklungen.

Lebensdauer des Objekts-Klassifiziert werden ferner alle Arten von See- und Binnenschiffen, Yachten sowie Tragflächenbooten, Schwimmdocks, Schwimmkräne, Getreideheber und Spezialeinheiten im, Offshore-Bereich wie Hubinseln, Plattformen, Versorgungsfahrzeuge und See-Rohrleitungen.

Des weiteren zählt die Wahrnehmung von Schiffssicherheitsaufgaben für die Regierung der Bundesrepublik Deutschland und für eine Vielzahl fremder Regierungen zu den Aufgaben des Germanischen Lloyd.

Der DV-Bereich des Germanischen Lloyd ist in drei Aufgabengebiete unterteilt. Das Schiffs-Informations-System enthält derzeit Daten von rund 5000 See- und 1000 Binnenschiffen, die klassifiziert wurden. Es stellt die Basis für das Schiffsregister dar. Darüber hinaus sind im Rahmen der Zusammenarbeit mit öffentlichen Stellen bestimmte Daten sämtlicher Schiffe unter deutscher Flagge, insgesamt zirka 35 000 Objekte, gespeichert.

Die Hauptaufgabe der technisch-wissenschaftlichen Datenverarbeitung besteht in der Durchführung schiffstechnischer und maschinenbaulicher Berechnungen. Als drittes kommt die kommerzielle Datenverarbeitung mit Finanzbuchhaltung, Personalwesen, Lohn- und Gehaltsabrechnung hinzu.

Rund um die Uhr und rund um den Erdball

Wichtig in diesem Zusammenhang ist, daß aktuelle Informationen über die registrierten Schiffe an 365 Tagen im Jahr und nahezu rund um die Uhr abrufbar sein müssen. Besichtigungen können nämlich weltweit in beinahe jedem Hafen durchgeführt werden. Da die Liegezeiten aus Kostengründen kurz gehalten werden, muß die Besichtigung der Schiffe unmittelbar nach Ankunft im Hafen erfolgen. Der Besichtiger benötigt hierzu die aktuellen Daten aus dem zentral geführten Schiffsregister in Hamburg.

Nach Beendigung der Inspektion hält er die Ergebnisse in einem Bericht fest und schickt ihn an die Hauptverwaltung. Dort sind im Registerbüro, einer Abteilung des Germanischen Lloyd, 30 Mitarbeiter permanent damit beschäftigt, die eingesandten Dokumente auszuwerten und die Angaben in das Schiffs-Informationssystem aufzunehmen. Der Datenbestand muß möglichst schnell für weitere Abfragen auf den aktuellen Stand gebracht werden.

Informationsaustausch noch auf dem Postweg

Der größte Teil des Informationstransfers geschieht heute noch auf dem Postweg. So erhalten die Besichtiger beispielsweise die aktuellen. Angaben über die Schiffe auf Mikrofilmen. Bis die Informationen beim jeweiligen Empfänger angelangt sind, vergehen in aller Regel mehrere Tage. Es entstehen weitere Wartezeiten, bis die Angaben über eine durchgeführte Besichtigung - wiederum manuell ins Informationssystem übertragen wurden und zur Abfrage zur Verfügung stehen. Neben den Zeitverzögerungen waren es vor allem die Kosten, die zu dem Entschluß führten; die bisherigen Kommunikationswege durch ein weltweites Computer-Netzwerk abzulösen.

Standardlösungen und Eigenentwicklungen

Das Hardwarekonzept beim Germanischen Lloyd beruht auf einem Hitachi-Rechner vom Typ HDS EX25. Unter dem zentralen Betriebssystem VM/SP wurden über 200 virtuelle Maschinen eingerichtet. Die technisch-wissenschaftlichen Anwendungen laufen unter dem Transaktionssystem CMS, während man im administrativen sowie im kommerziellen Bereich mit VSE arbeitet.

In der Abteilung Datenverarbeitung und Informationstechnik sind insgesamt 21 Personen beschäftigt. Davon sind 12 Mitarbeiter in der Anwendungsentwicklung tätig. Gearbeitet wird im Rechenzentrum im Zwei-Schicht-Betrieb mit einer optionalen dritten Schicht.

Während im technisch-wissenschaftlichen Bereich fast ausschließlich selbst entwickelte Programme Verwendung finden, handelt es sich auf den beiden anderen Gebieten um eine Kombination aus fertigen Standardlösungen und Eigenentwicklungen. Beispielsweise setzt man für die Verwaltung des Schiffs-Informations-Systems ein leistungsfähiges Datenbank-Management-System ein, das wiederum die Basis für eine Reihe von Anwendungsentwicklungen mit Methoden des Software-Engineerings bildet.

Entwicklungskapazitäten in der Wartung gebunden

Für den Aufbau und die Pflege des Schiffs-Informationssystems bediente, man sich bis 1981 eines herkömmlichen Datenverwaltungs-Systems. Die Anwendungen wurden ausschließlich in Cobol geschrieben. Da die zeitlichen Engpässe im Rahmen der Arbeitsabläufe immer größer wurden, entschloß man sich zur Einführung eines leistungsfähigen DBMS. Ein umfangreiches Auswahlverfahren brachte schließlich die Entscheidung für das Produkt IDMS/DB, das damals vom Softwarehaus Cullinet angeboten wurde u d seit der Übernahme des Unternehmens zur Produktpalette von Computer Associates (CA) gehört.

Die Programmentwicklung erfolgte zunächst weiter in Cobol. Anfang 1986 wurde beschlossen, Neuentwicklungen zukünftig nur noch mit einer Sprache der vierten Generation (4GL) durchzufahren, um so weitere Rationalisierungseffekte zu erzielen. Dazu DV-Leiter Klaus Kaube: "Unser Ziel war es, Wartungs- und Entwicklungszeiten durch den Einsatz des Anwendungs-Entwicklungssystems drastisch zu verkürzen. Bis zur Einführung wurden rund 70 Prozent unserer Kapazitäten im Maintenance-Bereich für die Aktualisierung alter Programmbestände gebunden". Die Wahl fiel auf das ebenso von Cullinet angebotene Application Development System (ADS).

Nachdem ausreichende Erfahrungen im Umgang mit ADS gesammelt worden waren, hielt man nach weiteren Werkzeugen zur computerunterstützten Software-Entwicklung (CASE) Ausschau. Der Anfang wurde mit dem CASE-Tool "Architect" gemacht, das für die Analyse- und Designphase sowie zur Spezifikationserstellung konzipiert ist. Das Programm hilft den Software-Entwicklern beim logischen und physikalischen Datenbank-Design und unterstützt sie bei der Implementierung von Anwendungen.

Die Hauptaufgabe bestand beim Lloyd jedoch zunächst weniger in der Realisierung von Neuentwicklungen.

Es ging vielmehr um die Möglichkeit, existierende Anwendungen nachzudokumentieren. Und dies läßt sich laut Kaube mit Architect gut realisieren. "Außerdem", so der DV-Leiter weiter, "ergibt sich durch den Architect-Einsatz ein hoher Standardisierungsgrad. Entwickler müssen viel systematischer vorgehen, als sie es bei manueller Arbeitsweise gewohnt sind."

Tools unterstützen Anwendungsentwicklung

Seit Ende vergangenen Jahres ist beim Germanischen Lloyd ein weiteres CASE-Produkt im Einsatz - das Programm CA-Generator. Beide Tools gehören zur CA-Produktpalette. Da es sich hierbei um eine Pilotinstallation in Deutschland handelte, wollte man sich vor der endgültigen Kaufentscheidung zunächst eingehend von der Funktionsfähigkeit des Programms Überzeugen. Nachdem erste Tests nicht die gewünschten Ergebnisse erbracht hatten, wurden weitere Prüfungen angesetzt. Bei diesen im Herbst stattgefundenen Testläufen zeigte sich dann allerdings die volle Leistungsfähigkeit und das DV-Management entschloß sich zur Anschaffung des Produkts. Bei der Kaufentscheidung spielten laut Aussage des DV-Leiters auch Kompetenz und Flexibilität der Mitarbeiter des technischen Supports eine Rolle.

Host-Anwendungen worden auf PCs heruntergezogen

CA-Generator soll dabei helfen, den Pflegeaufwand an den Programmbeständen durch Neuentwicklungen zu reduzieren sowie die Einführung neuer ADS-Produktionsanwendungen zu beschleunigen. Allerdings rechnet Kaube trotz des Tool-Einsatzes damit, daß es aufgrund der vielen Anwendungen - es handelt sich um einige Hundert umfangreiche Cobol-Programme - etwa noch zwei Jahre dauern wird, bis die wesentlichen Pakete durch Neuentwicklungen abgelöst sein werden. Ein weiteres Argument für den Generator-Einsatz war, daß die so entwickelten Anwendungen portabel sind. Dies spielt insbesondere deshalb eine große Rolle, weil man die weltweiten Niederlassungen des Germanischen Lloyd sukzessive mit Personal Computern ausstatten und die einmal entwickelten Host-Anwendungen auch auf die dortigen Arbeitsplatz-Rechner übertragen will.

Sämtliche Büros können dann per Datenfernübertragung im Remote-Batch-Betrieb mit aktuellen Daten aus dem zentralen Schiffs-Informationssystem versorgt werden. Nur in Ausnahmefällen soll es eine Online-Anbindung mit Transaktionsverarbeitung geben. Erste Erfahrungen konnte man bereits während einer einjährigen Pilotphase sammeln. Zur Datenübertragung wurden die in zwei Fernost-Niederlassungen installierten PCs (3270-Emulation) temporär mit dem Hamburger Host über Datex-P verbunden.

Pflegeaufwand heilt sich in vertretbaren Grenzen

Die Vorteile des zentralen Datenbestands machen sich auch amtliche Stellen wie das Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie oder die Deutschen Bundespost zunutze. So speichert beispielsweise das für den Seefunkverkehr zuständige Fernmeldeamt Angaben über die funktechnische Ausrüstung der Schiffe im System ab.

Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, daß Informationssysteme auf Basis einer leistungsfähigen Datenbank zusammen mit einer Sprache der vierten Generation sowie CASE-Unterstützung die Entwicklungsabteilung dabei unterstützen, das permanent wachsende Aufgabenspektrum mit dem vorhandenen Mitarbeiterstab innerhalb der vorgegebenen Zeiträume zu bewältigen. Anwendungen können wirtschaftlicher entwickelt werden, der Pflegeaufwand an den vorhandenen Programmen hält sich in vertretbaren Grenzen und die Forderungen der Endanwender lassen sich schneller befriedigen.

Der Germanische Lloyd ist eine weltweit tätige, unabhängige technische Sachverständigenorganisation. Das Unternehmen wurde im Jahr 1867 in Hamburg auf genossenschaftlicher Basis gegründet und 1889 in eine Aktiengesellschaft mit gemeinnützigem Charakter umgewandelt. Zunächst ausschließlich für die Überwachung der Konstruktion von Schiffen sowie der sicherheitstechnischen Ausrüstungen an Bord zuständig, übernimmt das Unternehmen inzwischen die Überprüfung und Zertifizierung von Sicherheit und Qualität in fast allen Bereichen der Technik. Der Hauptsitz des Germanischen Lloyd befindet sich in Hamburg. Nach wie vor arbeitet man nicht gewinnorientiert. Etwaige Einnahmenüberschüsse werden in Forschungs- und Entwicklungsvorhaben investiert oder zur Verbesserung des Angebots eingesetzt.

Das Unternehmen ist in 115 Ländern vertreten und unterhält rund 400 Niederlassungen, von denen sich der überwiegende Teil in größeren Hafenstädten befindet. Auftraggeber des Germanischen Lloyd sind sowohl Unternehmen aus der Privatwirtschaft - Reeder, Werften, Industriebetriebe - als auch staatliche Stellen.

Das Schiffsregister

Für die internationale Anerkennung einer Klassifikationsgesellschaft ist das Führen eines Schiffsregisters eine notwendige Voraussetzung. Beim Schiffsregister handelt es sich um eine Dokumentation über den jeweils aktuellen technischen Zustand sowie über die Grunddaten und die Ausrüstung der klassifizierten Schiffe. Es enthält als Grunddaten, unter anderem Angaben über die Breite und Höhe, das Baujahr, den Ort und den Namen des Erbauers sowie Details zur Maschinen- und Ankeranlage. Zum Einsatz kommen Schiffsregister vornehmlich bei Hafenbehörden, Schiffs- und Ladungsversicherern. Sie werden Jährlich herausgegeben. Aktualisierungen werden in Ergänzungsberichten festgehalten und den Interessenten in kürzeren Zeitabständen zur Verfügung gestellt.