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07.01.1977 - 

Roboter werden zwar Intelligenz haben, aber nie lachen können

Von Christoph Heitz Freier EDV-Journalist

Für einen mit anderen Dingen als mit der Technik beschäftigten Besucher ist so eine Messe wie die electronica ein Alptraum. Puzzleteile sind zu sehen, und sie sind schön oder nicht, aber zum Verständnis der Funktion bleibt der Zugang versperrt. Kopfschmerzen bleiben in Erinnerung.

Aber was sind das für Menschen, einerseits die, die auf tausend Ständen ihr Spielzeug feilhalten oder die anderen, die diese innere Logik der Bauklötzchen verstehen, sie in größerem logischen Rahmen einordnen und funktionieren lassen oder gar darüber theoretische oder wissenschaftliche Vorträge hören und halten, Berufsbezeichnung: Fachleute.

In einer der letzten Sitzungen des Kongresses über Mikroelektronik, zu der man als mißmutiger Besucher dann doch noch hingeht, wird in aller Deutlichkeit der geistige Horizont dieser Nachfolger des Schmied Faffners klar. Der Physiker Kummerow spricht über "Die ferne Zukunft der Technik - Realistische Science-fiction, Spekulative Futurologie", bereits in der Ankündigung eine Ungereimtheit: Kann Technik Zukunft haben, oder ist es nicht vielmehr der Mensch, der sie hat, mit ihr als Objekt, als Produkt?

Euphorie schwingt mit, wenn von Datenbanken die Rede ist, die das gesamte Wissen aller akademischen Disziplinen speichern, oder von Automobilen, in denen Mikrocomputer dem Autofahrer jede auch nur denkbare Eigeninitiative abnehmen sollen. Also Instrumentalistisches steht im Vordergrund und es muß wohl ein Dogma in diesem technischen Eldorado sein, daß die Lebensqualität von dem Grad der Technisierung abhängt und mit diesem wächst.

Aber offenbar in Zauberlehrlingsmanier schwenkt der Referent um zur Warnung vor den Gefahren, die aus der weiteren Entwicklung kommen sollen. Von Robotern und Roboterzivilisationen ist die Rede und davon, daß diese selbst in der Lage seien, sich selbst zu reproduzieren - aufgrund eines völlig falsch verstandenen Satzes von J. von Neumann, einem amerikanischen Mathematiker aus den vierziger Jahren. Eines Tages müsse man damit rechnen - o welcher Alptraum - die Menschheit von diesen Robotern beherrschen und retten zu lassen, weil nur sie, unbeeinflußt von irgendwelchen Ambitionen, die moralische Qualität hätten, die dafür notwendig sei. Es bliebe also zu fürchten, daß diese Geschöpfe des Homo faber ihren Schöpfer übertreffen, zunächst an Intelligenz, später vielleicht auch an Bewußtsein.

In der sich anschließenden Diskussion wird offenbar, wie sehr diese Leute - Laborknechte und Hochschulprofessoren - an ihrem trockenen Stoff leiden. Nicht mehr die klaren abgezirkelten Fragen, sondern fast emotionale Repliken lassen das Roboterhafte der mit dieser Materie befaßten Menschen (man wird immer zu dem, womit man sich beschäftigt) zugunsten des Menschenhaften für Augenblicke zumindest zurücktreten.

Von künstlicher Intelligenz ist die Rede und von assoziativen Gedächtnissen. Dies seien doch menschliche Merkmale und dann verwische sich doch die Grenze zwischen Mensch und Roboter. Die Science-fiction-Alpträume Abrasimows und Kubricks 2001-Computer HAL geraten in die immer noch ernst gemeinte Argumentation. Die Spinnereien der Science-fiction werden als bare Münze genommen, immer im Hintergrund das Argument, Jules Verne habe man auch für einen Spinner gehalten. Psychologisch interessant ist dabei, daß konkretes Wissen über prinzipielle Grenzen mit Argumenten aus den Märchenbüchern für Erwachsene überspielt werden. Tatsächlich mehren sich die Stimmen, die die Grenze zwischen Intelligenz und Geist für verschwommen halten.

Bedenklicher ist, daß anscheinend weithin die Meinung besteht, menschliche Eigenschaften seien mit beliebig viel Elektronik instrumental nachvollziehbar. Welches Menschenbild haben diese Leute? Zu vermuten ist, daß sie von sich auf ihre Vorstellungen vom Menschen schließen, sie selbst also Roboter sind, noch ein bißchen unvollkommen und unmoralisch. Doch mit den neuen Trainingstechniken wird man das schon überwinden, auch mit ein wenig Freud'scher Analyse, mit einer kleinen stillen Frau zu Hause und der Fahrkarte ins Krebssanatorium in der Tasche - siehe Wilhelm Reich.

Ein Mensch entscheidet doch wohl im Rahmen seiner von Gier, Eitelkeit, Ärger, Lust oder Machtstreben diktierten Impulse. Und er hat Liebe, gibt sie oder nimmt sie in Anspruch und er lacht. Er ist kreativ und er spielt sicher zum Vergnügen. Seine Seele ist sicher mehr als die von Freud definierte Ansammlung von Verdrängungen, ist handelndes, empfindendes und entscheidendes Kontrollorgan für alle Lebensäußerungen. Und das wollen Sie, meine Herren Mikroelektroniker mit einer assoziativen Maschine nachbilden lassen?

Der Irrtum des Physikers Kummerow ist kennzeichnend für den in Materialien Kategorien denkenden Wissenschaftsfunktionär, der immer noch an die Marx-Engel'sche These glaubt, das Bewußtsein des Menschen entstehe aus dem Geist der Gesellschaft, in der er selbst steht, ein trauriger Begriff von Bewußtsein jedenfalls.

Damit könnte man zur Tagesordnung übergehen und diese Techniker sich selbst überlassen für die Freudlosigkeit ihres Daseins sind sie selbst zuständig. Das Gefährliche besteht aber darin, daß die Meinung sich verfestigt, mit beliebig viel Technik ließen sich die Probleme des Menschen lösen - Roboter mit hoher Intelligenz zur Steuerung einsetzen, wo gerade - man muß nicht Pastor sein, um das zu sagen - mehr Menschlichkeit, mehr Liebe, mehr innere Freiheit, mehr kreatives Sein (nicht Laborkreativität zwecks Produktion) zunehmend das Gebot der Stunde ist.

Kummerows Euphorie, ob sie sieh nun in Warnung oder Begeisterung äußert, beruht auf einer Illusion. Der Hinweis eines Diskussionsteilnehmers auf Franz Werfels Buch "Stern der Ungeborenen", in dem sich der Autor mental auf einen anderen Stern begibt und dort die "Segnungen" der Technik kennenlernt, wird wohl mehr Anspruch auf Realität haben.