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24.04.1987 - 

IBM-Forum über DV in Kommunen sensibilisieren Personalrätinnen

Von der Konfrontation zur Kooperation

TÜBINGEN - Sorgen um Arbeitsplätze in der "Informationswirtschaft" machen sich Hannelore Kücker und Heiderose Wagner, Personalrätinnen der Stadt Dortmund. Als kritische Besucherinnen des "IBM-Forum '87 für Wissenschaft und Verwaltung" stellten sie fest: Gerade solche Techniken wie offene Netze können und sollen nicht an den Beschäftigten vorbei betrieben werden. Personalvertretungen öffnen sich hier zur Mitsprache - etwa beim Datenschutz, aber auch bei Fragen der Qualifizierung von Mitarbeitern - eine große Chance.

Klar, daß solche Firmen wie IBM Interesse an Kontakten zu Hochschulen haben. Und deshalb hat IBM schon früh seine Fühler zu bundesdeutschen Universitäten ausgestreckt. Seit 1973 nämlich führt der Multi ein "Forum für Wissenschaft und Verwaltung" an verschiedenen Universitäten durch. Dort treffen sich IBM-Manager, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, vor allem aber Führungskräfte aus den sogenannten "Anwenderbetrieben".

IBM behauptet, durchaus zu Recht, daß diese Veranstaltungen die aktuellen Erfahrungen und Trends über die Entwicklung der Automation im Bereich öffentlicher Verwaltungen widerspiegeln. IBM ist nicht nur Marktführer bei der Ausstattung von Behörden und Verwaltungen mit Elektronik, sondern auch bestens über Planungen und Automationsabsichten dieser Verwaltungen informiert. Schließlich hat "Mother Blue" für alle größeren Betriebe Vertriebsbeauftragte eingesetzt, die ständigen Kontakt halten. IBM-Leute erarbeiten zum Beispiel für Verwaltungen Kommunikationsanalysen. Diese sind nichts anderes als eine Röntgenaufnahme der Behörden, um Rationalisierungspotential zu diagnostizieren. Der Begriff Kommunikation - das zeigt auch dieses Forum wieder einmal deutlich - wird rein technisch verstanden. Wie transportiert wer eine Nachricht von A nach B und in welcher Form? Und wenn dies alles nach langwierigen und aufwendigen Studien herausgefunden und festgestellt wurde, ist der Weg frei für die Verwaltungen, eine neue Technikoffensive in Gang zu setzen.

"Aufforsten" nannte das ein Referent. Andere sprechen in diesem Zusammenhang von "Aufrüstung. Es dreht sich nicht mehr um die Dialogverarbeitung - die wird längst überall eingeführt. Jetzt heißt die Parole "Informationswirtschaft". Es geht um Bürokommunikation, um offene Netze. Keine isolierten Computer, Schreibmaschinen, Fernschreiber mehr. Alles soll mit allem zusammengeschlossen werden. Erste Pilotanwendungen sind durchgeführt. Aus etlichen Verwaltungen der Bundesrepublik wurden bei diesem IBM-Forum die ersten Erfahrungsberichte geliefert.

"Bürokommunikation lohnt sich nur in der Fläche", sagt Frau Dr. Dr. Heike von Benda. Die Doppeldoktorin ist Leiterin einer Stabsstelle der Landesregierung Baden-Württemberg, und sie weiß, wovon sie spricht.

So gab die Landesregierung in der letzten Legislaturperiode 390 Millionen Mark für die Förderung von Informations- und Kommunikationstechniken aus, und mittlerweile wurde das Budget sogar auf eine halbe Milliarde Mark aufgesteckt. Im Musterländle sind von 250 000 Beschäftigten im öffentlichen Bereich 100 000 an Büroarbeitsplätzen tätig. Damit sind sie alle potentielle Nutzerinnen und Nutzer neuer Techniken. Diese Arbeitsplätze sollen im Rahmen eines "Landessystemkonzepts" untereinander vernetzt werden. Beim "Landessystemkonzept" wird langfristig ein landesweites, umfassendes Informations- und Kommunikationssystem aufgebaut, mit eindeutiger zentralistischer Zugriffsmöglichkeit. Es wird die allgegenwärtige Möglichkeit geschaffen, alle Informationen über sämtliche Landesverwaltungen und über externe Rechner verfügbar zu machen. Zwar räumt Frau Dr. Dr. von Benda ein, daß es "riesige Probleme mit dem Datenschutz" gegeben habe, aber nun habe man ein Datensicherungskonzept, das höchsten Anforderungen genüge. Im übrigen habe man "das Ohr des Datenschutzes" auch dadurch gewonnen, daß die ersten Vernetzungsvorhaben im Bereich der Umweltschutzaufgaben geschehen sollen. Und über Umweltschutz besteht allgemeiner Konsens, da gibt es keine Datenschutzhysterie. Allerdings muß auch Frau von Benda zugeben, daß bei derart offenen Netzen - wie dies beim ISDN der Fall sein wird - Probleme für öffentliche Behörden auftauchen, was die Abschottung der Daten anbelangt. Sie berichtete in diesem Zusammenhang über ein riesiges europäisches Forschungsprojekt im Rahmen von "Eureka", in dem diese Probleme untersucht werden. Tatsache ist, daß es im ureigensten technischen Bereich noch große Probleme gibt; nicht nur mit der Kompatibilität der einzelnen Systeme, die sich hindernd auf die gigantischen Vernetzungsvorhaben auswirken, sondern auch bei Fragen des Datenschutzes.

Denn bei solchen Vorhaben werden nicht nur die Mitarbeiterinnen mit Mitarbeiter der einzelnen Behörden tangiert, sondern auch die Bürger und Bürgerinnen, deren Daten unkontrollierbar von einer Behörde zur anderen fließen. Solche Projekte dienen eindeutig der Herrschaftssicherung, der Kontrolle. Zwar meinte ein Referent, Dr. Heinrich Reinermann, Professor an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer, daß dieser vertikale und horizontale Datenfluß ein Weg sei hin zum" Gemeineigentum" an Daten - aber das glaubt auch nur er.

Ein weiteres wesentliches Handikap aus Sicht der Herstellerfirma IBM und der Organisatoren in den Verwaltungen ist die "Akzeptanz" durch die Beschäftigten. Selbst Frau von Benda mußte einräumen, es sei notwendig, die "Mitarbeiter immer im Blick zu haben". In vielen Referaten wurde immerhin betont, wie wichtig es sei, frühzeitig die Personalvertretung einzubeziehen; damit es zur Kooperation "statt zur Konfrontation" komme. Denn die herbeigewünschte "Informationswirtschaft" kann schlichtweg nicht an den Beschäftigten vorbei betrieben werden. Insofern ergeben sich natürlich auch Chancen und Ansatzpunkte für die Beschäftigten und die Personalvertretungen, Einfluß zu nehmen.

Ganz billig sind die angepriesenen und eingesetzten Produkte übrigens nicht, selbst wenn ein immer weiterer Preisverfall bei der Hardware zu verzeichnen ist. Und natürlich muß es sich für die Verwaltungen, die auch nicht anders handeln als die freie Wirtschaft, lohnen, wenn sie viel Geld für Technik ausgeben. Denn die Verwaltungen sind zu Produktionssteigerungen gezwungen; auch sie geraten immer mehr in Konkurrenz zu privaten Anbietern, so zum Beispiel im Bereich der Bauverwaltung oder im Grünflächenbereich. Und der Mitteleinsatz lohne sich nur dann, wenn zumindest langfristig Personalkosten eingespart werden können. Die beim IBM-Forum verteilte Zeitschrift "AKD-aktuell" (die Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft kommunaler Datenverarbeitung) wartete dann auch passenderweise mit der Überschrift "Kommunen sparen Millionen durch Automation" auf. Die Städte Aachen, Bochum und Düsseldorf haben nach vollendeten Automatisierungsprojekten Kostenvergleiche zwischen Aufgabenerledigung mit und ohne technische Unterstützung aufgestellt. Es geht tatsächlich um Summen in Millionenhöhe.

Allein in Dortmund beispielsweise konnten bereits im Jahre 1983 Kosten von 9,5 Millionen Mark oder 331 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch Technikeinsatz eingespart werden. Und mittlerweile ist eine noch höhere Stufe der Automatisierung erreicht, so daß - zu Recht - von einem riesigen Rationalisierungsschub gesprochen werden kann.

Sorge um die Arbeitsplätze brauche wir uns allerdings nicht zu machen. Das meint jedenfalls der Verwaltungswissenschaftler Reinermann. Er präsentierte dem Forum nämlich gleich zum Auftakt die gute Nachricht, daß es mit der Arbeitslosigkeit bald vorbei sei: ". . . der Arbeitsmarkt wird sich in den 90er Jahren wieder durch Knappheit an Arbeitskräften auszeichnen."

Und deshalb müßten die Behörden sich bereits jetzt auf diese Situation einstellen im Sinne einer vorausschauenden Planung. Reinermann sieht sich - selbstbewußt wie er ist - in der Tradition des Reichstages zu Speyer. Dort selbst haben 1529 die evangelischen Stände gegen einen Mehrheitsbeschluß protestiert, wonach es keine Neuerungen in Kirche und Lehre mehr geben soll. Seit diesem Protest gibt es die "Protestanten". Und Professor Reinermann fühlt sich auch als ein solcher Protestant, wenn er dazu auffordert, durch Technikeinsatz zu einer "epochalen Verwaltungsreform" zu kommen. Er spricht von der Renaissance ganzheitlicher Verwaltungsbetrachtungen und legt dar, daß endlich durch die neuen technischen Möglichkeiten zeitliche und räumliche Grenzen übersprungen werden können. Nach seiner Meinung sollen nicht mehr "Menschen und Akten laufen", sonderen Daten. Er redet dem neuen Datenbank-Denken" das Wort. Dahinter steckt jedoch mehr das alte klassische Profit-Denken.

Alle Automatisierungsmöglichkeiten, alle vorgestellten Programme und Systeme - auch für den Justizbereich, für den Standesamtsbereich, für den Bereich der Friedhofsverwaltung - bedingen natürlich eine umfassende Standardisierung und Formalisierung. Und Standardisierung und Formalisierung bedeuten immer auch Anpassung, immer auch Kontrolle. Je formalisierter ein Arbeitsprozeß ist, um so mehr fällt jede Abweichung davon auf. Und alle Bürokommunikationssysteme und vor allen Dingen Techniken wie ISDN mit ihren zentralen Vermittlungsstellen machen letztlich eine "permanente elektronische Kommunikationszählung" (H. Kubicek) möglich.

Ein weiteres Problem, das sich ergibt, weil die Systeme selbst immer "schlauer" werden, ist die Entwertung und finanzielle Abwertung einzelner Tätigkeiten. So hat der ebenfalls in Tübingen vertretene K.H. Hasenritter, Professor an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Hagen, der seit Jahren mit seinem "Humanisierungsprojekt Prosoz" durch die Gegend reist, bereits vor Jahren gesagt, daß bei den ausgefeilten bedienerfreundlichen Systemen gar nicht mehr die Qualifikation der Beamtinnen und Beamten des gehobenen Dienstes notwendig wäre. Für solche Systeme reiche auch die Qualifikation des mittleren Dienstes aus.

"Prosoz" heißt übrigens nichts anderes als "Programmierte Sozialhilfe". Nach unserem Verständnis kann programmierte Sozialhilfe eigentlich kaum humane Sozialhilfe sein. Aber das sehen die Leute von IBM und die Entscheidungsträger in den Verwaltungen natürlich anders.

Herausforderung öffentliche Verwaltung

Das 14. Forum für Wissenschaft und Verwaltung vom 24. bis 26. März 1987 in Tübingen veranstaltete die IBM Deutschland GmbH Stuttgart zusammen mit der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Aktuelle Informationen umfaßten Themen wie, öffentliche Verwaltung in den frühen 90er Jahren - Herausforderung unter erschwerten Bedingungen sowie "Humanisierung der Arbeit: PC-Einsatz in der Sozialhilfeverwaltung", aber auch individuelle Datenverarbeitung, den Einsatz von Datenbanken und Arbeitsplatzrechnern in vielfältigen kommunalen Anwendungsbereichen.

Praktika an Rechnersystemen zu speziellen Verwaltungsarbeiten, etwa beim Standesamt, im Gerichts- und Justizwesen, weiter bei der Krankenhausverwaltung und -abrechnung und für Umweltverträglichkeits-Studien im Straßenbau ergänzten das Forum.