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20.03.1998 - 

Business-Anwendungen im Internet / Internet in der Touristik

Von der Ramschtheke bis zur Informationsplattform

Vor allem in den USA starten die Marketiers durch. Selbstverständlich haben alle wichtigen Airlines ihre eigene Homepage, um das Herz der potentiellen Kunden im Fluge zu erobern. Einige bieten bereits den Verkauf von Tickets an; der Internet-User bezahlt per Mausklick.

Neuerdings verscherbeln Fluggesellschaften ihre Restplätze im Netz. Knallhart kalkulierte Preise werden durch die Vermeidung von Reisebüro-Provisionen wieder aufgefangen. Southwest-Airlines (www.southwest.com) gewährt bis zu 50 Prozent Nachlaß auf den Normalpreis, Pan American (www.panam.com) bringt hauptsächlich Wochenendflüge unters Volk, und Kiwi International (www.jetkiwi.com) konzentriert sich auf Super Saver kurz vor dem Abflugtermin. Alaska Airlines (www.alaska-air.com) veröffentlicht einmal pro Woche alle freien Flugplätze und Preise im Internet, bestellen muß man allerdings per Telefon.

"Amerikanische Verhältnisse" bald auch hier? Seit einigen Monaten hat auch die Lufthansa (www.lufthansa.de) das Internet als Ramschtheke entdeckt und erste Erfolge mit der Versteigerung von Flügen verbuchen können. Die Liberalisierung des Marktes wirft zudem ihre Schatten voraus: Viele kleine Fluggesellschaften sitzen in den Startlöchern, um sich ein Stück vom großen Kuchen abzuschneiden. Sie werden zunächst genauso über den Preis agieren wie es auch von der jüngsten Tochter der British Airways (www.british-airways.com) zu erwarten ist, die ab 1999 im europäischen Luftraum für Furore sorgen will. Alle Anbieter werden sich mehr denn je auf das Internet stürzen, um ihre Jets ausgelastet abheben zu lassen.

Nachdem hierzulande die Angst vor dem Internet realistischer Einschätzung gewichen ist, versucht man die virtuelle Welt pragmatisch zu sehen: "Das Internet ist noch lange kein Selbstläufer", bilanziert Wolfgang Schambach, Vorstand für Information und Technologie im DRV. Um es zu einer tatsächlichen Alternative für die beratungsintensive Leistung der Reisebüros zu erheben, sei Schambach zufolge viel Geld in die Technik zu investieren.

Wer zum Beispiel ein Reisebüro aufsucht, um mit seiner Familie in Urlaub zu fahren, will diese Reise nach individuellen Kriterien genau auswählen.

Da wird man kaum auf das Internet zurückgreifen. Wie sieht es aus mit der Kinderermäßigung, genügt die Hotelumgebung den Sicherheitsbedürfnissen der Familie, welche Ausflüge werden vor Ort angeboten? Da bedarf es schon Erfahrung und zentnerschwerer Kataloginformation, die im Internet nicht zu haben sind.

Wer nach Erfolgsmeldungen des Internets in der klassischen Touristik sucht - Fehlanzeige. So verzeichnet die TUI (www.tui.de) Schambach zufolge pro Monat zwar mehr als eine Million Zugriffe auf ihrer Homepage.

Mit einer Quote von weniger als 500 Buchungen im Internet dürfte den Strategen im Hannoveraner Hauptsitz aber eher zum Heulen zumute sein. "Zwischen den Zeilen der vermeintlichen Erfolgsmeldungen", resummiert Schambach, "kann man die Enttäuschung genau herauslesen. "

Sind bereits die richtigen Produkte im Internet verfügbar? Auf den ersten Blick schon - das behaupten zumindest diejenigen Anbieter, die unbedingt auf der Trendwelle mitschwimmen wollen. Doch in Wahrheit lassen die tatsächlichen Absatzergebnisse und Umsatzerlöse am virtuellen Ticketschalter noch zu wünschen übrig. Auch die Münchner Reiseveranstalter haben sich inzwischen mit dem Internet angefreundet, dabei jedoch von ihrer bewährten Strategie nicht abgelassen.

Gebucht wird im Laden

"Wir betreiben Informationspolitik im Internet", beschreibt Pressesprecher Klaus-Andreas Dietsch die Strategie der Studiosus Reisen GmbH (www.studiosus.de). Gebucht werde nach wie vor im Laden. Gleichwohl will Dietsch nicht verhehlen, daß mit 1500 Zugriffen pro Monat die Stammkundschaft rege Gebrauch macht vom virtuellen Klickvergnügen. Die Alternative CD-ROM als zusätzliches Informationsinstrument habe man allerdings schnell verworfen.

Ebenfalls mit einem Bein im Netz steht die Münchener Frosch-Touristik International. Unter ihrem Dach tummeln sich Spezialanbieter wie CA Ferntouristik, Club Valtur oder die in Konkurs gegangene Sport Scheck Reisen. Wer allerdings meint, gerade ein solcher "Gemischtwarenladen" sei prädestiniert für den schnurgeraden Gang ins Internet, der irrt sich. Pressesprecherin Angela Winter: "Wir verfolgen die Devise, unsere Reisebüros zu schützen. Das Internet spielt für uns nur eine untergeordnete Rolle. "

Eher zurückhaltend beim Online-Auftritt ist auch die Firmengruppe Feria International GmbH. Als Tauchreisespezialist bastelt man gerade am Internet-Auftritt (www.feria.de). Wie Sprecherin Andrea Jasper auf Anfrage mitteilt, bedient man sich wie viele andere Spezalanbieter der Präsentationsplattform der Lufthansa http://virtualairport.lufthansa.com/lhpt/feria/feria_1.htm . Pro Monat stellt Feria fünf Angebote in den LH-Infokiosk und erzielt damit eine, so Jasper, "beträchtliche Aufmerksamkeit. "Das Internet werde vor allem genutzt, um Kataloge zu bestellen.

Auch das 1973 gegründete Unternehmen Hauser Exkursionen, mit rund 26 Millionen Umsatz 1996 nach eigenen Angaben größter deutscher Veranstalter von Trekking-Reisen http://virtualairport.lufthansa.com/lhpt/hauser/hauser_1.htm , kümmert sich um die Internet-Präsenz. Allerdings sei die aktuell anstehende DV-Umrüstung auf neue Systeme viel wichtiger, wie Michael Schott erklärt.

In Zukunft wolle man vor allem der Stammkundschaft eine "schnelle und zuverlässige" Informationsplattform bieten. Sollten sich nur fünf Prozent der Kunden die Angebote im Detail anschauen, könnte der Aufwand für die administrative Bearbeitung von Anfragen inklusive Portokosten erheblich gesenkt werden. Was bisher rund eine Woche Zeit in Anspruch nehme, könnten die Kunden per Mausklick erhalten. "Über das Internet wollen wir die Qualität unserer Leistungen gegenüber der Stammkundschaft weiter erhöhen", lautet das Credo des Anbieters.

Auch die Verlage gehen mittlerweile auf Tuchfühlung. Zwar hätten sich Reisevideos und CD-ROMs inzwischen als Flop erwiesen, wie es auf der letzten Reiseliteratur-Tagung in Weimar hieß. Dagegen böten sich online detaillierte Informationen auf aktuellem Stand an.

Allerdings warnen die Verlage vor dem zeitaufwendigen und teuren Pflegeaufwand. Zudem sei die Qualität der über das Internet angebotenen Reisen stark vom jeweiligen Netzbetreiber abhängig.

Ist der Cyberspace also ein verheißungsvolles Reiseland? Noch warten die Experten auf aussagekräftige Ergebnisse darüber, wie Kunden das Online-Angebot annehmen.

Noch bewege man sich in einer Testphase, beschreibt Schambach die aktuelle Situation. Neueste technische Entwicklungen sollen auf der Internationalen Tourismus Börse (www.itb-berlin.de) zu bewundern sein. Eines stellt Schambach, stellvertrend für seine Branche, klar: "Wer weiß, was er will, schnappt auch im Internet zu.

Der Markt

Außer den Boom-Branchen Automobilindustrie, Informationstechnologie und Telekommunikation macht vor allem die Reisewirtschaft auf sich aufmerksam. In Deutschland trägt sie sechs Prozent zum Volkseinkommen bei. Etwa 1,4 Millionen Vollbeschäftigte - inklusive Teilzeitbeschäftigte sind es rund zwei Millionen - entsprechen sieben Prozent der deutschen Erwerbstätigen. 55000 Personen sind Angaben des Deutschen Reisebüro-Verbandes (DRV, www.drv.de) zufolge in Reisebüros und Reiseunternehmen beschäftigt. Die Deutschen sind die größten Netto-Devisen-Bringer im internationalen Reiseverkehr. Mit ihren Ausgaben tragen sie über vier Prozent zum Gesamtverbrauch bei.

Der Himmel ist so voll wie nie. 1997 registrierten die Experten 48 Millionen Flugreisen in, von und nach Deutschland. Die Deutsche Flugsicherung erwartet bis 2015 eine Zunahme auf etwa 85 Millionen. Stolze 55 Prozent Anteil daran haben die Urlaubsreisenden. Heute starten und landen auf deutschen Flughäfen 112 Millionen Passagiere, im Jahr 2010 sollen es bereits 180 Millionen sein.

Die große Nachfrage nach Flugreisen stellt alle anderen touristischen Angebote in den Schatten. Die Flughäfen stoßen bei ihrer Kapazitätsplanung an die Grenzen, so zum Beispiel Frankfurt und Düsseldorf. Bis 2010 sollen die Flugbewegungen zwischen 50 und 100 Prozent über der heutigen Start- und Landekapazität liegen. Aber auch die herkömmlichen Vertriebswege der Flugtouristik halten dem grassierenden Reisefieber nicht mehr stand. Kein Wunder, daß sich gerade das Internet besonderer Beliebtheit unter den Vertriebsstrategen rund um den Globus erfreut.

Angeklickt

Zunächst überschätzt aufgrund der Buchungsgewohnheiten in den USA, dann möglicherweise unterschätzt wegen der zögerlichen Akzeptanz in Deutschland, hat das Internet in der Tourismusbranche noch ein sehr uneinheitliches Image. Klar ist jedoch, daß es den Reisebüros bereits einiges an Informations- beziehungsweise Marketing-Arbeit abnimmt. Zurückhaltung üben die meisten Reisekunden, wenn es ans Buchen selbst geht. Für junge und preisbewußte Interessenten indes mausert sich das Medium zum reizvollen alternativen Selbstbedienungs-Marktplatz.

Winfried Gertz ist freier Journalist in München.