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17.12.1976 - 

Eine Alternative zum ET-Generator??? Eine Mumie, die in der Wärme lag?

Von der Zweiteilung der Welt oder: Die Mumie, die (nicht) aus der Kälte kam

Da konnte man sich das neue Weltbild aus Meinungen in der Computerwoche zusammentragen: Man unter, scheidet zwischen

- Softwarehäusern, die entwickeln und/oder vertreiben einen Entscheidungstabellen-Prozessor und behaupten, eine Methode sei ohne Prozessor nicht denkbar, und

- Systemberatern, die keinen Prozessor anbieten und behaupten, der mündige Anwender brauche auch keinen.

So einfach ist das also! Nun muß man aber auch unterscheiden zwischen Softwarehäusern, die nicht nur Precompiler, sondern auch Compiler entwickeln - wie gut, daß der Hersteller wenigstens das Betriebssystem bereitstellt! Wir schlagen ein differenzierteres Weltbild vor und hoffen, daß die Welt des Gerhard Hahn [1] damit nicht aus den Fugen gerät: Es gibt sicher viele Anwender (darunter sind sicher auch viele mündige), denen die manuelle Anwendung der Entscheidungstabellen-Technik auferlegt ist. Sei es durch exotische Maschinen und/oder exotische Sprachen, sei es durch Ebbe im Software-Budget. Für solche Anwender können viele gute manuelle ET-Programmierverfahren, aber auch leider viele schlechte genannt werden. Nun ist die "Matrizen-Methode", die zwar nicht zur Entstehung, aber zur genannten Zweiteilung der Welt geführt hat, zweifellos ein sehr gutes Beispiel für ET-Codierung, wenn auch die Probleme der logischen Abhängigkeit von Bedingungen und der Dokumentation/Korrektur so codierter ET-Programme ignoriert werden.

Es gibt aber sicher auch viele Anwender (bei genauer Betrachtung der Referenzlisten sicher keine entmündigten), die schon seit Jahren mit computerunterstützter ET-Anwendung erfolgreich ihren Wartungs-Eisberg abtragen.

Was sagt denn eine neutrale Diebold-Studie [2] dazu (oder verkaufen die auch ET-Prozessoren?): "Entscheidungstabellen und zugeordnete Werkzeuge stellen mit über 230 hardwarehersteller-unabhängigen Installationen ... nach der ,Normierten Programmierung die erfolgreichste computerunterstützte Einzelmethode dar."

Nicht die beste Wahl

Auch für diese Anwender lassen sich schlechtere, aber auch bessere Vorübersetzer nachweisen. Warum sollten sich sonst fast alle Anwender den Mühen einer Evaluation unterziehen, um den Kosten einer Software-Investition den damit verbundenen Nutzen gegenüberzustellen. Nun hat das von Herrn Kellerbach [3] namentlich nicht erwähnte Bankhaus sicherlich nicht die beste Wahl eines namentlich nicht erwähnten Produkts getroffen. Oder man hat gar nicht evaluiert.

Bedenklich stimmt uns, daß von einem Spezialfall so forsch und frei generalisiert wird. Ein einziges Gegenbeispiel stellt nämlich eine solche "Beweisführung" und die daraus abgeleiteten Schlüsse in Frage. Hier ist eins:

Die erstaunliche Gilde-Evaluation

Hat doch ein Anwender des "Vorübersetzers für Entscheidungstabellen" die Stirn gehabt, auf dem "VORELLE-Anwenderforum 1976" seine Auswahlentscheidung öffentlich zu diskutieren. Was die Gilde-Versicherung, Düsseldorf (um Roß und Reiter zu nennen), berichtet, erstaunt auch den Fachmann [4]. Die Laufzeit eines konventionell entwickelten und bereits eingesetzten Programms betrug mit der Verarbeitung eines Testdatenbestands 6:34 Minuten. Alle drei zum Vergleich installierten ET-Prozessoren lieferten günstigere Werte (5:34, 4:56; 4:55), wobei der Abstand eines "Baum-Generators" (der geschachtelte IFs generiert) zu einem im Maskenalgorithmus vorübersetzenden Produkt nur 0,3% betrug - 4:55 Min. zu 4:56 Min. Das ließ unserem evaluierenden Anwender keine Ruhe - wie leicht hätte er sich den Verdacht einer Manipulation an der Vergleichsgrundlage einheimsen können. Er optimierte sein konventionelles Programm und siehe da, es wurde schneller - mit 5,8% auf 4:38 Min. und der Maßgabe, seine Änderungsfreundlichkeit aufgegeben zu haben.

Ein späterer Vergleichslauf mit dem ausgewählten Vorübersetzer nivellierte den Unterschied auf 2,1% zum optimierten Programm, da eine günstigere Tabellenstruktur die gemessene Zeit auf 4:44 Min. drückte.

Der Personalkostenanteil entscheidet

Nun sind Laufzeit und Bits und Bytes für den mündigen Anwender gar kein Beurteilungskriterium, so kräht's ja jeder DV-Hahn von der Kirchturmspitze. Was gibt's denn sonst für Kriterien, wenn die jährlichen Aufwendungen für Hardware-Miete bzw. Verzinsung und Abschreibung nach Diebold nur zirka 6 Milliarden Mark im Jahre 1975 ausmachten [2]? Die Personalkosten! Sie werden tatsächlich auf etwa 7 Milliarden Mark veranschlagt! Die Herabsetzung des Personalanteils, dem durch Wartungstätigkeit die Hände für Neuentwicklungen gebunden sind, dürfte ein wirtschaftlich relevanter Beurteilungsfaktor sein - wird er doch auf mindestens 50% geschätzt.

Ohne manuelles Einreißen

Hier entscheidet gegenüber manuellen Verfahren der Grad der Primärdokumentation, mit der sich eine Programmliste durch die eingelagerten Entscheidungstabellen selbst dokumentiert. Hier entscheidet der Testaufwand für eine handcodierte ET, deren richtige Interpretierung nur automatische Vorübersetzung garantiert. Hier entscheidet die Korrekturmöglichkeit für ET-Programme in der Testphase oder in der Fortschreibung. Durch entsprechende Korrektursysteme werden bestehende ETs, damit die Logik und die Dokumentation und der compilerfähige Code automatisch an die Erfordernisse angepaßt. In einem Korrekturlauf. Ohne manuell codierte Tabellen mühsam einreißen zu müssen.

Hier kann ich mich des Mumien-Schanzes [5] nicht verschließen.

Ach, könnten uns doch wenigstens die Mumien ein heiles Weltbild zimmern! Aber so rauscht der Kellerbach, der Thurner strunzt mit der (wievielten?) Generation von ET-Prozessoren, der Hahn pfeiffert ihm eins und der Schaefer thurnert dazwischen. Mein Gott, Sebastian, was wären wir doch eine trauerweinselige Branche, wenn die nicht alle so lustige Namen hätten.

*Dipl.-Kfm. R. Schaefer ist Leiter der Abteilung Training beim Mathematischen Beratungs- und Programmierdienst (mbp) in Dortmund

[1] Hahn, G.: Handgestricktes reicht noch. Computerwoche, 5. Nov. 1976, S. 9.

[2] Dittmer, G.: Adler, G. et al.: Einsatzmöglichkeiten software-technologischer Methoden mit Normungseffekt. Diebold Deutschland GmbH, Frankfurt, August 1976.

[3] Eine Alternative zum ET-Generator? cw-Bericht von U. Kellerbach, Computerwoche, 1. Okt, 1976, S. 9 f.

[4] Protokoll einer Vorübersetzer-Auswahl. In: Tagungsmappe zum VORELLE-Anwenderforum 1976. Mathematischer Beratungs- und Programmierungsdienst GmbH, Dortmund, 9. Nov. 1976.

[5] Thurner, R.: Eine Mumie, die in der Wärme lag. Computerwoche, 22. Okt. 1976, S. 10.