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04.08.2000 - 

Die zentrale Tierdatenbank gegen Rinderwahnsinn hat Löcher

Von Herkunftskontrolle zur BSE-Bekämpfung keine Spur

MÜNCHEN (uo) - Inkonsistenzen und weiße Flecken kennzeichnen die zentrale Rinderdatenbank, die eigentlich einem lückenlosen Herkunftsnachweis der Bekämpfung von Seuchen wie BSE dienen soll. Was für die Verantwortlichen von "HI-Tier" Schwächen in der Startphase sind, stellt sich Viehhändlern, Bauern und Schlachtern, die Geburten, Verkäufe und das Ableben der Rinder melden müssen, als Chaos dar, das Verbraucher gefährdet.

Am 10. Juli bekam Jürgen Humke, Viehhändler aus Neuenrade, eine Sisyphusarbeit aufgebrummt. Der Landeskontrollverband Westfalen-Lippe, seine für die Kennzeichnung und Registrierung der Rinder zuständige Regionalstelle, beauftragte den Sauerländer, bis zum 15. des Monats alle Rinderdaten einer 761 Seiten langen Liste auf Fehler zu überprüfen. Die Angaben stammen aus der zentralen Tierdatenbank und betreffen die von Humke erworbenen und verkauften Rinder.

Seit dem 26. September 1999 muss in Deutschland gemäß Paragraph 24 der Viehverkehrsordnung jede Geburt eines Rinds, jeder Zu- und Abgang innerhalb von sieben Tagen zentral registriert werden. Diese Maßnahme basiert auf Artikel 5 der EG-Verordnung 820/97. Mit der Erstellung und den Betrieb der HI-Tier-Datenbank beauftragten die Bundesländer das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF).

Der Aufbau der Datenbank stand unter erheblichem Druck. Die BSE-Krise 1996 deckte die Schwächen der unterschiedlichen Kennzeichnungs- und Registrierungssysteme in den EU-Mitgliedsstaaten auf. Nur mühsam konnte der Lebensweg einer Kuh verfolgt werden. Mit dem Stichtag 26. September 1999 wurde deshalb nicht nur der Versuch unternommen, den gesamten damaligen Rinderbestand in der HI-Tier-Datenbank zu erfassen, sondern auch alle Bewegungsdaten.

Richard Carmanns, HI-Tier-Projektleiter beim StMELF, bestätigt die derzeitige bundesweite Prüfung der Datenbankeinträge auf ihre Richtigkeit. Er geht jedoch davon aus, dass zunächst der Stichtagsbestand vom Herbst vergangenen Jahres kontrolliert wird.

Bei diesem ersten Datenabgleich zwischen den Meldern und den zentralen Datenhaltern müssen, wie Carmanns ausführt, insgesamt 240000 Rinderhalter und 15 Millionen Rinder überprüft werden. Er sieht darin eine für die Bauern und Händler zumutbare Aufgabe, die innerhalb eines Monats zur Bereinigung des zentralen Datenbestands führe.

Die für den Viehhändler Humke zuständige Regionalstelle in Nordrhein-Westfalen verschickte allerdings Listen, die über den Erstbestand hinaus die Bewegungsdaten bis zum 31. März dieses Jahres enthielten. Ob und in welchem Zeitraum sich sämtliche Einträge tatsächlich kontrollieren und berichtigen lassen, ist bei dieser Datenmenge offen. Allein der Landeskontrollverband in Münster geht von rund 60000 Datenfehlern bei etwa einer Million lebenden Tieren im Raum Westfalen-Lippe aus. Angesichts dieser Größenordnung scheint der Verband den Überblick zu verlieren. Ein Sprecher der Behörde behauptet, die Listen für den Datenabgleich seien zunächst einmal an die Erzeuger gegangen, nicht jedoch an die Händler und Schlachter.

Viehhändler Humke sieht sich jedenfalls mit einer Flut von Daten konfrontiert, die nach Stichproben zu einem Großteil doppelt, falsch und unvollständig sind. Ein Teil seiner Meldungen tauchen überhaupt nicht in der Liste auf. Der Händler, der seine An- und Verkäufe seit Beginn dieses Jahres per Internet an die Datenbank übermittelt, geht davon aus, dass etwa drei von fünf seiner Meldungen in der Datenbank "nicht ankommen".

Laut Projektleiter Carmanns ist jedoch die Registrierung per Internet im Batch- oder Online-Verfahren noch die zuverlässigste. Zirka 14 bis 15 Prozent der Informationen gingen zur Zeit online ein, 30 Prozent per Batch-Verfahren.

Wird ein Batch-System verwendet, so der HI-Tier-Projektleiter, muss der meldende Betrieb über DV-Know-how verfügen, sonst kann er möglicherweise die Übertragungsprotokolle nicht richtig interpretieren. Solche Voraussetzungen können sich in der Regel jedoch nur Großbetriebe schaffen.

Grundlage der HI-Tier-Datenhaltung ist eine DB/2-Datenbank der IBM, die auf einem OS/390-Rechner läuft. Darauf greifen Java-Applikationen zu, die sich jedoch als instabil erwiesen. Außerdem sei das Datenbanksystem bei 120000 Meldungen pro Tag und ein paar hundert gleichzeitig aktiven Anwendern häufig überlastet gewesen, so dass es in der Vergangenheit zahlreiche Systemabstürze gegeben habe. Noch jetzt falle die zentrale Registrierung pro Woche etwa eine Stunde aus, so Carmanns.

Stürzt das System während einer Online- oder Batch-Übertragung ab, können die Daten verloren gehen. Erkennt der Anwender eine entsprechende Fehlermeldung nicht, bleibt die Datenhaltung inkonsistent.

Neben der elektronischen Datenübermittlung besteht die Möglichkeit, die Informationen per Tastentelefon oder per Vordruck auf einer Postkarte durchzugeben. Bei der ersten Alternative fehlt die visuelle Kontrolle. Damit steigt die Fehlerquote etwa durch Zahlendreher. Die Postkarten gehen zunächst an die Landeskontrollbehörden, wo die mit der Hand in Druckbuchstaben ausgefüllten Belege gescannt und nicht maschinenlesbare Informationen manuell erfasst werden.

Die Schwierigkeiten bei der Erfassung liegen nicht nur in Zahlendrehern und unleserlichen Handschriften, sondern auch darin, dass der zur Meldung verpflichtete Personenkreis sehr heterogen ist.

Ein Bauer meldet etwa die Geburt und den Verkauf, ein Händler den An- und Verkauf. Die Schlachterei informiert über den Tod und das Gewicht, Daten, die relevant sind, weil EU-Prämien von 50 bis 300 Mark pro Tier anfallen, die den sinkenden Fleischpreis ausgleichen sollen (siehe Kasten "Die Beteiligten"). Großbetriebe wie Westfleisch, Münster, die die Informationen von elektronischen Waagen in die Buchhaltung geben, mit den Eintragungen in den Tierpässen vergleichen und dann erst per Batch-Verfahren in die Datenbank überspielen, haben kaum Schwierigkeiten mit doppelten oder fehlenden Daten. Pro Woche kommen fünf bis sechs Problemfälle vor.

Bis zu diesem Zeitpunkt kann die Datenbank keine vertrauenswürdigen Auskünfte erteilen. Ungereimtheiten im angeblichen Lebensweg einer Kuh ließen sich erst aufdecken, wenn die Datenbasis stimmte und Plausibilitätsprüfungen, zum Beispiel der Abgleich von An- und Verkaufsdaten, stattfinden könnten. Solche Kontrollen werden laut HI-Tier-Chef Carmanns aber erst "scharf geschaltet", wenn der erste Datenabgleich stattgefunden hat.

Doch selbst dann bleibt das Datensystem fragwürdig. Die dem Meldesystem immanenten Schwächen wie Eingabefehler, verloren gegangene oder vertauschte Papiere bleiben bestehen, so dass die Datensammler niemals eine widerspruchsfreie Datenbasis erhalten. Der Deutsche Bauernverband geht davon aus, dass, wenn die zentrale Registrierung irgendwann optimal funktioniert, immer noch ein Fehlerquotient von zwei Prozent bleibt. Das erscheint zwar wenig, doch da es sich um Lücken bei der Seuchenbekämpfung handelt, kaum tolerabel.