Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

08.08.2003 - 

Siemens-Mobilfunk-Division streicht 2300 Stellen

Von Pierer zwingt Handy-Sparte auf Sparkurs

MÜNCHEN (wh) - Siemens-Chef Heinrich von Pierer macht Ernst. Wegen anhaltend schwacher Geschäftsergebnisse soll die Mobilfunksparte ICM bis Ende 2004 zusätzlich eine Milliarde Euro einsparen. Damit verbunden sind 2300 Stellenstreichungen, davon mehr als 500 in Deutschland. Am stärksten betroffen ist der Standort München.

"Der Markt von Siemens Mobile ist gekennzeichnet durch Preisverfall, Überkapazitäten und Investitionszurückhaltung", begründet das Management die Einschnitte. Der Zeitpunkt der Ankündigung überraschte selbst Branchenkenner: Nur eine Woche zuvor hatte von Pierer mitgeteilt, den kränkelnden I+C-Bereich künftig selbst zu führen. Neben ICM gehört dazu die Netzsparte ICN und der IT-Dienstleister SBS. Der bisher zuständige Vorstand Volker Jung (63) geht Ende September in Ruhestand.

Alle Ebenen betroffen

Nach offiziellen Unternehmensangaben trifft der Arbeitsplatzabbau vor allem den Bereich Mobilfunknetze und zieht sich über alle Management-Ebenen. Am meisten bluten muss einmal mehr die Münchner Belegschaft: Rund die Hälfte der 500 Stellenstreichungen in Deutschland plant Siemens in der bayerischen Landeshauptstadt, der Rest entfällt auf den Standort Berlin und weitere kleinere Niederlassungen.

Firmeninterne Quellen berichten von 360 Stellenstreichungen allein in den Münchner Büros der mobilen Netzwerksparte ICM N (ICM Networks). Betroffen seien Mitarbeiter aus Entwicklung, Marketing und Vertrieb.

Bundesweit sollen diesen Informationen zufolge 590 Arbeitsplätze wegfallen. Insgesamt baut der Konzern damit rund acht Prozent von derzeit 28 000 Mitarbeitern in der Mobilfunksparte ab. Bereits im vergangenen und im laufenden Geschäftsjahr schrumpfte die Belegschaft um jeweils 2000 Angestellte.

Hintergrund der jüngsten Maßnahmen sind die aus Sicht der Konzernleitung unbefriedigenden Geschäftsergebnisse. Nur aufgrund von Sondererträgen konnte ICM im abgelaufenen zweiten Geschäftsquartal ein positives Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) ausweisen; der Umsatz sank im Jahresvergleich von 8,4 Milliarden Euro auf 7,3 Millionen Euro. Mit einer Gewinnspanne von 0,8 Prozent ist die Sparte meilenweit von den Vorgaben des Konzernchefs entfernt. Von Pierer fordert bis zum Jahr 2004 eine Marge zwischen acht und elf Prozent.

Herbe Kritik musste deshalb vor allem ICM-Bereichschef Rudi Lamprecht einstecken, der bis vor kurzem noch als Thronfolger Jungs gehandelt wurde. "Die Verkaufspreise unserer Handys sind im Durchschnitt gefallen, weil wir nicht genug neue Produkte herausgebracht haben", monierte von Pierer. Tatsächlich lief das Geschäft mit Mobiltelefonen für Siemens unterm Strich schlecht: Trotz leicht gestiegener Absatzzahlen fiel im letzten Quartal ein Verlust von 42 Millionen Euro an. Ein Jahr zuvor hatte noch ein Gewinn von 28 Millionen Euro in den Büchern gestanden.

Manager müssen gehen

Erste personelle Konsequenzen zog die ICM-Leitung offenbar bereits im Mai. Peter Zapf, CEO der Handy-Sparte, musste gehen. Seinen Posten übernahm Lamprecht interimsweise. Offiziell sprach das Management von einer einvernehmlichen Trennung, doch hinter den Kulissen ist anderes zu hören: "Man suchte einen Sündenbock, weil neue Produkte nicht rechtzeitig auf den Markt kamen", berichtet ein Mitarbeiter. Am 4. August gab Siemens Mobile einen weiteren Wechsel bekannt. Mit Wirkung zum 1. September ersetzt der ehemalige Telekom-Manager Erbil Kurt den Marketing-Chef der Mobilfunksparte Karl-Heinz Seibert.

Besonders ärgern dürfte von Pierer, dass ICM vom zuletzt überraschend hohen Wachstum im Handy-Markt kaum profitieren konnte. Während der Geräteabsatz nach Berechnungen des Marktforschungsinstituts Gartner weltweit um 18 Prozent stieg, konnte Siemens gerade einmal 5,7 Prozent zulegen. Entsprechend sank der Marktanteil im Jahresvergleich von 8,5 auf 7,6 Prozent (siehe Grafik "Marktanteile verloren"). Hinter Nokia, Motorola und Samsung liegen die Münchner abgeschlagen auf Rang vier - kein Ruhmesblatt für den selbstbewussten Lamprecht.

Nachfrage eingebrochen

Dass Siemens die meisten Stellen im Bereich Infrastruktur für Mobilfunknetze streicht, überrascht auf den ersten Blick. Immerhin hatte dieser Betriebsteil zuletzt bessere Ergebnisse als die Mobiltelefonsparte abgeliefert. Allerdings sind die Probleme hier anders gelagert. Im Gegensatz zum Handy-Geschäft, wo die Absatzzahlen steigen, verzeichnet der Mobilnetzbereich einen massiven Nachfrageeinbruch. Der Weltmarkt für Mobilfunknetze sei bereits im letzten Jahr um 15 Prozent gesunken, erklärte Lamprecht dazu. "Im laufenden Jahr schrumpft der Markt um bis zu 20 Prozent."

Dennoch besteht auch im Geschäft mit Mobiltelefonen dringender Handlungsbedarf. Der anhaltende Preisverfall schickt die Margen in den Keller, doch einen Preiskrieg kann Siemens auf lange Sicht nicht gewinnen. "Der Preisdruck kommt vor allem von No-Name-Anbietern aus Asien", erläutert ICM-Sprecher Axel Schafmeister. Auf einen Preiskampf wolle man sich nicht einlassen; stattdessen versuche das Management, über eine starke Marke höhere Preise durchzusetzen. Deutschen Automobilherstellern gelinge dies schließlich auch.

Andererseits dreht ICM auch im Handy-Geschäft kräftig an der Kostenschraube. Nicht zuletzt die Zulieferer sollen mit verbesserten Zahlungskonditionen ihren Beitrag leisten. Es gehe darum, "das Risiko auf mehr Schultern zu verteilen", formuliert Schafmeister diplomatisch, und gemeinsam mit den Partnern "die gesamte Wertschöpfungskette zu optimieren".

Ob diese Maßnahmen ausreichen, die Handy-Sparte auf lange Sicht profitabel zu führen, bezweifeln immer mehr Beobachter. So verwundert es nicht, dass Spekulationen um eine größere Kooperation oder gar einen teilweisen Verkauf derzeit wieder Konjunktur haben. Neben den üblichen Verdächtigen wie Toshiba oder Motorola sind auch andere Namen aus dem asiatischen Wirtschaftsraum im Gespräch. Von Pierer soll gegenüber Belegschaftsvertretern Verhandlungen mit möglichen Partnern für das Handy-Geschäft eingeräumt haben.

Die Einsicht, nur über Kooperationen langfristig erfolgreich wirtschaften zu können, ist indes nicht neu. Schon Ende 2001 hatte I+C-Chef Jung bestätigt, einen Partner für die Handy-Sparte zu suchen (siehe CW 48/01, Seite 8). Einzig der Weltmarktführer Nokia sei noch in der Lage, Entwicklungs-, Produktions- und Marketing-Aufwendungen aus eigener Kraft zu bestreiten, so der Manager damals. Die große Ankündigung blieb allerdings aus, dem Vernehmen nach scheiterten unter anderem Verhandlungen mit Toshiba. Offiziell kommentiert Siemens die jüngsten Spekulationen nicht.

Ob eine Partnerschaft Sinn ergebe, hänge von deren Ausgestaltung ab, kommentiert Theo Kitz, Siemens-Experte bei der Privatbank Merck Finck. Erfolgsentscheidend sei, dass der Konzern die Kontrolle über das Geschäft nicht verliere; Design und das Firmenlogo auf den Geräten müssten erhalten bleiben. Im Bereich der 3G-Handys, wo Motorola Schlüsselkomponenten bis hin zu kompletten Geräten liefert, sei dies gelungen. Eine Kooperation hätte laut Kitz unter anderem den Vorteil, dass man die finanzielle Belastung, sprich die Verluste, aus der Siemens-Bilanz herausnehmen könnte. Dieses Vorgehen habe der Konzern schon einmal mit der Sparte für Atomkraftwerke praktiziert.

Trotz der erneuten Sparmaßnahmen erwartet Kitz nicht, dass die drei I+C-Bereiche die gesteckten Margenziele für 2004 erreichen können: "Das wäre ein kleines Wunder."

Die Sorgen der Belegschaft, der personelle Aderlass werde sich fortsetzen, erscheinen vor diesem Hintergrund berechtigt. Erst kürzlich warnte die Gewerkschaft IG Metall vor angeblichen Plänen des Siemens-Managements, hoch bezahlte Entwickler- und Ingenieursarbeitsplätze in großem Umfang in Billiglohnländer zu verlagern. Ein Sprecher dementierte prompt. Demgegenüber berichten interne Quellen, dass der Konzern zumindest im Bereich ICM N künftig 20 Prozent der Entwicklungstätigkeiten in Ländern wie China oder Indien erledigen lassen will.

Abb: Marktanteile verloren

Abwärtstrend: Nach Stückzahlen hat Siemens Mobile im weltweiten Handy-Geschäft schwächer zugelegt als die Konkurrenz. Quelle: Gartner Dataquest