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12.05.1995

Von Shrink-wrapped Software zur Informationsinfrastruktur Lotus Corp. bemueht sich um die Akzeptanz als Enterprise-Player

MUENCHEN (sc) - Die Lotus Development Corp. befindet sich seit Jahren im Umbau weg vom ruecklaeufigen Massengeschaeft mit Shrink- wrapped PC-Software. Waehrend Erzfeind Microsoft neben den Business-Applikationen mit Betriebssystemen und Software fuer den privaten Anwender noch mehr Eisen im Feuer hat, setzt der einst als One-product-Company geltende Softwarehersteller Lotus mit Groupware- und Kommunikationsloesungen alles auf den Enterprise- Markt.

"Der ewige Zweite", dieses Attribut beschreibt Lotus' Position im Markt fuer Desktop-Applikationen ganz treffend. Einzige Ausnahme war die Tabellenkalkulation "1-2-3", mit der das Unternehmen aus Cambridge, Massachusetts, dem Softwareriesen Microsoft die Fersen zeigte. Etwa 70 Prozent des Markts belegte 1987 das DOS-Paket. Als Bill Gates' Programmschmiede mit "Excel" und Borland mit "Quattro" ins Rennen gingen, war es fuer Lotus schon deutlich schwerer, die Spitze zu halten; als 1988 noch das faellige neue 1-2-3-Release auf sich warten liess, bekam das Unternehmen erstmals den Gegenwind zu spueren. Das Jahresergebnis rutschte in diesem Jahr nach unten, und Analysten, die Lotus ob seiner Abhaengigkeit von 1-2-3 laengst als One-product-Company titulierten, hoben warnend den Zeigefinger.

1988 schmiedete das Unternehmen allerdings schon an einem neuen Eisen, das sich von den wenig erklaerungsbeduerftigen Shrink- wrapped-Programmen wie 1-2-3 deutlich unterscheiden wuerde:

"Notes". Lotus folgte damit der Vision seines Gruenders Mitchell Kapor, der 1987 zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeschieden, im "Wall Street Journal" von der "Opportunity Groupware" sprach.

Das weitere Vorgehen des Unternehmens und seines Lenkers Jim Manzi laesst durchaus Strategie erkennen: Kurz nach der Markteinfuehrung von Notes erfolgte Anfang 1990 der Einstieg ins Softwareberatungs- Business. Einen Monat spaeter, im April, wollte die Ostkuesten- Company den Netzspezialisten Novell uebernehmen. Der Deal scheiterte bekanntlich, und das damalige Objekt der Begierde drang mit dem Kauf von Wordperfect einige Jahre spaeter selbst in das angestammte Lotus-Terrain der Desktop-Applikationen vor.

Der Cash-Cow 1-2-3 gab das Softwarehaus in dieser Zeit allerdings zuwenig Futter zur Weiterentwicklung, was sich im dritten Quartal 1990 in einem Gewinnrueckgang auf 8,57 Millionen Dollar niederschlug. Dass man den Markt der PC-Anwendungen nicht kampflos Microsoft ueberlassen wollte, demonstrierte Lotus durch die Uebernahme der Samna Corp., deren Produkt "Ami Pro" den Einstieg in das Segment der Textverarbeitungen bedeutete. Hinzu kam im Maerz 1991 die

cc:Mail Inc. - ein Kauf, der Lotus die gleichnamige E-Mail- Software einbrachte. Dem Anbieter zufolge hatte "cc:Mail" damals mit 800000 Anwendern einen Marktanteil von ueber 35 Prozent, den Lotus im Jahr darauf sogar auf 50 Prozent steigern konnte.

Pech fuer Lotus war das zu grosse Vertrauen in den Markterfolg von OS/2. Hier nahm der Hersteller in bezug auf die Tabellenkalkulation den falschen Weg und erreichte dadurch verspaetet den Windows-Markt. So mussten die Anwender lange auf eine Windows-Version von 1-2-3 warten, bis sie Anfang 1992 endlich verfuegbar war. Lotus' Marktanteil bei den Tabellenkalkulationen war schon in den ersten Monaten des Vorjahres auf 63 Prozent gesunken, berichtete damals Chief Financial Officer Edwin Gillis dem "Wall Street Journal". Wenig gemacht hatte das Unternehmen damals auch aus seiner von Fachleuten gelobten Tabellenkalkulation "Improv", die jahrelang ein Schattendasein fuehrte und jetzt eingestellt wurde.

Mit einer Zuwachsrate von 100 Prozent gegenueber 1991 expandierte allmaehlich auch der Kommunikationsbereich. Einschliesslich Notes und cc:Mail lag der mit Windows-Anwendungen erzielte Umsatzanteil bei 49 Prozent. Obwohl Manzi die Ergebnisse des zweiten Quartals 1992 noch mit der Aussage kommentierte, man wolle der fuehrende Anbieter von Windows-Applikationen werden, reagierte Microsoft, als das Thema Suites aufkam, einmal mehr schneller. Erst mit der Uebernahme des Datenbankanbieters Approach Software Corp. Mitte 1993 hatte der Softwarehersteller aus Cambridge die Office-Loesung komplett.

Microsoft hatte sich mittlerweile mit "Office" den Loewenanteil im Suite-Markt schon gesichert. Auch der einstige Uebernahmekandidat Novell, der Wordperfect schluckte, plazierte mit "Perfect Office" ein Produkt in diesem Segment und brachte Lotus ebenfalls unter Druck.

Das negative Ergebnis 1994 ist unter anderem auch darauf zurueckzufuehren, dass der Lotus-Anteil am Suite-Geschaeft nach Berechnungen der International Data Corp. (IDC) von 18,8 Prozent (1993) auf 15,6 Prozent sank.

Einen Grund fuer die ruecklaeufige Nachfrage nach der Lotus-Suite sehen Branchenbeobachter in der Textverarbeitungskomponente Ami Pro. Doch Lotus war sich offenbar der Schwachstelle bewusst. Mit "Word Pro" soll im Sommer dieses Jahres ein voellig ueberarbeitetes, mit Groupware-Funktionen ausgestattetes Produkt auf den Markt kommen. Ob sich das Geschaeft mit den Suites fuer Lotus tatsaechlich auszahlt, halten Branchenkenner jedoch fuer fraglich. "Microsoft wird 80 Prozent des Suite-Markts halten, und Novell und Lotus muessen den Rest unter sich aufteilen", glaubt Mary McCaffrey, Analystin bei Alex Brown in New York.

Nachdruecklich verkuendete Lotus-Chef Jim Manzi gegenueber dem "Wall Street Journal", den Desktop-Applikationen treu bleiben zu wollen. "Team Computing" lautet die Strategie, mit der man verlorenen Boden wiedergewinnen will. Setzt das Unternehmen das Konzept in der Praxis durch, hat es zumindest technologisch gegenueber Microsoft und Novell die Nase vorn. Kommt Word Pro naemlich rechtzeitig auf den Markt, ist es der CW-Schwesterpublikation "Computerworld" zufolge das erste Produkt, das auf einem Code basiert, der fuer Windows-, Windows-95- und OS/2-Versionen gleichermassen verwendet werden soll. "Diese drei Plattformen werden zu 95 Prozent den gleichen Code nutzen", erklaert Bill Jones, Senior Director des Bereichs Desktop-Produkte gegenueber der "Computerworld".

Primaere Einnahmequelle sollen laut Manzi zum Jahresende allerdings die Kommunikationsprodukte cc:Mail und Notes sein. Durch den Erwerb des Messaging-Spezialisten Softswitch und von Edge Research, einem Hersteller von Anwendungsentwicklungs-Tools, sowie der Londoner Client-Server-Beratungsfirma Database Management Sciences, der japanischen Soma Inc., RE/Aims aus Dallas und der Pavosoft GmbH, Paderborn, hat sich Lotus in diesem Sektor ueber die letzten Jahre hinweg gezielt mit Know-how verstaerkt.

Die Schluesselfaktoren fuer den Notes-Erfolg und damit des Unternehmens Lotus seien die Verfuegbarkeit verschiedener Notes- Versionen fuer unterschiedliche Zielgruppen, die Unterstuetzung aller relevanten Betriebssysteme sowie das Angebot von Zusatzprodukten und Dienstleistungen durch andere Unternehmen, erklaert Dieter Giesbrecht, Geschaeftsfuehrer der Lotus Development GmbH in Muenchen.

Notes und cc:Mail werden zu Umsatztraegern

Gerade am letzten Punkt hatte es anfangs gehapert. So klagten Anwender vor allem ueber den Mangel an Spezialisten und fehlenden Applikationen fuer die Groupware, mit der sich das Unternehmen erstmals auf das Gebiet der Anwendungsinfrastruktur wagte. 1990, als Notes erstmals vorgestellt worden war, habe die Einfuehrung laut Lotus ueber ein Jahr in Anspruch genommen. Die ersten Jahre tat sich Notes nicht zuletzt deshalb schwer, Liebhaber zu finden. Ende 1992 meldete der Softwarehersteller 1400 Notes-Kunden, eineinhalb Jahre spaeter waren es 3500 Unternehmen. Entsprechend zoegernd wuchs der Anteil, den die Software zum Gesamtumsatz beitrug. Im zweiten Quartal 1993 wurden zum Beispiel immer noch 50 Prozent der Einnahmen mit der Tabellenkalkulation erzielt.

Doch 1994, im vierten Jahr nach der Einfuehrung, trat die Kehrtwende ein: Die Kommunikationsprodukte cc:Mail und Notes trugen zuerst 29 Prozent (II/94), dann 33 Prozent (III/94) und im letzten Quartal ueber 50 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Heute komme Notes auf ueber 1,4 Millionen Benutzer. Mittlerweile unterstuetzen laut Lotus 8000 Business-Partner die Software. Die neuerlich angekuendigten Preissenkungen, die das Ergebnis des ersten Quartals 1995 negativ beinflusst haben, sollen die Nachfrage nach Notes nun offenbar noch mehr in Schwung bringen und fuer klare Verhaeltnisse sorgen. Die Konkurrenz steht bereits Gewehr bei Fuss. Im Herbst will Microsoft - durch Windows Herr ueber die Desktop-PCs - mit "Exchange" den Messaging- und Workflow-System-Markt aufrollen und auch Novell, das mit "Netware" die lokalen Netze im Griff hat, verfuegt bereits ueber Produkte mit Groupware-Faehigkeiten.