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03.08.2001 - 

Massiver Einbruch im IC-Bereich sorgt für rote Zahlen

Vor Siemens liegt ein steiniger Weg

MÜNCHEN (CW) - Die Bereiche Netzwerke (ICN) und Mobilfunk (ICM) haben der Siemens AG die Bilanz für das dritte Quartal des laufenden Geschäftsjahres gründlich verdorben. Mit einem Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von minus 1,07 Milliarden Euro rissen diese Abteilungen, die noch vor einem Jahr zwei Drittel des Gesamtergebnisses erwirtschaftet hatten, den Münchner Konzern tief in die roten Zahlen.

Angesichts der schlechten Bilanz für das dritte Quartal des laufenden Geschäftsjahres verschärft die Siemens AG ihren Sparkurs. 4,2 Milliarden Euro will Konzernchef Heinrich von Pierer einsparen. Unter dem Slogan "Operation 2003" müssen die Bereiche ICM und ICN den Löwenanteil der Kostensenkungen erbringen.

Der Mobilfunksparte verordnete von Pierer ein zusätzliches "Fitnessprogramm": Anstelle von 800 Millionen sollen nun 1,2 Milliarden Euro eingespart werden. Damit spielt er unter anderem auf den bereits eingeleiteten Personalabbau bei ICM an. Von den geplanten 2600 Stellenstreichungen seien die Hälfte vollzogen, der Rest soll bis Ende des Jahres folgen.

Handy-Fertigung bleibt im HausTrotz der Kürzungen in der Produktion wird Siemens den überwiegenden Teil der Handy-Fertigung in den eigenen Händen behalten, versichert Siemens-Sprecher Peter Gottal. Zurzeit seien nur etwa 20 Prozent des Volumens an den Auftragsfertiger Flextronics ausgelagert. Dieser Outsourcing-Anteil entspreche einem "gesunden Verhältnis".

Die Zahlen geben jedoch wenig Anlass zur Hoffnung. Gingen die großen Handy-Hersteller Ende letzten Jahres noch von einem weltweiten Absatz von 550 bis 580 Millionen Geräten aus, rechnen sie heute nur noch mit etwa 400 Millionen verkauften Mobiltelefonen. Von den knapp 50 Millionen Handys, die Siemens in diesem Jahr verkaufen wollte, ist inzwischen keine Rede mehr.

Obwohl sich der Wettbewerb nach Einschätzung von Pierers in den nächsten Monaten weiter verschärfen wird, sieht der Konzernchef "Licht am Ende des Tunnels" für die Handy-Sparte. Das Schlimmste sei bereits überstanden. Die Verantwortlichen in diesem Bereich hätten schnell auf die Veränderungen im Markt reagiert.

Zu langsam waren aber offenbar die Siemens-Manager aus dem Bereich ICN. Während der Stuhl von Günter Lamprecht, Chef von ICM, nach der Veröffentlichung der Quartalszahlen noch stand, kippte der seines Kollegen Roland Koch, Vorstand von ICN. Zwar heißt es in der offiziellen Konzernmitteilung, man habe sich in beiderseitigem Einvernehmen getrennt, aus Insiderkreisen verlautet jedoch, Koch habe es versäumt, seine Sparte auf neue zukunftsträchtige Technologien auszurichten und deshalb seine Koffer packen müssen. Nachfolger wird Thomas Ganswindt, zurzeit Mitglied des Bereichsvorstandes Transportation Systems (TS). Siemens-Chef von Pierer kündigte an, statt der bisher geplanten Sparmaßnahmen von 1,2 Milliarden solle ICN nun sogar zwei Milliarden Euro weniger ausgeben. Potenzial, die Kosten zu senken, gebe es in der Fertigung sowie in den Bereichs- und Regionalzentren. Damit dürften neben dem bereits beschlossenen Abbau von 7500 Stellen weitere Entlassungen nicht mehr zu verhindern sein.

Unter den Mitarbeitern wächst die Verärgerung über Management-Fehler. So hätten es die Verantwortlichen versäumt, ICN von der herkömmlichen Telefontechnik auf Zukunftstechnologien wie zum Beispiel Voice over IP auszurichten, heißt es in einem Beitrag der Siemens-Mitarbeiterzeitung "Simaz".

Ferner hätten es die Personalverantwortlichen versäumt, Mitarbeiter auf zukünftige Anforderungen vorzubereiten und dafür auszubilden. Laut Simaz leidet vor allem der Dienstleistungsbereich von ICN an der mangelnden Qualifikation seiner Angestellten. Ein systematisches Herangehen an die Probleme sei nicht zu erkennen, lautet das frustrierte Fazit.

Probezeitler in GefahrOpfer dieser angeprangerten Management-Fehler seien die Mitarbeiter. Mit "Turboprämien" versuchten die ICN-Personalverantwortlichen, den Stellenabbau zu forcieren. Ferner werde die Leistung von Mitarbeitern, die nicht länger als zwei Jahre bei Siemens arbeiten, genau unter die Lupe genommen, erklärt Betriebsrat Rainer Sanders. Vor allem Angestellte, die sich noch in der sechsmonatigen Probezeit befinden und ohne Angabe von Gründen gekündigt werden können, ständen auf dem Prüfstand. Einige solche Entlassungen habe es bereits gegeben, berichtet Sanders.

Ein Problem der Branche seien Risikofinanzierungen junger Telco-Unternehmen gewesen, erläutert Gottal. Zwar habe sich Siemens bei der Vergabe von Krediten zurückgehalten. Ungeschoren seien die Münchner aber nicht davongekommen. Als Beispiel nennt Gottal das US-Unternehmen Winstar Communications, das mittlerweile Gläubigerschutz nach Chapter 11 beantragt hat. Siemens habe der Firma mit 241 Millionen Euro unter die Arme gegriffen. Allerdings sei die Abschreibung vergleichsweise erträglich. Lucent beispielweise habe Winstar zwei Milliarden Dollar gestundet, die jetzt wohl abgeschrieben werden müssten.

Die hinter den Kulissen von ICN schwelenden Konflikte lassen sich nicht mehr verbergen. So erklärte ICN-Finanzchef Michael Kutschenreuter in einer internen Mail, die dem Nachrichtenmagazin "Focus" zugespielt wurde, dass die Netzsparte angesichts des Quartalsergebnisses von minus 564 Millionen Euro und eines Geldsaldos von minus drei Milliarden Euro quasi pleite sei. Von Mitarbeitern, die die Situation immer noch unterschätzten, sollte sich der Konzern besser trennen, so Kutschenreuter.

Siemens-Chef von Pierer hat die markigen Worte seines Finanz-Managers mit Wohlwollen registriert. Dies zeige, dass der Druck des Zentralvorstands angekommen sei und die Mitarbeiter den Ernst der Lage erkannt hätten. Man werde sich weitere Handlungsoptionen offen halten, drohte von Pierer. Die einzelnen Geschäftsbereiche würden zukünftig im Monatsturnus überprüft. "Dabei gibt es keine Tabus."

Auch SBS in der KriseObwohl nicht direkt vom Siemens-Boss angesprochen, weht auch den Verantwortlichen der Siemens Business Services (SBS) ein rauherer Wind ins Gesicht. Zwar verbuchte die IT-Dienstleistungssparte ein leichtes Plus von sieben Millionen Euro. Die schwarzen Zahlen konnten jedoch nur mit Hilfe von Sondereffekten wie zum Beispiel dem Verkauf der Beteiligung an der SAP-Tochter SAP SI für 44 Millionen Euro erreicht werden.

Auf der Negativseite finden sich verschiedene Posten, die die SBS-Bilanz trüben. So müssen die Münchner beispielsweise eine nicht näher bezifferte Summe an Rückstellungen bilden, um den wahrscheinlichen Fehlschlag eines Projektes mit der britischen Passport-Agency aufzufangen. Ein anderes gescheitertes Projekt hat die Siemens-Zentrale auf die eigene Kappe genommen. Die argentinische Regierung stornierte angesichts der hohen Staatsverschuldung einen bereits 1998 ausgehandelten Auftrag, in dessen Rahmen SBS eine zentrale Passdatenbank aufbauen sollte. 292 Millionen Euro muss die Siemens AG deshalb abschreiben.

Angesichts der guten Ergebnisse anderer IT-Dienstleister wie IBM Global Services und EDS müssen sich die SBS-Verantwortlichen allerdings die Frage gefallen lassen, warum das Geschäft nicht so recht in die Gänge kommt. Sprecher Gottal führt strukturelle Probleme dafür an. So sei die Verschmelzung der Siemens IT-Service GmbH und SBS, die im April 2000 stattfand, noch nicht endgültig abgeschlossen. Hier müssten noch organisatorische Synergien genutzt werden. Außerdem sei das Geschäft mit produktnahen Dienstleistungen in den vergangenen Monaten zurückgegangen und müsse neu strukturiert werden. Überkapazitäten der SBS in diesem Segment sollen abgebaut werden.

Die Geduld des Zentralvorstandes scheint auch gegenüber SBS allmählich zu Ende zu gehen. Bis September soll ein Restrukturierungsprogramm erarbeitet werden, das dann möglichst schnell umgesetzt werden soll. Inwieweit damit zusätzliche Entlassungen verbunden sind, ist nicht bekannt. Vor kurzem haben die SBS-Verantwortlichen bekannt gegeben, 2000 Stellen zu streichen, 1600 davon in Deutschland.

Unterdessen wächst die Kritik an SBS auch innerhalb des Konzerns. In einem auf den Internet-Seiten der IG Metall unter einem Pseudonym erschienenen Text wird dem SBS-Management sowie der gesamten Konzernspitze Perspektivlosigkeit vorgeworfen. Das Wachstum der vergangenen Jahre sei auf interne Fusionen nach der Zerschlagung von Siemens-Nixdorf zurückzuführen. Als dieses Mittel ausgeschöpft war, habe Bereichschef Friedrich Fröschl mit externen Zukäufen versucht, das Tempo zu halten. Bemühungen, Pricewaterhouse-Coopers, Debis oder Cap Gemini zu schlucken, scheiterten jedoch angeblich an der Siemens-Finanzabteilung, die nicht bereit war, die Fusionen zu finanzieren.

Siemens-QuartalsbilanzDie Siemens AG verbuchte im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres ein positives Ergebnis von 1,6 Milliarden Euro. Anteilig darin enthalten sind die letzten Quartalszahlen der Siemens-Tochter Infineon sowie Sondereffekte. Dazu zählt beispielsweise die Übertragung von Infineon-Aktien im Wert von 3,46 Milliarden Euro in den Siemens-Pensionsfonds. Rechnet man das Infineon-Ergebnis sowie die Sondereffekte nicht mit ein, kommt der Münchner Konzern mit seinem operativen Geschäft auf einen Verlust in Höhe von 479 Millionen Euro (Ebitda). Im Vorjahresquartal hatte Siemens noch einen Gewinn von 592 Millionen Euro eingefahren. Der Umsatz des Konzerns, Infineon nicht eingerechnet, wuchs um 23 Prozent auf 20,27 Milliarden Euro.