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Die Chance einer dynamischen Weiterbildung sollte besser genutzt werden:


25.07.1986 - 

Vorausschauende Qualifikation sichert Technik-Integration

Den Fixpunkt der derzeitigen Hausse beruflicher Qualifikationsmaßnahmen markiert, so Erich Staudt, eine in ihrer Entwicklung noch weitgehend unbekannte Technik. Falsch ist es denn auch, jene Bildungspolitik zu favorisieren, die mit schwerfälligen Instrumenten und einer hohen Zeitkonstante operiert. Anstelle einer perfekten technokratischen Regelung stellt der Leiter des Instituts für angewandte Innovationsforschung in Duisburg einen Freiraum für wechselnde, anwendungs- und damit betriebsspezifische Inhalte zur Diskussion.

Betrachtet man die Aus- und Weiterbildungsszene im Umfeld neuer Techniken, so wird insbesondere in der Mikroelektronik-Anwendung eine Art "Goldgräberstimmung" deutlich:

Unternehmensberater, Technologievermittler, Kultusbürokratien und Schulbehörden glauben die Zeichen der Zeit erkannt zu haben und überbieten sich in einem hektischen Wettbewerb darin, spezifische Qualifikationen oder das, was sie dafür halten, an Auszubildende, übrige Mitarbeiter und Lernende heranzubringen.

Fragt man jedoch konkret, welche Berufe mit welchen mikroelektronisch-spezifischen Inhalten befrachtet werden sollen, dann stößt man in ein völlig offenes Problemfeld. Analysen der zu Anwendung der Mikroelektronik verfügbaren deutschen und internationalen Studien zeigen, daß weitgehend unklar ist,

- wie der Diffusionsprozeß der Mikroelektronik in einzelnen Branchen abläuft,

- wer Anwender sein wird und wie Anwender zu charakterisieren und kategorisieren sind,

- welche typischen Probleme technischer, wirtschaftlicher und sozialer Art diese Anwender haben

- welche dieser Probleme welche Tätigkeitsfelder berühren,

- welche Berufsfelder dadurch tangiert sind und

- welche Implikationen sich für eine Qualifikationspolitik ergeben.

Zur Strukturierung der Problemstellung, welche Weiterbildungsinhalte in der Zukunft aufgrund neuer Techniken gefragt sein werden müßte in erster Näherung folgender Komplex inhaltlicher Fragen abgeklärt werden:

- Wer sind überhaupt Anwender der neuen Technik?

Eine Frage, die nicht sehr informativ beantwortet wird, da aus Unsicherheit heute fast jede Branche beziehungsweise jeder Fachzweig angibt, daß er potentieller Anwender sei.

- Welche Probleme haben diese Anwender?

Darauf aufbauend wäre in einer nächsten Stufe zu klären, welche Probleme - im Sinne von Diffusions- oder Innovationswiderständen - bei welchen Anwendern, Branchen oder auch anwendungsspezifisch auftreten.

- Welche Defizite bestehen hinsichtlich der Qualifikation?

Analog zur Lebenszyklusabhängigkeit von Problemfeldern zeigt sich auch hier eine starke Phasenabhängigkeit. So ist heute ein Übergewicht von Problemen im Entwicklungs und Einführungsbereich zu beobachten, was dem aktuellen Ingenieurbedarf auf diesem Gebiet entspricht.

- Welche Konsequenzen haben Qualifikationsdefizite für die berufliche Aus- und Weiterbildung?

Erste Analysen und eine Reihe von Expertengesprächen im Ausbildungssektor zeigen, daß man heute zumindest im Bereich der elektrotechnischen Facharbeiterberufe fast überall Anforderungen mit mikroelektronischen Inhalten vermutet. Eine genauere Betrachtung belegt jedoch, daß es sich bei den aufgrund vermuteter Anforderungen erstellten Lehrkonzepten vielfach um in miniaturisierte Form gebrachte EDV-Erfahrungen handelt.

- Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen Technik und Qualifikation?

Entgegen der verbreiteten Annahme, daß beim Einsatz der Mikroelektronik der Serivce- und Reparaturaufwand und die damit verbundenen Qualifikationsanforderungen zunehmen, existieren Hinweise für eine starke Tendenz, neue Technologie-Anwendungen wartungsfrei und servicefreundlich zu gestalten.

- Während Lehrprogramme noch von heutigen Service- und Reparaturaufgaben analog zur Groß-DV ausgehen, zeigen erste Einzelbeobachtungen, daß progressive Anwender angesichts des heute verfügbaren Qualifikationspotentials bemüht sind, ihre Produkte so zu entwickeln daß kaum noch Wartung und Reparatur erforderlich sind.

Daraus läßt sich für Inhalte und Formen folgern, daß das falsch ist. Es suggeriert eine monokausale Abfolge, die es möglich erscheinen läßt, aus Technologien neue Aufgaben für die berufliche Aus- und Weiterbildung abzuleiten. Fixpunkt wird damit eine noch unbekannte Technik, die selbst in einer sehr dynamischen Entwicklung befindlich ist und auch von Experten in ihrer weiteren Entwicklung und Anwendung nicht eindeutig vorausgesagt werden kann. Vernachlässigt werden gleichzeitig autonome Entwicklungen im Bildungssektor wie höhere formale Abschlüsse, neue Verteilung von Arbeitsinhalten, neue Organisationsformen im Kontext der technischen Entwicklung und neue Gestaltungsmöglichkeiten von Arbeitsplätzen Arbeitsinhalten und damit auch neuen Anforderungsprofilen.

Oben angeführtes Postulat impliziert die Gefahr, eine an Gefälligkeiten orientierte Bildungspolitik zu induzieren, die mit hoher Zeitkonstante und schwerfälligen Instrumenten wie Modellversuchen angesichts der Dynamik der Weiterbildungsnachfrage stets in Gefahr gerät, jeweils zu spät die falschen Weiterbildungsinhalte zu offerieren.

Die nachgefragten Weiterbildungsinhalte sind phasenabhängig. Das heißt, je nachdem, ob das jeweilige Unternehmen sich mit Forschung und Entwicklung, Produktions- und Vermarktungsproblemen beschäftigt, artikuliert es Ingenieurbedarfe, Facharbeitermangel, Servicepersonaldefizite etc. Hinzu kommt, daß in hochinnovativen Feldern stets ein Qualifikationsanforderungsdrift festzustellen ist, der seinen Ausdruck darin findet:

- In den Startphasen einer neuen Technik dominiert die Nachfrage nach spezifischem Know-how in der jeweiligen Innovationsleittechnik.

- In den folgenden Phasen sinkt die Bedeutung dieses Engpasses ab. Gleichzeitig wächst der Wert anwendungsspezifischen Wissens, das heißt der erforderlichen technischen Anschlüsse, Qualifikationen in den erforderlichen Anschlußtechnikgebieten und Qualifikation aus dem Anwendungskontext, das heißt aber in vielen Fällen, konventionelle Qualifikations- und Erfahrungsinhalte.

Wechselnde Inhalte aber erfordern neue Formen: Wenn Aus- und Weiterbildungsinhalte nicht einseitig an der Technik festgemacht werden können, verbietet sich eine verfrühte Aufnahme der entsprechenden Inhalte in die Grundausbildung. Anstelle einer perfekten technokratischen Regelung ist vielmehr Freiraum für neue, wechselnde, anwendungs- und damit betriebsspezifische Inhalte vorzusehen. Ein in zu großem Abstand von der betrieblichen Anwendungsdynamik entwickeltes und vermitteltes Weiterbildungsangebot gerät stets in die Gefahr, an den Problemen der Praxis vorbeizugehen. Um diese Risiken zu mindern, muß die Weiterbildung an den Arbeitsplatz zurück gebracht werden und wesentlich stärker als in der Vergangenheit entlang der betrieblichen Anwendungsdynamik entwickelt werden, das heißt, es sind neue Personalentwicklungsplanungen erforderlich, die sich rechtzeitig an den Laborentwicklungen und Investitionsentscheidungen des Betriebes orientieren.

Benötigt werden also nicht neue Bildungsabschlüsse, sondern vor allem im Verlauf der technischen Entwicklung brauchbare Qualifikationen. Derartige Qualifikationen sind betriebsnah zu entwickeln. Angesichts der Unschärfe der technischen Entwicklung, der Unklarheit über die zukünftigen Einsatzfelder und der Integrationsproblematik bedeutet dies eine sehr starke Tendenz zur vorausschauenden Weiterbildung und, soweit das nicht möglich ist, zur tendenziellen Überqualifikation für zukünftige technische Entwicklungen, wenn die Integration neuer Techniken in den Betrieben gelingen soll.

Die Resultate des Institutes für angewandte Innovationsforschung in Duisburg aus den Untersuchungen zum Mikroelektronik-Einsatz zeigen, daß infolge einer weitreichenden Offenheit der zukünftigen Entwicklung für die Qualifizierung von Facharbeitern im Anwendungsbereich der Mikroelektronik kein perfektioniertes Angebot an Ausbildungsinhalten für Mikrocomputer-Technik angestrebt und angeboten werden kann. Das ist übertragbar auf andere Technikfelder. Zur Bewältigung der technischen Entwicklung ist vielmehr ein elastisches Baukastensystem zu entwickeln, das auf einer flexiblen, in Breite und Tiefe differenzierbarenen Struktur beruht, Relevanz für verschiedene Anwendungsfelder besitzt und einen Einsatz in verschiedenen Berufsfeldern erlaubt.

So läßt sich zunächst zwar lediglich ein Mindestqualifikationsbereich abdecken, der Optionen für eine Erweiterung enthält, darüber hinaus aber nicht auf die Sicherstellung weitergehender Ansprüche ausgerichtet werden darf, da speziell in besonders innovativen Feldern nicht-antizipierbare Restgrößen und Ungewißheiten auftreten, die betriebs- und problemspezifische Lösungen erfordern.

Neben der Unschärfe bei der Bestimmung der in Zukunft erforderlichen Qualifikationsinhalte wird ein zweites Problemfeld dominant: Recherchen bei potentiellen Anwendern zeigen, daß für eine adäquate Ausbildung nicht etwa die damit verbundenen Kosten den Engpaß darstellen, sondern der Zugang zu den Qualifikationsinhalten selbst versperrt ist. Während die auf diesem Gebiet aktiven Industrien längst über Ausbildungsprogramme verfügen, haben insbesondere artfremde Branchen und Klein- und Mittelunternehmen gewaltige Probleme, geeignete Curricula zu finden und mit auf diesem Gebiet inkompetenten Ausbildern zum Einsatz zu bringen. Angesichts der nicht überwindbaren Eingangsschwelle zu neuen Qualifikationsinhalten neigen sie dazu, Altqualifikationen zu tradieren, selbst wenn die Zukunftsperspektiven für die so Ausgebildeten äußerst gering sind.

Insgesamt zeigt sich, daß die Engpässe bei der Qualifizierung wesentlich durch die Verfügbarkeit geeigneter Curricula und adäquat ausgebildeter Ausbilder bestimmt werden. Die inhaltliche Feststellung dieser Engpässe und deren Umsetzung in praxisnahe Curricula erfordern jedoch eine systematische Erfassung von Schwachstellen im Qualifikationsbereich. Diese Schwachstellen-Analyse kann jedoch nicht statisch sein, sie muß vielmehr den ständigen Veränderungen in der Praxis Rechnung tragen und ist daher dynamisch auszurichten.

Im Ergebnis hat eine auf diese Weise abgesicherte Entwicklung von Curricula, Ausbildungsunterlagen und Medien den Charakter eines subsidiären Angebots für Aus- und Weiterbildung sowie Ausbilder-Fortbildung und Kann somit in den betroffenen Betrieben dazu beitragen, Qualifikationsdefizite abzubauen.

Mit Hilfe eines auch in der Personalwirtschaft zu vollziehenden Strategiewandels ist darüber hinaus eine Organisationsentwicklung in Gang zu setzen, die restriktive Ordnungsmuster überwindet und zu einer neuen Qualität von Arbeitsplätzen, Arbeitsorganisationen, Produktion und Dienstleistung führt.

Dabei ist es unerläßlich, über eine mittel- bis langfristig wirksame Perspektive für den Facharbeiter-Einsatz und den daraus ableitbaren Aus- und Weiterbildungsbedarf in quantitativer, aber insbesondere in qualitativer Hinsicht zu verfügen.

Vor dem Hintergrund einer sich dynamisch entwickelnden Technik gilt es, aus betrieblicher Sicht die Rolle der Personalwirtschaft zu überdenken, die bisher eher darin besteht, auf technische Veränderungen passiv zu reagieren, anstatt auf diese aktiv und gestaltend einzuwirken.

Professor Dr. Erich Staudt trug diesen Beitrag als Referat auf dem Fachsymposium des Deutschen Industrie und Handelstages DIHT "Herausforderung Technologie - Neue Aufgaben für die berufliche Weiterbildung" 1985 in Köln vor.