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14.12.1984

Vorschau 1985: Europäer müssen sich auf ihre Stärke besinnen

Die lebhafte Entwicklung auf dem Mikrocomputermarkt gehört zu den wichtigsten Ereignissen im DV-Jahr 1984. Für die kommenden zwölf Monate rechnet Professor August-Wilhelm Scheer noch nicht mit einer Konsolidierung auf diesem Gebiet. Dem Anwender bliebe weiterhin nur eine Gratwanderung zwischen scheinbar erprobten Konzepten, die bereits den Keim der Überalterung beinhalten, und risikoreichen "Innovationskonzepten". Dr. Hans Grobe vom Diebold Institut hofft für die Zukunft, daß sich die Europäer mehr als bisher auf ihre eigene Stärke besinnen. Der Frankfurter Berater verspricht sich davon mehr, als beispielsweise dem Marktriesen IBM gerichtlich entgegenzutreten. Grobe: "Dies ist doch nur ein Versuch, den Koloß mit der Fliegenklatsche einzuschüchtern." ih

Professor Dr. August-Wilhelm Scheer

Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik (lWi), Universität des Saarlandes

Das Jahr 1984 wurde für mich vor allem durch die Entwicklung auf den Gebieten CIM und PC-Einsatz geprägt.

Der Begriff Computer Integrated Manufacturing (CIM) hat sich 1984 als Bezeichnung des Integrationskonzepts für CAD/CAM mit der Produktionsplanung und -steuerung (PPS) durchgesetzt. Durch diese Integration werden die klassischen zentralorientierten PPS-Systeme revolutioniert. Andererseits bedeutet die Einbeziehung von PPS-Funktionen in CAD/CAM-Dialoge, so beispielsweise kostenbewußtes Konstruieren oder die Implementierung von Materialverfügbarkeitsprüfungen in die Entwicklung einer termingebundenen Variantenkonstruktion, eine fundamentale Änderung der Arbeitsweise eines Entwicklers. Die Re-Integration von im Zuge der Arbeitsteilung auseinandergeschnitten Teilfunktionen einer zusammengehörenden Aufgabeneinheit ist aber ein wesentlicher Beitrag der DV zur Ablauforganisation von Unternehmungen und bildet auch das umfassendste Reservoir für Wirtschaftlichkeitseffekte. Aus diesem Grunde ist das intensive Bemühen von Herstellern, Softwarehäusern und Anwendern zur Realisierung des CIM-Konzeptes zu verstehen. Im Jahre 1984 sind die ersten Pilotanwendungen zur Verbindung von CAD/CAM- mit PPS-Systemen hergestellt worden, so zum Beispiel das VAX-PROFI mit dem System CAM-X von Ferranti, das System MM 3000 von HP mit dem CAD-Arbeitsplatz HP 9000, das CAD-System von Computervision mit diversen PPS-Systemen, das IBM-System Codem mit Copics sowie das CAD-System Proren mit dem PS-System der Systemtechnik Bremen.

Auf der Tagung Autofact 6 im August 84 in Kalifornien wurde zwar das CIM-Konzept lauthals propagiert, jedoch schwerpunktmäßig wurden CAD/CAM-Entwicklungen gezeigt. Hier hat sich der Integrationsgedanke trotz der verbalen Unterstützung inhaltlich noch nicht manifestiert. In Europa scheint man deshalb zur Zeit einen gewissen Vorsprung zu besitzen. Hierbei ist auch zu betonen, daß der CIM-Gedanke nicht nur für die Großindustrie eine erhöhte Wirtschaftlichkeit verspricht, sondern gerade wegen der Erfordernisse, auch organisatorische Konsequenzen zu einer Realisierung zu ziehen, von mittleren Unternehmungen verwirklicht werden kann. Hier könnte sich die bei mittleren Unternehmen vorhandene höhere Flexibilität zur organisatorischen Umgestaltung auszahlen.

Die zweite große Entwicklungslinie der Informationsverarbeitung wurde 1984 von der Weiterentwicklung der Personal Computer bestimmt. Es zeigt sich immer mehr, daß diese Entwicklung vor allen Dingen einmal von der Hardware geprägt wird und zum anderen bei der Software von der Weiterentwicklung integrierter Tools (Spread-sheet, Datenbanksysteme, Textverarbeitung, Kommunikation).

Bezüglich der Anwendungssoftware gilt diese rapide Entwicklung leider nicht. Dabei muß man berücksichtigen, daß das Personal Computing als Ausweg aus der vielzitierten Anwendungssoftwarekrise der Groß-EDV hervorgegangen ist. Nunmehr scheint die Anwendungssoftware für Mikros aber selbst in eine Krise zu stolpern. Hierbei ist vor allen Dingen zu kritisieren, daß versucht wird, für Großsysteme oder Systeme der früheren mittleren Datenverarbeitung entwickelte Anwendungssoftware auf die PCs "herunterzuziehen". Dieses ist aber eine verfehlte Softwarestrategie: Vielmehr müssen Konzepte entwickelt werden, in denen die Eigenschaften des Mikros (gutes Kosten/Leistungs-Verhältnis für Verarbeitungsfunktionen, schlechtes Kosten/Leistungs-Verhältnis zur Datenspeicherung, komfortable Softwaretools (Spread-sheet etc.), hohe Verfügbarkeit für den Endbenutzer, Kommunikationsfähigkeit zu anderen Hardwaresystemen und Kommunikationsdiensten wie Btx, Telefax) sinnvoll integriert werden. Dieses bedeutet, daß auch die auf Großsystemen installierte Anwendungssoftware in dem Sinne umgeschrieben werden muß, daß systematisch die Transaktionen daraufhin überprüft werden, ob sie auf Mikros ausgelagert werden sollen oder nicht, ohne daß der übergreifende Integrationseffekt auf der Datenhaltungsebene vernachlässigt wird.

Als Vorausschau für das Jahr 1985 erwarte ich auf dem Gebiet des CIM eine Konsolidierung und konsequente Weiterentwicklung. Die schwierige Aufklärungsarbeit bei Herstellern und Anwendern über die Vorteile des Integrationskonzepts hat bereits Früchte gebracht. Auch bieten sich durch Einsatz von Mikrocomputern neue Möglichkeiten zur Integration von CAD/CAM mit PPS an.

Auf dem Gebiet der Personal Computer wird auch 1985 dagegen noch keine Konsolidierung eintreten. Hier bleibt es für den Anwender eine Gratwanderung zwischen scheinbar erprobten Konzepten, die aber bereits den Keim der Überalterung beinhalten, und risikoreichen Innovationskonzepten. Hier ist zu hoffen, daß die großen Hersteller von Anwendungssoftware den Mut zur konsequenten Einbeziehung von Personal Computern in ihre Entwicklungspolitik aufbringen.

Für meine persönliche Arbeit gilt, daß an meinem Institut 1985 auf beiden Gebieten (CIM und Einsatz von PCs) sowohl grundlagenorientiert als auch in anwendungsnahen Projekten mit Herstellern und Pionieranwender intensiv gearbeitet werden wird.

Dr. Hans Joachim Grobe

Diebold Deutschland GmbH, Frankfurt

Beim Rückblick und Ausblick zur Jahreswende hat jeder Betrachter seine spezifische Brille auf. Sie ist im Hause Diebold naturgemäß durch Marktbeobachtung und Beratungserfahrung im Umgang mit Anwendern und Herstellern geprägt.

Der Marktbeobachter registriert für das zurückliegende Jahr vor allem die lebhafte Bewegung am Mikrocomputermarkt, auf dem IBM mit einem Paukenschlag nach dem anderen seinen Anspruch geltend machte: 3270-PC, AT-Modell des IBM PC und den tragbaren PC. Herausforderndes Merkmal dieser PCs ist die Dialogfähigkeit mit den IBM-Großrechnern, die viele Wettbewerber in den Zugzwang brachte, gleichartige Möglichkeiten anzubieten.

Für den Anwender ist denn auch die Ausbreitung jener Philosophie des Zusammenspiels von Mikrocomputer und Großrechner der eigentliche Gehalt solcher Informationen. Hingegen ist der Alternativphilosophie des Einzelplatzsystems auf Dauer allenfalls im nicht-professionellen Anwendungsbereich Zukunft einzuräumen.

Einen keineswegs erfolglosen Versuch unternahm Apple mit seinem "Macintosh", einer abgemagerten "Lisa"-Version, bei dem die Nachfrage zur Zeit kaum befriedigt werden kann. Zweifellos gelang es Apple, mit diesem Produkt sein angekratztes Image neu aufzupolieren. Doch man wird davon ausgehen können, daß in professionellen Anwendungsbereichen langfristig dem "Mikro-Mainframe-Verbund" die Zukunft gehört.

In dem großen Wettlauf der Mikros verwundert immer wieder die Stabilität der Bürocomputerhersteller wie Nixdorf, Kienzle, und andere, die mit ihrer Problemlösungsphilosophie und einer umfangreichen Palette erprobter Anwendungssoftware den Attacken der billigeren Mikrocomputer weiterhin erfolgreich widerstehen können. Dieses Phänomen beweist, daß sich erfahrene Anwender nicht allein durch niedrige Hardwarepreise verlocken lassen. Vor diesem Hintergrund muß sicher auch das erfolgreiche Börsen-Debüt der Nixdorf-Aktie gesehen werden, während weniger etablierte Wagniskapitalfirmen wie BCT oder Tewidata für die Erkenntnis sorgten, daß das Wörtchen "Wagnis" seine tiefere Bedeutung hat.

Das Bemühen der Europäer, dem Marktriesen IBM gerichtlich wie auch durch Kooperation in der Entwicklung gemeinsamer Standards entgegenzutreten, mag diejenigen mit Befriedigung erfüllen, die darin erfolgreiche Warnschüsse vor den Bug erblicken. Doch fragt sich, ob das Besinnen der Europäer auf die eigenen Stärken nicht viel mehr Erfolg verspricht als der Versuch, den Koloß mit der Fliegenklatsche einzuschüchtern.

In dem Zusammenhang lassen hingegen erste Ansätze auf mehr Selbstbewußtsein der Europäer hoffen. Das gilt namentlich für Siemens, wo man zielstrebig bemüht ist, das Engagement in den Basistechnologien auszubauen. Das zeigen das im Bau befindliche Halbleiterwerk in Regensburg für die Produktion von 1-MB-Chips und die geplante Glasfaserfabrik in Neustadt bei Coburg.

Fortschrittsbewußtsein demonstriert auch die Deutsche Bundespost mit dem Beschluß, das ISDN-Netz einzufahren. Hieraus werden zahlreiche innovative Impulse erwachsen. Und vielleicht charakterisiert es die Führungsrolle der Deutschen Bundespost, daß Theodor Irmer, beim FTZ züständiger Abteilungspräsident für digitale Fernsprechvermittlungs- und Übertragungstechnik, als erster Deutscher zum Direktor des CCITT gewählt wurde.

Auf der Anwendungsseite fällt das verstärkte Bemühen der Unternehmen auf, durch geeignete Investitionen das Erfolgspotential der Informationstechnik zu nutzen. Ansätze, die Informationstechnik nicht nur zu Kostensenkungen, sondern auch als Instrument zur Verbesserung der Wettbewerbsposition einzusetzen, sind vor allem in der Dienstleistungsbranche erkennbar. Aber auch die Industrie zeigt erste Schritte, mit Hilfe von DV und Kommunikationstechnik größere Nähe zum Kunden zu erreichen. Deshalb ist das Interesse an wirtschaftlichen Formen moderner Bürokommunikation gewachsen. Begünstigt wird diese Entwicklung bei langjährigen Anwendern durch die Notwendigkeit. Zug um Zug veraltete Anwendungsprogramme durch neue zu ersetzen. Hieraus erklärt sich auch die wachsende Beachtung von Softwareentwicklungswerkzeugen, mit deren Hilfe die Endbenutzer auch zur Selbsthilfe greifen können.

Das erste Wetterleuchten, mit dem die künstliche Intelligenz - vor allem mit Expertensystemen - die Aufmerksamkeit auf sich zog, muß zunächst nur als Signal einer künftigen Ära gewertet werden.

Für das kommende Jahr darf die informationstechnische Branche in ihrer Gesamtheit weiterhin mit einer günstigen Auftragslage rechnen.

Ungeachtet der Kinderkrankheiten wird sich Bildschirmtext sukzessive weiter ausbreiten, weil mit der Teilnehmerzahl auch das Interesse der bisher Ferngebliebenen wächst. Diese Eigendynamik ist entgegen allen Kassandrarufen unausbleiblich. Man kann höchstens noch über die Stärke der Dynamik diskutieren.

Neue Bewegung darf man auch am Markt für Textverarbeitung erwarten. IBMs Debüt mit der Thermodruck-Schreibmaschine ist sicher erst der Anfang für weitere Schritte am Markt, denn im Korrespondenzbereich hatte IBM in den letzten Jahren an Olympia und Triumph-Adler Terrain verloren, und zwischen der PC-Reihe und den heute angebotenen Schreibmaschinen klafft noch eine beträchtliche Lücke. Hingegen ist am Großrechnermarkt damit zu rechnen, daß IBM seine Strategie der evolutionären Produktgestaltung fortsetzen wird.

Mit Aufmerksamkeit wird die Fachwelt die für 1985 geplante Serienproduktion der Laufwerke für die optischen Speicherplatten durch das Philips/CDC-Joint-venture OSI verfolgen. Hier werden neue Maßstäbe für die Datenspeicherung gesetzt.

Das Interesse der Anwender wird im übrigen weiterhin den Arbeitsplatzstationen und der Bürokommunikation gelten. Fertigungsbetriebe werden ihr Bemühen, ihrer Konstruktion und ihrer Fertigung mehr Computerunterstützung zuteil werden zu lassen, fortsetzen. Der wachsende Einsatz von CAD, CAM und Betriebsdatenerfassungssystemen tendiert zu integrierten Lösungen (CIM).

Auch ein anderer Trend wird sich fortsetzen: Die Erkenntnis in den Topetagen, daß eine gut funktionierende informationstechnische Infrastruktur auch ein Merkmal strategischer Fitneß darstellt. "Marktnähe durch Informationstechnik" - das ist ein Motto, dem die Anwender im kommenden Jahr noch öfter begegnen werden.