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01.07.1994

VTM-Vorsitzender Gerd Eickers zum TK-Standort Bundesrepublik "Kein US-Carrier wird anfangen, hier die Strassen aufzugraben"

Seit der Oeffnung des Datenkommunikationsmarktes im Zuge der Postreform I herrscht Wettbewerb in deutschen Landen - ein Tatbestand, mit dem sich die Betroffenen mehr schlecht als recht arrangiert haben. Waehrend die Telekom mit teilweise harten Bandagen gegen die Konkurrenz vorgeht, haben sich die privaten Newcomer im Verband der Telekommunikationsnetz- und Mehrwertdiensteanbieter (VTM) organisiert und suchen ihr Heil ueberwiegend in verstaerkter Oeffentlichkeitsarbeit. Erster Achtungserfolg war die Bestaetigung eines vom VTM geaeusserten Verdachtes durch das Bundeskartellamt, wonach die Telekom ihren Datex-P-Dienst durch Einnahmen aus dem Telefonmonopol subventioniert. CW-Redakteur Gerhard Holzwart sprach mit Gerd Eickers, dem Vorsitzenden des VTM und Geschaeftsfuehrer der General Electric Information Services GmbH, ueber den deutschen TK-Markt.

CW: Was bezweckt ein grosses internationales Unternehmen wie GE Information Services, das zwar weltweite Kommunikationsdienste anbietet, andererseits aber nicht unbedingt das klassische Carrier-Geschaeft betreibt, wenn es sich der Sache der vergleichsweise kleinen privaten Netzbetreiber in der Bundesrepublik annimmt?

Eickers: Zunaechst einmal sind diese privaten Carrier nicht so klein, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag - jedenfalls dann, wenn man in Betracht zieht, dass da im Prinzip Unternehmen wie Thyssen, Daimler-Benz, Veba, RWE, Mannesmann im Hintergrund mitwirken. Entscheidend ist, dass sich im VTM Unternehmen organisiert haben mit dem Ziel, im Wettbewerb gegen die Deutsche Bundespost Telekom zu bestehen. Dieses Unterfangen erstreckt sich bekanntlich auf die unterschiedlichsten Angebotsformen, von der reinen Netzinfrastruktur bis hin zu Mehrwertdiensten - insofern ist dies auch fuer unser Unternehmen relevant.

CW: Die Aktivitaeten, mit denen der VTM bisher fuer Schlagzeilen gesorgt hat, waren aber - salopp formuliert - nicht unbedingt die Baustelle Ihres Unternehmens, etwa die Kritik an der umstrittenen Datex-P-Quersubventionierung oder der Mietleitungspolitik der Telekom.

Eickers: Auch diese Behauptung ist nur vordergruendig richtig. Die Problemfelder, in denen der VTM seine Aktivitaeten gestartet hat, lagen sicherlich primaer im Interesse anderer Mitglieder. Lassen Sie uns aber ruhig bei dem von Ihnen genannten Beispiel Datex-P bleiben: Dies ist ein Service, auf dem wiederum andere Dienste der Telekom, etwa die Telebox 400, aufbauen - ein Dienst, der im uebrigen sehr stark im Zusammenhang mit EDI vermarktet wird, und da geht es fuer uns als einem der im Markt fuehrenden Anbieter schon ans Eingemachte.

CW: Seit Gruendung des Verbandes im November 1992 war die private Konkurrenz der Telekom zwar oft in den Schlagzeilen, ausser dem Achtungserfolg im Datex-P-Streit mit der Telekom hat sich jedoch nicht viel geaendert. Zumindest scheint der Monopolist Deutsche Bundespost Telekom nach wie vor das Geschehen im Markt zu bestimmen.

Eickers: Einverstanden. Aber es gelang uns immerhin relativ schnell, eine Art Gegenoeffentlichkeit aufzubauen, und dies alleine ist die Sache schon wert gewesen. Natuerlich haben wir in der Bundesrepublik nach wie vor nicht das Klima, das einer schnellen Weiterentwicklung des TK-Marktes dienlich waere und es duerfte wohl auch niemanden verwundern, dass man sich beim VTM durchaus vorstellen koennte, in einzelnen Marktsegmenten - so wie beim Mobilfunk bereits geschehen - wesentlich schneller voranzukommen.

Ueberall dort, um beim Mobilfunk zu bleiben, wo Wettbewerb bewusst initiiert und zugelassen wurde, hat dies zu einer deutlichen Verbesserung gefuehrt.

Dies war wichtig fuer den Wirtschaftsstandort Deutschland - und dies fehlt uns natuerlich in anderen Bereichen. Oder nehmen Sie das Beispiel der in den USA viel diskutierten Information-Highways: Wir haben diese ja bereits in der Bundesrepublik, aber nicht in der Form beziehungsweise nicht innerhalb eines regulativen Umfeldes, in dem kreative mittelstaendische Firmen sie nutzen koennen.

CW: Kommen wir zum Thema Datex-P. Der im vergangenen Jahr vom VTM erhobene Vorwurf, die Telekom subventioniere ihren X.25-Dienst mit Einnahmen aus dem Telefonmonopol, wurde vor wenigen Wochen vom Bundeskartellamt bestaetigt. Das eigentlich zustaendige Postministerium will nun mit der Telekom Gespraeche fuehren. Gibt sich der VTM damit zufrieden?

Eickers: Natuerlich nicht. Hier sind wirtschaftliche Interessen einzelner Verbandsmitglieder ganz massiv beeintraechtigt worden, und deshalb fordern wir nachhaltiger denn je Schadensersatz. Konkret: Es muessen Zahlungen an die Unternehmen geleistet werden, die im Markt massiv behindert oder aus demselben gedraengt worden sind. Hier sind Missstaende innerhalb der Telekom zutage getreten, bei denen so manch anderer Unternehmensvorstand seinen Hut haette nehmen muessen.

Man muss sich in diesem Zusammenhang nur das Ergebnis unserer vom Kartellamt bestaetigten Untersuchungen vor Augen fuehren. Wir reden hier von einer unzulaessigen Quersubventionierung in Hoehe von zwei Milliarden Mark innerhalb von vier Jahren, und das bei einem Dienst, der fuer den Wettbewerb geoeffnet wurde und mit dem die Telekom einen vergleichsweise geringen Jahresumsatz in Hoehe von 800 Millionen Mark erzielt.

CW: Die Telekom fuehrte dies lange Zeit auf ein fehlendes internes Kostenrechnungs- und Buchhaltungssystem zurueck.

Eickers: Wie einem so etwas angesichts der genannten Groessenordungen - mit oder ohne Kostenrechnungssystem - nicht auffallen kann, ist vielen, nicht nur mir, schleierhaft.

CW: Nun heisst es bei der Telekom auch, die Datex-P-Tarifierung sei vom Bundespostministerium abgesegnet gewesen. Gleichzeitig waere man in Bonn dabei, das Datex-P-Netz grosszuegig auszubauen, um damit das Problem der Zuleitungsberechnung zu entschaerfen.

Eickers: Das mag alles so sein, und man koennte sicher noch fuenfzig andere Gruende finden, um das Verhalten der Telekom zu rechtfertigen. Es ist aber nicht Aufgabe des VTM, sich den Kopf von Helmut Ricke zu zerbrechen. Tatsache bleibt, dass Unternehmen Investitionen getaetigt haben, die sich nun nicht rechnen, weil aufgrund wettbewerbswidrigen Verhaltens der Telekom nachweislich Auftraege ausbleiben.

CW: Wie sieht es denn bei anderen vom VTM kritisierten Bereichen, etwa bei den Lizenzgebuehren fuer Satellitenuebertragungstechnik oder den Bereitstellungszeiten fuer Monopoluebertragungswege aus?

Eickers: Ich nehme an, Sie spielen auf das vom VTM im Fruehjahr 1993 veroeffentlichte Positionspapier an. Im Satellitenfunk zeichnet sich der Markt mittlerweile durch wesentlich mehr Gleichgewicht aus. An diesem Beispiel sieht man schon, dass wir in einer ganzen Reihe von Detailfragen Fortschritte erzielt haben. Das Problem ist nur, dass wir bei der Loesung solcher Fragen im Prinzip lediglich Vergangenheitsbewaeltigung betreiben, weil die Branche einfach zu schnellebig geworden ist. Was wir benoetigen, ist eine grundsaetzliche Liberalisierung des TK-Marktes.

CW: Was fuer Sie vor allem die schnellstmoegliche Abschaffung des Netzmonopols bedeutet?

Eickers: Ja

CW: Und was sagen Sie den Verfechtern des im Grundgesetz verankerten Infrastrukturauftrages in Sachen Telekommunikation?

Eickers: Wir haben eine hinlaenglich gute Versorgung der Bevoelkerung mit Artikeln wie Zahnpasta und Benzin ohne entsprechenden staatlichen Infrastrukturauftrag. Warum sollte uns dies in der Telekommunikation nicht auch gelingen?

CW: Mit einer klaren Trennung der Maerkte: Die lukrativen Ballungszentren fuer die privaten Newcomer und die strukturschwachen laendlichen Gebiete fuer den ehemaligen Monopolisten Telekom?

Eickers: Dies ist ein uraltes Argument, das jeder Monopolist hervorbringt, der seine Pfruende verteidigen muss. Sie koennen auch von UPS oder anderen Firmen ein Paket in den Bayerischen Wald zustellen lassen, sind also nicht auf die Gelbe Post angewiesen. Ich muss, um auf die Telekommunikation zurueckzukommen, hier erneut den Mobilfunk strapazieren. Auch dort hat man in den Ballungsgebieten begonnen und arbeitet heute weitgehend flaechendeckend, ohne dass die letzten fuenf Prozent bis zur vollstaendigen Flaechendeckung irgendwo festgeschrieben waren.

CW: Wie saehe denn Ihr Fahrplan in puncto Abschaffung des Netzmonopols aus?

Eickers: Das Netzmonopol wird wesentlich frueher fallen, als manche sich dies heute vorstellen koennen. Moeglicherweise schon innerhalb der naechsten zwei Jahre, auf jeden Fall nicht erst 1998 oder noch spaeter.

CW: Worauf gruendet sich denn Ihr Optimismus?

Eickers: Wir werden Ende des Jahres in der Bundesrepublik eine veraenderte Ausgangslage haben, naemlich einen privatisierten Monopolisten Deutsche Telekom AG. Mit anderen Worten: Wir sind dann in der Situation, in der die Amerikaner vor der Aufsplitterung des alten Mother-Bell-Konzerns waren. Ein solches privatrechtliches Monopol duerfte fuer keine Bundesregierung - egal welcher Couleur - eine wuenschenswerte Institution darstellen. Es wird also darum gehen, unter Umstaenden ueber eine asymmetrische Regulierung gewisser Marktsegmente nachzudenken - sprich: die Telekom, aehnlich wie AT&T in den USA und BT in Grossbritannien, aus bestimmten Maerkten oder Dienstleistungsbereichen herauszuhalten, zum Beispiel auch aus dem der paketvermittelten X.25-Netze.

Darueber hinaus bin ich mir mit vielen Experten darin einig, dass ueber kurz oder lang auf dem Markt ein so grosser Bedarf entstehen wird, dass er sich in der jetzigen Konstellation gar nicht mehr befriedigen laesst. Denken Sie nur an die sich jetzt bei RWE, Mannesmann, Deutsche Bank, Veba und anderen im Aufbau befindenden Corporate Networks, die kuenftig fuer den eigenen Bedarf, aber auch fuer Dritte zum Einsatz kommen sollen - ganz zu schweigen vom Engagement dieser Firmen in der Mobilkommunikation. Warum sollte man diesen Unternehmen vorschreiben, auf das teure Angebot der Telekom zurueckzugreifen, wenn sie entsprechende Infrastrukturen, ueber die sie groesstenteils bereits verfuegen, selbst besser und vor allem guenstiger vorhalten koennen?

CW: Nun werden neben den von Ihnen genannten deutschen Unternehmen immer wieder auch die grossen auslaendischen Carrier ins Spiel gebracht, wenn es darum geht, der Telekom in ihrem Heimatmarkt das Wasser abzugraben. Bestimmen kuenftig vielleicht AT&T, MCI, BT und Sprint darueber, wo es im deutschen TK-Markt langgeht?

Eickers: Auch das ist ein Popanz, der von einigen ganz bewusst aufgebaut wird - frei nach dem Motto: Bloss nicht die Telekom zu sehr schwaechen. Ich kann mich hier nur wiederholen: Die momentane Situation mit einem Monopolisten ist unertraeglich, da habe ich lieber drei grosse Anbieter. Manchmal gewinnt man hierzulande den Eindruck, man wird zu einem Staatsbuerger zweiter Klasse degradiert, wenn man etwas gegen die Telekom sagt.

Im Moment muessen wir dafuer sorgen, dass sich deutsche Unternehmen mit deutschem Kapital engagieren koennen, um ueberhaupt in diesen Markt hineinzukommen. Ich kann mir nicht vorstellen - und das sage ich auch und gerade als Repraesentant eines amerikanischen Unternehmens - dass irgendein US-Carrier oder -Konzern anfangen wird, hier die Strassen aufzugraben, um Leitungen zu verlegen. Das werden immer deutsche Firmen sein, moeglicherweise aber mit auslaendischer Beteiligung. Fuer all die grossen internationalen Namen, die hier gehandelt werden, geht es nicht um weltweite Netzinfrastrukturen, sondern um Services, die zusammen mit jeweiligen Partnern vor Ort realisiert werden koennen.

CW: Die Bundesregierung hat ja bekanntlich vor einigen Wochen in Form einer Studie des Bundesforschungsministers dokumentiert, dass mittlerweile auch sie die Brisanz dieses Themas entdeckt hat - mit dem VTM und anderen Kritikern laengst bekannten Ergebnissen. Fuehlen Sie sich hier in Ihrer Verbandsarbeit bestaetigt?

Eickers: Die Krueger-Studie weist jedenfalls eindeutig in die Richtung unserer Thesen. Die in Europa und insbesondere in Deutschland vorherrschende Monopolstruktur ist fuer die Erfordernisse einer zukuenftigen Informationsgesellschaft ungeeignet. Nehmen Sie alleine den Kostenfaktor. Die Industie hat zahlreiche Ideen fuer neue Multimedia-Anwendungen, und fast jeder sagt, das koenne man nicht realisieren, weil zu teuer. Man muss sich hier doch nur das Tariftableau der Telekom fuer breitbandige Uebertragungsstrecken anschauen. Ueberall, in Industrie und Forschung, waere wesentlich mehr Bedarf an entsprechender Leitungskapazitaet vorhanden, die sich momentan aber so gut wie niemand leisten kann.

CW: Hat die Bonner Politik den Wachstumsmotor Telekommunikation zu spaet wahrgenommen, um nicht zu sagen verschlafen?

Eickers: Man hat es ordnungspolitisch vielleicht nicht verschlafen, aber von der voellig falschen Seite angepackt, indem man mit der Telekom als Monopolunternehmen einen kuenstlichen Markt geschaffen hat, dem nun angesichts zunehmender Liberalisierung das Fundament wegbricht. Dies gilt im uebrigen nicht nur fuer die Telekom, sondern fuer viele deutsche Hersteller von TK-Equipment, die international so gut wie nicht mehr konkurrenzfaehig sind. Hier beginnt erst allmaehlich ein Umdenkprozess, aber bei der deutschen TK-Industrie stoesst man mit Forderungen, wie sie der VTM erhebt, auf immer offenere Ohren.

VTM

Der im November 1992 gegruendete Verband der Telekommunikationsnetz- und Mehrwertdiensteanbieter (VTM) hat sich laut Satzung vier grosse Themen auf seine Fahnen geschrieben: die Foerderung der Vermarktung des Angebotes privater TK- Dienstleistungen in Deutschland und Europa, die Interessenvertretung gegenueber nationalen und internationalen Regulierern, der Deutschen Bundespost Telekom, der Industrie, politischen Gruppierungen und der Oeffentlichkeit, einen fairen Wettbewerb untereinander und mit der Telekom sowie das Vorantreiben des Deregulierungsprozesses in Europa. Zu den Gruendungsunternehmen der Organisation gehoeren unter anderem die privaten Carrier Meganet und Innas, die General Electric Information Services GmbH, Teleport Europe, Debis Systemhaus Network Services und Unisource Business Networks Deutschland. Weitere Mitglieder sind die deutschen Toechter von British Telecom (BT) und AT&T.