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06.05.1988 - 

OS2 wird über kurz der neue Betriebssystemstandard für den PC:

Wachablösung für MS-DOS in den neunziger Jahren

06.05.1988

Die 32-Bit-Mikroprozessortechnologie und die wachsende Speicherkapazität verschaffen dem PC eine Immer wichtigere Rolle bei der Dezentralisierung der Datenverarbeitung. Gernot Henning beschreibt, warum OS/2 sich In absehbarer Zukunft zum neuen Standardbetriebssystem für diese PC-Technik durchsetzen wird.

Die Beurteilung der Personal Computer durch die DV-Fachleute hat sich in diesem Jahrzehnt sehr gewandelt. Sie führte vom zunächst belächelten Kinderspielzeug über eine leidenschaftliche Pro- und Kontra-Diskussion hin zu einer zuletzt erfreulich nüchternen Beurteilung dieses neuen Werkzeugs zur Büroautomation und Dezentralisierung der Datenverarbeitung. Daß diese Meinungsbildung ziemlich stürmisch verlief, lag sowohl an der rasanten technischen Weiterentwicklung, die dem PC in immer kürzer werdenden Innovationszyklen zu immer mehr Rechenleistung und Speicherkapazität verhalf, als auch dem oft recht unseriösen Vorgehen der PC-Branche, die manchmal schon an Pionier- und Goldgräberzeiten erinnerte.

MS-DOS - Grundstein für PC-Siegeszug

Der PC ist inzwischen den Kinderschuhen entwachsen. Heute schätzt man den Bestand an Personal Computern, auf denen MS-DOS abläuft, auf weltweit etwa 15 Millionen. MS-DOS erwies sich gemeinsam mit den 16-Bit-Mikroprozessoren als brauchbare und wirtschaftliche Lösung, um viele Anwenderbedürfnisse nach dezentraler Rechenleistung zu befriedigen. MS-DOS ist als Betriebssystem ein effizienter Kompromiß zwischen Einfachheit und damit kleinem Speicherbedarf einerseits und erforderlicher Funktionalität andererseits. Mit seinen inzwischen zum internationalen "De-facto-Standard" avancierten Anwendersoftware-Schnittstellen und der einfachen Anpaßbarkeit an unterschiedliche Maschinen legte MS-DOS den Grundstein für den Siegeszug der Personal Computer.

Mindestens ebenso wichtig für den raschen Erfolg der PC war jedoch die vollkommene und durchgängige Standardisierung, die nicht das Ergebnis einer methodischen Normung war, sondern eher dank synergetischer Effekte zustande kam. Denn alle PC-Hersteller übernahmen das Betriebssystem aus nur einer einzigen Quelle und verzichteten auf individuelle Varianten. Sie verwenden als Rechnerbaustein des PC eine einzige, aufwärtskompatible Mikroprozessorfamilie von Intel. Besonders wichtig für die Erweiterungsfähigkeit der PC ist die weltweite Unterstützung der AT-Bus-Spezifikation durch alle Hersteller.

Erst das Zusammenwirken dieser drei "De-facto-Standards" machte den Personal Computer zum "offenen System". Heute wird dank dieser Standards täglich tausendfach ein irgendwo auf der Welt von irgendeinem Hersteller gekaufter PC mit irgendeiner Zusatzbaugruppe eines anderen Herstellers erweitert und eine bei einem beliebigen Händler erworbene Anwendersoftware darauf geladen - und die neue Anwendung läuft auf Anhieb in fast allen Fällen. Dies gewährt dem Benutzer eine große Flexibilität in der Nutzung des PC. Denn auch wenn man zunächst noch gar nicht weiß, wofür der PC eingesetzt werden soll - er paßt sich durch ergänzende Hard- und Softwareprodukte an zukünftige Aufgaben an und macht damit seine Anschaffung ziemlich risikolos.

Falls die Leistungsfähigkeit des PC irgendwann nicht mehr ausreichen sollte, kann dank der Standardisierung ein neues, schnelleres System angeschafft werden. Denn die alten Problemlösungen bedürfen keiner aufwendigen "Portierung", sondern laufen sofort auf der neuen Hardware.

Zunächst beschränkten die technischen Restriktionen der Hard- und Software die Einsatzmöglichkeiten des Personal Computers. Deshalb traten die PC ihren Siegeszug im Büro als "isolierte Insellösungen" für Textverarbeitung und Tabellenkalkulation oder für betriebswirtschaftliche Aufgaben kleiner Unternehmen an.

Auch die Fachabteilungen großer Organisationen erkannten, daß dieses neue Werkzeug lokale Verarbeitungsfunktionen unabhängig vom zentralen DV-System hervorragend lösen kann. Allerdings fehlte es an der erforderlichen Konnektivität, um die kleinen Verarbeitungsinseln vernünftig in das DV-Konzept einzubinden - auch das ist eine Folge der technischen Einschränkungen der ersten PC unter MS-DOS.

Die Anforderungen an Erlernbarkeit, Bedienbarkeit und Funktionalität der Systeme zur Büroautomation sind inzwischen außerordentlich gestiegen. Sie verlangen immer höhere Rechenleistung und Speicherkapazität. Auch in den bisherigen Einsatzfeldern begannen daher in den letzten Jahren die technischen Eigenschaften der PC ihre weitere Verbreitung zu behindern. "Jeder, der einen PC bedienen kann, hat schon einen", formulierte ein Branchenkenner etwas überspitzt.

Die Grenzen von MS-DOS werden immer deutlicher

MS-DOS ist ein "Singleuser"-Betriebssystem für "Singletasking"-Aufgaben. Es erlaubt also zu einem Zeitpunkt lediglich den Ablauf eines einzigen Programmes für einen einzigen Benutzer. Es unterstützt 640 KB Arbeitsspeicher und 30 MB Externspeicherkapazität. Grafische Funktionen, Datensicherung und Datenschutz werden nicht geboten, es fehlt die Kommunikationsfähigkeit. Dies alles reicht zwar für die obengenannten "klassischen" PC-Anwendungen völlig aus, nicht aber, um den Personal Computer in weiterführende Konzepte der Datenverarbeitung und Büroautomation zu integrieren.

Microsoft, inzwischen einer der wichtigsten Softwarehersteller im PC-Markt und als "Standardmacher" von besonderer strategischer Bedeutung, bietet mit seinem neuen Betriebssystem MS-OS/2, das in 1 April 1987 angekündigt wurde, eine Lösung an. MS-OS/2 eignet sich nicht nur als Basis für die Personal Computer der neunziger Jahre, sondern die neuen Eigenschaften des OS/2, in Verbindung mit den Möglichkeiten des Mikroprozessors 80386 von Intel, machen den PC jetzt auch zum mächtigen Hilfsmittel für die Verwirklichung der Büroautomation von morgen.

Weltweit bestehen gute Chancen für OS/2

Verarbeitungsleistung und Speicherfähigkeit am Arbeitsplatz sind nun in die noch vor kurzem unerreichbar scheinenden Dimensionen eines Mainframe gewachsen. Mehr als 10 MB Arbeitsspeicher, einige 100 MB Externspeicher und mehrere MIPS Rechenleistung am Arbeitsplatz sind Wirklichkeit - zu Preisen, von denen die Protagonisten des "Distributed-Processing" vor zehn Jahren nicht zu träumen wagten.

OS/2 hat gute Chancen, weltweit einheitlich von allen Herstellern angeboten zu werden, wie es heute bei MS-DOS der Fall ist. Ankündigungen und Absichtserklärungen der wichtigsten PC-Hersteller zu OS/2 liegen bereits vor. Auch der Marktführer IBM bezieht sein neues PC-Betriebssystem OS/2, in der Bundesrepublik BS/2 genannt, von Microsoft.

Multitasking bringt Vorteile für Ein-Benutzer-Systeme

Das Betriebssystem OS/2 ist der vorläufige Endpunkt einer langen Evolution. OS/2 ist eine Weiterentwicklung von MS-DOS, baut jedoch auch auf den Erfahrungen von Microsoft mit Unix auf und nutzt die Erkenntnisse, die mit innovativen Benutzerschnittstellen gewonnen wurden.

Das Multitasking verfolgt beim PC weniger das Ziel, mehrere Anwendungen gleichzeitig ablaufen zu lassen. Dies ist für "Ein-Benutzer-Systeme" nicht so wichtig. Es erlaubt vielmehr die Entwicklung eines neuen Typs von PC-Anwendungsprogramm, das seine Funktionen auf mehrere simultan laufende Tasks aufteilt. Dadurch können beispielsweise bei einem Textbearbeitungsprogramm gleichzeitig mit der laufenden Eingabe komplexe Unterstützungsfunktionen wie Silbentrennung, Syntax- und Stilanalyse sowie Zugriffe auf entfernte Daten ausgeführt werden.

Bei einem Kalkulationsprogramm braucht der Benutzer nun nicht mehr abzuwarten, bis aufwendige Berechnungen ausgeführt worden sind. Er arbeitet einfach weiter - das Rechnen wird im Hintergrund simultan erledigt. Dies bedeutet ein für den PC-Benutzer völlig neues Performanceverhalten, das mit einer Großrechneranwendung vergleichbar wird. Es macht komplexe Anwendungsfunktionen beherrschbar, die mit einem Singletasking-Betriebssystem nicht benutzerfreundlich realisiert werden konnten.

Die Bedeutung des OS/2 für die Büroautomation liegt neben dieser sehr von Unix beeinflußten Multitasking-Fähigkeit vor allem im "Presentation Manager", einem Programm zur Unterstützung grafischer Funktionen, das in das Betriebsystem integriert ist und die, Endbenutzerschnittstelle zu Betriebssystem und Anwendung bildet. Der Presentation Manager baut auf den Erfahrungen auf, die mit objektorientierten, grafischen Benutzeroberflächen in den Forschungslabors des "Silicon Valley" schon seit Anfang der, siebziger Jahre erarbeitet worden sind. Der Xerox Star, das System 5800 von Siemens, der Macintosh von Apple und OS/2 haben somit gemeinsame Wurzeln.

Die Funktionen des Presentation Manager werden die Benutzerfreundlichkeit und Erlernbarkeit zukünftiger OS/2-Anwendungen gegenüber einer MS-DOS-Anwendung wesentlich verbessern. Der Presentation Manager hat auch einen "integrierenden" Effekt. Alle OS/2-Anwendungen werden über ein und dieselbe Benutzerschnittstelle bedient. Dank seiner Implementierung in tiefen Schichten des Betriebssystems OS/2 wird er sehr performant sein.

Die neue Anwendungsprogrammschnittstelle API des OS/2 ist gegenüber dem MS-DOS sauberer und mächtiger geworden. Sie ist ein "Call-Interface", das Software und Hardware völlig voneinander entkoppelt. Probleme mit unsauber programmierter Software und "III-behaved"-Anwendungen gehören der Vergangenheit an. Mit der Funktion des "Dynamic-Linking" werden die erforderlichen Betriebssystem-Routinen erst beim Binden und nur einmal für alle Anwendungen zugefügt. Dies erlaubt bessere Speicherausnutzung und vereinfacht die Programmierung. OS/2 beseitigt alle Beschränkungen des MS-DOS hinsichtlich Speicherausbau und Hardwareabhängigkeit. Es unterstützt in der ersten Version den Protected-Mode" der Prozessoren 80286 und 80386 und die Direktadressierung von 16 MB Arbeitsspeicher.

"Auch in Zukunft Koexistenz zwischen MS-DOS und OS/2"

Mit OS/2 bleiben die Personal Computer dank des hardwareunabhängigen API offene Systeme, für die weltweit viele Hersteller innovative und preiswerte Anwendersoftware anbieten werden. Auch mächtige Programme wie Datenbanken- und Kommunikationsfunktionen können jetzt auf dieser weltweit standardisierten Schnittstelle aufsetzen. Hier sind viele neue Produkte zu erwarten, Ankündigungen namhafter Hersteller sind bereits in großer Zahl erfolgt.

Dies alles käme jedoch nur einem kleinen Anwenderkreis zugute, wenn nicht gleichzeitig eine ganze Reihe von Übergangshilfen zum Umstieg vom MS-DOS zum OS/2 angeboten würden. Sie erleichtern die Portierung "alter" MS-DOS-Anwendungen auf OS/2, so daß dieses schier unerschöpfliche Reservoir an Problemlösungen auch in die neue Welt des OS/2 übergeführt werden kann. Sie ermöglichen eine jahrelange Koexistenz der MS-DOS-Welt mit der neuen OS/2-Welt.

Viele MS-DOS-Programme laufen unter OS/2

Alle Programme, die nur über die MS-DOS-Schnittstelle zu Betriebssystem und zur Hardware zugreifen und dies ist zum Glück heute bei der überwiegenden Menge der Anwendungen der Fall - können auch in der sogenannten "Compatibility-Box" des OS/2 ablaufen. Deshalb können MS-DOS-Anwendungen mit gewissen Einschränkungen unmittelbar in die OS/2-Welt übernommen werden.

Wenn der Softwareentwickler nur eine Untermenge der OS/2 Betriebssystemaufrufe nutzt, kann dieses Programm wahlweise sowohl zum Ablauf unter MS-DOS als auch unter OS/2 übersetzt werden. In OS/2 genießt es dann als sogenannte "Family-Application" viele neue Leistungen des Betriebssystems. Damit ist der Ablauf ein und desselben Programmes sowohl in MS-DOS- als auch OS/2-Umgebung sichergestellt. Besonders einfach ist die Portierung jener Anwendungen auf OS/2, die zum Ablauf unter MS-Windows, dem Fenstermanager von Microsoft, der auf MS-DOS aufsetzt, implementiert wurden.

OS/2 bedeutet also keinen harten Bruch mit der Vergangenheit, sondern sichert das in der Vergangenheit getätigte Investment in MS-DOS-Hardware und -Anwendersoftware. Es erlaubt auf mehreren Wegen den fließenden, weichen Übergang vom MS-DOS zu OS/2. Für große Unternehmen ist die Koexistenz besonders wichtig. MS-DOS- und OS/2-Maschinen können nebeneinander, aber mit einheitlichen Anwendungen betrieben werden. Sie sind zueinander nicht nur völlig datenkompatibel sondern können auch in gemischten Konfigurationen lokal vernetzt werden. Alte Anwendungen lassen sich sowohl unter MS-DOS als auch unter OS/2 einsetzen. Auf einer Maschine können sowohl alte als auch neue Anwendungen laufen.

OS/2 - der Standard der 90er Jahre

OS/2 ist aus all diesen Gründen nicht nur ein neues Betriebssystem irgendeines Herstellers. Es wird der neue zukünftige Betriebssystemstandard für Professionelle Personal Computer werden. Langfristig wird OS/2 als Betriebssystem MS-DOS ablösen. Dieser Prozeß wird jedoch einige Jahre dauern. Solange zunächst OS/2-Anwendungen nicht verfügbar sind, ist es lediglich für Softwareentwickler, Großkunden und Spezialanwender interessant. Mit zunehmender Verfügbarkeit neuer OS/2-Anwendungen und der Bereitstellung beliebter und bewährter Anwendungen, auch unter OS/2, werden immer mehr Anwender auf dieses System umsteigen.

In den nächsten Jahren bleibt MS-DOS zwar noch das Betriebssystem für die "klassischen Anwendungen". Sobald aber Erfahrungen mit OS/2 die Vorteile dieses Betriebssystems für alle Anwender nachgewiesen haben, wird meiner Ansicht nach das MS-DOS aus dem professionellen PC-Markt verschwinden.

Gernot Henning ist Leiter für Produktplanung und Service für Personal Computer der Siemens AG, Augsburg.