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20.05.1988 - 

Serie Mehrwertdienste (VANS): Neuer Faktor der Produktpolitik, Teil 2:

Wachsender Endgerätebestand forciert Mehrwertdienste

Der Mehrwertdienstemarkt in der Bundesrepublik befindet sich zur Zeit im Umbruch, denn ab 1989 wird voraussichtlich ein neuer, liberalisierter Regulierungsrahmen gelten, der es auch privaten Anbietern erlaubt, künftig im Wettbewerb mit der Deutschen Bundespost alle Telekommunikations- und Mehrwertdienste, mit Ausnahme des Telefondienstes, anzubieten. Teil 2 dieser Serie von Arnulf Heuermann, Mitarbeiter des Wissenschaftlichen Institut für Kommunikationsdienste (WIK) der Deutschen Bundespost in Bad Honnef, befaßt sich mit dem Ist-Zustand des Marktes.

*SCS, Das Angebot von Mehrwertdiensten (VANS) in der Bundesrepublik Deutschland, Studie im Auftrag des UK, Bonn, Dezember 1986

Zur Zeit gibt es, wie in Folge 1 dieser Serie in CW Nr. 20/88, Seite 23 ff. erwähnt, in der Bundesrepublik Deutschland keine offizielle Registrierung von Mehrwertdiensten. Deshalb ist eine exakte Marktabschätzung schwierig.

Wie eine Erhebung im Auftrag des WIK im Jahre 1986 ergab, unterscheiden sich jedoch Marktvolumen und Angebotsvielfalt wenig von dem in Staaten, die bereits ihre Mehrwertdienstmärkte dereguliert haben. Der Studie liegt als Definition für Mehrwertdienste der amerikanische Begriff der "enhanced services" zugrunde, wie es in der "Computer-II" und "Computer-III"-Entscheidung der FCC (Federal Communications Commission) verwendet wird.

Demnach ist ein Basisdienst (basic service) der reine Nachrichtentransport von einem Ort zum anderen, wobei die Information nicht verändert werden darf. Allerdings berühren dabei Vermittlungvorgänge, Bandbreitenkompression, Fehlerkontrolle oder interne Zwischenspeicherung im Netz die Einordnung als Basisdienste nicht.

Ein Mehrwertdienst (enhanced service) ist damit alles, was über den Basisdienst hinausgeht; insbesondere müssen zusätzlich Leistungs- oder Dienstmerkmale geboten werden, wie Inhaltsänderungen, Speicherung, Format-Code- oder Protokollumwandlung oder Verteilung an mehrere Adressen.

Mehrere Hierarchien von Mehrwertdiensten

Es gibt mehrere Hierarchien von Mehrwertdiensten. Mehrwertdienste können auf reinen Transportleistungen aufbauen (zum Beispiel Zusammenschaltung von Mietleitungen), sie können ein Mehrwert zu Telekommunikationsdiensten (zum Beispiel paketvermittelten Datendiensten) hinzufügen oder auch ihrerseits auf "Basis-Mehrwertdiensten" (wie zum Beispiel Bildschirmtext) aufbauen.

Die oben erwähnte Studie* ergab, daß es in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1986 etwa 4200 Mehrwertdienste gab, die der Definition von "enhanced services" entsprechen. Zirka 75 Prozent der Mehrwertdienste bauten auf Bildschirmtext (Btx) als Basis-VAN auf. Namentlich erwähnt werden in der Studie 335 der bedeutenderen VANS. Sie wurden in 28 anwendungsorientierte Klassen eingeteilt, die einen Überblick über das Dienstespektrum erlauben (vergleiche CW Nr. 20/88, Seite 35). Die größeren Marktsegmente betrafen die Bereiche der Datenbanken und Informationsdienste, Finanztransaktionen, Electronic Mail, Sicherheitsdienste, Logistik und Warenbestellung.

Schwerpunkt des Angebots der Post bilden die Basis-VANS, auf denen andere private Anbieter ihre Services aufbauen. Neben Bildschirmtext ist hier vor allem der Videokonferenzdienst zu nennen, der neben 13 öffentlichen Studios auch zirka 40 (1987) private Studios verbindet, sowie der Temex-Dienst, auf dem zur Zeit über 100 Anbieter von Mehrwert-Diensten in elf Großstädten ihre Angebote vermarkten.

Die Bundespost bietet darüber hinaus auch einige VANS im Wettbewerb im Privaten an, so zum Beispiel Informationsdienste und Homebanking über Btx oder Electronic Mail.

Auf einigen Märkten sind die Marktanteile ausländischer Anbieter erheblich größer als die deutschen Unternehmen. Als Beispiel mag hier der Bereich der Online-Datenbanken dienen. In dieser Klasse werden sowohl Realtime-Dienste, also Datenbanken mit ständig wechselnden Inhalten (zum Beispiel Börsenkurse), als auch wiederholt zugreifbare Datenbankdienste zusammengefaßt. Eine Datenbank besteht aus einer Sammlung maschinenlesbarer Daten, Beziehungen zwischen einzelnen Datenelementen sowie Routinen zur Handhabung der Daten, speziell einer Abfragesprache für den Zugriff auf die Datenbankinhalte. Anbieter, die Zugang zu einem solchen Mehrwertdienst online anbieten, werden als Hosts bezeichnet. Mitte 1986 existierten weltweit 3169 Online-Datenbankdienste, die von 486 Hosts in 22 Ländern angeboten wurden. Praktisch alle Datenbanken sind technisch von Deutschland aus erreichbar, nennenswerte Marktanteile haben jedoch nur die 250 Datenbanken der 28 deutschen Hosts und einige hundert Datenbanken von zirka 20 ausländischen Hosts. Tabelle 1 zeigt die deutschen Hosts und die Anzahl der von ihnen angebotenen Datenbanken.

Vergleicht man die Anzahl dieser Angebote mit denen der größeren ausländischen Hosts in der Bundesrepublik Deutschland, so erkennt man, daß allein der größte Anbieter "Dialog" mehr Datenbanken im Angebot hat als alle deutschen Hosts zusammen (vergleiche Tabelle 2).

Interessant ist die Betrachtung des Mehrwertdienst-Anteiles an den Gesamtkosten von VANS in Deutschland. Der Kommunikationskostenanteil der Post am Umsatz eines VANS-Anbieters kann als Indikator dafür angesehen werden, inwieweit ein innovativer, eigenständiger Dienst angeboten wird. Je höher die Kommunikationskostenanteile - das heißt je geringer der Mehrwertanteil - , desto eher wird der Hauptzweck des VAN im einfachen Wiederverkauf von Leistungen der DBP bestehen. Reiner Wiederverkauf kann aber nur dann lukrativ sein, wenn Gebührenarbitrage betrieben wird (zum Beispiel Telex-Agenturen). Je geringer der Kommunikationskosten-Anteil an den Gesamtkosten ist, desto weniger ist der VAN-Anbieter ein Konkurrent für die Post beziehungsweise eine künftige Telekom, sondern lediglich ein Kunde. Beim überwiegenden Teil der derzeit am Markt existierenden VANS liegt der Anteil der an die Post abzuführenden Gebühren für Telekommunikationsdienste unter 15 Prozent.

- Bei Datenbankrecherchen liegt der Übermittlungsanteil typischerweise zwischen 3 und 10 Prozent,

- bei Service-Rechenzentren zwischen 5 und 15 Prozent,

- bei Btx-Homebanking zwischen 10 und 15 Prozent,

- bei Zahlungsautorisierungen bei zirka 30 Prozent, und

- bei einer Telex-Agentur liegt er bei zirka 90 Prozent.

Es ist jedoch davon auszugehen, daß mit der Liberalisierung des Marktes der Anteil solcher VANS steigt, die hohe Telekommunikationskosten-Anteile aufweisen und daher eine echte Konkurrenz zu Diensten der DBP darstellen.

Neue Segmente für private Anbieter

Durch die vorgesehene Liberalisierung können neue Marktsegmente von privaten Anbietern im Bereich der Endgeräte und bei Mehrwertdiensten erschlossen werden, ganz neue Märkte für Privatunternehmen entstehen möglicherweise im Bereich der klassischen Telekommunikationsdienste. Im Gegensatz zu anderen Staaten ist lediglich für die Wettbewerber mit eigener Netzinfrastruktur, also Satellitenkommunikationsanbieter und Mobilfunknetzbetreiber, eine Lizenzierung vorgesehen.

Im Endgerätebereich sollen neue Marktsegmente zum einen durch die Aufgabe der letzten Angebots- und Wartungsmonopole der DBP im Bereich der Telefonhauptanschlüsse und bei Telex-Geräten entstehen. Bedeutsamer jedoch könnte die Lockerung der allgemeinen Zulassungsanforderungen sein, die eine Belebung des Marktes durch Qualitätsdifferenzierungen und stärkeren internationalen Wettbewerb bedeuten würden. Die Regierungskommission empfiehlt, daß die Zulassungsbedingungen in Zukunft lediglich am Kriterium des Konsumenten- und Netzschutzes sowie der Kompatibilität (im Pflichtdienstebereich) auszurichten sind. Auch für die Post können lukrative neue Marktchancen in den Bereichen entstehen, in denen sie bisher nicht oder nur mit begrenztem Marktanteil vertreten war, wie zum Beispiel der Bürokommunikationsbereich.

Im Mehrwertdienste-Bereich durch eine Verringerung der Nutzungsbeschränkung von Mietleitungen und eine Beseitigung rechtliche Unsicherheiten in vielen Bereichen eine Belebung zu erwarten. Angesichts des derzeit bereits existierenden Angebots sollte aber nicht mit einer "explosiven Auflösung eines Investitionsstaus" gerechnet werden, sondern lediglich mit einer gewissen Steigerung der Wachstumsraten. Ein bisher verschlossenes Segment für VANS war bis jetzt der Sprachkommunikationsbereich. Hier könnten neue private Dienste wie Voice-Mail oder ISDN-Sprach-Datenanwendungen möglich werden.

Schwankende Einschätzung der Marktvolumina

Ganz neue Märkte für Private entstehen im bisher vom Monopol weitgehend abgeschotteten Telekommunikationsdienste-Markt wie Telex, Teletex, Datex-P etc. Inwieweit hier private Anbieter erfolgreich werden hängt erheblich von der Ausgestaltung der von der EG in Gang gesetzten DNP-Regelungen ab. Insbesondere ist zu klären, welche neuen Zugangspunkte für private Anbieter zu den Teilnehmeranschlußleitungen im Ortsnetz von der DBP angeboten werden müssen, zu welchen Bedingungen und mit welchen Schnittstellenstandards Zugänge zu den Wählnetzen und dem ISDN gewährt werden und welche Regeln für einen nichtdiskriminierenden Netzzugang im Bereich der Tarife und der Dienstequalität gelten werden. Weiterhin werden im Bereich der Satellitenkommunikation und des zellularen Mobilfunks neue Betätigungsfelder eröffnet, mit einem erheblichen zukünftigen Umsatzvolumen.

Die quantitativen Abschätzungen vieler Marktstudien zum Umsatzvolumen des Mehrwertdienstemarktes in der Bundesrepublik Deutschland schwanken erheblich. Diese Unterschiede können nur zu einem geringen Teil aus einer unterschiedlichen Abgrenzung des betrachteten Marktes abgeleitet werden; sie spiegeln vielmehr die große Unsicherheit und methodische Probleme bei der Datenerhebung wider. Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über die Prognosen einzelner Institute beziehungsweise Autoren.

Allen Studien ist gemeinsam, daß sie bis 1990 eine Vervielfachung des gegenwärtigen Marktvolumens vorhersagen; eine methodische Bewertung der Prognosen soll an dieser Stelle unterbleiben, jedoch dürften die Studien von Input, Frost & Sullivan und PTT Datanet das Marktvolumen an Mehrwertdiensten für 1986 wohl erheblich unterschätzen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß allein die Datev (Steuerberechnung, Buchhaltung) 1986 einen Umsatz von 400 Millionen Mark erzielte. Die Schätzung von Weizsäckers**, die für 1986 auf der Basis einer groben Überschlagsrechnung erfolgte, dürfte daher eher der hier vertretenen Mehrwertdiensteabgrenzung entsprechen.

Naturgemäß sind Nutzerzahlen aufgrund der hohen Wachstumsraten der Nachfrage sehr schnell veraltet; beispielsweise hatte der Bildschirmtext-Dienst Anfang 1988 über 100 000 Nutzer. Ein wesentlicher Einflußfaktor für die Entwicklung der Nachfrage nach Mehrwertdiensten ist das Wachstum des Engerätebestandes. Als Endgeräte kommen IBM-kompatible Terminals, ASCII-Terminals und andere Terminals verschiedener Hersteller, professionelle Personal Computer, Homecomputer und Btx-Geräte in Frage. Der Bestand dieser Endgeräte betrug 1986 in der Bundesrepublik zirka 2,2 Millionen Stück. Hier besteht für die kommenden Jahre ein erhebliches Wachstumspotential, da derzeit nur etwa 10 Prozent aller Arbeitsstätten Mehrwertdienst-fähige Endgeräte nutzen. Vor allem aufgrund der steigenden Nachfrage in kleinen und mittleren Unternehmen wird bis 1990 mit einer Verdreifachung des Endgerätebestandes gerechnet. In Anbetracht dessen scheinen Wachstumsraten der Nachfrage von jährlich 20 bis 30 Prozent bei Mehrwertdiensten realistisch. (wird fortgesetzt)

**) C. C. von Weizsäcker, Die wirtschaftliche Bedeutung von Mehrwertdiensten, Köln 1987