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03.06.1983

Wachstumszwang ist eine Form der Sklaverei

Christine Föppel, Wirtschaftspublizistin, München Teil II

Viele junge Menschen sind ganz zurecht empört über diese unhaltbare Situation. Es gibt auch zahlreiche Vorschläge, wie der Zwang zum Produktionswachstum beseitigt werden könnte. Ziemlich lippenbekennerisch sind die Parteitagsbeschlüsse von SPD und FDP, nunmehr vom "quantitativen" zum "qualitativen" oder "humanen" Wachstum überzugehen. Hübsch gesagt, aber sobald nicht mehr der Verbraucher vermittels seiner Nachfrage dafür votieren kann, was wachsen soll, sondern diese Entscheidung irgend jemand anderer für ihn trifft, geht es mit der Marktwirtschaft noch schneller bergab. Bürokraten sind bekanntlich nicht in der Lage, etwas Gleichwertiges an die Stelle freier Märkte zu setzen. Vom Produktionswachstum herunterzukommen ist gewiß kein Problem, wenn man den Preis der Freiheit dafür zu zahlen bereit ist. Aber Freiheit ist selbst Lebensqualität, wie schon die Vereinten Nationen (1960 festgestellt haben. Sie nannten als Kriterien der Lebensqualität zwölf Sektoren: Gesundheitszustand, Ernährung, Erziehung Arbeitsbedingungen, Beschäftigungslage, Konsum und Sparen, Verkehr, Wohnung, Kleidung, Erholung, soziale Sicherheit und eben als Punkt zwölf die persönliche Freiheit.

Es geht also darum, wie der Mensch sich der Greifzange der Roboter entziehen kann, ohne sich auf eine andere Weise noch mehr zu versklaven. Es gibt zahlreiche Entwürfe einer heileren Welt, die sich auf den ersten Blick gut ausnehmen. Doch oft fehlt eben gerade der zentrale Wert Freiheit in diesen neuen Wertskalen.

Auf freiheitlicher Basis lassen sich Großbetriebe nicht zerschlagen, läßt sich Softtechnology nicht einführen, soweit die Großtechnologie rationeller arbeitet. Weder die Unternehmer werden eine Sache teuer herstellen wollen, die sie auch billiger produzieren können, noch werden Arbeitskräfte länger an einem Produkt arbeiten wollen, wenn sie wissen, daß es anders schneller geht und sie früher heimgehen könnten, noch werden Verbraucher dafür einen höheren Preis bezahlen wollen. Jedenfalls die meisten nicht. Auch hier gibt es Außenseiter.

Außenseiter als Prototyp

Den Außenseiter als Prototyp eines "neuen Menschen" zu erträumen, der freiwillig und einsichtsvoll auf Fluch und Segen einer rationellen Produktion verzichtet, bleibt ein frommer Selbstbetrug. Nebenbei oder am Rande können Zivilisationsmüde einzeln oder in Gruppen beliebig aus handgetöpfertem Geschirr selbstgezogenes Gemüse essen, Schafe züchten und Wolle spinnen. Es sind liebenswürdige Varianten, die sich nur in einem pluralistischen Gesellschaftssystem frei entwickeln können, eben dort, wo gleichzeitig eine rationelle Produktion gedeiht. Als tragende Grundlage einer modernen Volkswirtschaft ließe sich eine Dampf-Lok-Technologie freiwillig nie wieder einführen.

Deshalb sollten wir nicht versuchen, den technischen Fortschritt einzuschränken. Wir würden uns damit nur lächerlich machen. Aber auch der gegenwärtige Wachstumszwang ist eine Form der Sklaverei. Wir brauchen also einen anderen Weg, der uns nicht zwingt, nur zwischen den Übeln zu wählen, sondern der bessere Perspektiven für alle eröffnet.

Deshalb stehen jetzt viele reiche Industrieländer vor dem Problem, wie sie die moderne Technik wieder besser nutzen können, ohne daß dabei die produzierte Menge entsprechend wachsen muß oder die Menschen arbeitslos werden.

Im Prinzip besteht kein Widerspruch. Ein nichtwachsendes Sozialprodukt kann ganz genauso modern und sparsam erwirtschaftet werden, wie ein wachsendes. Zwischen Produktivitätsfortschritt und Wirtschaftswachstum müßte nur ausgekuppelt werden können, damit die Roboter die Menschen nicht mehr arbeitslos machen. Als marktwirtschaftliches Instrument zum Auskuppeln steht allein die Arbeitszeit zur Verfügung. Sie ist das Regulativ, durch das der Arbeitsmarkt ins Gleichgewicht gebracht und dort gehalten werden kann, ohne daß die Wirtschaft zum Wachstum gezwungen wäre.

Obwohl das zum Kernproblem westlicher Wohlstandsländer geworden ist, drückt sich alle Welt darum herum, es offen auszusprechen. Die Regierungen, die Gewerkschaften, die Arbeitgeber, alle Etablierten haben Angst vor der Wahrheit. Die Business community hält noch die Flasche zu, damit der Zeitgeist nicht daraus entweiche. Aber nicht mehr lange.

Signale für veränderliche Wertvorstellung

Signale für die veränderten Wertvorstellungen der Bürger setzen jetzt schon die zahlreichen Bürgerinitiativen, Protestbewegungen und Alternativparteien. Sie wirken nicht nur als Trendsetter, sie artikulieren und verstärken vor allem eine schon vorhandener Stimmung. Durch sie wird heute vielen deutlicher bewußt: So wie bisher geht's nicht weiter. Diese Avantgarde läßt sich nicht mehr vom Tisch der Macht verscheuchen, wie ein paar zornige Bienen, denn dahinter stehen ganze Völker. Wie auch immer ihre Vorstellungen von einer veränderten Welt aussehen mögen, sie zwingen die Etablierten, ihrerseits endlich Vorstellungen darüber zu entwickeln, wie es vernünftig weitergehen könnte.

Abdruck eines Kapitels aus dem Buch der Autorin "Arbeitslosigkeit ist heilbar" (Seite 56ff). Kösel-Verlag, München, 1983, ISBN 3-466-11030-0, Preis 29 Mark.