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20.07.2001 - 

CW-Gespräch mit Nortel-Manager Josef Ellmauer

Warten auf das zweite Halbjahr 2002

Telco-Ausrüster wie Nortel Networks, Lucent Technologies oder Cisco Systems sind in Schwierigkeiten. Mit Josef Ellmauer, CEO Nortel Networks Germany, diskutierte CW-Redakteur Jürgen Hill über die Zukunft der Branche und etwaige Konsequenzen für die Anwender.

CW: Nortel Networks wirkt mit seinem Produktportfolio für VPNs, Optical Networking und UMTS wie ein Gemischtwarenladen. Dieser Eindruck verstärkt sich durch die Übernahme von Clarify. Wo liegt eigentlich der Fokus der Com-pany?

ELLMAUER: Ich sehe uns nicht als Gemischtwarenladen. Unser Schwerpunkt liegt ganz klar darauf, IP-fähige Netze im Core- und Access-Bereich anzubieten. Ich nenne nur das Beispiel UMTS. Für diese Mobilfunkgenera-tion ist im Access-Bereich Funktechnologie erforderlich, im Kernnetz werden dann aber die Daten per Glasfaser weitertransportiert. Und für den geplanten Mix aus Multimedia-Anwendungen, Sprache und Daten brauchen Sie wiederum eine IP-Lösung. Zur Abrechnung dieser unterschiedlichen Services ergibt wiederum eine Billing-Plattform wie Clarify Sinn. Unsere Produkte greifen alle sauber ineinander und versetzen Nortel in die Lage, als Komplettanbieter aufzutreten.

CW: Sie sprechen das Thema IP und Datentransport an. Hat Nortel Networks als klassischer Ausrüster der großen Telefongesellschaften dieses Thema mit dem Kauf von Bay Networks nicht sehr spät aufgegriffen?

ELLMAUER: Nein, Nortel kaufte Bay genau zum richtigen Zeitpunkt. Und während mancher unserer Konkurrenten noch heute versucht, seine Sprachkompetenz unter Beweis zu stellen, gelang uns die Integration der Sprach- und Datenwelt sehr schnell.

CW: Nortel machte mit dem Abbau von Zehntausenden Stellen von sich reden. Verlieren Sie Marktdominanz und Innovationskraft?

ELLMAUER: Zum einen sind wir mit einem Jahresumsatz von 30,3 Milliarden Dollar immer noch der größte Player. Zum anderen sind wir in der Zukunftssparte Optical Networking hervorragend positioniert. Was die Entlassungen angeht: Ein Großteil der betroffenen Stellen sind Zeitarbeitsverträge, die nicht mehr verlängert werden. Wir haben außerdem unsere internationalen Geschäftsaktivitäten überprüft und uns entsprechend unseres Fokus teilweise neu ausgerichtet. Dabei wurden auch einige Redundanzen aufgehoben. Insgesamt steht Nortel im Vergleich zu anderen Konzernen sehr gut da.

CW: Wann wird die Branche das Tal der Tränen durchschritten haben?

ELLMAUER: Wir sehen eine Wende erst im zweiten Halbjahr 2002. Wir nehmen an, dass dann die Talsohle durchschritten ist und die Carrier wieder verstärkt in ihre Netze investieren werden.

CW: Gilt das auch für Deutschland?

ELLMAUER: Jein. Zum einen waren beziehungsweise sind wir nicht so stark betroffen wie die USA, zum anderen sorgen nationale Aufträge wie etwa die Aufrüstung des Kabel-TV-Netzes von Callahan in Nordrhein-Westfalen hierzulande für gut gefüllte Auftragsbücher.

CW: Welche Rolle spielt UMTS?

ELLMAUER: Hier stellt sich die Frage, welche Folgen die Lizenzgebühren haben, da die Höhe der Steuerabschreibungen ebenso wenig absehbar ist wie die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in der TK-Industrie. Unsere Position ist sehr gut, wir haben mit T-Mobile einen Letter of Intent als UMTS-Lieferant unterschrieben. Europaweit hat Nortel Networks einen UMTS-Auftragsbestand von zirka 2,5 Milliarden US-Dollar, der angestrebte UMTS-Marktanteil liegt bei 25 Prozent.

CW: Ist es sinnvoll, dass jetzt die TK-Ausrüster den Carriern den Netzausbau finanzieren?

ELLMAUER: So pauschal ist das nicht richtig. Wir haben eine sehr konservative Finanzierungspolitik. Generell sehen wir unsere Rolle nicht als Bank für die künftigen UMTS-Betreiber.

CW: Sie sprachen eingangs von Nortel Networks als Lösungsanbieter. Sind Sie bei UMTS gegenüber Unternehmen wie Siemens oder Nokia, die vom Handy bis zur Funkstation alles aus einer Hand liefern, überhaupt konkurrenzfähig?

ELLMAUER: Ja, denn die Endgeräte sind nur eine Seite. Auf der anderen ist eine leistungsfähige Infrastruktur erforderlich, um gerade den bei UMTS zu erwartenden Multimedia-Datenverkehr von der Funk-Schnittstelle weiterzutransportieren. Hier können wir als Trumpfkarte unser Know-how bei den optischen Lösungen ausspielen, zumal unter UMTS im Backbone ein ATM-Netz liegt.

CW: Das mag ja alles richtig sein, die Frage nach der Bedeutung der Handys als Wettbewerbsfaktor beantwortet es aber nicht.

ELLMAUER: Ich glaube, dass die führende Position der europäischen Handy-Hersteller bei UMTS nicht mehr automatisch gewährleistet ist. Gerade die Japaner besitzen hier, wenn es das Thema Multimedia betrifft, eine Reihe von Patenten. Deshalb dürften sie bei UMTS als Endgerätehersteller durchaus eine wichtige Rolle spielen.

CW: Sie sprachen vorher von Nortels Rolle als Anbieter von Access-Netzen. Warum hat das Unternehmen sein Powerline-Engagement beendet?

ELLMAUER: Nach ausführlichen Pilotversuchen kalkulierten wir noch einmal den Business-Case durch und haben festgestellt, dass sich Powerline unter den gegebenen Voraussetzungen nicht rechnet. Auch andere namhafte Hersteller haben sich mittlerweile aus der Technologie zurückgezogen.

CW: Das ist aber seltsam. Während die schweizerische Ascom Powerline als interessante und kostengünstige Access-Lösung propagiert, kommen Sie zu dem Ergebnis, das Ganze rechne sich nicht. Liegt hier nicht eher der Vedacht nahe, Nortel Networks hat die Technik nicht in den Griff bekommen?

ELLMAUER: Ich möchte jetzt nicht unterstellen, dass man in der Schweiz nicht rechnen kann. Technologisch hatten wir Powerline im Griff, aber zur Strategie unseres Hauses gehört es, sich auf Wachstumsmärkten zu engagieren, die gesunde Margen versprechen. Zu dieser Erkenntnis sind wie schon erwähnt auch andere Hersteller der Branche bereits gekommen.

CW: Warum ist Nortel Networks ebenfalls nicht im Wachstumsmarkt DSL aktiv?

ELLMAUER: Der reine Verkauf von DSL-Modems ist für uns uninteressant. Außerdem haben wir die Entscheidung getroffen, uns auf margenträchtige Geschäftsbereiche zu konzentrieren. DSL wäre für Nortel Networks nur dann ein Thema, wenn auch höherwer-tige Dienste nachgefragt würden. Interessant sind für uns deshalb wieder die Netze, die hinter den DSL-Access-Punkten aufgebaut werden.

CW: Sind Techniken wie DSL, Powerline, TV-Kabel und Richtfunk nur Übergangslösungen?

ELLMAUER: Allen Technologien ist gemeinsam, dass sie ab einer gewissen Penetration an ihre Grenzen stoßen und die Bandbreite nicht mehr ausreicht. Letztlich sind Kabel, DSL, Richtfunk und Powerline Ramp-up-Technologien, die erst einen neuen Markt an Internet-Diensten ermöglichten. Sie waren beziehungsweise sind als Enabling Technologies wichtig, da sie dem Endbenutzer die notwendige Bandbreite für höherwertige Dienste bieten.

CW: Welche höherwertigen Dienste sind das?

ELLMAUER: Im professionellen Umfeld könnte neben den Storage Area Networks (SAN) das ASP-Modell zu einer verstärkten Nachfrage nach optischen Lösungen führen. Zwar ist der ASP-Gedanke bislang hinter den Erwartungen zurückgeblieben, das liegt aber daran, dass dieses Outsourcing-Modell nicht davon ausging, strategische Applikationen als Dienstleistung zu offerieren. Davon ist allerdings der klassische deutsche Mittelstand erst zu überzeugen, der in Sachen Zuverlässigkeit und Sicherheit große Bedenken hat. Der Aspekt wurde leider in der ganzen Dikussion vernachlässigt, denn letztlich braucht es ein modernes Netz, um diese Anforderungen erfüllen zu können.

CW: Und im Consumer-Umfeld?

ELLMAUER: Hier wären die viel zitierten Anwendungen wie Mediastreaming oder multimedialer Content zu nennen. Hinzu kommt der steigende Bedarf an verschlüsselten Übertragungen etwa für E-Commerce. All dies benötigt mehr Bandbreite, wenn keine Qualitätsverluste auftreten sollen.

CW: Von welchem Zeitrahmen sprechen Sie?

ELLMAUER: Ich rechne hier mit fünf bis zehn Jahren. Allerdings ist diese Entwicklung eine Evolution. Bereits heute hält die Glasfaser in immer mehr City-Netzen Einzug, und Data Center werden optisch vernetzt. Im nächsten Schritt verbinden Unternehmen ihren Campus per Optik mit den WAN-Backbones.

CW: Womit wir beim Thema Gigabit Ethernet over Fiber wären. Ist dieser alte Standard im Glasfaserzeitalter noch ein adäquates Transportverfahren?

ELLMAUER: Sie spielen auf das Problem der Collision Domains an, das sich so aber in optischen Netzen nicht stellt. Wenn Technologien wie DWDM Bandbreite im Überfluss ermöglichen, ist eine Kollision der Datenpakete kein Thema mehr. Deshalb hat für mich Ethernet eine große Zukunft, denn es handelt sich um einen etablierten und einfachen Standard, der den Anwendern bekannt ist.

CW: Also erwarten Sie keine Probleme bei dem Versuch, Sprache und Daten über ein einziges Netz zu transportieren.

ELLMAUER: Generell nicht. Allerdings ist für landesweite oder gar Kontinente übergreifende Netze auf Paketbasis ein Priorisierungsverfahren erforderlich, da der Endbenutzer, speziell hierzulande von ISDN verwöhnt, es nicht akzeptieren wird, wenn bei der Sprachkommunikation Teile verloren gehen. Hier ist das Multiprotocol Label Switching (MPLS) ein Ansatz, um gewisse Bandbreiten zu reservieren. Letztlich ist es noch eine Herausforderung, Sprache über ein landesweites IP-Netz zu transportieren. Dies, wie es manche unserer Konkurrenten tun, im LAN zu realisieren, ist kein Kunststück. Hier dürfte sich in Zukunft unter den Herstellern die Spreu vom Weizen trennen.

Abb.1: Nortel-Geschäftsentwicklung

Der erste Eindruck täuscht: Die Erfolgsbilanz von Nortel hat Risse bekommen, bedingt durch Restruktierungen und Abschreibungen entstand 2000 ein Nettoverlust von 3,47 Milliarden Dollar. Quelle: Nortel Networks

Abb.2: Nortel: Der Aktienkurs

Auch der Kurs der Nortel-Aktie kannte zuletzt nur einen Trend: abwärts. Ende vergangener Woche notierte das Papier zum Teil unter acht Dollar. Quelle: Comdirect