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10.12.1999 - 

Trotz vieler Kurse in Deutschland

Warten auf einheitliches Linux-Zertifikat

Das Open-Source-Betriebssystem Linux erlebt gegenwärtig einen beispiellosen Boom. Verbindliche Richtlinien für eine Ausbildung zum Linux-Experten gibt es allerdings bisher nicht. Das soll sich im nächsten Jahr durch die Linux Professional Institute?s Certification ändern.

Seit mehr als einem Jahr plant das Linux Professional Institute (LPI), eine Internet-Vereinigung von Linux-Sponsoren wie IBM, Executrain, Comp USA, Suse, Caldera oder Silicon Graphics, die verbindliche Festlegung und Zertifizierung von Trainings- und Ausbildungszielen. In den USA wurde im Juni ein dreistufiges Programm für Certified Linux Professional (CLP) vorgestellt, das jedoch in allen Punkten noch heftig diskutiert wird. Nicht wenige Linux-Jünger sehen in festen Ausbildungs- und Prüfregularien den Versuch, ihre Programmieraktivitäten zu knebeln.

Laut LPI-Vorschlag muß ein zertifizierter Linux-Profi ein mehrstufiges Programm mit wenigstens fünf Ausbildungskursen durchlaufen, die vom einführenden Linux-Kurs über Systemoptimierung und -administration bis zu Kenntnissen in herstellerspezifischen Softwarevarianten reichen. Auf dieser Basis entstehen ausgewiesene Linux-Fachleute, die zumindest ein gravierendes Manko des alternativen Betriebssystems aus der Welt schaffen: Es gibt endlich qualifiziertes Supportpersonal, das mit allen Problemen rund um die Pinguin-Plattform fertig wird.

Zwar bietet das LPI-Programm bereits einen umfassenden Rahmen für Training und Übungen, legt aber nicht generell fest, welche Inhalte im einzelnen vermittelt werden. Ausdrücklich verweisen die Initiatoren darauf, daß es jedem überlassen bleibt, wie er sich die notwendige Kompetenz in Sachen Linux aneignet. Völlig offen ist zudem, ob Linux-Aspiranten, die nur Teile des Programms durchlaufen, schon zum Kreis qualifizierter Profis zählen oder lediglich Absolventen aller drei Ausbildungslevels sich mit einem Zertifikat schmücken dürfen.

Immerhin arbeitet ein sogenanntes Exam Development Committee intensiv an einheitlichen Prüfkriterien, Testmethoden und Bewertungsrichtlinien für die drei Ausbildungsschwerpunkte. Die Vorschläge und Diskussionen spielen sich überwiegend auf der Homepage des LPI (http:// www.lpi.org) in Foren und Newsgroups ab. Starken Zulauf verzeichnet auch die deutsche Internet-Dependance namens LPI German Chapter (http://www.de.lpi.org).

Während in den USA bereits Linux-Kurse für die Trainerausbildung anlaufen, gibt es in Deutschland keine Angebote. Um Trainer auf den neuesten Stand zu bringen, müssen Schulungszentren ihre Mitarbeiter für fünf Tage an die University of Mississippi schicken, wo sie für 1000 Dollar in Linux geschult werden. Auch andere US-Einrichtungen bereiten das Schulungspersonal auf die Wissensvermittlung im Rahmen zertifizierter Kurse vor.

Begeisterung hält sich noch in Grenzen

Neben dem LPI gibt es in den USA noch andere Zertifizierungsbestrebungen, die von der Sair Inc. unterstützt werden. Die Ausbildungszentren des internationalen Anbieters Sylvan Prometic haben das Zertifizierungsprogramm von Sair übernommen und bieten seit Mai einen vierstufigen Ausbildungskurs für Linux an. Jede Schulung endet mit einem offiziellen Test.

Linux-Distributor Red Hat ging ebenfalls mit einem selbstentwickelten Ausbildungsprogamm für seine Produktpalette an den Start. Auch in Stuttgart bietet er Schulungen zum Open-Source-System an: In drei Wochen kann sich auch der Einsteiger zum "Red Hat Certified Engineer" qualifizieren. Zur Abschlußprüfung hat der Teilnehmer nicht nur einen Multiple-Choice-Test zu bestehen, sondern muß binnen fünf Stunden einen abgestürzten Computer wieder zum Laufen bringen und ein Server-System aufbauen. "Wir haben uns für eine eigene Zertifizierung entschieden, da bei LPI auch nach Monaten intensiver Diskussionen noch keine greifbaren Ergebnisse in Sicht sind." Das liegt nach Ansicht von Jens Ziemann von Red Hat Deutschland vor allem an den zu unterschiedlichen Interessen der Hersteller.

Trotz vielfältiger Initiativen hält sich die Begeisterung von Berufseinsteigern hierzulande in Grenzen. Der Münchner Umschüler Kai Hombach kam zwar im Privatbereich das erste Mal mit Linux in Berührung, entschied sich nach reiflicher Überlegung aber doch für die Microsoft-Zertifizierung: "Die Installationsbasis von Windows NT bei Firmen ist riesig und wächst weiter." Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein. IT-Consulter und Marktbeobachter bescheinigen dem Microsoft-Betriebssystem eine sichere Zukunft. Microsoft-Zertifikate, aber auch viele andere Zertifikate von Novell bis Sun, sind anerkannt und unterliegen einem international einheitlichen Regelwerk, das Ausbildungsinhalte wie auch Abschlußprüfung umfaßt.

Angesichts der etablierten Zertifikate steht Linux noch ganz am Anfang. Von großen IT-Firmen wie IBM, SAP, Oracle, Sun oder Informix bekommt das Open-Source-Programm allerdings Schützenhilfe, nachdem diese die Portierung ihrer Produkte auf Linux angekündigt und zum Teil auch schon in die Tat umgesetzt haben. Der texanische PC-Hersteller Dell liefert Desktop-Rechner oder Server mit einem Kernel der Linux-Distribution von Red Hat aus. Datenbankhersteller Sybase ist mit mehreren Linux-Produkten am Markt vertreten, und Big Blue bietet Rund-um-die-Uhr-Support für das freie Betriebssystem an.

Bei soviel Rückenwind müßte das Linux-Schiff rasch an Fahrt gewinnen, die Qualifizierungsangebote nimmt bisher aber nur eine begrenzte Zielgruppe wahr. "Es sind vor allem Firmen, die ihre Mitarbeiter bei uns schulen lassen. Wir können schlecht einschätzen, ob die Nachfrage künftig stark steigen wird", sagt Martina Schlüter, Mitarbeiterin des Nürnberger Distributors Suse, der seit 1998 Linux-Kurse anbietet.

Breites Fachwissen für Programmierer

Zuerst hatte Suse vor, ein eigenes Zertifizierungsprogramm für Linux-Profis zu starten. Doch die Nürnberger sehen inzwischen in den Zertifizierungsaktivitäten des Linux Professional Institute eine zukunftssichere Alternative: "Das LPI strebt eine neutrale Zertifizierung an", betont Schlüter. Eine breit angelegte Ausbildung von Linux-Professionals biete den Vorteil, daß der Programmierernachwuchs nicht nur über Spezialkenntnisse verfügt.

Auch bei Ditec gibt es ein Angebot, das den sicheren Linux-Einstieg unterstützt. Die Kurse sind so konzipiert, daß sie in viertägigen Schulungsblöcken Wissen über die System- und Netzadministration bis zur Pflege von Web-Seiten und Firewalls vermitteln. Ein vielversprechendes Thema ist dabei die Integration von Linux-Servern im Windows-NT-Umfeld. Zielgruppe sind Unternehmen, die anstelle von NT einen Linux-Server für Intranet, File-, Print- oder Faxservices in ihre Windows-Umgebung integrieren wollen.

Kein Run auf die Linux-Kurse

Von einem Ansturm auf die Ausbildungskurse aber kann nicht die Rede sein. Viele Firmen wissen noch nicht, welchen Weg sie in Zukunft in Sachen Betriebssystem einschlagen sollen. Wenn aber der Schwenk auf Linux nicht aus den Unternehmen kommt, findet das Open-Source-Programm nicht die massenhafte Verbreitung, die Windows NT schon vor Jahren geschafft hat.

Aus Sicht kommerzieller Trainings- und Ausbildungszentren sind klare Regeln für die Erteilung eines Linux-Zertifikats sowie die Anerkennung der Ausbildungsstätte als kompetentes Linux-Zentrum der Schritt in die richtige Richtung. Damit bewegen sich die Kursangebote nicht im Umfeld eines Distributors, sondern stellen Linux-Wissen für verschiedene Plattformen und Produkte zur Verfügung. Setzt sich das LPI-Zertifikat in den USA durch und findet internationale Anerkennung, sollen die Spezifikationen als nächstes in Deutschland eingeführt werden. Wann es soweit sein wird, darauf mag sich jedoch kein Ausbildungszentrum festlegen.

*Andreas Beuthner ist freier Journalist in München.