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07.10.1983 - 

"Software Forum '83" geht auf Wirtschaftlichkeit der Programmierung ein:

Wartungsaufwand sprengt Software-Budget

MÜNCHEN (ha) - Die Analyse der Kostensituation bei der Entwicklung und Wartung von Computerprogrammen zeigt noch immer erschreckende Ergebnisse. Insbesondere der Aufwand für die Softwarepflege erreicht inzwischen Dimensionen, die ein systematisches Vorgehen der DV-Verantwortlichen derzeit zwingend erfordert. Diese Grundaussagen fällten

???hafte Dozenten auf dem "Software Forum '83", das von der CW-CSE, der Seminargruppe aus dem Verlag der COMPUTERWOCHE, jetzt in München abgehalten wurde. Rund 250 Teilnehmer diskutierten über Kosten-Senkungsmaßnahmen und Programmiertrends der 80er Jahre.

"Wir müssen uns im klaren darüber sein", konstatierte der amerikanische Software-Papst Edward Yourdon in seinem Vortrag "The Future of Software", "daß wir es bei der proportionellen Programmerstellung nicht mit einem individuellen, sondern mit einem nationalen Problem zu tun haben." Der 39jährige Hauptführer des Münchner Symposiums überzeugt, daß sich die Softwareproduktion innerhalb der nächsten Jahre zwangsläufig aus den westlichen Industriestaaten in die "Dritte Welt" verlagern werde. Yourdon begründet seine These vorrangig mit dem immer noch vorherrschenden Mangel an qualifizierten Programmierern, der bis Anfang der 90er Jahre anhalten werde. Zudem seien nordamerikanische Softwerker zu teuer und erstellten, im Vergleich zu ihren asiatischen Kollegen, noch extrem fehlerhafte Produkte. Japanische Programme gelten indes heute schon zwischen zehn und hundert Mal besser. Nippon-Softwarehäuser sollen nach den Worten Yourdons bereits darauf vorbereitet sein, den amerikanischen und europäischen Markt bis spätestens 1985 mit Programmprodukten zu überschwemmen, die eine Garantiezeit von 25 Jahren böten.

Weniger auf Prognosen, als vielmehr auf derzeitige Praxisprobleme ging Yourdons US-Kollege Edward L. Griffin ein. In der heutigen Zeit, so der Programm Manager des Martin Marietta Orlando Aerospace Centers in Florida, stehe der Aufwand für Softkwarewartung einschließlich Fehlerkorrektur und Aktualisierung in keinem Verhältnis zu den Entwicklungskosten. In diesem Zusammenhang gewinne die Abschätzung der Programmfolgekosten zunehmend an Bedeutung. Könne man die Aufwendungen für die Softwareentwicklung heute als eine kalkulierbare Größe annehmen, so bleibe das Taxieren des Wartungsaufwandes für die beteiligten Vertragspartner ein heißes Eisen, erläuterte Griffin. Um den "Folgenkosten-Wildwuchs" zu beschneiden, empfiehlt der Marietta-Manager ein analytisches Vorgehen, das bereits in der Erstellung von Kriterienkatalogen Ausdruck finden könne.

Kostenplanung ohne Systematik

Eine generelle Fehleinschätzung der Softwarekosten seitens der Benutzer bemängelte Professor Dr. Joachim Griese von der Universität Bern. Sie hätten im Bewußtsein des DV-Managements und der Unternehmensführung nicht annähernd den gleichen Stellenwert in Diskussionen, wie etwa die Hardwareausgaben. Bei der Beurteilung dieses Problems falle vor allem auf, daß es keine verläßlichen Unterlagen für eine gezielte Kostenplanung gebe. Verfahrensansätze, die schon einmal Mitte der 60er Jahre verwandt wurden, wie etwa Lines-of-Code-Betrachtungen, erleben indes Griese zufolge derzeit eine Wiedergeburt.

Bei der Analyse der Wartungskosten von Computerprogrammen wurde der Berner Universitätsprofessor noch deutlicher. Während der gesamten Betriebszeit eines Softwareproduktes übersteige der Pflegeaufwand die Entwicklungsausgaben bereits um ein Vielfaches. Empirische Untersuchungen hätten gezeigt, daß mindestens die Hälfte der

Wartungskosten für Weiterentwicklung der Programme entstehen, Fehlerbeseitigung und

-anpassung, etwa an neue Betriebssysteme, machten jeweils weniger als ein Viertel des Gesamtaufwandes aus. "Hier wird eine falsche Grundeinstellung von Softwareentwicklern und -nutzern sichtbar", sagte Griese, "nämlich die Annahme, daß ein Programmprodukt eine unbegrenzte Lebensdauer hat und im Laufe der Zeit den Bedürfnissen entsprechend weiterzuentwickeln ist." Software altere jedoch in dem Sinne, bekräftigte der Informatikwissenschaftler, daß ihre Struktur hardware- oder programmtechnisch trotz Anpassung nicht mehr dem Stand der Technik entspreche und damit das Ende einer wirtschaftlichen Lebensdauer auf der Hand liege. Diese Bewußtseinsänderung müsse bei den Softwerkern eintreten, um den hohen Anteil der Weiterentwicklung an den Wartungskosten zurückdrängen zu können.

Wartungsaufwand reduzieren

Die Pflege von Softwareprodukten nahm auch der DV-Chef der Bertelsmann AG in Gütersloh, Helmut Bender, unter die Lupe. Viele Unternehmen hätten inzwischen einen Zustand erreicht, in dem sie kaum noch freie Kapazitäten für neue Produkte hätten. Um diesem Trend entgegenzuwirken, so Bender, müsse als eines der Hauptziele angestrebt werden, Programme zu entwickeln, die mit wesentlich weniger Wartungsaufwand gepflegt werden könnten. Hierin liege der Schwerpunkt des Bertelsmann-Modells für modernes Softwareengineering, über das der DV-Leiter in seinem Vortrag über "Das Management der Softwarewirtschaftlichkeit" referierte.

Früher mußte man Bender zufolge bei Projekten mittlerer Größe mit einer Programmlebensdauer von fünf bis sieben Jahren rechnen. Mittlerweile produzierten die Unternehmen jedoch wesentlich größere und komplexere Systeme, die eine Lebensdauer von zehn bis 15 Jahren erreichten. Die Kosten eines Softwareproduktes über den gesamten Einsatzzeitraum teilen sich dabei auf in nur 20 bis 30 Prozent Entwicklungs- und etwa 70 bis 80 Prozent Pflegeaufwand, rechnete der Bertelsmann-Manager vor.

Instabile Software treibt Kosten hoch

Bei der Analyse, warum die Wartungskosten inzwischen diese Ausmaße angenommen haben, fällt laut Bender auf, daß nur teilweise die Änderungswünsche der Benutzer im Vordergrund stehen.

Vielmehr lägen wesentliche Faktoren in der Beschaffenheit der Programme selber begründet. So würden immer noch häufig Softwaresysteme in die Produktion gegeben, die nur unzureichend ausgetestet seien und sich durch eine hohe Instabilität auswiesen. Die Bereinigung derartiger Macken sei in der Regel sehr aufwendig, da es sich überwiegend um Entwurfsfehler handele. Hinzu komme die Komplexität der Programme, die sich nicht nur auf die Fehlerbereinigung hinderlich auswirke, sondern vor allem auch auf den Einbau von Änderungen und Erweiterungen.

Durch gezieltes Softwareengineering hat Bender nach eigenen Aussagen eine deutliche Reduktion der Pflegekosten in seinem Unternehmen erreicht. Lag der Anteil des Pflegeaufwandes 1978 noch bei zirka 70 Prozent, so liege er heute schon unter 50 Prozent, und es sei erkennbar, daß die angepeilte Marke von 30 Prozent erreicht werden könne.

Eine klassische Variante von Kostensenkungsmaßnahmen im Softwarebereich führte der Geschäftsführer des Stinnes-Data-Service in Mühlheim, Wolf-Dietrich Dortans, an den Einsatz von Standardprogrammen. Die richtige Softwareauswahl werde von den DV-Verantwortlichen doch in Aufwand und Qualität mehr unterschätzt und unsystematisch betrieben, kritisierte der Stinnes-Manager. Sie sei oft teurer als das Produkt selbst. Falsch ausgewählte Programme überstiegen zudem häufig gar die Kosten der Eigenentwicklung. Dortans rät den Benutzern, die Softwareauswahl professioneller als bisher betreiben. Sie müßten vor allem auch darauf achten, die Standardversion eines Programmes nicht selbst zu verändern, sondern das gekaufte Produkt eher seiner Umgebung anzupassen. Resümiert Dortan: "Um den Softwarekern herum schaffen Ergänzungs- und Anpassungsprogramme die fehlende Flexibilität Einsatz."