Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

19.03.2015 - 

Zukunft der Arbeit

Warum das Büro "großartig" scheitern musste

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Ein Microsoft-Manager, der es mit Karl Marx hält, und die Einsicht, dass das Versprechen des Büros "großartig gescheitert" ist – starke Thesen von Thorsten Hübschen. Hübschen verantwortet das Office Geschäft bei Microsoft Deutschland und fordert eine Neu-Erfindung der Arbeit.

Junge Menschen in strengem Schwarz. Sie nennen sich "Cover Junkie" oder "Mr. Bingo". Sie sind Cradle-to-Cradle-Experten für nachhaltige Produkte, Architekten, Art Direktoren – und Informatiker. München versammelte Ende Februar zur Munich Creative Business Week eine illustre Schar junger Professionals, die über "Metropolitan Ideas" brüteten. Diese sollen sich auch um das Leben und Arbeiten in den großen Städten drehen. Und das ist das Thema von Thorsten Hübschen, der das Office Geschäft bei Microsoft Deutschland verantwortet.

Thorsten Hübschen, Microsoft: "Die Menschen wissen nicht, an welchen Produkten sie eigentlich arbeiten. Und sie wissen auch nicht, für wen."
Thorsten Hübschen, Microsoft: "Die Menschen wissen nicht, an welchen Produkten sie eigentlich arbeiten. Und sie wissen auch nicht, für wen."
Foto: Microsoft

Gemeinsam mit Elke Frank hat Hübschen das Buch "Out of Office" geschrieben. Das passt: Seit dem Frühling vorigen Jahres hat sich der Konzern die Umgestaltung der Arbeitswelt auf die Fahnen geschrieben. Microsoft rief gar ein "Manifest für ein neues Arbeiten" aus – selbstredend in Berlin. Ergänzt wird das Manifest der neuen Wissensarbeiterschaft von 33 Regeln erfolgreicher digitaler Pioniere. Beispielhaft sei Regel 31 zitiert: "Früher galt Komplexitätsreduktion durch Vorgesetzte und Strukturen als Erfolgskriterium. Heute ist es ungelenkte Serendipity."

(Lesen Sie auch: "Werkzeuge für Wisensarbeiter: Künstliche Intelligenz für die Arbeit im Büro")

Im heimischen München klingt das bei Thorsten Hübschen dann so: "Was ist gute Arbeit?" Das ist die Leitfrage seines Vortrags, der in der Alten Kongresshalle steigt, unmittelbar neben dem Verkehrsmuseum mit seinen historischen Straßenbahnen und nostalgischen Kutschen. Den Platz zwischen Alter Kongresshalle und Museum ziert eine überdimensionale Schnecke, vor der die Young Professionals über Minimalismus als Lebenskonzept fachsimpeln. "Nebst ein, zwei Bierchen und famosen Soundeffects sneak previewen wir die Zukunft von Mensch und Automobil", sagt jemand im Vorbeigehen.

Die Stadt bildet denn auch den Ausgangspunkt für Microsoft-Manager Hübschen. Früher seien Städte um Fabriken herum aufgebaut worden, erklärt er und erinnert an Henry Ford, der an seinen Fließbändern die sequentielle Arbeit einfacher Tätigkeiten eingeführt hat. Das Ergebnis war deutlich mehr Produktivität - und, dass der einzelne Arbeiter nicht mehr wusste, was für ein Auto das wird und warum er die immer gleichen Handgriffe zu tun hat. Entfremdete Arbeit nannte Karl Marx das.

Entfremdete Arbeit kann Menschen depressiv machen

Hübschen auch. "Marx' Analyse ist noch immer brandaktuell", erklärt er. Denn das Versprechen der Büros, die in den 1940er, 1950er-Jahren aufkamen, sei am Prinzip der sequentiellen Arbeit "großartig gescheitert". Seinerzeit hatten die Menschen noch geglaubt, mit ihren weißen Kragen an den sauberen Schreibtischen in einer besseren Arbeitswelt angekommen zu sein. Man "durfte" ins Büro und war stolz darauf. Heute habe sich das ins Gegenteil verkehrt. "Die Menschen wissen nicht, an welchen Produkten sie eigentlich arbeiten", sagt Hübschen. "Sie wissen auch nicht, für wen." Eine solche Entfremdung könne Menschen depressiv machen.

Eben da will Microsoft nach eigener Darstellung ansetzen. Im Herbst des vorigen Jahres hat das Unternehmen den Vertrauensarbeitsort eingeführt. Vertrauensarbeitszeit besteht seit 1998 und wird durch eine Betriebsvereinbarung geregelt. Sichtbar sein soll das auch an Microsofts neuem Gebäude, das derzeit im Münchner Norden hochgezogen wird. "Parkstadt Schwabing" nennt sich idyllischerweise der Stadtteil. Das Gebäude liegt an der Autobahn, was die Anbindung an den Flughafen erleichtern soll.

Microsoft baut im Norden Münchens seine neue Deutschlandniederlassung.
Microsoft baut im Norden Münchens seine neue Deutschlandniederlassung.
Foto: Rene Schmöl

Glaubt man Hübschen, folgt der neue Firmensitz den drei Prinzipien People, Technology, Space. Konkret: es gibt keine festen Schreibtische mehr. Wollen sich Kollegen besprechen, finden sie geeignete Räume, wo sie niemanden stören. Muss sich jemand auf eine knifflige Aufgabe konzentrieren, findet er Ecken, wo er nicht gestört wird. Die Technologie sorgt für die jeweils passenden Tools und Anwendungen.

Jeder ist heute Wissensarbeiter

"Heute ist jeder ein Wissensarbeiter", sagt Hübschen. Die Bezeichnung sei nicht mehr Ingenieuren oder Anwälten vorbehalten. Die Technologie automatisiert Prozesse und nimmt Sachbearbeitern Routine-Tätigkeiten ab. Das soll ihnen Zeit für Anspruchsvolleres geben. Firmen müssten verstehen, dass die alte Vorstellung von Personalkosten nicht mehr greift. "Es muss heißen: Personell Assets", führt er aus. "Die Wissensarbeiter sind das Produktionsmittel selbst."

Das heiße zweierlei: Wissensarbeiter sind nicht ersetzbar und nicht skalierbar. Ein Duo aus zwei Wissensarbeitern kann gegenüber dem Einzelnen eine Produktivitätssteigerung vom Faktor 1,2 bringen - wenn die beiden sich nicht verstehen. Oder vom Faktor zehn, wenn sie sich gegenseitig beflügeln. Als sicher gilt für Hübschen: Eins plus Eins ist ungleich Zwei.

Health Management statt Schutzhelme

Idealerweise finden Wissensarbeiter in ihrem Unternehmen die richtige Balance aus Team- und Einzelarbeit, Entspannung und Fokussierung. Zudem plädiert Hübschen für einen neuen Blick auf den Arbeitsschutz. "Wenn es um das Verteilen von Schutzhelmen und Verordnungen gegen Arbeitsunfälle geht, sind wir in Deutschland ziemlich gut", sagt er. Health Management für Wissensarbeiter sei aber etwa anderes. Es setze den Menschen ins Zentrum.

Diesen Grundgedanken fordert Hübschen auch von den Knowledge Workern selbst. Sätze wie "Ich bediene die Maschine" oder "Ich bediene den Computer" will er nicht mehr hören. Richtig müsse es heißen "Der Computer dient mir".

Würden all diese Prinzipien vom Arbeiten wo und wann man will umgesetzt, gelte tatsächlich die Idee von "The cities are the office of the future", sagt Hübschen.

Rund 80 Young Professionals haben dem Microsoft-Manager gelauscht. Nach dem Vortrag ziehen sie ihre puristischen schwarzen Jacken wieder an, schwingen ihre kastigen Umhängetaschen über die Schulter und schlendern über den Platz zwischen Kongresshalle und Verkehrsmuseum. Dort ist es inzwischen wie ausgestorben. In München haben viele Museen nur von neun bis fünf geöffnet. Die Schnecke ist freilich noch da.

Newsletter 'Fachhandel' bestellen!
 

winwin

Artgerechte Menschenhaltung in Unternehmen heute. Der Computer dient dem Unternehmen, der Mitarbeiter dient dem Computer. Die Aufgabe des Intranets hätten auch elektronische Fußfesseln übernehmen können.

Querschlaeger

Irgendeiner hat mal gesagt: "Der Fortschritt in der Arbeitswelt begründet sich darin, dass es für diese Tätigkeit einen Anglizismus gibt!" Und wenn ein Microsoft-Mann sagt, dass es heißen soll "der Computer dient mir", dann sollte das auch für die Software gelten! Vor 20 Jahren war das noch so, da war die IT Arbeitsmittel. Jetzt werden wir Humaneinheiten von der IT dirigiert und kontrolliert. Es hört sich alles nett an, Herr Hübschen, aber es ist von Marx so weit entfernt wie Frau Merkel von Putin. Die Wirklichkeit heißt Kollaboration bei der Kontrolle des Menschen, Einschränkung der persönlichen Freiheit durch Zwangsregistrierung, Zugriff auf das geistige und persönliche Eigentum durch oder für Dritte.

In der Realität bekommt das Hamsterrad einen goldenen Anstrich und auch nur deshalb, weil es letztendlich die Produktivität erhöht. Wäre tatsächlich der Mensch im Mittelpunkt, müsste man nicht darüber diskutieren, ob es um Arbeit 4.0 oder Ausbeutung 4.0 geht.

Die tatsächlichen Auswirkungen der "guten Arbeit" werden wir feststellen, wenn die Generation Y außer Fragen vielleicht auch Antworten bietet. Das Erinnern an Fließband und Großraumbüros die aus der BWL-Theorie hängen blieben, ist kein Garant für eine Verbesserung und die "ganzheitliche Arbeit" war schon vor 40 Jahren in der Diskussion. Und wie bereits angerissen: Health Management hieß Mitte des letzten Jahrhundert noch "Betriebsarzt", Betriebssport gab es auch, eigene Sportvereine, Kindergärten, in manchen Ländern sogar Schulen.

Gute Arbeit ist, wenn es nicht mehr als "klassische" Arbeit empfunden wird, sondern Spaß macht, glücklich und zufrieden. Wenn man mit dem restlichen Geld dann noch Nachwuchs und Alter sichern kann und ein wenig Zeit für sich selbst übrig bleibt, wäre das schon ein großer Schritt nach vorn. Gute Arbeit ist, wenn sie mit gutem Leben einhergeht.

Also Mensch, was ist "gutes Leben"? ;)

comments powered by Disqus