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Die Planungsfunktionalität von PP reicht bislang nicht aus

Warum EWK das Ziel einer reinen R/3-Welt aufgab

12.11.1998
MÜNCHEN (qua) - Eine unternehmensweite SAP-Umgebung war das, was die Edelstahlwerke Witten-Krefeld GmbH (EWK) anstrebte. Dafür wollte sie das ihre tun, um die Planungsfunktionen im R/3-Modul PP weiterzuentwickeln. Warum sie schließlich doch SAP-fremde Software ins Haus holte, beschreibt dieser Bericht.

"Die Stahlindustrie ist extrem konjunkturabhängig." Mit dieser Formulierung umschreibt EWK-Geschäftsführer Gerhard Schneider die Tatsache, daß die europäische Edelstahlbranche derzeit nicht auf Rosen gebettet ist - auch wenn das Jahr weniger hart war als das vorangegangene. Für die Informationstechnik bedeutet das: Durch möglichst effiziente Unterstützung der Abläufe muß sie mithelfen, die Erträge in bezug auf das eingesetzte Kapital zu erhöhen.

Vor etwa vier Jahren entließ die Thyssen Stahl AG ihre hundertprozentige Tochter EWK in die Selbständigkeit. Damals beschloß die Geschäftsleitung der EWK, einem der Trends in der Informationstechnik zu folgen und ihre heterogene, Main- frame-zentrierte IT-Landschaft durch eine Client-Server-Welt mit der gesamten Bandbreite des R/3-Systems von SAP zu ersetzen.

Zu großen Teilen wurde dieser Plan bereits in die Tat umgesetzt. Wie der für die DV-Koordination verantwortliche EWK-Manager Hans-Josef Kay erläutert, laufen die fünf R/3-Module FI (Finanzbuchhaltung), AM (Anlagen-Management), CO (Controlling), MM (Einkauf) und PM (Instandhaltung) seit Oktober 1995 im produktiven Einsatz.

Aber damit wollte es EWK keineswegs bewenden lassen. Vertrieb und Distribution sowie die Produktionsplanung sollten ebenfalls in die SAP-Welt integriert werden. Folglich machte sich das Unternehmen daran, auch die relativ jungen R/3-Module "Sales and Distribution" (SD) sowie "Production Planning" (PP) einzuführen. Während die Implementierung von SD derzeit zügig voranschreitet, ergaben sich bei PP mehr oder weniger unerwartete Schwierigkeiten: Um die langen Rüstzeiten ihrer Walz- und Schmiedeanlagen möglichst gering zu halten, fertigt die Stahlindustrie ihre Produkte in Kampagnen. Sie arbeitet also ihre Aufträge nicht sukzessive ab, sondern führt sie so aus, daß sie Stücke gleicher oder ähnlicher Abmessung in einem Arbeitsgang walzen oder schmieden kann. Je vielfältiger die Produktvarianten, desto höher das Maß an Flexibilität, das diese Art der Fertigung von der Produktionsplanung verlangt.

Die 1994 verfügbare PP-Version 2.2D war weit davon entfernt, dieser Forderung zu genügen. Die bei Stahlerzeugnissen übliche Qualitäts- und Abmessungsvielfalt ließ sich kaum in die Form der Materialstammdaten gießen, wie sie nun einmal die Grundlage von PP bilden.

Das SAP-Management bot dem Kunden deshalb an, die PP-Funktionalität auf Basis der Version 3.0 gemeinsam weiterzuentwickeln und im Pilotbetrieb zu erproben, um das Ergebnis dann in der Produktausführung 4.0 allen PP-Anwendern zugänglich zu machen. Dank ähnlicher Entwicklungsgemeinschaften ist es dem größten deutschen Software-Unternehmen gelungen, andere Branchen, beispielsweise die Pharmaindustrie, für seine Produkte zu gewinnen.

Ende 1995 werde das für die Stahlindustrie optimierte PP-Release fertig sein, so versprach SAP ihrem Entwicklungspartner und Pilotkunden. Die Realität sah jedoch anders aus. Der Software-Anbieter mußte dem Kunden mitteilen, daß sich die für die Stahlerzeugung notwendigen Funktionen, darunter die Kampagnenplanung, im Release 3.0 nicht implementieren ließ.

EWK erklärte sich daraufhin bereit, mit der standardmäßig in PP 3.0 enthaltenen "Plantafel" übergangsweise in Betrieb zu gehen. Zusätzlich entwickelte SAP einige Batch-Programme, mit denen sich die Auswirkungen von Änderungen am Produktionsbeginn auf die nachfolgenden Fertigungsstufen aufzeigen lassen sollten. Doch diese Berechnungen nahmen - bei einem durchschnittlichen Volumen von 1000 Aufträgen pro Woche - bis zu acht Stunden Laufzeit in Anspruch. Für den praktischen Einsatz war das nicht akzeptabel. Die Konsequenz für EWK: Der Versuch, die Feinplanung im fertigungsnahen Bereich mit Hilfe der Plantafel zu bewältigen, mußte im September dieses Jahres definitiv aufgegeben werden.

Inzwischen hatte SAP unter der Bezeichnung "Advanced Planner and Optimizer" (APO) ein neues Planungswerkzeug für das PP-Release 4.5 in Aussicht gestellt. Wie die EWK-Verantwortlichen berichten, sollte dieses Tool jedoch erst im Sommer 1999 in einer für sie brauchbaren Form vorliegen. Diese Lösung kam also für sie nicht in Betracht, denn die Zeit drängte: Um den Vertriebsbereich zu unterstützen, hatte EWK begonnen, das SD-Modul zunächst ohne PP einzuführen, weshalb derzeit alle Aufträge doppelt gebucht werden müssen - einmal in SD und ein zweites Mal in den Altsystemen, die die Produktionssysteme unterstützen. Zudem sind in den zum Teil 20 Jahre alten Mainframe-Programmen keine vierstelligen Jahreszahlen vorgesehen. Aus diesen Gründen will EWK möglichst schnell, spätestens im Sommer 1999, mit der PP-Einführung fertig werden.

Um die Feinplanung hinzubekommen und flexibel auf Neuterminierungen reagieren zu können, hat sich die Geschäftsführung schweren Herzens entschlossen, noch einmal tief in die Tasche zu greifen und in ein SAP-fremdes Software-Tool zu investieren. "Sicher wäre eine reine SAP-Landschaft die günstigere Lösung gewesen", räumt Schneider ein. "Aber wir brauchen jetzt schnelle Ergebnisse."

Die gesuchte Funktionalität fand EWK in Gestalt des Softwareprodukts "Factory Planner" von i2 Technologies. Mit diesem Werkzeug sei es möglich, so Kay, die Planungsvorgänge, die mit der SAP-Plantafel Stunden in Anspruch nahmen, innerhalb von Minuten ablaufen zu lassen. Außerdem habe die Software keine Probleme mit der Variantenvielfalt und der Kampagnenplanung. Last, but not least, spielte für EWK auch eine Rolle, daß i2 eine ganze Reihe von Referenzkunden aus der Stahlbranche vorweisen kann: neben mehreren US-Unternehmen auch British Steel und die Stahlwerke Bremen.

Den Vertrag mit i2 hat EWK erst vor wenigen Wochen unterschrieben, aber schon im kommenden Januar will DV-Koordinator Kay PP mit der i2-Software "scharfmachen". Die anfänglich befürchteten Schnittstellen-Probleme zwischen R/3 und dem Factory Planner erwiesen sich bei näherem Hinsehen als weniger dramatisch. So stellt SAP beispielsweise ein PP-Interface mit der Bezeichnung POI bereit, an das Fremdanbieter wie i2 ihre Produkte angepaßt haben. Aufgrund seines hohen Speicherbedarfs soll der Factory Planner auf einem separaten Server laufen, der aus PP heraus versorgt wird.

Einen Teil der zusätzlich angefallenen Softwarekosten kann das Unternehmen amortisieren, indem es eine Option nutzt, die in den ursprünglichen Plänen überhaupt nicht vorgesehen war: Über die Planungsfunktionen hinaus bietet der Factory Planner auch die Möglichkeit, herauszufinden, wie eine Kampagnenplanung über verschiedene Walzen und Schmieden organisiert werden muß, um optimale Werte bei Termintreue, Lagerbestand und Aggregatauslastung zu erreichen. Diese Optimierungsfunktion kann das Unternehmen aber erst in Angriff nehmen, wenn die wesentlich dringendere Ablösung der Altsysteme geglückt ist.

Dann wird sich EWK auch dem Problem widmen, Absatzplanung und Fertigungskapazitäten miteinander in Einklang zu bringen. "Es reicht ja nicht, wenn der Vertrieb uns einen Bedarf meldet", erläutert Kay. "Wir müssen vielmehr auch prüfen, ob diese Wünsche kapazitätsmäßig umgesetzt werden können."

Bei dem Versuch, die dafür notwendigen Berechnungen innerhalb des SD-Moduls vorzunehmen, ergaben sich Probleme. Für einen Kapazitätsabgleich werden Produktinformationen aus der Materialklassifikation benötigt, auf die der bisherige R/3-Standard keinen Zugriff ermöglicht. Deshalb plant EWK, auch an dieser Stelle auf i2-Software zurückzugreifen. Ob der Edelstahlproduzent dafür den Master Planner oder den Demand Planner einsetzen wird, ist bislang nicht entschieden.

Dsd Unternehmen

Die Edelstahl Witten-Krefeld GmbH (EWK) wurde 1994 durch Ausgründung aus der Thyssen Stahl AG ins Leben gerufen. Die Ursprünge des Unternehmens reichen jedoch bis in die Jahre 1853 und 1900 zurück, als die Hauptstandorte des Unternehmens in Witten und Krefeld entstanden. EWK ist eine hundertprozentige Tochter der Thyssen Stahl AG und fertigt rund 400 000 Tonnen Edelstahl pro Jahr. Das Unternehmen beschäftigt derzeit 2360 Mitarbeiter und erzielte im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von 900 Millionen Mark. Die Bilanz des am 30. September 1997 beendeten Geschäftsjahrs 1996/97 weist laut Thyssen-Geschäftsbericht einen Verlust von rund zehn Millionen Mark aus. Die Gewinn- und Verlustrechnung für 1997/98 ist noch nicht abgeschlossen. Geschäftsführer Gerhard Schneider versichert jedoch, daß die Zahl unter dem Strich ein positives Vorzeichen trägt.