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16.04.1976

Warum Fleischwarenbetriebe auf 40 Prozent Gewinnsteigerung verzichten

FRANKFURT - Um rund 40 Prozent konnte der Bruttogewinn bei der Fleischwarenproduktion mit Hilfe der EDV und neuerer Kostenrechnungsansätze gesteigert werden. Diese Ergebnisse wurden bereits 1971/72 bei einem Hamburger Unternehmen testweise realisiert. Obwohl das Verfahren mehrfach publiziert und außerdem über 50 Unternehmen direkt angeboten wurde, gelang es bisher nicht, Anwender für die Software zu finden. Warum sträuben sich die Unternehmer, auf derartige Ergebnisse aus der EDV zu vertrauen, obwohl sie dabei auf große zusätzliche Gewinne verzichten?

Ein erster Grund mag darin liegen, daß viele dieser Betriebe über keine geeignete Anlage zur Lösung solcher Probleme im eigenen Haus verfügen. Sofern eine EDV-Anlage angeschafft wurde, waren die Erfahrungen damit meist wenig überzeugend. Sie dient überwiegend dem Zweck, die Buchhaltung zu entlasten. Es werden auf diese Art zwar meist Kontenführung, Fakturierung und Nachfakturierung sowie die Ausstellung von Überweisungen und Schecks automatisch ausgeführt - doch wurde hiermit der teuerste Buchhalter eingestellt. Dadurch kam die EDV bei der Fleischwarenindustrie bald in den Geruch, daß das richtige Verhältnis von Kosten und Leistung nicht eingehalten wurde.

Es bestehen offensichtlich Bedenken, daß EDV-Einsatz mit mehr zusätzlichen Ausgaben als Einnahmen verbunden sein könnte. Diese Befürchtung ist bei der geplanten Anwendung zwar unbegründet, denn nur im technischen Bereich, wo Produktions- und Transportprobleme über rechenaufwendige Iterationsprogramme gelöst werden, sieht das Kosten-Leistungs-Verhältnis der EDV erheblich günstiger als bei vielen kaufmännischen Routine-Anwendungen aus. Jedoch ist dieser Bereich den kleineren und mittleren Betrieben fast vollständig verschlossen geblieben. Hier eröffnen sich, nachdem in den letzten Jahren sehr preiswerte intelligente Terminals entwickelt wurden, die auch an Rechenzentren angeschlossen werden können, neue Perspektiven: Mit diesen Terminals kann für jedes spezielle Problem der geeignete Rechner angesprochen werden, ohne ihn mieten oder kaufen zu müssen.

Schwierigkeiten beim Verstehen des Verfahrens

Entscheidungen bei der Fleischproduktion werden im wesentlichen von Fleischermeistern gefällt, die aus der Kenntnis der komplexen Probleme heraus eine Skepsis gegenüber derart neuartigen Entscheidungstechniken hegen. Bei solchen Techniken ist es erforderlich, daß die optimale Entscheidung durch eine Vielzahl von Rechenschritten oder Optimierungsalgorithmen vorbereitet wird. Die Meister ziehen lieber, solange es irgend möglich ist, traditionelle Methoden heran, als derart anscheinend komplizierten Verfahren zu vertrauen. Anderen Anwendungen der EDV wird getraut, da es hier ohne weiteres möglich ist, die Einzelwerte über elementare Schritte zu verfolgen und zu kontrollieren.

Ferner treten Bedenken bezüglich der Informationsbeschaffungsgeschwindigkeiten auf, so daß schließlich bezweifelt wird, ob das Verfahren Oberhaupt anwendbar ist. Die Ergebnisse der EDV müssen ja bereits vor der Produktionsprogrammplanung vorliegen und für diese wiederum müssen zunächst die Basisinformationen zur Verfügung stehen. Gerade bei der Arbeit mit einem so verderblichen Produkt wie Fleisch müssen aber immer wieder ad hoc Entscheidungen getroffen werden, für die nicht erst der lange Informationsverarbeitungsprozeß abgewartet werden kann. Diese Überlegung ist durchaus richtig.

Kein starres Festhalten

Durch die neuen Planungstechniken soll jedoch nur das auch bisher schon geplante Wochenproduktionsprogramm erstellt werden. Dieses Produktionsprogramm, aus dem auch die einzukaufenden Mengen hervorgehen, stellt eine wesentliche Dispositionsgrundlage dar, von der wie bei den traditionell geplanten Programmen später durchaus abgewichen werden kann, Der realisierte Mehrgewinn resultiert nur aus der besseren Disponsitionsgrundlage und nicht aus der Detailplanung. Das Produktionsprogramm darf also nicht als starres, unbedingt bis auf die letzte Stelle hinter dem Komma einzuhaltendes Programm aufgefaßt werden, denn in diesem Fall wäre das Unternehmen - zumindest in Frischfleischbereich - nicht hinreichend an die tatsächliche Nachfrage anpassungsfähig.

Zum Teil fürchten leitende Mitarbeiter in Fleischwarenbetrieben offenbar auch, sie könnten zu Ausführungsgehilfen der EDV degradiert werden, wenn neue Planungstechniken eingeführt sind. Jedoch besteht ihre Aufgabe nach wie vor darin, die Entscheidungen zu treffen. Dazu werden ihnen aber bessere Voraussetzungen durch einen mit EDV erstellten Produktionsvorschlag geliefert, der es ermöglicht, größere Gewinne zu erzielen.

*Dr. Jörg Biethahn arbeitet am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Frankfurt. Er schrieb seine Dissertation über Optimierung von Fleischeinkaufs- und -produktionsprogrammen und ist Autor des Optimierungsprogrammes.