Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

30.07.1999 - 

Technik und Design zusammenführen

Warum Informatiker von Architekten lernen können

PROVIDENCE (ag) - Wer den neuen Medien gerecht werden will, muß interdisziplinär arbeiten. Daß es mit dem oftbeschworenen Blick über den eigenen Tellerrand nicht getan ist, mußten Informatiker, Ingenieure und Architekten während eines neunmonatigen Fortbildungsprogramms am Fraunhofer Center for Research in Computer Graphics in Provi- dence, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Rhode Island, erfahren.

Während seines Studiums besaß Rolf Maidhof noch nicht einmal einen Computer. Mittlerweile hat der 29jährige Architekt eine virtuelle Welt geschaffen, deren Detailtreue die Grenzen zur Realität schwinden läßt. War der Besucher noch vor Minuten die reale South Main Street im beschaulichen Providence entlang geschlendert, nimmt ihn nun Maidhofs 3D-Animation an die Hand, vorbei an den Backsteinhäusern, die ihren Schatten auf den rotgepflasterten Gehsteig werfen, hinauf zu den Büros des Fraunhofer-Instituts bis ins Computerlabor der Studenten. Selbst die Sonnenbrille auf einem der weißen Schreibtische hat Maidhof in seinem Spiegel der Realität nicht vergessen.

Drei Monate hat er gebraucht, um zusammen mit seinem Architektenkollegen Enno Herwig den virtuellen Streifzug durch Providence auf den Bildschirm zu bringen. Sechs weitere Monate saßen die beiden mit Informatikern und Ingenieuren aus Deutschland, Indien, Malaysia und Portugal jeden Tag im Fraunhofer-Institut und an der Kunsthochschule Rhode Island School of Design, um die Theorie für die spätere Praxis zu lernen. Design von Web-Seiten, 3D-Animation, Electronic Commerce, CD-ROM-Produktion, Java, kreatives Marketing - diese Liste müßte man noch verlängern, wollte man alle Inhalte des International Certificate Program for New Media erfassen.

Daß das Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung mit Hauptsitz in Darmstadt damit ein mehr als ehrgeiziges Fortbildungsprogramm für Studenten und Berufstätige angestoßen hat, gibt sogar Programmleiter Miguel Encarnacao zu: "Der erste Durchlauf war ein Experiment."

Kaum einer der ersten Teilnehmer, die zum großen Teil noch studieren oder ihr Studium erst vor kurzem abgeschlossen haben, mußte den vollen Preis von 22000 Dollar bezahlen, sondern bekam finanzielle Unterstützung von der Fraunhofer-Gesellschaft. Auch inhaltlich zeigte sich der Veranstalter flexibel: Auf Wunsch der Kursteilnehmer wurden die praktischen Projekte, die mit den theoretischen Kursen Hand in Hand gingen, besser aufeinander abgestimmt und ihre Zahl zu reduziert.

"Das einzige, was mir in den neun Monaten abging, war der Schlaf", verrät Pedro Branco mit einem Augenzwinkern. Der 23jährige Informatiker aus Portugal war wie Informatikstudent Matthias Rust aus Rostock ein gefragter Mann. Die Nichtinformatiker im Team mußten bald feststellen, daß sich eine so komplexe Programmiersprache wie Java nicht in drei Wochen lernen läßt und sie deshalb auf die Computerprofis angewiesen waren. Einen solchen Anspruch haben die Veranstalter der Fortbildung auch gar nicht. Es gelte, Anstöße zu geben und die bestehenden Grenzen zwischen Design und Computerwissenschaften aufzubrechen.

Wie breit der Graben zwischen beiden Welten sein kann, zeigten die endlosen Diskussionen um eine gemeinsame Website, die die Inhalte und Projekte des Kurses vermitteln sollte. Manchmal half es nur noch, ganz basisdemokratisch abzustimmen. Auch wenn die Teamarbeit manchen viel Nerven und alle viel Zeit kostete, eröffnete sie den Teilnehmern die wohl entscheidende Erkenntnis. "Das Schönste war, daß wir uns gegenseitig halfen und daß jeder vom Wissen des anderen profitieren konnte", so Architekt Maidhof am Ende des Programms. Informatikstudent Rust geht sogar noch einen Schritt weiter: "Ich habe mich geändert. Anfangs wollte ich nie von meiner Position abrücken." Eine Haltung, mit der Rust in seinem Studium bisher keine Probleme hatte - Teamarbeit ist dort nicht gefragt - , wohl aber in einer internationalen und so heterogenen Mannschaft wie den ersten Kursteilnehmern am Fraunhofer-Institut. Auch Feinwerktechnik-Ingenieur Eckart Backhofen entdeckte, daß Teamarbeit durchaus ihre Tücken haben kann: "Man muß aufpassen, daß man auch das macht, was man nicht kann, und sich nicht immer nur von den anderen helfen läßt."

Nach neun Monaten Theorie und vielen praktischen Projekten - von einer Präsentations-CD-ROM für eine Firma über E-Commerce-Agenten bis hin zu einem Web-based Training für Kapitäne - haben die Teilnehmer den Blick über den Tellerrand gewagt, aber zugleich auch ihre Grenzen erkannt. "Was den PC betrifft, bin ich zwar kein Waisenjunge mehr, aber mit dem Programmieren kann ich mich trotzdem nicht anfreunden. Das ist einfach zu nervenaufreibend," lautet das Fazit von Maidhof, der sein künftiges Betätigungsfeld in der 3D-Animation sieht. Für Rust gehört Programmieren immer noch zu seinem Traumjob, eine Zusammenarbeit mit Designern kann er sich gut vorstellen.

In Zukunft will das Fraunhofer-Institut vermehrt Young Professionals für die Fortbildung gewinnen, deren Arbeitgeber die Kosten übernehmen. Der indischen Designerin Apurva Joshi war beispielsweise die Fortbildung so viel wert, daß sie ihren Job im National Center for Software Technologies in Bombay an den Nagel gehängt hat, um sich mit dem neu erworbenen Wissen im Bereich Interface nach dem Kurs dort wieder zu bewerben. "Mein Chef hat mir zu der Fortbildung geraten und versprochen, daß er mich danach gern wieder anstellt", sagt die 30jährige. Auch der Rest der Truppe hofft, dank der Fortbildung bald einen Job in der Multimedia-Branche zu finden.

Bis zum 20. August 1999 können sich Interessenten für den nächsten Kurs anmelden. Für 22000 Dollar (Reise-, Verpflegungs- und Übernachtungskosten nicht inbegriffen) kann das gesamte Programm vom 4. Oktober 1999 bis 30. Juni 2000 absolviert werden. Studenten zahlen die Hälfte des Kurspreises. Wahlweise lassen sich auch Bausteine wie "Interactivity" oder "Electronic Publishing" einzeln belegen. Genauere Informationen gibt es im Internet unter www.rcg.edu/Education/ ICPNM/overview.shtml. Die Erfahrungen und Projekte der ersten Kursteilnehmer sind unter www. crcg.edu/Education/ICPNM/ Course98/ nachzulesen.